Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438623-2438639--5240-2445197- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XL Jahrgang - Nr. 16 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11 — 12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesaridt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech'Nummer 49*3*25 Nalional-jüdifches Organ Mil der Beilage : Der Jüdifdie Nationalfonds Wien, Freilag, 20. April 1917 / 28. Nissan 5677 Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien II/!, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen*Konto 133.404 Inhalt * V°n der Woche — Kundgebungendes lllllull „Kopenhagener Bür« s aer Zionistischen Organisation*. — Aus der allgemeinen Presse. Glanz-Sohar, Der erste Führertag des Österreichischen Bundes für jüdisches Jugendwandern. — E. Müller, Der Nachlaß eines jüdischen Dichters.— Monty, Ghetto (Schluß.) — J. Blech, Pejsach.in Gefangenschaft in Taschkent. — jüdische Welt — Zionistische Bewegung. — Ankündigungen. — Berichte u. a. m. Von der Woche Nogh immer fehlen verläßliche Nachrichten aus Rußland, aus 'denen inan auf eine Entwirrung der. dortigen chaotischen Zustände' ^schließen 1 könnte. Der bürgerliche Dumaauss'chuß auf der einen Seite scheint das Bestreben fortzusetzen, die Revolution durch- Kriegshetze zu kompromittieren, der militärisch-proletarische ’Arbeiterausschuß hingegen, kfer ehrlich den ehrenhaften Frieden wünscht,. scheint eben nur die Arbeiterschaft hinter sich izu haben. Immerhin ist eine Tatsache eingetreten, die (den um die Macht ringenden Führern beider Gruppen den Dank der Weltgeschichte sichert: Die Regierung hat die Gleichberechtigung der Juden .verfügt und in Kraft gesetzt. Daraus allein erklärt sich die Stimmung der Führer der Judenschaft, die, wie Winawer, der tapfere Grusenberg und Mandelstarn auf dem Kadettenkongreß die freudige Mitarbeit der Juden ander Beruhigung Rußlands zusicherten. Wenn die im (russischen Judentum schlummernden staatenbiidenden Kräfte wach wer- " den, darin würde das bedeuten,. daß Rußland an der Spitze der Kulturmenschheit imarSchiert. Das Fürifmilliönenvolk der Juden in Rußland, das ethisch und kulturell das bedeutendste Element im Osten Europas darstellt, ist intensivster Arbeit fähig, durch jahrhundertelange Leiden gestählt und in seiner großen Masse jeglicher Assimilation abgeneigt/ die es . von seiner stolzen Höhe nur herabführen könnte. Hält die Revolution ihr Wort, so wird auch das Judentum das seine hü erfüllen/ Den reaktionären Elementen in Oesterreich- Ungarn, die an politischer Einsicht weit hinter den afrikanischen Negerstämmen zurückstehen, ist die Entwicklung Rußlands ein schlimmer Schlag. Freiheit und Demokratie sind diesen Lakaienseelen bis ins Innerste verhaßt und jedes Stücklein Selbstbestimmungsrecht, das sich die Völker erzwingen, scheint ihnen als eine schwere Versündigung gegen das ihnen so heilige Prinzip der „gottgewollten Abhängigkeiten“. Freilich müssen sie sich damit bescheiden, die Russen, die sieh bei der Neueinrichtung ihres politischen und gesellschaftlichen Lebens vorn Auslantf nicht belehren lassen wollen, mit Hohn zu überschütten, der wirkungslos bfefht, weil man an der Newa .die-„Reichspost“- und alle ähnlichen Schändungen Gutenbergs nicht kennt. 'Aber gefährlich ist dieses Treiben immerhin, weil die Volksstimmung bei uns, die ohnehin, was uns Juden bebetrifft, ins Unerhörte verfälscht wurde, noch weiter beeinflußt wird. Es ist deshalb sehr nötig, diese Presse sehr genau zu lesen und — sich parat zu halte:. . Der Nachlaß eines jüdischen Dichters Die Wellen des Zeitschicksals trugen da zwei in weiteren Kreisen Namenlose an die Oberfläche. Beide junge Nationaljuden, beide im Weltkrieg in junger Blüte gefallen, der eine im österreichischen, der andere ini deutschen Heere.' Beider Gedächtnis ward von Freundeshand über den Tag Jhinübergetragen, von beiden liegen nachgelassene „Gedichte“ vor. Keiner von beiden tat zu Lebzeiten mit in der Arena des literarischen Betriebes. Sie beide, rangen auch wirklich nicht um den Ausdruc.se der tiefsten Rätsel des Lebens. Und dennoch wird, das beste Lob: der Echtheit und Wahrhaftigkeit auch ihrem dichterischen Andenken nicht vorenthalten werden dürfen. Es sind Hugo Zuckermann der in seiner Men- ‘ schenart uns: Unvergeßliche und Ludwig Franz Meyer, dessen Gedichte im Aufträge seiner Mutter von Emil Cohn herausgegeben im Jüdischen Verlage erschienen sind-. fXeyer ist gegenüber Zuckermann wesentlich jünger, nicht bloß an Jahren — ist er doch mit zwanzig Jahren gefallen-— sondern auch an Art und Ausdruck weniger zur Eigenheit gelangt. Die erste frisch-fröhliche Burschenh'aftigfkeit, iri Deutschland vielleicht stärker als hier in Oesterreich von Ser Umgebung beeinflußt," spiegelt sich in manchen Seiner „Wanderlieder“: Bruderschaft, Frohsinn Sehnsucht, Liebestreue- und -untreue. Mehr als dies berührt uns in dem Rahmen einey "gleichsam Wieder zur Schlichtheit gewordenen Konventionalität der noch stammelnde Ausdruck eines in diesem Rahmen wenig gewohnten ernsten Idealismus/ der gerade durch die spiegelklare Reinheit des Ausdrucks treuherzig und ungebrochen hervortritt. Charakteristisch für die Art dieses jugendlichen Drängens sind die Verse: „Kaum bist du -selbst dem1 Dujnkel erst entronnen, Und willst schon all die andern sehend machen. Und willst die junge Glut, die du gewonnen, In aller andern Herzen schon entfachen.“ Neben sentimentalen Liebesgedichten von großer Zartheit erhebt sich das gerade in diesem . Zusammenhänge wie schmerzgeboren erscheinende Gedichteten: „In jungen Töchtern unseres Volks, des alten“... wo das Seelenschicksal des jüdischen Mädchens in einer reinen Kindesseefe eine Frage tiefinner-* liehen 'Verstehens auslöst. Eine entscheidende Richtung bekommt der jugendliche Schwung durch den Zionismusy der ihm die Kraft des Juden: wieder zeigt 'Die Burschenschaft scheint in ihm ein Ideal von Brüderschaft zu erwecken: „Ich liebe eure kampfesstarken Arme Und eure weichen, süßen, alten Lieder. Ich liebe, euren Mut im Kampf, im Harme, Und dann das Schönste: aiie seid ih|r Brüder.“ Aber dieser sein Glaube wurzelt auch tiefer als in dem unbestimmten Kraftbewußtsein, wie sein Gedicht „An Zions Söhne“ zeigt, wo er es als den Weg des Juden bezeichnet, daß seine Quar ihm die Stärke gebe.“ Wie fein-ist es empfunden, wenn er am Trauertage Herzls einem jüdischen Mädchen sagt: «Wir klagen an dem heutigen Tag um einen, Der dich geliebt hat in der tiefsten Seele, Du Tochter einer fernen, fremden Erde.“ Nur wenig sind bei ihm die Klänge kraftvoller Lebensbezwinguflg. Als Gottsucher nenrit er sein Vergessen wir aber nicht, daß wir noch mit anderem Gesindel abzurechnen haben, mit dem stehend getauften nämlich. Wenn der kaiserliche .Rat Colbext, katholischer Konfession, täglich im „Abend“ brutalsten Antisemitismus treibt 'und in seiner Antikorruption der Wahrheit ängstlich aus dem Wege geht, weil die christlichsozialen Wucherer ihm als die Stärkeren Vorkommen, so muß auch mit ihm laut geredet werden. Wir sind sicherlich mit den jüdischen Preistreibern (sie sind zumeist ebensolche Renegaten wie Col- Leben „ein Tasten und Klimmen nach der Burg des Lichts, nach Gottesstimmen“. ,.Am Leben vorbei“ will er den Weg nehmen, an diesem Leben vorbei, das er mit den Worten charakterisiert: „Nach Kampf verlangte meine starke Jugend, Doch kampflos weicht man Schritt für Schritt zurück, Und dann als Lohn für solche Duldertugend: Spießbürgersein, ein karges Glück“. Die innigsten Töne dieser reinen Kindesseele sind wohl auch die eigensten, wie in dem Gedichte aus de'm Felde an seine Mutter: „Nicht uns die fechten, ,sturmen, siegen,, fallen, Schlägt dieser Krieg am blutigsten die Wunden, Er gab uns manche frohen, frischen Stunden, Die Mutter trifft die schwere Zeit vor allen“. Wie ein leiser Schatten liegt die Todesahnung über mehreren seiner Gedichte, vielleicht nirgends so schlicht und! rein wie in dem „Vorfrühlingswind“ überschriebenen: .. .„Dein Haus bekränz’! Gar freudenreich naht uns der Lenz, Grün wird der Wald sich färben. Seid hochgemut! Doch wird von euch manch junges Blut Noch im Vorfrühling sterben“. Angstvoller noch in dem1 Zykfu(s Mojrs: „Noch hab’ ich nichts Großes geschaffen. Und ' doch schon hör’" ich die Stimmen 1eis, Die für die Menschheit mich werben. Schon fühl’ ich ein Glied mich in diesem Kreis, Und jetzt, jetzt Soll ich sterben?“ Wenn Sturmi Und Wirrsat “des Krieges vorüber und neue Kämpfe und Wege fcon/men werden, danij wird, vielleicht vereint, das Gedächtnis der beiden Träumer, Dichter und Kämpfer, wie aus der Frühzeit des Weges, einer jüngeren Generation lichtvoll erhalten bleiben. * Ernst Müller. Werbet neue Abonnenten!