Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 19 (12.5.1916)
- Date
- 1916-05-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 Der lüde.*) Das starre Gefüge der zionistischen Partei bog sich geschmeidig vor den wilden Erschütterungen des Weltkrieges und bewies seine überdauernde Lebenskraft. Nun lösen sich' aus dem dunklen Gewitter des allgemeinen Zusammenbruches die sicheren Zeichen, daß auch die geistigen Energien der jungjüdischen Bewegung unverloren sind: was' die letzten Jahre an geistigen Werten geschaffen, ging nicht unter, sondern bildet den keimreichen Fruchtboden für die - schicksalsemsten Auseinandersetzungen, deren Zentralproblem die Frage nach der jüdischen Richtung ist. Mit der Herausgabe des „Juden“ hat Martin Buber das Wagnis unternommen, der konfliktreichen jüdischen Gegenwart ins Auge zu schauen und dabei dort anzuknüpfen, wo die grauenhafte Ka+a~trophe des Weltbrandes die feingesnonnenen Fäden' jäh zerrissen hatte. Schon die Tatsache, daß Buber an das Unternehmen herangetreten ist, bürgte für den Ernst der Sache, das Erscheinen des ersten Heftes aber macht das tiefe Verantwortungsgefühl offenbar. da« Herausgeber und Verlag durchdrin- -gen. Gewiß sind die Stimmen, die diesmal zu . Wort kommen, nicht zu voller Harmonie' eingegangen; denn dazu sind die Männer viel zu sehr von der Wucht der Bedeutung ihrer Worte überwältigt. eine Grundstimmung aber einigt ihre Vielheit: daß der Streit der Meinungen die Lebens-' und.;Arbeitsfreiheit für die niedergehaltere jüdische Volksgemeinschaft zum Ziele hat. daf5 das jüdische Volk wieder zum Herrn seines, Schicksals werde, oder wie es Hugo Bergmann formuliert: die Juden wieder zu einem geschichtlichen Volk zu gestalten. Gabriel Riessers Werk soll fortgesetzt .werden, indem der Befreiung des Individuums die der Gemeinschaft folgen Soll: und darum trägt diese Zeitschrift den. gleichen Namen, den einst das Organ des Vorkämpfers für die Emanzipation des Einzelindividuums getragen. So beginnt Hermann Glenn aufzuzeigen, wie ..Das Volk und der Einzelne" an den jüdischen , Leistungen beteiligt sind, um zur allein wahren Schöpferkraft der Gemeinschaft zu gelangen. Hu-. ."to Bergmann . meint ..Der . Jüdische National - iSmus nach dem Kriege“ werde nicht mehr, hinT ter einem Schutzwall von Schlagworten der.Wirklichkeit ausweichen, sondern die Bewältigung der Aufgaben des Diesseits aufnehmen, statt tatenlos! auf das Jenseits der'Zukunft zu warten. Von dem Glück der Arbeit und ihrer Verheißung weiß der palästinensische Arbeiterpionier A. D. Gordon zu sagen. Dem 'Ostjudennroblem dienen Aufsätze von Moses Calvary über ' „Jiddisch“, Max Brod „Erfahrungen im, -ostiü- ’ dischen Schulwerk“, F. M. Kaufinann „Grenzsperre“ und "R. "Bernstein „Russische und jüdische. Feldpost“, die fast 'ausnahmslos oft behandelte Dinge, erörtern, gerade darum aber mit greller Deutlichkeit den unterscheidenden Ernst und .die verantwortungsvolle Sachlichkeit zeigen. „Selbst die „Bemerkungen“ sagen durchgängig Wesentliches und Neues zu den ewig) offenen Fragen unseres problematischen Daseins. Dag erste Heft des „Juden“ gibt ein gewichtiges Versnrechen. Besonders wir in Oesterreich brauchen diese Anregungen, um nicht ganz von den Einzelfragen und Tagespflichten unterjocht zu werden. Wir müssen unser Bestes tun, dem' opferwilligen Werk des' Herausgebers und des verdienstvollen Verlages die Zukunft zu sichern. Dr. Wilhelm Stein. Epez Israel nn9 — ihr. Wiegen unseres Volkes, ihr gefühlumirankten, traumumhüllten, ersten Länder in der ganzen jüdischen Erinnerung! „Ünd sie verkauften den .Josef an die iSmaeliten um zwanzig Silberlinge und die brachten den Josef nach Mizraim“. Damit besinnt es. Die unvergleichlich weiche, unvergleichlich schöne Gesichichte von Josef Und seinen Brüdern und von Jakobi una wie sie nach Mizraim kamen! Dann wieder Auszug aus Aegyoten. Die ganze jüdische Liturgie, der Festkalender und die ggadische, sowie halachische Tradition sind erfüllt von der Erinnerung an „Jeziath Mizraim“. Nun tritt das Land Kanaan in die Geschichtsverkettung ein. das schon lange vorher den Vätern von Gott verheißene. Das Land, auf dem „immer GotteS Auge ruht“. Und die Knechte Mizraims und späteren Wüstenwanderer eroberten das ganze Land, gründeten ein mächtiges Reich und dieses trat in verschiedene Wechselbeziehungen mit dem Lande der Äegvpter: Handel, Salomos Heirat mit einer Pharaonentochter, Kultureinflüsse, Rivalität, Feindschaften, Kriege, dann wieder Bündnisse — und auch der mächtigste der Propheten, Jeremias, weilte in Aegypten. Dann gingen die jüdischen Reiche unter'. Die jüdische Gemeinde aber in Aegyoten wuchs und umfaßte später Millionen von Mitgliedern, die im politischen Leben dieses Landes eine ausschlaggebende Rolle spielten. Sie bildeten oft *) Eine Monatsschrift; R. Löwit, Verlag, Berlin-Wien.- Heft 1. das Rückgrat des Heeres und gaben ihm berühmte Führer. Damals lebte dort Phüo, ein Name, der eine Richtung bedeutet. Und eine Richtung, einen Pfeiler unserer Geistesgeschichte bedeutet auch ein anderer, der dort wirkte, ein ganz Großer: Maimonides’. Und lange Jahrhunderte weiter hören wir in der jüdischen Geschichte noch die Namen "der berühmten Ge-, meinden von Alexandrien und Kairo. Besonders, wo uns von einer Reise eines bedeutenden Mannes nach' Palästina überliefert wird, da findet sich immer die. Bemerkung: „Von der Gemeinde in Alexandrien begrüßt . . .“ So auch bei Jehuda Halevv. Und als später die Wanderungen; nach Palästina (systematisch wurden, sei es der Frommen, sei es der Zionisten, so gab esf fast keinen, der nicht im Lande der Pharaonen kurz anhielt: seine Seele suchte wohl die Spurender Ahnen, Snuren von viertausend Jahren. O Mizraim, du dunkles, schwüles, : lustschwangeres Durchzugsland und Nachtasyl! * ’ Dieses „Denken in Jahrtausenden“ wandelt einen an, weinn er die folgende Nachricht liest: Die palästinensischen Juden, die gegenwärtig in Alexandrien weilen, bis es' ihnen wieder gegönnt sein wird, in' ihre Heimat zurückzukehren, sorgten auch während dieser Uebergangszeit für die nationale Erziehung ihrer Kinder und übten einen nationaljüdischen Einfluß auf die bisher fast nur im Geiste der „Alliance“-Schulen erzogene alexandrinische Judenheit. Die dortigen Juden teilen sich in Sepharden, die echte Levante-Zivilisation verkörpern lind in Aschkenasim, de#ien man größtenteils ebensowenig Symnatie abgewinnen kann und die das dunkelste Wilna, Odessa u. dgl. repräsentieren. Die . in Alexandrien seit jeher existierenden jüdischen Schulenkonnten naturgemäß die Ansprüche der Palästinenser nicht befriedigen. Sie mußten neue, ihren Bedürfnissen angepaßte Schulen gründen. So sind im Verlauf des Jahres in Alexandrien entstanden: ein" hebräischer Kindergarten für 120 Kinder, geleitet durch Frau Simchon, eine erfahrene palästinensische Kindergärtnerin; eine Schule am Kinderheim1 Wardian, geleitet von Frl. Landau, die Leiterin der Eveline-Rotschild-Schu- Ie in Jerusalem.' Das Programm dieser Schule, ist das der Jerusalemer. Sie zählt 400 Schü'er und Schülerinnen und wird von der Anglo-lewisfh' Association in London' subventioniert. Die aus! den Herren Dr. Lurie, Dr. Bogra+schow und Agronom Oettinger bestehende Schulkommission gründete ferner.'an; der Gemeindeschule zwei Klassen für 80 Schüler und Schülerinnen, in denen alle Lehrgegenstände ausschließlich im Hebräischen unterrichtet werden, und deren Lehrprogramm dem.-; der zionistischen Schulen Palästinas entspricht. Diese Schulen sind aber nicht ausreichend." Die Kommission beschloß daher die Gründung eine neuen hebräischen Schule im 'Zentrum "der Stadt, wo die meisten jüdischen Flüchtlinge wohnen. An der Spitze dieser Schule wurde der Direktor des Gvmnasiums in Jaffa, Dr. Bogratschow, gestellt und als Lehrer der Schule wurden , palästinensische Pädagogen angestellt. Die palästinensische Jugend gründete einen hebräischen Klub (bet-wand iwri) und eröffnetc hebräische- Abendkurse für Erwachsene. - Die vom Klub veranstalteten hebräischen Vorträge von Dr. Bogratschow (Quellen für Palästinakunde) und von Dr. Lurie (Altägyptische Kultur! zogen eine große Zahl Zuhörer an. Der vom Klub gegebene literarische Chanukah-Abend erfreute sich eines regen Interesses auch seitens der einheimischen Juden, die bisher der modernen jüdischen Kultur völlig ferngestanden waren. * Tn der „Jüdischen Rundschau" schreibt mit Bezug darauf B. "Krupnick: ,. . . . Alexandrien! Dich kennen wir von den Zeiten des zweiten, Tempels, ein Prototyp des assimilierten, apologetischen Missions- und Anatomiejudentums, des allegorischen" ATs-ob-Tudentums, das wohl vieles Jüdische ins’„Alf-. weltliche“ übersie+zte. nichts Allweltliches aber ms Eigene, — der Sinai des „mosaischen Glaubens“, kosmischen-Weltbürgertums! Nun bist du gesühnt. Nun ist eine Schar Juden aus Asien gekommen, denen nichts HelleniSch-Alexandrinisches fremd ist, denen cs aber jüdisch, hebräisch, palästinensisch verwandelt wurde, die ohne iede Allegorie stolz' auf ihr Sosein sind und sich klare Rechenschaft von ihrem Hiersein abgeben. _ Und diese Schar wurde von Aegypten als "Au-’ torität in Lehens- und Lehrweise anerkannt. Und' wenn diese Schär einst „ausziehen“ wird, wird sie eine Erbschaft hinterlassen, die stark genug sein wird, um kraft ihrer Echtheit der Imitation Herr zu werden . . . Mögen aber die europäischen Alexandrien die Lehre ziehen, 'wie ein Tropfen markiger. Kultur zu wirken vermag. Sie, die sich1 je nach Zuständigkeit mit jeder Bodenkultur assimilieren, ■ können eines Tages auch dieser Assimilation verfallen, der Assimilation an die Erez-Israel-Kultur. Denn der Weg von Asien nach' Europa ist unter Umständen und für Ideen leichter als der; nach' Afrika. Der Wind wird Körner aus unseren Plantagen in Erez-Israel bringen. Manche Saat wird dadurch aufgehen.“ flufruf. Wir wenden Uns in schwerer Zeit an alle Mitglieder der Zionistischen Organisation mi+'der Mahnung, durch Erfüllung der zionistischen Pflichten für den Fortbestand der Organisation zu sorgen. Der Ausbruch des Weltkrieges mit allen seihen Begleitumständen hat unsere-"Organisation selbstverständlich schwer (erschüttert, aber ihre Grundlage hat er unangetastet gelassen. Die Kraft der Zionistischen Organisation liegt in der Einheit des iüdiscuen Volkes und im Willebi der Zionistischen Bewegung, dem heimatlosen iüdischen Volke die Heimat und damit die nationale Zukunft zu schaffen. Der Zionismus, der in Hunderttausenden unserer Volksgenossen lebendig ist, kann durch kein Ereignis entwurzelt werden, darum muß auch die Zionistische Organisation, das große Werk -Theodor Herzls, alle Gefahren überdauern.' Gesinnungsgenossen! In dieser schweren Zeit hedarf es! der äußersten Kraftanstrengung aller Zionisten, wenn wir die Zionistische Organisation als das Instrument erhalten wollen, durch das sich das jüdische Volk seine nationale Zukunft erringt. Darum fordern wir von jedem einzelnen Zionisten, daß er seine Zionistische Pflicht erfüllt. Die Zionistische Organisation ist auf dem Schekel aufgebaut. Wenn sie ihre Größe erhalten soll, wenn sie nicht in -einer Zeit Versagen soll, in der ihr Aufgaben von weltgeschichtlicher TV-dentung gestellt sind, raub ieder einzelne 'Zionist dafüir sorgen, daß die Zahl der Schekel. ■ die von der Größe unserer Organisation Zeu"Tus ablegt, auch unter noch «o Schwierigen Verhältnissen -nirfit sinkt. Wer den' Zionismus als Lebensnotwendigkeit' des jüdischen Volkes fühlt, hört aut unsere Mahnung: Sammelt den Schekel! Die Sammlungen für den Schekel müssen mit aller Energie fortgesetzt werden. Schekelblocks sina ffi- Oesterreich vom W:ener Zentralbureau, Wien, II. Zirkus'gasse 33, zu beziehen. , Das Engere Aktions-Komitee der Zionistischen Organisation. O. Wartung. Bus Ser jüöisrtien Welt. Wie die „Alliance“ mitteilt, hat die Leitung der holländischen Abteilung dieses Allgemeinen jüdischen Verbandes eine Komission " ernannt, welche mit Delegierten der folgenden in Holland seßhaften Körperschaften zu einer Konferenz Zusammentrat.: der zionistischen Organisation, der iüdischen territorialen Organisation (Ito> und des Iüdischen internationalen Emigrationskomitees. Diese Versammlung faßte folgenden Beschluß: „Erwägend., daß zur Aufhebung der Rechtsungleichheit, worunter die. Juden in vielen Ländern leiden, und zur Förderung ihrer übrigen Leben'sinteressen ein gemeinschaftliches Auftreten der oben .genannten; in Holland seßhaften Organisationen als* erwünscht erachtet wird, um — wenn möglich unter Vereinigung mit gleichartigen in anderen Ländern bestehenden Korporationen — bei Beendigung des! Weltkrieges eine kräftige 'Agitation im oben umschriebenen Sinne vorzubereiten, besthließt sic. an .der Errichtung eines Komitees mitzusrteiten, das aus Delegierten der genannten in Holland seßhaften iüdischen Organisationen bestehen und die gemeinschaftliche Vorbereitung und Förderung der erwähnten Aktion zum Ziel haben soll.“ Nach dem türkischen Abend, fand am’ 20. April in Berlin ein vom ,.S ch u t z v e r bä n d deutsch^ r Schriftsteller“ veranstalteter ..T id is ch c r A b e n d“ unter Mitwirkung von Lili Fred. Leo OoKanin. Dr. Hein„ nch Löwe, Hermann Struck -und Dr. Carl Schwarz state In der Einladung zu diesem Abend schreibt der Schnte„„rband: ,/,Die Ostiuden, - deren Mütter-nrac1-“ das Jidisdte ist, machen einen beträchtlich"" Tpji der Bevölkerung in Lithauen, Russisch-Polen und Galizien aus. Die grausamen Verfolgungen und Qualen, denen die jüdische Bevölkerung in diesen Landesteilen - seitens! der russischen Gewalthaber während des Krieges wieder ausgesetzt war, haben ihr das* allgemeine Mi+gefüh1 zugewandt. Mit dem Interesse, das dadurch bei uns für diese Juden erwacht ist, wird die allgemeine Aufmerksamkeit aut die sonderbare Erscheinung gelenkt, daß wir bei ihnen unsere deutsche Muttersprache in einer. Form, die Vielfach aus dem' Mittelalter s+ammt, als1 Kulturdenkmal, wiederfinden. Einen Begriff von dieser Sprache zu gehen und Proben daraus! durch erste Künstler vortragen zu lassen, in Lichtbildern die bildende "Kunst der Ostiuden zu zeigen, sowie die gesamte Kulturerscheinung historisch zu erklären, soll die Aufgabe des ostjüdischen (jidischen) Abends’ sein.“ Die "Einladung war gezeichnet' von einem Ehrenausschuß, b"steh"urf aus Professor Dr. Wal-' ther Amelung, Dr. Joseph Bloch, Raut Block,