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Jüdische Zeitung · 1918-09-13 · 37 (13.9.1918) · p. Seite 3

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JÜDISCHE ZfiiTUNQ Seite 3 itr. 37 machen will. Es ist jener Geist, der die „tätig Eingreifenden“ losläßt auf die „Geschehenlassenden“, jener Geist, der auf dem Wiener Jugendtage die versammelten jungen Menschen im Durchschnittsalter von 17 Jahren, aufforderte, das Judentum „einzustellen in die Zusammenhänge der Ewigkeit“ und kein Wort, kein Sterbenswörtchen für die Bedürfnisse der Gegenwart fand, geflissentlich mied; däe Jugend darüber au belehren, daß sie sich umzusehen habe, in dem Lande, in dem sie heute wohne und voraussichtlich auch noch übermorgen leben werde, daß sie das" Verhältnis der Juden zu den anderen Völkern des Reiches kennen lerne, daß sie sich zum Verständnis des österreichischen Nationalitätenproblems erziehe, daß sie eitrigst zu prüfen und zu studieren habe, wie ihr Volk in den einzelnen Teilen des Landes denke, lebe, wirtschafte; derselbe Geist, der tut, als handle es sich im Zionismus um die Erfüllung der Sehnsüchte von Künstlern um däe Lösung dar höchstpersönlichen Judenfrage eines gutsituierten Bürgersohnes und nicht um das Problem von Massen. . Adolf Böhm, der ausgezeichnete Palästinakenner und Autor der Nationalfondsbroschüre (der trefflichsten Werbeschrift, die ich kenne), weist darauf hin, daß jetzt eine Großkolanisation möglich und nötig, und daß es beschämend ist, wenn christliche Fachleute wie Auhagen und. Ballod uns diese Möglichkeiten erst vorrechnen müssen. — Aber gerade die „reinen Zionisten“, just die absoluten Galuthverneiner, sind gegen eine großzügige und rasche Kolonist e r u n g. Sie sagen ja, das Judentum müsse sich erst „bereiten“, sie fürchten doch, man könnte das „Galuth nach Palästina bringen“, sie scheuen doch entsetzt davor zurück, man könnte „zuviel Europa“-mitnehmen, es würde, Gott behüte, drüben Untergrundbahnen, Lichtreklamen und Kinos geben. Nein. Die Einsetzung der „Galuthkomponente“ in ihre vollen Rechte 'schließt großzügige Palästinaarbeit nicht' aus. Wohl aber hat die Ueberspannung des. Galüthbegriffes dazu geführt, daß man die. Palästinaarbeit eindämmen will, aus Angst vor dem Galuth in Palästina .; . ■ ■ Adolf Böhm schließt mit dem Satze: Das Judentum wird zionistisch sein, oder es wird nicht sein. Diesen Satz halte ich seit jeher für unrichtig. Die Alternative lautet nicht: Zionsmus oder Untergang. Sie ist viel grausamer: Zionismus oder der gegenwärtige jammervolle Zustand. Das Judentum kann in absehbarer Zeit nicht verschwinden, es muß weiterleben, entweder so furchtbar elend wie jetzt, oder erlöst durch den Zionismus. Aus dieser Erkemntmäs ergibt sieh doppelt die Pflicht, die schmachvolle, bitt'ere Situation des jüdischen Volkes durch zielbewußte Nationalpolitik schon jetzt nach Kräften zu erleichtern. Nicht nur als „Notst'andsaktion“, sondern als wichtigste Prämisse für die Erfüllung der zionistischen Forderung. Naian Birnbaum hat das vor 15 Jahren so ausgedrückt: „Israel geht vor Zion. Zion selbst ist ohne diese Erkenntnis nicht zu erreiche n.“ _ Jüdische Turnvereine und Zionismus Eine Erwiderung von Robert Kien, Obmann des westösterreichischen Kreises der jüdischen .Turnerschait. Die Ausführungen Dr. Ludwig Werners, des Ehrenpräsidenten und Kriegsobmannes des I. Wiener Jüd. Turnvereines, in Nr. 34 dieses Blattes will ich als ein erfreuliches Zeichen der Zeit ansehen. Auch in ihnen spiegelt sich die Not aller . unserer Jugendorganisatonen im Westen, die her- Wesenheit hervorgeht. Daher nennt Brod den Zionismus die „zweite universalistische Erlösungsbewegung, die vom jüdischen Volk ausgeht“, nachdem die erste, die christliche, an dem Grund- Irrtum der geforderten, Auflösung der Nationen gescheitert war. * Heft 20—22 der „Neuen Jüdischen Monatshefte“ erschien als Sonderheft „Die jüdische Frau“ mit Beiträgen von Nathan Birnbaum (Die Religiosität und die jüdische Frau), Margarete Sussmann (Rahels geistiges Wesen), Oskar Baum, Max Brod, Julius Bab, Henriette Fürth (Die jüdische Frau in der deutschen Frauenbewegung), Elias Auerbach, H. H. Cohn u. a. Wir werden auf dieses interessante Heft noch zurückkommen. * Im 2. Augustheft der „Sozialistischen Monatshefte“ veröffentlicht der bekannte poale - zionistische Theoretiker. Max Rosenfeld, dessen Schrift über die nationale Autonomie der Juden in Polen jüngst erschienen ist und die besondere Aufmerksamkeit aller an der Lösung der politischen Probleme der jüdischen Nation Interessierten in hohem Maße yendient, einen Aufsatz, betitelt „Judenfrage, Palästina und Weltpolitik“. Er verweist darauf, wie die vor dem Krieg von allen Fachpolitikem unbeachtete Judenfrage im Verlaufe des Krieges in die Politik hineingezogen wurde und zwar auf dem Umwege über das jüdische.Land. Denn erst durch die Einwirkung auf Palästina entstand in England die Notwendigkeit, sich mit der Judenfrage auseinanderzusetzen. Rosenfeld fordert mit Nachdruck, daß die Türkei dem Zionismus weitgehendst entgegenkomme und bespricht dann das Stockholmer Manifest der holländisch-skandinavischen Sozialistenkonferenz zur Palästinafra'ge. vorgerufen ist von der Diskrepanz zwischen dem heißen Sehnen unserer Jugendlichen nach den Idealen ihres jüdischen Volksbewußtseins, ihrem inbrünstigem Streben, Art und Ort ihrer bisherigen Lebensführung so zu ändern, wie cs ihr nationaljüdisches Gewissen von ihnen fordert — und den Möglichkeiten einer solchen Veränderung, die ihre Grenzen finden in deii kleinlichen Verhältnissen der Oertlichkeil, der bisherigen Jugenderziehung, der persönlichen und materiellen Abhängigkeiten jedes Einzelnen. Alle unsere Jugendorganisationen waren früher mehr und sind heute noch zum Teile lediglich Kopien der entsprechenden OrgarJsationsfdrrnen unserer Wfrtsvölker; alle unsere Korporationen streben aber aus diesem Zustande heraus, weil ihre Existenzbedingungen denen ihrer Muster nicht im entferntesten gleichen. Und so haben auch die jüdischen Turnvereine (solange von einer geregelten Tätigkeit noch die Rede sein lconnte, was bis in die ersten Kriegsjahre hinein der Fall war) nach dem Wege gesucht, der ihrer Erziehungsmethode den vollen Erfolg ihres Strebens verbürgen sollte: ihre Mitgliedschaft zu kör- Soeben erschienen: üfldischBP Hatioialbalmfei’ IV- Jahrgang 5679 IV. Jahrgang x Redaktion: Otto Abeies und Ludwig Batö. INHALT: Ludwig Batö, Das Kriegsjahr 5679. Osias Thon Die Erneuerung alter Rassen. Heinr. Margulies> Europäisches im Zionismus. Jakob Ottingen Das Problem der Einwanderung in Palästina- Adolf Friedemann, J. W. Tschlenow. Hermann Kadisch, Oesterreichische und russische Judenpolitik. Salomon Kaßner, Freiheit des nationalen Bekenntnisses. Adolf Stand, Die Ersten (Erinnerungen an zionistische Pioniere). Eugen Hoeflich, Tag der Erfüllung (Gedicht). Mendel M. Sforim, Aus meinem Buche der Erinnerungen. Otto Abeies, Legende (Gedicht). Ludwig Batö, L. A. Frankl in Palästina. Marek Scherlag, Vision (Gedicht). Sch. Zemacb, Brachfeld (Novelle). Viktor Ch. Ariosorolf, Alte Ballade (Gedicht). Otto Abeies, Der reine Tor (Skizze). Hugo Zuckermann, Herbst (Gedicht). Z. F. Finkeistein, Im Londoner Ghetto. Augusta Weldler-Steinberg, Neue Bücher. * Kern worte zur Juden frage von: Gb.N. Bialik, Georg Brandes, Martin Buber, Achad Haam, Theodor Herz), Heinrich Margulies, Max Nordau, Osias Thon, E. W. Tschlenow. * Illustrationen von: Josef Budko. Jakob LSw> Abel Pann, Hermann Struck. Porträts von J. W. Tschlenow und Mendele Macher Sforim. Umschlagzeichnung von Josef Budko. Preis einschließlich Buchhändlerzuschlag und Porto K 5-70. Zu beziehen gegen Voreinsendung des Betrages oder Nachnahme dnreh " ‘ JHsty Ztifunf, Itn!L, Mujpmßr. )l perlich erstarkten, willenskräftfgert, disziplinierten, lebensfrohen nationalen Volljnden zu gestaltea Entsprach wenigstens jener- Teil des Erziehungsprogrammes, welcher der körperlichen Ertüchtigung galt und beim Nachbar '(beim Deutschen und Tschechen) hinsifchtlich. Zielsetzung und Methodik vorerst glatt entlehnt werden konnte, halbwegs den Anfofderungen (um allerdings später ebenfalls den speziellen Erfordernissen angepaßt zu werden), so mußte bei der Festlegung und Verwirklichung des .nationalen“ Programmes, wie in allen gleichgesinnten Korporationen, aus Eigenem geschöpft, Boden gelegt und weitergebaut werden. Welche ungeheuren Schwierigkeiten erwuchsen aber allen Betroffenen hiebei, nur schon aus folgenden Umständen: Der Jugendliche genießt in der öffentlichen Schule seines Wirtsvolkes eine nach ganz anderen denn nach jüdischnationalen Gesichtspunkten orientierte, dabei auf den Erfahrungen von Jahrzehnten basierte Erziehung; neb en dieser wird er zum Objekte einer erst in den Anfangsstadien ihrer Entwicklung befindlichen nationaljüdischen Erziehung gemacht, hat also die Last zweier und dabei zweierlei Erziehungsversuche auf sich liegen, wobei die ihm mit einer weniger fortgeschrittenen Methodik zusetzende Erziehung alle ihre Hilfsmittel (Heldensagen, Geschichte des Volkes, Geschichte des Landes, Topographie, Sprache) einem dem Jugendlichen bisher ganz ferneliegenden Bereiche entnimmt; denn mangels dev nötigen Unterrichtsbehelfe war es bisher nicht möglich, diesen Bereich dem Kinde so nahe zu rücken, daß er ihm „eigen“ ward, und das auf das Verwesten des Juden als Gast, als stets in seine Einzelheit gepreßtes Individuum unter iremdem Voik in fremdem Land eingestellte Milieu des Elternhauses üeß das Kind noch nicht zu dem Gedanken gelangen, daß es durch das rein berufliche Alltagswerk im Volke — auch tiir sein Volk zu wirken vermag. — Es ist leicht verständlich, daß in den Turnvereinen unter so erschwerenden Umständen das Hauptgewicht zunächst auf das Turnerische gelegt worden ist, ohne daß aber das Nationale ganz vernachlässigt worden wäre. Der nationale Gedanke drang in die Breiten und in die Tieien der jüdischen Jugend, die Zahl der Organisationen wuchs, deren Vielfältigkeit nahm zu und immer reichhaltiger wurde der Inhalt der nationalen Betätigung unserer nationalen Jugendkorporatiouen. Welchen Weg immer sie einschlugen, weiche Nüance immer sie ihrer Tätigkeit auitrugeri — alle standen und stehen sie doch, glaube ich, voll und ganz im Dienste des Zionismus. Undauch die jüdische Tunierschair. welche zum Zionismus nicht erst zu kommen braucht, weil sie ja doch sein natürliches Kind ist, auch sie stellt, wie ich meine, ganz und gar im Dienst der zionistischen Idee; auch sie führt jedes ihrer Mitglieder dein Zionismus zu, soiem diese nicht schon selbst dahin gefunden haben. Und doch wird auch sie ihre Betätigung der nötigen Wandlung iücht entziehen dürien, auch sie. wird, sobald sie einmal zu voller, geregelter Arbeit wird zurückkehren können, den Erfahrungen und Ergebnissen nationaler Jugendpflege der letzten Jahre Rechnung tragen müssen, wird es gern wollen, um. jenen Punkt zu verlassen, auf welchem sie vor dem Kriege „stellen geblieben ist“. Weicher Art soll nun diese Wandlung sein? Wo ist der Mebei anzusetzen, daß die Tätigkeit der Organisation die ihr zugedachte Richtung behalte, dabei übet, auch die nötige Intensität aufweise und die wtinschenswerten Erfolge zeitige? Wffd die gesagte Absicht erreicht sein, wenn dem „Zweckparagraphen" der Statuten der Tnrnerschaft eine zionistische Färbung gegeben sein wird; oder wenn ein Abhängigkeitsverhältiüs der Turncrschait von der zionistischen Organisation konstruiert werden würde? Oder ist nicht vielmehr das ganze Um und Auf in diesem Belange (ob nun. die Antwort aut die eben gestellten Fragen im Hinblicke auf spezielle Rücksichten bejahend oder verneinend laute) die effektive Arbeit innerhalb des Vereines? Kann der Dienst für den Zionismus besser, kann er überhaupt anders besorgt werden, als wenn jeder Einzelne iür Sich, an sich zionistisch arbeitet? In keinem Falle möchte Ich die Erfüllung der verschiedenartigen „Sonderaufgaben der einzelnen jüdischen Organisationen" missen, fn dem tausendfältigen Mosaik eines Volksganzen sollte keine Möglichkeit für die Existenz so weniger Schattierungen bestehen, wie wir sie in unseren nationalen Organisationen besitzen? Die Sonderaufgaben, die sich bislang unsere Organisationen gestellt haben, sind doch nur ein winziger Bruchteil der erst künftig an uns herantretenden Forderungen, die alle werden erfüllt werden müssen, wenn der Leitung der zionistischen Weltorganisation Erfolg bei ihren Bestrebungen beschieden sein soll, „dem jüdischen Volke sein Land und seine Zukunit zu sichern“. Diese Auigabe ist aber ganz allein ihr Vorbehalten. Die Führung des jüdischen Volkes gebührt dem Zionismus; für seine speziellen Zw'ecke hat er sich seine Organisation geschaffen. Unter Voranstellung seiner Ziele soll aber parallellaufenden Notwendigkeiten in Paralielorganisationen entsprochen werden; in ständigem Kontakt untereinander sollen sie alle zusammen vorwärtsschreiten. Den Jugendorganisationen soll diesen organischen Kontakt der eben geschaffene „Zentralverband der Jugendgruppen" bieten. Hier erwächst jeder Organisation die Möglichkeit, ohne Verwischung ihres besonderen Einschlages der meinsamen Sache zu dienen, und so soll auch die Turnerschaft im Rahmen des Zentralverbandes ihr turnerisches Programm zugleich mit ihrem nationalen verwirklichen. Dies endliche Verwirklichen n(jer, das Verwandeln von Wünschen, Absichten, Programmen in wertbesitzenden und wertschaffenden Niederschlag — das muß der Einzelne in sich erfüllen! Ihn hiebei zu leiten, fällt in den Pflichtenkreis der Organisation. Deren Hilfsmittel sind: die Veranstaltung von Vorträgen, die Erhaltung einer Bibliothek, die Abhaltung von Seminarien, , die Herausgabe von Druckschriften und Aehnlichem — und die Schaffung eines Milieus, in welchem der Einzelne von jüdischem Geiste, von seiner erträumten jüdischen Welt umweht ist, die ihm seine heutige Außenwelt noch nicht zu bieten vermag. So wird im Frieden, wie cs Dr. Werner und ich und alle Gleichgesinnten wünschen, in der Turnerschaft von neuem „das Reservoir unverbrauchter jüdischer Jugend und Kraft erstehen, aus dem die nationale Bewegung hn Westen auch künftig wieder ihre besten Kräfte wird schöpfen können“. Der Sehekel ist der Grundstein der zionistischen Organisation. Die Zahlung des Schekels (K 2.—) ist das erste Bekenntnis zum Zionismus. 7

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