Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1919-01-24 · 4 (24.1.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
13 (1919)
Issue
4 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438727-2438731--6114-2446159
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

XUL Jahrgang — Nr.4 m - Redaktion und Adamiitraiion: Wien II., TaborstraBe I Fernsprecher Nr. 45-325 NaÜonal-jüdiTches Organ Mit der Beilage: „Der jüdische Nationalfonds“ ■len, Freitag, Be» 24. JSnner 1919 Bezugspreis: Vierteljährig 6 S. ganzj. 24 IC Eintelnummer 50 h Postsparkassenkonto 133.404 Die Vertragsbrüchigen In den Taigen der Revolution hatten wir in der jüdischen Welt eine kleine, Revolution. Was ehrlich fühlte im Judentum, das wußte, daß jetzt die Zeit gekommen ist, wo auch bei uns neues Leben erwachen kann; die Unterdrücker und Landvögte waren gestürzt!, die Yölker reckten sich in verjüngter Kraft, die jüdische Jugend jauchzte mit dter Jugend aller Völker und hoffte auf den guten Geist, der die Welt aus namenloser Qual befreien sollte. Die jüdische Demokratie fühlte die Bedeutung dies Augenblicks und die Tragweite des Umsturzes, säe war sich der Verantwortung wohl bewußt. Aus den jugendlichen Herzen erklang stürmisch der Schlachtruf gegen die alten Machthaber im Judentum, die Empörung wandte sich gegen das alte Gemäuer der Kultusstube, das seit Jahren mit Gewalt und Verständnislosigkeit jede frische Regung jüdischen Selbstbewußtseins unterdrückt hat Damals, als die reaktionären Mächte aller Welt zusammenbrachen, begannen auch die Kahalgroßen um ihre Macht zu zittern Säe fühlten sich ungemütlich, Die Lösung der Judenfrage Schaffung eines internationalen Tribunales Stockholm, 20. Jänner. (TeL d. „Jüd. Ztg.“) Der Londoner Korrespondent des Jüdischen Preßbureaus telegraphiert: Aus zuverlässiger Quelle erfahre ich, daß in den politischen Kreisen der Friedenskonferenz sehr ernst die Frage erwogen wird, wie und nach welchen Prinzipien die Judenfrage gelöst werden soll. Dabei wird auch die Form einer Organisation diskutiert, welche die Beobachtung der von der Konferenz akzeptierten Formen und Prinzipien seitens der in Betracht kommenden Mächte und Völker zur Aulgabe hat. Dem Friedenskongreß wir< ein Vorschlag unterbreitet werden, weicher,die Schaffung eines internationalen Tribun a I s oder Rates zum Inhalt hat, der jede Frage, die mit jüdischen Angelegenheiten in Verbindung steht, entscheiden soll. Dieses Tribunal soll dem Völkerbund angescblossen werden und seiner Kontrolle unterstehen. Die Londoner Zionistenkonferenz Brandeis und Ruppin kommen Kopenhagen, 20. Jänner. (TeL d. „Jüd. Ztg.“) Wie Ihr Korrespondent erfährt, Ist die Abhaltung der zionistischen Konferenz in London, welche die Urarbeit für den ZlonistenkongreS leisten soll, nunmehr für 10. bis 13. Feber gesichert. Den Delegierten aus Deutschland, Deutschösterreich und Ungarn wird vermutlich die Einreisebewilligung im Hinblick auf die politischen Verhältnisse Hicht erteilt werden; sie werden Gesinnungsgenossen anderer Länder ermächtigen müssen. Dennoch haben gewichtige Gründe für die Abhaltung in London und nicht an einem neutralen Orte ge. sprochen. Außer den bereits genannten Führern steht es nunmehr fest, daß auch Louis D. B r a n deis kommen wird, ebenso der Leiter des zionistischen Kolonisationswerkes Dr. Arthur Ruppin. Ruppin befindet, sich bereits auf der Reise von Konsiantinope! nach London und hält sich momentan in Deutschland auf. vou Revolution umbrändlet; damals war der alte Dr. Stern der Einzige, der Festigkeit zeigte und nicht. abd'anken wollte; seine Freunde zwangen ihn, säe opferten ihn, um sich zu lerhalten. Stern war gegen die Demokratisierung dies Wahlrechtes, er ist für diese Ueberzeugung eingestanden und ist gegangen. Seine Freunde aber wandten sich an den Jüdischen NatSonaürat, der, die dtemokrati- Wilson und die jüdischen Forderungen Stockholm. 19. Januar. (TeL d. »Jüd. Ztg.“) Das zionistische Bureau in London telegraphiert: Präsident Wilson versprach Welz mann seine Unterstützung für die Etablierung eines ganzen und in seiner Entwicklung ungehinderten („full and unhampered“) jüdischen Palästina. Gleichzeitig sagte Wilson zu, auf der Friedenskonferenz die jüdischen Forderungen in Bezug auf nationale Gleichberechtigung In den Wohnländern vorzutragen. sehen Elemente im Judentum repräsentiert, sie verhandelten und verpflichteten sich, die Hauptfbrderims;,des.-Nätiona&atesL.;die sofortige, Demo-,: ^icöli^dt^'i^i^S^V^liIfeciifeb, zu iCrfüBeiL Der Jüdische Natöonalrat fühlte sich nicht berechtigt, dieses Angebot abzuweisen. Er wollte den Frieden im Judentum unbedingt erhalten, er hat! kein Interesse an Umsturz und Skandal, er muß nur auf der sachlichen Forderung der Demokratisierung bestehen, die so selbstverständlich Ist, daß man. darüber nicht sollt© diskutieren müssen. Der Jüdische NaMonalrat ist im guten Glauben in die Verhandlungen eingetreten und hatte Mühe, die Aufregung der Volksmassen, die sich m .Versammlungen kundgab, zu beschwichtigen. Die Soldaten und Studenten fühlen sich um ihr Kostbarstes betrogen, säe wollten das Rathaus in der Seitenstettengasse besetzen und die Betrüger hinausjagen, däte jüdisches VolkswoM frivol mißachtet haben, die so schlechte Verwalter jüdischer Güter gewesen, die jüdische Würde herabgezerrt und jüdische. Werte zerstört haben. Der Vertrag, der am 3. November zustandekam . und di© gemeinsame Permanenzkommission schuf, verpflichtete zun Durchführung der demokratischen WahJnefonn innerhalb acht Wochen. Der .Vertrag Ist schnöde gebrochen worden. Die Herren vom Kultnsvorstand dachten: erst einmal däe Gefahr abwenden, das weitere. .wird sich finden. Sie haben mit Hinterlist und Hintergedanken den guten Glauben anständiger Menschen ausgenützt. Sie haben getan,. was anständige Menschen nicht tun und was das Strafgesetz Betrug nennt Sie haben die Reform erst durch allerlei Mätzchen verschleppt und schließlich einen Entwurf vorgelegt der nicht anders als eine Herausfordeinmg genannt' wenden kann Der Geist Dr. Sterns geht wieder um; aber die hinterlistige Feigheit seiner Erben übertrifft alles was er jemals gewagt hat Von Demokratie ist keine Rede-mehr. Mit dien naivsten..Mienevon der Welt setzen* diese Herren sich überdie ganz eindeutige Vereinbarung hinweg. Die Stürme sind verrauscht die Erregung. hat sich gelegt man bereut daß man-r vorschnell: sich emschücbteru ließ. Was die Forderung einer, unaufhaltsamen, notwendigen Entwicklungist wird als eine der Großmut der Machthaber anbeimgestellte Frage, zu der sich-Zeit fassen kann,., angesehen. Dazu-kommt aber.- noch:, als erschwerendes - Moment daß die Män-cFa-te des Kui tusvnrstandas längst abgelaufen sind! Nicht einmal den blassen Schein einer Legitimation durch eine, sc; es auch auf noch so reaktionärem Gesetz beruhende Wahl vermag der Kultusvorstand zu er- : xb'j^enLvWifikfefefejta.t:; jer^^^scibsfr* ernannt.. die Mandate prolongiert und'trotzdem bereits alle politischen Körperschaften Wahlen ausgeschrieben haben, ist für ihn noch Ausnahmszustand! Die Herren von ' der Kultusgememd© irren sich, wenn sie die Verhältnisse für stabilisiert halten und hun die Unbedachtheit die ihnen in der Revolutionszeit passierte, abschütteln wollen. Diese Herren, die nichts lernen wollen, mögen sich doch erinnern, welch furchtbares Strafgericht in diesem Krieg über die hereingebrochen Ist: welche mit geheiligten Verpflichtungen leichtfertig spielten, welche im trügerischen Bewußtsein ihrer Macht Verträge für . „Fetzen Papier“ erklärten. Das Beispiel sollte für aBe Zeiten Warnung sein. Der Vertragsbruch wirdsich rächen. Es ist unmöglich, daß ein Volk, in dem noch ein Funken Ehrgefühl ist sich so ein Spiel gefallen läßt Aber wir müssen dafür sorgen, daß dieser Schwindel nUgpmpin bekannt wird. Denn die Herren, die in der jüdischen Gasse die reaktionärste Gewaltherr-, schuft aufgerichtet haben, die jemals da war, spielen im der Oeffentlichkeit die größten Demokraten. Sie sind die Säulen der- „bürgerlichen Demokratie“, sie prunken mit freiheitlicher Gesinnung, sie kokettieren bei Gelegenheit sogar mit der Sozialdemokratie und bilden die Garde des Dr. Ofner. Wo sie sich als „Geduldete“ fühlen, dort sind sie für Demokratie; wo sie die Macht haben, sind säe brutalste Unterdrücker. Das Verhalten der „liberalen“ Kahalgroßen wird den Juden die Augen öffnen, auch für die. bevorstehenden Wahlen zur deutschöstenreichischen Nationalversammlung. Die Demokratie der von Union- und Kahaßudeu gestützten Partei ist ein Truggebilde. Nicht nur jeder wahrhaft jüdisch Empfindende, sondern auch jeder wahrhafte Demokrat des 2. und 20. Bezirjces kann daher nur dem jüdischnationalen Kandidaten, die Stämme geben. Es ist kein Zufall, daß auch im Judentum die nationale und demokratische Richtung zusammenfallen: Denn die nationale Partei fürchtet nicht das Votum des Volkes, wefi sie Vertrauen zu seinem gesunden Lebensgefühl hat Die Vertragsbrüchigen aber wollen durch Gewalt ein'Mandat befestigen, das ihnea das-Mißtrauen des-Volkes. me gewähren würde Diese volksreindliche Politik muß fallen.. Nur durch das Wegräumeualten Schuttes-kanndie Bahn für den neuen Geist freigemacht werden: Der Wahlaufruf des Jüdischen Nationajlvereines Juden and Jüdinnen! Durch eine ungerechte Wahlkreiseinteilung ist das Proportioialwahlrecht verfälscht und sind die Juden Deutschösterreichs um die ihnen gebührende Zahl von Vertretern in die Nationalversammlung gebracht worden. Nur im Wahlkreise Wien; Nord-Ost: Leopoldstadt—Brigittenau— Floridsdorf können Vertreter des jüdischen Volkes im Wahlkampfe Mandate erringen. Die jüdischen Abgeordneten dieses Wahlkreises werden daher nicht nur Bezirksinteressen, sondern die Interessen aller 300.000 Juden Deutschösterreichs vertreten müssen. Wenn also die jüdischen Wähler dieses Wahlkreises nicht ihre Pflicht erfüllen, zur Urne gehen und jüdisch wählen, ' dann bleiben alle Juden ohne Vertretung. Antisemiten und solche, denen Euer Wohl und Wehe gleichgültig ist, werden die Gesetze erlassen und den Staat verwalten. Die Juden, welche heute von Feinden ärger als je bedroht werden, sind dann ohne jeden Schutz. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Seid dessen, eingedenk und wählet nur die Kandidaten, welche durch ihr Programm verpflichtet sind, offen uud rückhaltlos für das jüdische Volk einzutreten. nicht aber solche, die am Tage der Wahl jüdisch tun und nachher allen anderen dienen, nur nicht ihrem Volke; wählet solche Kandidaten, die als volksbewußte» aufrechte Juden für die tatsächliche Gleichberechtigung unseres Volkes arbeiten; wählet solche, die gegen den Abfall und für die Erhaltung des iüdiscifen Volkes arbeiten und die für die Erziehung unserer Jugend in jüdischem Geiste sorgen wollen. Wählet die Kandidaten der jüdischen Nationalpartei! Der Jüdische Nationalverein für Deutschösterreich. KANDIDATENLISTE. der jüdischen Nationalpartei für den Wahlkreis Wien, Nord-Ost: 1. Ingenieur Robert Stricker, Staatsbahnrat 2. Dr. Leopold Plaschkes, Advokat 3. Erna Patak, Erholungsheim-Inhaberin. 4 Jakob Pinkas, Kaufmann. 5. Karl Blume, Obmann des iücüschen Handhmgsgehfifenverbandes. 6. Isidor Blaß, Zahntechniker. 7. David KebenzahL Privatbeamter. S. lag. rcr*or Ackermann, Oberkommissär.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.