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Jüdische Zeitung · 1916-03-17 · 11 (17.3.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
11 (17.3.1916)
Date
1916-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE MUHE SMC NRTIDNFIL -JÜDISCHES ORGAN rmrmw Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ** reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. m .g Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 11 Wien, Freitag, den 17. März 1916 — 12. Adar II 5676. X. Jahrgang. Wien 12. April 1916 8 Uhr abends Voranzeige! Jüdischer Liederabend Lieder und Dichtungen Unter Mitwirkung hervorragender Künstler und Künstlerinnen. Mittlerer Kpnzerthaus- Saal Oie polninhe Judentrage. So heißt die neue im Berliner Verlag Stilke edierte Broschüre Binjamin Segels. Wenn es wahr ist, daß der Krieg alles Gute und Schlechte zur Vollendung treibt, dann stellt diese Broschüre das Niedrigste dar, was je ein Jude gegen Juden geschrieben. Segel, ein Lemberger, der in Berlin wohnt, bekämpft das dortige „Komitee des Ostens“, um darzutun, daß dessen Ziel, als Gegenleistung für die Förderung der Interessen Deutschlands den polnischen Juden „völkische Rechte“ zu si - ehern, eine Schwere Gefahr für die Schützlinge des Komitees bedeute. Diese Ansicht zu verfechten, wäre Segels gutes Recht und mag Sich das Komitee diesfalis nur selbst verteidigen, doch welch schmutzige Mittel der Tatsachenentstellung, Verleumdung und persönlichen Beschimpfung müssen Herrn Segel dienen! Zunächst stellt er das Komitee als ein Organ der zionistischen Partei hin, wozu ihm der Umstand hilft, daß der Komiteevorsitzende Dr. Oppenheimer und zwei Mitglieder desselben, Dr. Bodenheimer und Dr. Friedemann, Zionisten sind. Dabei Weiß Segel sehr gut, daß diesem Komitee Mitglieder all er jüdischen Parteien Deutschlands angehören und daß die Mitwirkung der drei Vorgenannten von allen maßgebenden zionistischen Faktoren geradezu mißbilligt worden ist. Doch Segel kann und will auf das bequeme Mittel nicht verzichten, die Wut der Polen und zugleich die aller uninformierten Assimilanten gegen den. Zionismus zu lenken und diesen verächtlich zu machen. Ist er doch nach Segel „die Bewegung, in der man den Schekel — schuldig bleibt!“ Und nun zu den persönlichen Beschimpfungen! Bodenheimer nennt er „ein gutes Pferd“, Friedemann einen „Leichenmars'chall“, weil er die Leichen der dank seiner Politik zu erschlagenden polnischen Juden am Gewissen hat, von dem Arzt Dr. Witkowsky, der sich erlaubt hat, einen Artikel zur Ostjudenfrage in der „Jüdischen Presse“ zu schreiben, wird wiederholt ausgesagt, er sei „mit der Klystir in die Politik gesprungen“ u. s. f. Ein Leitmotiv, das zu variieren Segel nicht müde wird, ist die Behauptung, daß es für die polnischen Juden eine Schwere, ja blutige Beleidigung Sei, sich' in ihre Angelegenheiten und Entschjießungen von irgend einer anderen Sorte Juden etwas dreinreden zu lassen. Die im Westen, Berlin und Wien, Seien krasse Ignoranten in jüdischen Dingen, und die aus Rußland und Lithauen seien mehr,-minder bewußte Organe der zaristischen Teufelspolitik, Juden und Polen aufeinanderzuhetzen. Habe man doch vor 1867 selbst die galizisChen Juden als „K. k. Hetzhunde“ gegen die Polen mißbraucht. Wenn nun Kaplun-Kogan und Nachum Goldmann in ihren Broschüren und Artikeln für die nationale Autonomie der Juden in Polen Argumente vorgebracht haben, sind die in Segels Augen von vorneher dadurch entwertet, daß er Kogan immer wieder, „aas Sukinsynow oder auch aus Sobakowka. im tiefen Rußland“ und Goldmann „aus Knipischok oder auch aus Eisischok in einem verlorenen Winkel Lithauns“ herstammen läßt. Also Segel läßt nicht einmal die Union von Lublin gelten, welche doch Lithauen an die Krone Polens gebracht hat. Damit sind die sachlichen Gründe Segels freilich noch nicht erschöpft. So bekämpft er die Forderung der Gleichberechtigung von Hebräisch oder Jidisch in Schule, Gericht und Amt, wie folgt: „. . . . Ich kann mich nämlich! nicht entsinnen, daß einer oder der andere galizische Jude es jemals drückend empfunden hätte, daß. keine hebräische Aufschrift über gewissen Türen in den Bahnhöfen prunkte ..“ oder meint er voll Ironie: „. . . . Ich verlange eine nationale Jargonfeuerwehr! Nun wohne ich im dritten Stock, in den unteren Etagen hausen Fremdsprachige, Ruthenen und Polen. Wenn bei mir Feuer ausbricht, so rufe ich mir die Jargonfeuerwehr herbei. Sollte aus Versehen eine anderssprachige herbeieilen, schicke ich sie heim, denn ich ziehe es vor, zu Asche zu verbrennen, als daß ich mich von einer fremdsprachigen Feuerspritze retten ließe und meinen lieben Jargon verleugnete . . . .“ Die Russen waren nach Segel immer schlimm gegen uns Juden, die Deutschen Im Grunde auch1, nur die Polen sind brav. Segel erhärtet das und fügt bei: . . . Wir galizischen Juden im besonderen kennen die Männer des Obersten Nationalkomitees in Krakau ebenso wie die Mitglieder des Polenklübs in Wien aus ihrem langjährigem öffentlichen Wirken, und keinem Vollsinnigen könnte es einfallen, diese Männer zu verdächtigen, daß Sie die Gleichberechtigung der Juden anzutasten fähig wären.“ Da es nun doch Juden gibt, besonders Zionisten, denen es einfällt, sie hätten schon bisher von dieser Gleichberechtigung nicht viel gesehen, fühlt sich Segel berufen, diese Elenden, „die mit ihrem unjüdischen, heidnischen Hab das {Klinische Volk vor der Kulturwelt verleumden“, öffentlich zu brandmarken. Und so geht es fort auf 160 Seiten. Wo nimmt Segel all die Galle her? Er selbst klärt schließlich dies Phänomen restlos auf: „Glaubt jemand, daß wir ruhig Zusehen würden, wie eine Handvoll verkäuflicher Schufte unser Volk auf die Bahn der Ehrlosigkeit, in den Abgrund der Schande verführte und den jüdischen Namen mit ewiger Schande bedeckte? . . . Also verkäuflich! Man liest Segels Broschüre mit Vorteil und legt sie mit dem Entschluß aus der Hand, ehrliche Gegner unserer Idee fortab mit mehr Duldung und Achtung zu behandeln. Dr. Egon Zweig. Oie neue Qumasession uni die alten Klagen. Die Kriegstagungen der russischen Reichsduma bringen mit sich1 regelmäßig Judendebatten, die schwerwiegende Anklagen gegen die Regierung, und ihre Verwaltungsorgane enthalten. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, wie der i.iann, der dort zeitweilig am Ruder ist, heißt. Ein Personenwechsel hat in Rußland nichts, auch nicht das geringste zu bedeuten — wo es sich um die Juden handelt. Mag wer immer Minister sein, das System, das den Juden gegenüber angewandt wird, ist und bleibt dasselbe: Verfolgungen und Pogrome niedrigster Art. Oftmals spielen die Ansichten des Ministers in der Judenfrage keine Rolle, da es in Rußland be-- kanntermaßen nicht auf die Regierungszirkulare, sondern vielmehr auf deren Auslegung ankommt. Und dazu ist jeder Gouverneur, sogar jeder Pristaw berufen, wobei überdies mit einer Kopflosigkeit sondergleichen vorgegangen wird. Am besten wird dieselbe durch ein Beispiel der letzten Tage illustriert. Nach den „Birschewja Wjedomosti“ stellte nämlich der Pristaw des zweiten Polizeireviers in Petersburg unter dem 3. Dezember 1915 der Tochter des erblichen Ehrenbürgers Lurie einen Passierschein Nr. 73017 aus, wonach Scheina-Eta Abramowna Lurie die Weisung erhielt, sich sofort, und zwar ohne unterwegs Nachtaufenthalt zu nehmen, nach1 Wilna zu begeben und sich nach; Ankunft am1 erwöhnten Orte unter Vorzeigung dieser Urkunde bei der dortigen Polizei-Direktion zu melden. Gleichzeitig wurde ihr mit der Ausweisung im Etappenwege angedroht, falls sie sich „aus freien Stücken nicht unverzüglich nach Wilna begeben sollt e“. Die „Birschewja Wjedomosti“ schließen diesen interessanten Bericht mit folgender ironischer Bemerkung: „Der Befehl ist klar und kategorisch. Da nun Scheine-Eta Lurie nicht nach Wilna gefahren ist, so wird es wohl nötig sein, daß die militärische Etappe die polizeiliche Verfügung unter Nr. 73017 zur Ausführung bringt.“ — — In der kürzlich wiedereröffneten Duma hielt der jüdische Deputierte Friedmann abermals eine längere Rede, die zum Teil von der Zensur inhibiert wurde. Aus dem zurückgebliebenen Teile derselben, den wir nachstehend auszugsweise wiedergeben, kann man schließen, wie schwerwiegend das gestrichene Tatsachenmaterial und wie himmelschreiend die gegen die Juden begangenen Verbrechen gewesen sein mußten. Friedmann erklärte: „Nach der Einnahme des größten Teiles der Ansiedlungsgebiete durch die Deutschen begann die Regierung, den- Juden kleine Erleichterungen zu bewilligen. Dieser scheinbare Früh- I i n g hat nicht lange gedauert. Daß der ehemalige Führer der äußersten Rechten Minister des Innern Wurde, hatte für die Juden symptomatische Bedeutung. Die Administration schritt

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