Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 12 (1918)
- Issue
- 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Öeite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 1 ■'* Aus der jüdischen Welt Borochow gestorben. Einer der bedeutendsten Führer der Poale Zion ist in Kiew im Alter von 35 Jahren gestorben. Er war einer der ersten Theoretiker des sozialistischen Zionismus und ein Unbedingter in der Palästinafrage. Seine Agitation war es hauptsächlich, die auf dem Kongreß das Ugandaprojekt zerschellen ließ. Von Brüssel, wohin er 1907 aus der Haft als Anhänger der Revolution geflohen war, kam er 1911 nach Wien. Der ausbrechende Krieg veranfaßte ihn, nach Amerika auszuwandern, wo er die jüdische Tageszeitung „Die Wahrheit“ redigierte und das Blatt der dortigen Poale Zion „Der jüdische Kämpfer herausgab. Im Sommer 1917 kehrte er nach Rußland zurück und war dann Mitglied der Poale- Zionisten-Vertretung in Stockholm. Er vertrat seine Partei auf dem durch die Rada einberufenen Nationalitätenkongreß in Kiew und war Kandidat für die Konstituante. Georg Brandes und der Zionismus. In Kopenhagen sprach Georg Brandes anläßlich eines Banketts der Danmarkloge am 10. Dezember mit Begeisterung für die Errichtung eines jüdisch-nationalen kulturellen Zentrums in Palästina. Brandes erzählte, daß Theodor Herzl vor 20 Jahren versucht hatte, ihn für den Zionismus zu interessieren, daß er aber damals infolge unzureichender Kenntnis der Lage der großen jüdischen Massen den zionistischen Gedanken als nicht hinreichend fundiert betrachtet habe. Jetzt dagegen begrüße er die Möglichkeit der Schaffung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk mit Freude. Er erklärte, daß er dieses als einen der wenigen Lichtpunkte dieses Krieges halte und daß er nicht bezweifle, daß das jüdische Volk, wenn es autonom in seiner alten Heimat leben würde, sich wieder sofort einen Ueberbliek über die Expansionsfähigkeit des Verbandes gewinne.“ Von diesem Gesichtspunkte aus bittet der Gefertigte int Namen Gleichgesinnter und im eigenen Namen alle, die dem Verbände, sobald er begründet ist, beizutreten gedenken, ihm ihre Beitrittsabsicht schon jetzt, und zwar ohne Vt.rz u g, mitteilen zu wollen und verpflichtet sich, die eingelaufenen Anmeldungen dem Gründungskomitee bei “dessen Zusammentritte zur Verfügung zu stellen. Eine einfache Korrespondenzkarte unter Angabe des Namens, Berufes (Ranges) und der genauen zivilen (und militärischen) Adresse genügt. Der Text der Mitteilung braucht nur einige Worte zu enthalten, etwa: „Ich beabsichtige, dem zu gründenden Verbände jüdischer Kriegsteilnehmer und durch den Krieg Geschädigter als Mitglied beizutreten." Militärpersonen hätten nach dem Worte „beabsichtige“ hinzuzufügen, „sobald ich wieder dem Zivilstande angehöre“. Wer mehr tun will, etabliere sich als Werber solcher Beitrittserklärungen, indem er die Absendung der betreffenden Karten veranlaßt oder selbst die Anmeldungen in Listenform einsendet. Auch Anregungen aller. Art können schon jetzt eingesandt werden und dann dem Gründungskomitee oder der späteren Leitung des Verbandes sofort bei Beginn ihrer Tätigkeit zustatten kommen. Der Gefertigte gibt der Erwartung Ausdruck, daß kein Jude, der im Weltkriege Militärdienst leistete oder durch den Krieg zu materiellem Schaden kam, versäumen wird, der geplanten Organisation beizutreten, bezw. die Absicht dieses Beitrittes in oben erbetener Weise bekanntzugeben. Dr. iur. Karl M e i s e 1 s. zu einer Kulturmacht entwickeln werde. Der jüdische Kongreß in Holland. Die Bewegung zur Nationalisierung und Demokratisierung der jüdischen Kongreßbewegung hat kräftig eingesetzt. Eine Volksversammlung in Rotterdam nahm folgende Resolution an: Die jüdische Volksversammlung, am 8. Dezember 1917 in Rotterdam abgehalten, ist der Meinung, daß die geplante jüdische Kongreßdemonstration nicht wie in anderen Ländern (wie in Amerika und Rußland) auf nationalen und demokratischen Grundsätzen aufgebaut ist, nicht die Aufstellung der gemeinsamen Forderungen der Juden Hollands anstrebt, sondern den Charakter einer Notabienpolitik hat. Die Versammlung sieht in einer nicht aus Wahlen hervorgegangenen Versammlung, die von drei Organisationen einberufen wird, welche nur einen geringen Teil der Judenheit Hollands umfassen, nicht die rechtmäßige Vertretung der Juden Hollands. Sie fordert, daß die Kongreßdemonstration durch Heranziehung und Beteiligung der breiten jüdischen Volksmassen, der jüdischen Gemeinden, wie der Arbeiterschaft zu einer Volksbewegung und einer wahren Repräsentanz der Juden Hollands ausgebaut werde und der Kongreß das Friedensprogramm der Juden Hollands formuliere, j judenfeindliche Agitation in Polen. Das Warschauer Blatt „Moment“ macht auf eine zunehmende judenfeindliche Agitation in der«, polnischen Provinz aufmerksam. Besonders im österreichischen Okkupationsgebiet haben sich Vereinigungen gebildet, die gegen den Verkauf von Liegenschaften in jüdische Hände agitieren und den christlichen Verkäufern mit Veröffentlichung ihrer Namen in einer „schwarzen Liste“ drohen. Amerikanisch-iUdisches Hilfskomitee in Holland. Mit Zustimmung des Staatsdepartements hat nun das Hilfskomitee eine zweigliederige Kommission — die Herren Dr. Boris Bogen und Max Senior — nach Holland geschickt, welche dort ein Bureau eröffnen, um die zu erhaltenden Hilfsgelder den weiteren Bestimmungen zuzuführen. Die Kommission wird zusammen mit dein Komitee der holländischen Juden in Amsterdam unter dem Vorsitz des Salomon Vanierop die Verteilung der erhofften 10 Millionen Dollar über- ' wacben. ' ■ * Rückkehr des Abg. Breiter aus russischer Gefangenschaft Aus S t o c k h o 1 in. 28. d. M„ wird telegraphiert: Abgeordneter 13 r e i t e r ist mit seiner Frau auf tleni Heimwege liier eingetroifen. — Der selbständige sozialistische Abgeordnete Ernst B r e it e r. der zur Zeit der Russeninvasion im September 1914 in Lemberg weilte, wurde beim Abzug der Russen im Jahre 1915 von ihnen mitgeschleppt und nach Kiew gebracht. Dort lebte er mit seiner Frau. Wiederholt wurden Schritte zu seiner Auslieferung eingeleitet, die 'nunmehr von nrfolg gekrönt wurden. Die jüdische Bevölkerung wird mit Befriedigung dje Meldung von der Befreiung des beliebten Abgeordneten, in dem sie stets einen Verteidiger ihrer Ehre und Interessen geschätzt hat. begrüßen. Aufforderung zur Bildung des Verbandes jüdischer Kriegsteilnehmer. In Nr. 51 Ihres geschätzten Blattes wurde vom Leiter des Jüdischen Archivs. Herrn Dr. Nathan B i r n b a u m, tue Gründung eines V e rb an des jüdischer Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigter (um Mißverständnissen vorzubeugen, besser: durch-den Krieg Geschädigter) mit weitreichenden Zielcir angeregt Darin heißt' es: „Vor allem, ist für die Bildung eines solchen und für dessen Arbeit von Bedeutung, daß das Gründungskomitee Wien, I. Ebendorferstraße 3. Kais. Rat Carl Hirsch Am 23. Dezember ist in Baden bei Wien Herr kaiserl. Rat Carl Hirsch im 71. Lebensjahre einem Herzleiden erlegen. Er gehörte zu der nicht geringen Zahl von Zionisten, die, bis in die tiefsten Tiefen ihrer Seele durchdrungen von den Idealen des Zionismus, doch zu sensibil sind, tun sich in der breiten Oeffentüchkeit zu betätigen. So isu Carl Hirsch eine wenig bekannte Persönlichkeit geblieben, obwohl er ständig in Wien lebte und seit Herzl zu unseren Treuen zahlte. Wer aber Gelegenheit hatte, dem kleinen Herrn nähCrznireten, in dessen jugendlich frischem Gesichte die kohlschwarzen, funkelnden Augen von Leben sprühten und recht seltsam mit dem weißen Haupt- und Barthaar kontrastierten, der mußte immer wieder von neuem bedauern, daß dieser Mann, der die gereifte Klugheit und Welterfalirumg des Alfers mit einer Begeisterungsfähigkeit und Unbedingtheit der Uebeaizeugung verband, wie sie sonst mur der Jugend eignet, alle Versuche, ihn zu führenden Stellen in der Parteileitung zu berufen. mit jener übergroßen Bescheidenheit zurückwies. die geradezu als die einzige Schattenseite seiner vielen Vorzüge angesehen werden muß. Nie aber hat sich sonst ein Zionist, sei es als Person, sei es von Parteiwegen mit einer Bitte vergebens an Carl Hirsch gewendet; für jeden hatte er eine freie Stunde, eine offene Hand, einen guten Rat. Sein innerstes Wesen war Liebenswürdigkeit und-Güte. Ein ehrenvolles Andenken bleibt ihm für alle Zeiten gesichert. K. P. Kaiserl. Rat Carl Hirsch wurde am 24. März 1546*111 Horic (Böhmen) geboren. Nach seiner Prager Schul- und Lehrzeit übernahm er mit seinen zwei Brüdern Ernst und Wilhelm eine Weberei. 1876 heiratete er, vor zehn Jahren zog er sich ins Privatleben zurück. Kaiserl, Rat Hirsch war zweimal als Kongreßdelegierter in Basel. Er interessierte sich besonders lebhaft für die kulturellen Bestrebungen, vor allem für das Hebräische Gymnasium in Jaffa. Mit dessen früheren Direktor Massinsolm und dem Musikiorscher I d e ls oh n verband ihn eine warme Freundschaft. Personalnachricht Unser bewährter Gg. j.psei Frank wurde ais seriöser Baß an die Volksoper engagiert. Kaiserliches Geschenk an einen jüdischen Flüchtling Am 12. Dezember fand in Komorau eine ebenso seltene als erhebende Feier statt. Seine k. u. k. Apostolische Majestät haben dem in der Gemeinde Komorau uniergebrachten Flüchtling Moses *H e r s c h -M e i e r aus Suczawa. der sieben Söhne iin Felde stehen hat, von denen einer den Tod fürs Vaferland erlitten, ein Geschenk von 500 Kronen und außerdem als Erinnerungszeichen eine mit dem Allerhöchsten Namenszuge gezierte silberne Taschenuhr liuldvollst zu spenden geruht. Zur feierlichen Ueberreichung dieses Geschenkes hatten sich zu Komorau eingeftinden: Der Amtsleiter der k. k. Bezirkshaiiptmannschaft Troppau, Herr Bezirkskommi.ssär Dr. K u n z, der Referent für Flüchtlingswesen bei der Troppauer Bczirkshauptmannschaft Dr. Scherf, die Vertreter des Zentralkomitees für Flüchtlingsiiirsorge. die Herren Dr. Sonnenschein, Siegmund Gold und Oberkantor Max S i n g e r nt a n n, der ' Gemeindevorsteher von Komorau Herr Hartmann mit den Gemeindevertretern, Herr Schulleiter Hopp, der riüclnlingskommissär Herr H a j e k und eine große Anzahl von Flüchtlingen aus Komorau und Umgebung. Der Vertreter der Regierung, Herr Bezirkskommissär Dr. Kunz hielt bei Ueberreichung des kaiserlichen Gnadengeschenkes an den Flüchtling Hersch-Meier-eine zu Herzen gehende Ansprache. Er rühmte die väterliche Fürsorge des Monarchen für alle seine Untertanen, die keinen -Unterschied-kenne hinsichtlich der Nationalität' oder der Konfession, gedachte der Tapferkeit unserer Armee, die uns mit Siegeszuversicht erfüllte und hob schließlich die stets bewiesene Opferwilligkeit der Bevölkerung hervor. Das Vaterland schuldet einem Manne, der ihnt sieben Söhne als tapfere und tüchtige Soldaten'erzogen habe, Dank und Anerkennung. Dr. Sonnenschein dankte für den tiefgerührten Flüchtling und hob hervor, daß der huldvolle Gnadenakt Sr. Majestät dem Ausgezeichneten ein erhebender Lichtstrahl in der trüben Zeit', die ihm vom heimatlichen Herd verbannte und ihn viel schweres Leid erdulden ließ, sein werde, an der er sich jederzeit mit Dankbarkeit erinnern möge. Herr Dr. Sonnenschein schloß seine Rede mit einem Hoch auf den Monarchen, in das die Anwesenden begeistert einstimmten. Am Schlüsse der schönen Feier überreichte Herr Dr. Sonnenschein dem Gemeindevorsteher von Komorau den Betrag von 100 Kronen zur Verteilung an die Armen der Gemeinde. Zionisten im Felde San.-Fhr. Snßmann vom I.-R. 58, Hilisplatz, Feldp. 408, hat auf folgenden Feldfriedhöfen die Namen einer Anzahl jüdischer Soldaten gelesen: Int Dorfe Kokutkowcc bei Tarnop o 1 auf dem Friedhof gegenüber der ruthenischen Kirche: Inf. Izsak Simon, I.-R. 23, .3. Feldkomp., gef. am. 7. Mai 1916; Inf. Julius Herzog, I.-R. 23, 14. Feldkomp., gef. am 15. Mai 1916; Inf. Leo Brücker, 23. I.-R., 9. Feldk., gef. änt I. Juli 1916; Einj.-Freiw. Korp. Paul Göntöri, I-R. 23, 10. Feldkomp., gef. am 1. Juli 1916; Dorf - P1 otycz bei Tarnopol im Schloßgarten: Inf. Hermann Grosz mann vom I.-R. 67, zugeteilt der XII/58. Feldkomp., gef. am 5. August 1917, Grab Nr. 3; Inf. Isak Wolf recte Ferner, Sturmkomp. I.-R. 59, gef. am 7. August 1917; Inf. Max Gcllmann, Sturmkomp. d. I.-R. 95, gef. ant 7. August 1917. — Von den int Felde befindlichen Mitgliedern der jüd.-akad. Verbdg. „Gant a 1 a h“-Göding wurden neuerlich ausgezeichnet: Lt. Heinrich Le ebner find Lt. Prof. Hugo Stern in. d. gold. Verd.-Kr. m. d. Krone a. Bde. d. T.-M.; Fhr. Emil Teller m. d. silb. T.-M. II. Kl., d. bronz. T.-M., preuß. T.-M. u. Karl- Truppenkr.; Lt. Bruno Seelcufried m. d. Sign, latid. Berichte und Korrespondenzen Wegen öes großen Mangels an Raum ersuchen wir um möglichst kurzgefaßte Berichte. Bielitz-Biala. Am 16. Dezember fand im dichtgefüllten großen Saale des Hotels „Zum schwarzen Adler“ die Makkabäerfeier der zionistischen Vereine von Bielitz-Biala statt Nach dem Anzünden der Lichter durch Herrn Kantor Fischer wurde von einem gemischten Chor das „Moaus zur“ gesungen. Die Festrede hielt Herr Dr. Leopold Leschner aus Troppau. Den übrigen Teil des sehr reichhaltigen Programmes bildeten Rezitationen und Musikvorträge, Frau Prof. Dr. Berkowicz und Herr Kantor Fischer sangen hebräische und deutsche Lieder. Den Höhepunkt des Abends aber bildete ein hebräisches Theaterstück. Der Reingewinn, der 1000 Kronen überstieg, wurde verschiedenen lokalen und allgemeinen jüdischen Zwecken zugefiihrt. Graz. Der Verein „Z i o n“ veranstaltete auf 16. Dezember im Festsaale des Hotels „Erzherzog Johann“ seine diesjährige Makkabäerfeier. Die Feier nahm einen unerwartet glänzenden Verlauf. Der geräumige Saal konnte gar nicht die Zahl der Gäste fassen. Der Obmann Herr Ignatz Hauser eröffnete den Festabend mit einem Rückblick auf die Kriegsperiode, in der der Verein in der Entfaltung seiner Tätigkeit gehemmt war. Er eröffnete einen günstigen Ausblick für den Verein in der Zukunft und forderte alle zur Mitarbeit auf. Er begrüßte unter den Festgästen die Herren Dr. Leon R e i c h, Dr. Gerson Zipper und Dr. Egon Zweig. Se. Ehrwürden Herr Rabb. Doz. Dr. Herzog entzündete sodann nach kurzer Ansprache, in der er den Geist der Makkabäer feierte, die Festlichter. Nach dem Absingen des Moatis-zur rezitierte/ Frau Maria G u tm a n n von den Kanmierspieleit in Wien Gedichte, mit denen sie zur Stimmung des Abends wesentlich beitrug. Von rauschendem Beifall begrüßt, ergriff nun das Mitglied des großen Aktionskomitees, Herr Dr. Leon Reich, das Wort zur Festrede, die, eine rhetorische Meisterleistung, tosenden Beifall der Anwesenden entfesselte. Krems a. D. Der Verein ,.Z i o n“ veranstaltete Samstag, den -8. Dezember, in seinem eigenen Heim einen Ciiaiiukah-Abend, welcher einen außerordentlich guten Bestich aufwies und dessen Verlauf als sehr gelungen bezeichnet werden muß. Die zündende, von nationaler Begeisterung getragene Tendenzrede des Herrn Rabbiner Dr.-Mehrer wurde mit großem Beifall aufgeuommen und hat wesentlich zur Hebung des Interesses für unsere Bestrebungen beigetragen. Gg. Rudolf Holzer, Wien, rezitierte Gedichte von Hugo Zuckermann und erntete ebenfalls reichen Beifall. Herr Bankbeamter Ernst Neuner trug humoristische Gedichte vor, die große Heiterkeit auslösten.