Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 52 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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I KXXX NRTIDNF1L -JUDI5CHE5 DRERN rmrmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATONÄÜFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden B _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abormemenstspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 3.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. B Nr. 52. ——sssssssm Wien, Freitag, den 31. Dezember 1915 — 24. Tebeth 5676. IX. Jahrgang. Bn unsere Geser. Mit ihrer nächsten Nummer tritt die /„jüdische Zeitung“ in den zehnten Jahrgang. Grüß waren die Schwierigkeiten, die sich ihr in’ den ersten Kriegsmonaten in den Weg stellten. Wir haben es jedoch an Mühe •und/Opfern nicht fehlen lassen, um unser Organ", regelmäßig, wenn auch in vermindertem Umfange erscheinen zu lassen. Im' Läufe dieses Jahres wurde auch der informative Teil unseres Blattes ausgestaltet, ■wodurch wir. trotz der Einschränkung des Raumes in den Stand gesetzt sind, unsere Leiser;- üjber: .alle wichtigen Erscheinungen des jüdischen Lebens auf dem Laufenden zu halten. Wir hoffen, daß" unsere Leser und Freunde diese /unsere Bemühiingen vollauf /würdigen und durch Werbung von Abonnenten ihrer Erkenntlichkeit Ausdruck verleihen werden. Wir ersuchen diejenigen Abonnenten, deren Abonnement, äbgelanfen ist, um Erheiterung desselben, damit in der Zustellung der „Jüdischen Zeitung“ keine Unterbrechung eintrete. : Der Bezugspreis beträgt: für 7i Jahr K 10.— „ 7* Jahr K 5.— ./v/;.vvv ‘A Jahr .K; 3-; . ■"'Redaktion und Administration der - „Jüdischen Zeitung.“ Wien, il. Zirkusgasse 33. Uoseri Pflidit gegen Falistina.*) * in dem Augenblick, da der Weltkrieg über eine Million; Juden. Von / ihren Wohnstätten fortgerissen und in alle Himmelsrichtungen zerstreut hat, da die verzweifelten Hilferufe von Greisen, Kindern und Frauen aus. Polen, .Lithauen und anderen Ländern sofortige Unterstützung verlangen, in dem Augen-, blick, da alle diejenigen, die in den Wirbel der Ereignisse noch nicht hineingerissen sind, ihre etzten Kräfte aufbieteh, um diese Hilfe zu bringen, — gerade in diesem Augenblick halte ich es für meine Pflicht, die Aufmerksamkeit aller auf ein kleines Häuflein unserer Brüder zu lenken, das sich weitab vom Mittelpunkt der Weltereignisse befindet; auf die Juden in Palästina. Die Anzahl der palästinensischen Juden ist winzig im Vergleich ,mit den großen jüdischen Massen, die von/dem Krieg in Europa heimgesucht worden' sind. Man-kann auch die Notlage der ersteren mit dem Unglück der letzteren, nicht, /vergleichen. Wenn ich dennoch mit ruhigem Gewissen die Aufmerksamkeit gerade auf, die Juden in Erez Israel lenken will, so geschieht es, weil man an verschiedene historische Erscheinungen in verschiedener; Weise herantreien muß. In, der allgemeinen Geschichte sowohl wie in unserer eigenen gibt es . ,/ ■' \ °\ *) Aus„JewreiskajaSchisn“ — Moskau. " -* Beispiele dafür, daß, wenn in einer Zeit zwei Ereignisse eintraten, von denen das eine den Menschen jener Zeit groß, gewaltig und mächtig vorkam, das andere aber klein und unwichtig, daß /es sich'dann im Laufe der Zeit herausgestellt hat, daß das große Ereignis zus_ammen mit jenen Menschen spurlos unterging, während das. andere Folgen hatte, die für das Schicksal des Volkes bestimmend waren. . * . I i i Auch heute haben wie, die volle Oberzeugung, das gerade in den Anfängen der zionistischpalästinensischen Bewegung die zukünftige Umwandhipg desiviggEnzen Lebens der jüdischen Natiari ehthälten ist, und nicht in jenen gewaltige^' Geschehhissen, die heute das jüdische Leben erschüttert haben. Die Ursache ist offenbar. Im Verhältnis zu Palästina sind wir die Arbeitenden, die Schaffenden, das aktive Element, wir machen allein unsere Geschichte. Im großen Galuth dagegen sind wir ein passives Element, d. h. andere machen unsere Geschichte für uns. Die historische Lebensbahn eines Volkes wird aber stets und immer duroh die aktive Kraft und nicht durch die passive bestimmt. Die Lage der Juden in Erez Israel ist äußerst schwierig. EsTst richtig: die*! palästinensische judenheit ist aus ihrer Stätte "nicht herausgerissen worden; von den hunderttausend Juden in Erez jsrael sind nur 8000 ausgewandert, fast alle mit ihrem freien Willen und fast ausschließlich diejenigen Elemente, die mit dem Lande noch nicht verwurzelt waren und die Fäden zur alten Heimat noch nicht gerissen hatten. Unser Bodenbesitz in Erez Israel, diese 40 Vorposten für unser Wiederaufleben, sind nicht angetastet worden, nach unseren Wohnstätten hat sich niemandes Hand ausgestreckt unsere .Schulen sind nicht geschlossen. Aber der wirtschaftlichen Schlag,/ der das Land getroffen hat wird lange fühlbar sein. Allzustark ist er für unser junges Kolonisationswerk. Millionen jüdischer Flüchtlinge Hilfe zu leisten ist eine Tat edler Menschlichkeit und Nächstenliebe; hunderttausend Juden in Palästina zu /helfen — ist eine Tat treuer nationaler Pflichterfüllung- Das Gefühl für Nächstenliebe und Barmherzigkeit ist jedem Menschen verständlich, Insbesondere den Juden, die sich hierdurch von alters her auszeichnen, aber das Gefühl nationaler Pflichterfüllung, das ist schon nur einzelnen zu eigen. Bei uns Juden ist dieses letztere Gefühl zu unserem Ünglüdc stark eingedä*nmt worden. Wir müssen zu unserm Schmerz feststellen, daß während eines ganzen Kriegsjahres die Juden, sogar die Zionisten, ihre Pflicht Palästina gegenüber nicht voll und ganz erfüllt haben. Zwei Millionen notleidende Flüchtlinge, das bedeutet zwei Millionen unserer leidenden Brüder, aber hunderttausend Juden in Palästina, das sind die Avantgarde der ganzen Judenheit in ihrer historischen Entwicklung: das Judentum nach dem ersten Exil hat sich nicht aus den Millionen Juden entwickelt, die in Babel gelebt haben, sondern aus den 42.000, die nach Palästina zurückkehrten. Gerade so einen Augenblick erleben wir Jetzt Palästina verlangt von uns klar und bestimmt eine Antwort auf die Frage: Ist unsere dreißigjährige Arbeit in Erez Israel nur philantropische Arbeit gewesen, oder ist sie vollbewußte, politisch-nationale Arbeit? Wir können uns um die Beantwortung dieser Frage nicht herumdrücken. Unsere Pioniere in Palästina haben uns in ihrer großen Mehrzahl eine Antwort gegeben, sie haben ihre politische Reife bewiesen. Jetzt ist die Reihe an uns! M. M. Ussischkin. RnaSsdno. Die Judenverfolgungen in Finnland. Nachrichten ausi Finnland behaupten, daß die finnischen Behörden auch jetzt, trotz der Neuerung, welche die rechtliche Lage der Juden in Rußland erfahren hat, den Juden nicht erlauben, sich in Finnland niederzulassen. Juden, die kein „Wohnrecht“ besitzen, werden noch wie immer festgenommen, unter polizeilicher Bewachung nach den Bahnhöfen geführt und in die „Heimat“ abgeschoben. Sogar Juden, die immer in Finnland Wohnten, dürfen auch' innerhalb Finnlands nicht ohne besondere Erlaubnis von einer Stadt in die andere reisen. Juden, die das „Wohnrecht“ in einer der drei größten Städte Finnlands ,—. Wiborg, Helsingfors oder Abo — haben, müssen jedes halbe Jahr ihr -Wohnrecht tcmeuera und sich eine neue Bescheinigung — Wistelsbilet — ■usstellen lassen. Diese Bescheinigung kann ihnen auch jederzeit wieder entzogen werden, worauf sie sich sofort ins „Imperia“ zurückbegeben müssen. jeder Jude muß, sobald 'er ein bestimmtes Alter erreicht hat, das Land verlassen; wer eine Jüdin, die kein Wohnrecht besitzt, heiratet, wird sofort ausgewiesen. Solche und ähnliche phäraonische Gesetze sind noch heute unverändert in dem unterjochten Kulturland Finnland in Kraft, obgleich Rußland selbst seine Wohnrechtsgesetze schon am 4. August aufgehoben hatte. Dabei wohnen in ganz Finnland nur 200—223 jüdische Familien, welche für eine Bevölkerung von 3 Millionen wirklich keine Gefahr bilden können. Und das alles in einem so modernen Lande, in dem die aktive Gleichberechtigung der Frau schon durchgeführt ist und in dessen Parlament die Sozialisten ein Drittel der Deputierten bilden. Eine traurige Lebre wahrlich für alle unsere Radikalen. die einzig vom Fortschritt der Anderen das jüdische Heil erhoffen! Fürwahr, gegen den Antisemitismus bietet auch ein selbst in Unterdrückung schmachtendes Volk' keine Garantie. * * Ein nicht beabsichtigtes Geständnis. Es ist allgemein bekannt, welchen Chikanen und Verfolgungen die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien in Ungarn ausgesetzt waren. Es ist auch ein offenes Geheimnis, daß dies unter Mitwissen und in manchen Fällen sogar nuf direktes Betreiben der „offiziellen“ magyarischen Juden geschehen ist. Allerdings fehlen bis jetzt die Belege für diese schwerwiegende-Beschuldigung, was die offiziellen jüdischen Kreise Ungarn» auszunützen wußten, [um diese, fa Abrede zu* stellen. Nun kam die Debatte im ungarischen Parlamente in Angelegenheit der Preistreiberei, in die auch einer der Säulen des offiziellen, ungarischen Judentums, der bekannte Führer der demokratischen Partei, Atog. Dr. Wilhelm V a s z o n y, eingegriffen hatte; In dieser seiner Rede suchte Dr. V aszony den gegen ihn vorgebrachten Vorwurf, er habe die „galizischen Wucheret“ verschont, durch folgende Erklärung zu 'entkräften: „ich bitte ireim Bürgermeister diesbezüglich nächzuf rage n, der Innen auch bestätigen wird* daß ich ihn ersucht habe, unsvon den uns unangenehmen Gästen schleunigst zu befreien“ ....