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Jüdische Zeitung · 1918-11-01 · 44 (1.11.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
12 (1918)
Issue
44 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nr. 44 XII, Jabrgang — Redaktion und Administration: Wien II., Zirkusgasse 33 Fernsprecher Nr. 45-325 N alional-jiidifches Organ Mit der Beilage: „Der jttdische Nationalfonds“ Wien, Frsitag, dm I. November 1918 Bazugapreis: Vierteljährig 6 A ganzj. 24 K, Einzelnummer 50 h Poatsparkaisenkonto 133.404 Unsere Friedensforderungen Kopenhagen. 24. Oktober. (Telegramm des Wiener Zionistischen Büros.) Das Kopenhagener Büro der zionistischen Organisation richtet folgendes Zirkulartelegramm an sämtliche zionistische Landesverbände: Der Augenblick ist näher gerückt, da die Grundlagen iiir einen dauernden und gerechten Frieden gelegt werden sollen. Ein solcher kann aber nur dann zustande kommen, wenn die gerechten Forderungen aller Nationen, der kleinen wie der großen. erfüllt werden und wenn für eine iede Nation die Möglichkeit geschaffen wird, sich bei Entfaltung aller ihr innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst der Menschheit zu stellen. Auch das lüdlscbe Volk erhebt in dieser historischen Scbicksaisstunde seine Forderungen. In dem Friedensinstrument muß ihm gesichert werden: 1. Die Festsetzung Palästinas in den durch geschichtliche lieberliefer ung und durch nolitische und ökonomische Notwendigkeiten' bestimmten Grenzen als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes, sowie die Schaffung der Vorbedingungen iür einen ungehinderten Aufbau: 2. die volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden hi allen Ländern: 3. die nationale Autonomie au! kulturellem, sozialem und politischem Gebiet, sowie aller anderen Länder, falls deren Jüdische Bevölkerung Anspruch auf sie erhebt. Wir fordern die-zionistischen Verbände aller Länder auf. diese Forderungen des Jüdischen Volkes vor den Regierungen und der öffentlichen Meinung des Landes zu vertreten, deren Durchführung im Friedens vertrag mit allem Nachdruck zu verlangen und hierdurch die politischen Bemühungen der Gesamtorganisation wirksam zu unterstützen. An dem Tage des Friedensschlusses, durch den die Menschheit sich der Verwirklichung des Jüdischen Ideals der Yölkerversöbnung und des ewigen Friedens nähern wird, muß das 2000jährige Martyrium des jüdischen Volkes, das als eine Schuld auf dem Gewissen aller Nationen lastet, gesühnt und wieder gutgemacht werden. Das jüdische Volk muß in den Bund der freien Nationen als gleichberechtigtes Glied eintreten. Gez.: Die zionistische Organisation. Konenhagener Büro: Dr. Viktor Jakobson. Verhandlungen mit dem tschechischen Nationalausschuß Im Sinne des Beschlusses der zion. Reichsk-miercnz bat sich in Prag ein „Jüdischer Nationalrat für den tschechoslowakischen Staat“ konstituiert, an welchem sich die Zionistische Partei und die Poale Zion sich beteiligen. Der Nationalrat besteht bisher aus folgenden Herren: Von Zionisten: Dr. Ludwig Singer, Dr. Max Brod, Prof. Allred Engei. Inspektor Slonitz. Norbert Adler; für Poale Zion: Altschul. Fischl. Schönieid, Waldstein und Frl. Zaponer. Die Beratungen mit den Vertrauensmännern in Mähren sind noch im Zuge. . Prag. Aus der Mitte des nationalen (bürgerlichen und sozialistischen) Judentums hat sich ein J üdischer Nationalrat konstituiert, dessen Präsidium (Dr. Ludwig Siifger, Karl Fischl und Dr. Max Brod) am 28. Oktober 1918behn Nationalausschuß des tschechoslowakischen Staates vcrgesprochen bat. wo die Deputation vom Vorstände des Nationalausschusses empfangen wurde und eine umfangreiche Denkschrift über die Situation und die Forderungen des jüdischen Volkes im neuen Staatswesen überreichte. Große Demonstrationen in Lemberg (30.000 Menschen demonstrieren für unsere Forderungen) L e m b e r g. 26. Oktober. Heute hat hier eine Massendemonstration stattgefunden, wie sie in solcher imposanten Form noch niemals dawar.Allejüdlschen und viele christlichen Geschälte waren gesperrt Mehr als 30.000 Menschen aller Schattierungen beteiligten sich an den Versammlungen und am Umzug und nahmen mit stürmischer Begeisterung unsere Resolution an. (Genauer Bericht im Innern des Blattes.) Der ukrainische Nationalrat gibt den Juden nationale Rechte Lemberg. Der ukrainische Nationalrat, der bereits in seiner ersten Versammlung und Proklamation die Anerkennung der jüdischenNation ausgesprochen hat Ist an die zionistische Parteileitung ln Lemberg mit der Aufforderung herangetreten. Vertreter der jüdischen nationalen Minorität in die zu schallende Regierung des ukrainischen Staates zu entsenden. Zum 2. November Am 2. November jährt sich der Tag, welcher von entscheidender Bedeutung für die Geschichte des jüdischen Volkes geworden ist. Das jüdische Volk, dessen Willen in der zionistischen Organisation verkörpert ist, wurde zum erstenmal seit 2000 Jahren von der offiziellen Welt als Volk anerkannt. Diese Tatsache hat mehr als politische Bedeutung. Sie ist ein Symptom der Selbstbesinnung der Welt, welche durch Jahrhunderte gerade dieses Volk, als Stiefkind behandelte, seine Existenz einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollte und meinte, daß man sich von der lästigen Gegenwart eines unerwünschten Genossen befreien kann, indem man ihn immer wieder nur unterdrückt und vor die Tür setzt. Das jüdische Volk ist im Verlauf einer beispiellosen Leidensgeschichte systematisch verkrüppelt worden, seine physische und geistige Vitalität wurde durch grausame Fesseln gelähmt, eine Kette fortgesetzter Demütigungen mußte es ertragen und hat doch in seinem innersten Kern den Glauben nie verloren, daß Recht und Gerechtigkeit einmal die Regierung der Welt übernehmen werden und daß dann auch das jüdische Volk nicht nur seine Freiheit erlangen werde, sondern daß die ganze Weltordnung den stets von ihm ersehnten Charakter des Friedens und Rechtes tragen werde. Die neue Welt, die im Entstehen begriffen ist, hat begonnen, diese älteste und schwerste ihrer Sünden gut zu machen Dem jüdischen Volk wurde am 2. November 1017 von der mächtigsten Regierung der Erde die Zusicherung gegeben, daß es seine nationale Heimstätte im Lande der Väter wieder erhalten wird. Vor einem Jahre war es in Oesterreich uoch nicht möglich, die Bedeutung der englischen Erklärung für den Zionismus vor aller Oeffentlichkeit voll zu würdigen. Es herrschte damals noch jenes: alte System der Polizeischnüffelei, die gleich mit der Verdächtigung „ententistischer Gesinnung“, mit „Hochverrat“ und Kerker bei der Hand waren. Es gab noch eine Zensur und eine Rücksicht auf den türkischen Bundesgenossen. Daher kommt es. daß noch heute weite Kreise der österreichischen Judenheit keine Ahnung davon haben, was vor einem Jahre eigentlich geschehen ist und wie fundamental die ganze jüdische Situation dadurch geändert wurde. Besonders die •ffizielien Kreise des Judentums, die vielleicht sogar von der englischen Erklärung gehört haben, meinen noch immer, daß sie mit geschlossenen Augen sich an der Weltgeschichte vorbeidrücken können. Soweit geht deren Assimilationsfähigkeit, ■aß sie sich sogar in dieser Beziehung den österreichischen Regierungsbehörden angeglichen laben. In Oesterreich gibt es ja auch heute noch Menschen (z. B. im Herrenhaus), die darauf losschwefeln, als ob gar nichts geschehen wäre und als ob wir mitten im Frieden des guten, alten, gemütlichen Oesterreich säßen. Aber man kann nicht ungestraft elementare Volkskräfte unterdrücken und den Volkswillen ignorieren. Die Entwicklung schreitet unerbittlich in der Richtung der als ' Jl^bcndisre Kraft im Volke wohnenden Tendenzen. Das jüdische Volk in allen Teilen des alten Oesterrelcns manifestiert heute in überwältigender Weise seinen Lebenswillen. Dieses Volk wird sich am b2' ,roven?^er mit inniger Dankbarkeit des großartigen Aktes der englischen Regierung bewußt werden. Wir stehen unmittelbar vor dem Friedenskongreß und das Versprechen Englands, dem auch alle anderen Regierungen der Entente beigestimmt haben, wird eingelöst werden. England ist schon früher zur Ausführung übergegangen und hat in Palästina durch die zionistische Kommission eine Art jüdischer Verwaltung eingerichtet.. In dieser kurzen Zeit der englischen Okkupation wurden in dem Lande eine große Anzahl Bauten iind Einrichtungen geschaffen, welche die Zivilisation gehoben und der Entwicklung große Möglichkeiten eröffnet haben. Gerade jetzt kommt auch eine Meldung, die allerdings noch nicht bestätigt ist, wonach die Engländer in Palästina ein jüdisches Ministerium eingesetzt hätten Es ist nicht zu zweifeln, daß nach dem Krieg mit einer ungeheuren Masseneinwanderung nach Palästina zu rechnen Ist. Es wird sich zeigen, daß das ganze jüdische Volk, das durch 2000 Jahre auf die Nachricht vom Wiederaufbau seines Landes gewartet hat, nun auch gewillt ist. der Größe der geschichtlichen Stunde zu folgen und alle seine Kräfte daran zu setzen, damit aus Palästina' Erez Israel wird. Noch ein Novum hat die englische Deklaration zur Folge gehabt. Die jüdische Legion, die sich gleich zu Kriegsbeginn gebildet hatte, begann sofort nach der englischen Erklärung eine lebhafte Werbetätigkeit und in allen Ländern der Entente, insbesondere in England und Amerika eilten große Scharen junger Juden zur jüdischen rahne, nach der Besetzung Südpalästinas wurde die Werbung in Palästina selbst mit großem Erfolg durchgeiührt. Jüdische Truppen haben im Verband des englischen Heeres Palästina erobern geholfen. Diese Legionäre haben den unverlierbaren Anspruch des jüdischen Volkes auf sein Land gegründet. Seit dem historischen 2. November 1917 zweifelt niemand daran, daß das jüdische Volk seine alte Heimat wiedererhalten wird. Eine natürliche Folge der Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf Palästina war der Gedanke, daß das jüdische Volk auch bei dem zu schaffenden Völkerbund als Mitglied herangezogen wird. Die englische Regierung hat bereits vor längerer Zeit durch ihre Kopenhagener Botschaft bei der zionistischen Organisation angefragt, in welcher Weise diese sich den Beitritt des jüdischen Volkes zur Liga der Nationen vorstellt. Es kann nicht genug betont werden, wie sehr durch diese Tatsachen die Situation verändert ist. Es ist wirklich notwendig geworden, daß alle Juden gründlich umlemen, insbesondere die bisherigen Assimilationsgrößen einsehen, wie verkehrt bei dieser Sachlage jede Assimilationspolitik ist. Es gibt heute (i*id das. gilt vor allem in, Oesterreich, wo die zentrale Staatsgewalt zusammengebrochen ist) iür die Juden nur einen Rückhalt und das ist das eigene Vierzehnmillionenvolk und dessen Vertretung in dem zum Schutze aller kleinen Nationen und aller nationalen Minderheiten berufenen Völkerbund. Die jüdische Nation und ihr Anspruch auf ein Territorium ist von England und vom Präsidenten Wilson, der heute die Schicksale von Welten entscheidet, anerkannt. Das jüdische Volk wird eine Vertretung zur Geltendmachung seiner Ansprüche beim internationalen Friedenskongreß haben. Es ist wirklich naiv, anzunehmen, daß sich diese geschichtlichen Ereignisse durch Geheimbeschlüsse des Wiener Kultusvorstandes werden aulhalten lassen. Das jüdische Volk hat jetzt die Möglichkeit, seinen ganzen Einfluß in die Wagschale zu werfen. Die Völker, die sich jetzt noch unseren gerechten Forderungen ablehnend gegenüberstellen, werden das Gewicht dieses Einflusses erkennen müssen. Wir verlangen wahrhaftig keine Bevorzugung, wir verlangen nur Gerechtigkeit, dieselbe Gerechtigkeit, die jetzt zum Fundament der ganzen Welt gemacht werden sol* Das jüdische Volk wird nicht vergessen, daß die englische Regierung alserste ihm diese Gerechtigkeit hat widerfahren lassen. Der 2. November 'wird ein bedeutungsvoller Festtag in unserer Geschichte bleiben.

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