Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 12 (23.3.1917)
- Date
- 1917-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XI. Jahrgang — Nr. 12 Nalional-jüdifches Organ ferscheint^wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt,^ * ohne Rückporto nicht zurückgesandt' .... 1 ~ 1 < 1 Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr c , __ w._ Fern sprech>Nummer 43-3.25 Wien, Freitag, 23. Marz 1917 Mit der Beilage: Judifdie Nationalfonds 1 1 ,IIM. 1 "" " . " ' —i m / 29.Adar 5677 [Inselnummer 24 Metier Geschäftsstelle: Wien II/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 Inhalt' BöSk, Die Zukunft der Ostjuden. IIUUIIU _ Qhajim, Verborgene Arbeit. — Das Grab des Rabbi von Bojan. — N. Birnbaum, Die goldene Kette. — Jüdische Welt. — Aus der allgemeinen Presse. — Zionistische Bewegung. — Aus Palästina. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen. — Berichte und Korrespondenzen. — Sport Die Zukunft der Ostjuden Von Fredrik Book.*) Es ist eine eigentümliche Fügung der Geschichte, daß die deutschen. Watten ein paar Millionen Ostjuden aus der russischen Unterdrückung befreit und, dadurch das jüdische Problem in seiner'ganzen Weite und Tiefe aufgerollt haben. Denn die Ostjuden waren doch alle einmal deutsche Juden. Während der Zeit der Kreuzzüge, seit dem 12. Jahrhundert, als die religiöse Erregüng ihr Leben in Deutschland unerträglich machte, wanderten sie nach Polen aus, wo-man Kapital und Kaufleute brauchte imd ihnen vorteilhafte Bedingungen anbot. Von dort aus drängten sie nachher nach Osten, wohl getrieben von einem unklaren Heimweh nach dem Orient; während ihr äußeres Dasein immer kümmerlicher wurde, hielten sie mit einem staunenswerten Konservativismus, der sich unter älfem Anpassungsvermögen der Juden verbirgt, zäh an ihrer deutschen Sprache fest. Der Philo.oge stellt mit Leichtigkeit fest, daß jiddisch, den hebräischen buchstaben zum Trotz, das Mittelhochdeutsch der Rheingegenden und Prankens ist; die Sprache trägt vielfach einen so durchaus -altertümlichen Stempel, daß man -sich 311 -Luthers Bibelübersetzung erinnern muß, um sie zu verstehen. Sie ist vermischt mit slawischen und vor allem hebräischen Worten — so sind z. B. die Bezeichnungen für die meisten religiösen, moralischen und psycholischen Begriffe hebräischen Ursprunges — aber die Lehnworte betragen doch nicht mehr als 20 Prozent und sind also nicht zahlreicher, als die romanischen und lateinischen Einschläge jm1 moderne«-Demsc« Es ist genau das gleiche Pliücrnen, dem man in Saloniki und der Türkei begegnet, wo die spanischen Juden getreulich ihre kastilianische Sprache beibehalten haben oder in China, wo die Juden noch heute das Arabisch sprechen, das sie einst in Indien gelernt haben. Von der Ausdehnung des Jiddischen kann man sich durch ein paar Notizen, die Heinrich Löwe zusammengestellt hat, ein Bild machen. Der Ritter Grünemberg, der 1486 auf einer Pilger-( fahrt in Palästina war, erzählt in seinem Tagebuch, 'daß er sich in den Straßen Jerusalems Zurechtfinden konnte, indem' er sich an einen Juden hielt, der sowohl deutsch wie heidnisch (arabisch) gut beherrschte. Der Norweger Chri- .stopher Hansteen fuhr um 1850 auf einem .Schiffe von Jenisej m Sibirien und konnte sich auf Deutsch einem Juden verständlich machen, dersich an Bord geschlichen hatte. Der Leibarzt des Sultans von Sansibar d'Arbella, reiste -1887 nach Bombay; auf der Reede begegnete er einem Juden, der deutsch mit ihm Sprach. — Jetzt ist es nicht anders. Dank dem1 Jiddischen konnte *) Ihr Verlag der F. Bruckmättn A.-G. in München ist in der Uebersetzung von Friedrich Stieve ein Buch des glänzenden schwedischen Kriegsberichterstatters Fredrik Book erschienen, das unter dem Titel „Deutschland und Polen“ Aufsätze aus der Zeitung „Svenska Dagbladet“ vereinigt. (Großoktäv, 132 S., geh. M.. 2.—.) Etwa ein Viertel des Buches beschäftigt sich mit den Juden als „einer ganz geheimnisvollen,'undurchsichtigen Welt, die . der Westeuropäer nie zu sehen träumte und ^ie ihr eigenes Kapitel verdient“. Die Betrachtung über „die Zukunft der Ostjuden“ geben wir mit Erlaubnis . des Verlags unseren Lesern bekannt. Wenn auch manches einer Korrektur und Retouche bedürfte, um die Verhältnisse so 'dargestellt zu sehen, wie wir sie mit unseren Augen gewahren, so muß man doch anerkennen, daß der Skandinavier mit Unbefangenheit und Verständnis seiner Aufgabe erecht Wird. Deshalb wollen wir ihn in unserem latte zu Wort kommen lassen. ich mit Hilfe eines jüdischen Dolmetschers im Mai 1916 auf einer Straße in Pultusk mit kleinrussischen Flüchtlingen sprechen. Welch wichtige Rolle hat nicht die deutsche Sprache der Juden beim Vorrücken der deutschen Heere während des Weltkrieges gespielt und wie blutig haben die Russen die armen Juden das bezahlen lassen..Es heißt, daß von den 14 Millionen Juden. die es gibt, 13 Deutsch verstehen. Und was die Ostjuden anbelangt, so haben diese, wie es 'scheint, mehrals die Sprache bewahrt. Die Wissenschaft ist noch nicht in die neue Welt eingedrungen, aber viele sind der Ansicht, daß. das ostjüdische Nationalgewand, der Kaftan, die deutsche Bürgertrachtaus der Zeit der Meistersänger ist, und es wird, behauptet, daß deutsche Sitten,^deutsche Märchen und Lieder bei ..diesem Volke noch weiter leben. Wie wird sich seine Zukunft gestalten? Das weiß natürlich niemand. Die Vermutungen gehen weit (auseinander. Aber ein paar Wahrscheinlichkeiten und einige Alternativen können wohl jetzt schon festgestellt werden. Zunächst dürfte man davon ausgehen können, daß die Ostjuden nie über die deutsche Grenze kommen werden. Das mag hart klingen, aber in der einen oder anderen Form wird die Grenzsperre ohne den geringsten Zweifel eine Wirklichkeit werden, vermutlich in.: der Form eines Einwanderungsgesetzes, das die Sichtung der östlichen Marken überhaupt ermöglicht, ln Deutschland sind die Meinungen darüber nicht geteilt, daß die eine halbe Million Juden, die es in Deutschland gibt, schon alles sind, was man verdauen kann. Unter den deutschen Juden werden sich sicher sehr wenige Stimmen gegen eine solche Politik erheben,- und ich. habe den Verdacht, daß .die meisten äiißer den Assimilierten eifrige, aber sehr schweigsame. Anhänger der Grenzsperre sind. Sie haben keine Last, eine neue Welle des Antisemitismus zu erleben, die unfehlbar idie Folge einer Politik der offenen Tür werden würde. Steht das fest, so scheint mir alles für eine nationale Entwicklung der Juden zu sprechen. Sie konnten nie mit deri Russen verschmelzen — ich spreche nicht von der kleinen Clique russifizierter Moskau-Juden, denen ein impulsiver Norweger mit Recht das blutige, aber gerechte Wort: Sadisten! ins Gesicht schleuderte, — und es sieht wahrhaftig nicht so aus, als wollten die Polen ihnen die Arme öffnen. Es gibt allerdings eine dünne Schichte polonisierter Juden — sie sollen 5 Prozent der Rasse ausmacheiy — aber sie sind eine isolierte Oberklasse, ohne, jede Beziehung, ohne alle Sympathie bei der Hauptmasse der Ostjuden. Es ist mir schwer, in ihnen etwas anderes als Verräter zu erblicken. Der Antisemitismus hat nirgends so scharfe wirtschaftliche Formen angenommen,, wie in Polen, wo der Bofkott überall aut der Tagesordnung steht. Nein, es sieht so aus, als sei die einzige Rettung der Juden, wieder danach zu streben ein Volk zu werden. Es dürfte nicht ganz unmöglich sein, jdaß de in -der einen oder (anderen Form eine Art Autonomie erreichen könnten. Die Katasterinstitution — die nationalen Wahllisten, an die man sich nach freier Wahl anschließen kann — mub doch die Zukunft für-sich haben, und es gibt nichts, was "der Anerkennung der jüdischen Nationalität im Wege steht. Es ist auch unmöglich, dagegen blind zu sein, daß der jüdische Nationalismus sich in demselben Maß steigern muß, in dem die Ostjuden ins helle Tageslicht hervortreten, d. h. in Westeuropa aus dem! Dunkel auftauchen, in dem sie unter russischer Herrschaft geschmachtet haben. Die neuen Millionen sind da, was will man mit ihnen machen? Bei Theodor Herzl war der Zionismus noch der reine Notbehelf. Er hatte an und für sich nichts gegen die Assimilierung einzuwenden, aber er sah in seinem „Judenstaat“ voraus, daß man den Juden keine Ruhe dazu Tassen werde. „Es ist der Feind„ der uns ohne unseren eigenen Willen zu einem Volke gemacht“. Mit Recht betonen die modernen jüdischen Denker, daß "Herzl ein Westjude ohne Ueberlieferungen wajr, und daß es in seinem'. Leben nichts elementar Jüdisches gab. Ohne Zweifel wird auch diese Art ‘Zionismus an Stärke zunehmen, und zwar im selben Grad, wie das Problem der Ostjuden eine Lösung heischt. Aber vor allem' wird die andere, die tiefere und leidenschaftlichere nationalistische Strömung, die von einer jüdischen Renaissance träumt, neue Nahrung aus der Berührung mit den Ostjuden ziehen. Hess, Pinsker una Birnbaum werden neue Jünger bekommen. Man muß sich nämlich klar machen, daß die .Ostjuden in all ihrem Elend, mit Läusen und Flecktyphus, mit nagendem Hunger und verprügelter Scheu doch etwas besitzen, was den Westjudere bitter fehlt: eine nationale Kultur, so arm und verkümmert sie sich auch ausnehmen (nag, eine Sprache und einen Glauben; und man darf nicht vergessen, daß sich in dem unglücklichen Volke tiefe, unoewußte Kräfte regen, daß etwas Unbeschreiblich Ergreifendes in dem brennenden Idealismus liegt, dem man mitten in den schmutzigsten, kleinen Judennestern begegnet und den Perez (in seinen Novellen und Dialogen geschildert hat. In Mendeles (Abramowitschs) Erzählungen aus dem Leben der ostjüdischen Krämer entdecken die gebildeten Juden des Westens mit Rührung eine jüdische Natur; Bäume und Büsche, Luft und Wind, Pferde und Hunde zeigen sich hier in einer nationalen Atmosphäre und sprechen eine eigene, intime Sprache zu ihnen, wie Bialik und Hugo Bergmann bezeugt haben. Das Ghetto der Ostjuden; ist für die Nationalisten nicht ärmer, sondern reicher als die Viertel der vermögenden, jüdischen Emporkömmlinge in Berlin W. Gohts, d. h. die Sklaverei des Oeldes, die selbstsüchtige Vaterlandslosigkeit, der trokkene Rationalismus sind für sie Toafeinde, die ebenso wie die Not und Erniedrigung des Ghetto überwunden werden müssen. Die Apostel des Nationalismus und Zionismus sind nicht bloß die mit dem größten Verantwortungsgefühl und Idealismus und die, rein meiKchlich 'beträchtet, Bedeutendsten unter den Juden, es sind auch, wie mir scheint, die Einzigen, die dem inneren Problem des, Judentums aui den Grund gegangen sind, jenes Problems, das diesem durch verheerende Kräfte hart angegriffenen Volk höhere moralische Ziele gesteckt hat. Ich glaube nicht, daß die physische und geistige Wiedergeburt der Juden auf anderem Wege zur Wirklichkeit werden kann, als durch ein neu gewecktes und neu gepflegtes völkisches Pathos. Die Nationalisten sind es, diein Polen gymnastische Vereine und Boyscoutskompagnien schaffen; einer ‘dieser Vereine für körperliche Erziehung und militärische Ausbildung hat den Namen angenommen, der am klarsten die kriegerische Ehre der Juden symbolisiert, nämlich: „Makkabäer“. 'Hier wird ein geschafft, daß die Ausbildung von 'Mut und körperlicher Kraft und die Bekämpfung der für die Juden charakteristischen Nervosität die unvermeidliche Voraussetzung einer glücklichen Zukunft sind. Hatnf in Hand damit geht das großzügige Streben, die Juden zu körperlicher Arbeit zu erziehen, sie wie einst zu Bauern und Handwerkern zu machen und ihnen ein gesundes und 'organisches Verhältnis zur Natur und äußeren Wirklichkeit zu schenken; im Zionismus, der Arbeit an der Besiedlung Palästinas, hat diese Bewegung Ihren ausgesprochensten Und vom agitatorischen Gesichtspunkt aus am leichfesten begreiflichen Ausdruck gefunden. Ein vierversprechendes und bedeutungsvolles Dokument für die Kenntnis von dem inneren Pathos dieser ganzen Bewegung 'ist der Aufsatz, den A. T>. Gordon, der Pionier der Arbeit in Palästina, 1911 in dem1 Organe “seiner Partei, „Hapoet Hazair“ (Der 'junge Arbeiter), veröffentlicht hat, und der dann in das 1913 in Jaffa herausgekotmnene Sammelwerk „Haarez wehaaboda“ (Das Land und die Arbeit) überging; er wird in Uebersetzung in Bubers neuer Zeitschrift „Der Jude“ mitgeteilt. Gordon betont, daß das, was den Juden fehlte, die freiwillige, strenge Arbeit ist; „es gibt bei uns nicht wie bei den lebenden Völkern eine große Mehrzahl von Menschen, für die die Arbeit zur zweiten Natur geworden ist“. Der uralte Spruch: „Solange Israel Gottes Willen tut, arbeiten andere für Israel“, ist zum instinktiven Gefühl bei den Juden eworden. Deshalb kann das Judentum aber auch eine positive und einheitliche Kultur hervorbringen, deshalb ist die Denkungsweise der Juden so oft negativer und zersetzender Art. Kann man Rahm ohne Milch gewinnen, fragt Gordon mit einer für den Landwirt charakteristischen Wendung, kann ein Volk Dichtung, Ethik und Pie „Jüdische Zeitung“ gehört in jedes zionistische Haus!