Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 32 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE Z0TUNG X.-K-: NRTIDNRL -JÜDISCHES DREFtN WM 'Trrum Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« nVn ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ täglich von 11_12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk 3— Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075.® 32. Wien, Freitag, den 18. September 1914 VIH. Jahrgang I David Wolffsohn.*) In diesen schrecklichen Tagen, in denen der Tod in jedes Haus tritt, trifft uns das Ableben David Wolffsohns jäh, wie ein Wetterschlag. Wir lesen die Nachricht, die Tausende von Menschen in ruhigen Zeitläufen im Innersten ergriffen hätte, und brauchen einige Zeit, um uns des großen Verlustes bewußt zu werden, den die zionistische Organisation, das gesamte jüdische Volk erlitten hat. . . Aus kleinen Anfängen, in bitterster Not hat sich David Wolffsohn durch eigene Kraft zum angesehenen Mitglied der Kölner jüdischen Gemeinschaft emporgearbeitet. Aus dem Jüngling, der den Schrecken Rußlands entlief, ist einer der Führer des Galuth geworden, ein aufrechter starker Mann, der Mann, der sein Judentum als eine Selbstverständlichkeit empfand und tief in der Seele den Stolz trug, dem adeligsten der Völker anzugehören. Er war in den Stürmen des Lebens _zuleinem Mann aus Stahl jmd _Esen herangereift, von einem messerscharfen Verstand, der ihn in jeder Frage das Unwesentliche augenblicklich erkennen und sondern ließ. In jedem von uns hat der Zionismus eine Wandlung des Wesens hervorgerufen. An keinem Mann war dies so sichtbar wie an David Wolffsohn. Er hat alle Stadien der nationalen Entwicklung durchgemacht. Ursprünglich „Chowewe Zion“ trat er als einer der ersten in die Reihen der von Natter und Cremieux geschaffenen Alliance Israelite Universelle und schloß sich dann mit der ganzen Kraft eines heißen Temperaments Theodor Herzl an. Er war ein schlichter Holzhändler, der im kleinen Freundeskreis ein geschätzter Berater, aber auch nicht mehr war. Aber als ihn nach Herzls Tod, in der bittersten Stunde unserer Organisation, das Aktions-Komite zum Führer wählte, wurde David Wolffsohn über Nacht zum Führer. Er war plötzlich ein hinreißender Redner, beherrschte alle die Fragen, die in einem so vielfach zerstaffelten Organismus entstehen, kannte die Verhältnisse in allen Länderorganisationen und — unterstützt von einem wundervollen Gedächtnis — alle Menschen, die bei uns an irgend einer leitenden Stelle stehen. In dem Augenblicke, da wir dies schreiben, ist es unmöglich, David Wolffsohns Bedeutung für unsere Sache auch nur einigermaßen zu ermessen. Er hat viele Gegner gehabt, aber keinen Feind. Und ihm wurde das schönste zuteil, das dem im öffentlichen Leben Kämpfenden zuteil werden kann: er hatte Freunde, die für ihn durchs Feuer gingen. Mitten im Kriegslärm hat er die Augen geschlossen. Er hat noch die Heere des wirklichen Europa gegen den Zarismus aufmarschieren gesehen und sich gefreut, so viel jüdische Jugend an diesem Kampf teilnehmen zu sehen. Er hat dieses freudige Gefühl im abgemüdeten Herzen gehabt als er starb. Und schied, in der Hoffnung auf ein besseres und freieres Judentum, von uns. Kurz vor Redaktionsschluß erhalten wir die telegrafische Nachricht, daß David Wolffsohn in Homburg seinem Herzleiden erlegen ist Unser Aufruf. Der Aufruf, den die Exekutive der Jüdischnationalen Partei in Österreich erlassen hat, findet in gesinnungsgenössischen Kreisen ungeteilte Zustimmung. Allenthalben wird betont, daß er eine im eminentesten Sinne politische Kundgebung darstellt. Von glühender Liebe zu Kaiser und Reich sind wir wie alle österreichischen Juden seit jeher beseelt, und was wir diesbezüglich zu sagen hatten, stimmt mit den vielen anderen Kundgebungen der Juden in der Monarchie überein. Was aber die besondere Note unseres Manifestes bildet, ist die aus unserer politischen Auffassung heraus betonte Stellung-!: nähme: Wir nationalen Juden, die wir die*' Judenheit nicht bloß als eine Glaubensgemeinschaft ansehen, sondern als ein V o 1 k, kennen — im scharfen Gegensatz zu den Assimilanten — kein höheres Ziel, als für den Fortbestand und die Entwicklung dieses unseres Volkstumes einzustehen. Für diese Bestrebungen hat unser Vaterland schon bisher Gewähr -geboten. -Wir erinnern an die Gründung unserer nationaljüdischen Partei, an das Bestehen nationaler Vertretungen im Parlament, im Bukowinaer und bosnischen Landtag, an die wirtschaftlichen und kulturellen Arbeiten, die wir in Österreich zum Wohle unseres Volkes, zu seiner körperlichen, geistigen und sittlichen Kräftigung vollbringen konnten. Unser Staat, der allen ihn bewohnenden Nationen das Recht und die Möglichkeit freier Entwicklung zu geben berufen ist, weil hierin die unerschütterliche Grundlage seines Fortschreite ns besteht, gibt und wird mit Naturnotwendigkeit in immer größerem Maße auch unserem Volke diese Freiheiten geben. So knüpft uns an unser Vaterland nicht nur die unverbrüchliche Anhänglichkeit und dankbare Treue, sondern auch noch die erwartungsvolle Überzeugung, daß eine freie Entwicklung als Volkskörper den Juden der Diaspora gerade in der Monarchie beschieden sein wird. Nicht erst jetzt sagen wir das! Seit dem ersten Auftreten unserer, der jüdischnationalen Partei in Österreich — also seit bald 10 Jahren — haben wir in unserem Programm, in Artikeln und Reden immer und immer wieder betont, daß die Juden eigentlich — ohne einem andern Volk im mindesten nahetreten zu wollen — die staatstreueste Nation Oesterreichs sind, denn das Volksinteresse der österreichischen Judenschaft ist eben mit dem österreichischen Staatsinteresse unauflöslich verknüpft. Mit größtem Nachdruck vertreten wir es darum gegenüber jenen Juden, welche heute noch in fremdnationalen Lagern stehen und streiten: wenngleich wir nationalen Juden die Freiheitsbestrebungen der Polen, Ukrainer und welcherNationimmervonvornhereinmitunseren Sympathien begleiten, vor allem und in erster Linie gilt es, für die Freiheit unserer eigenen Nation zu kämpfen. Diese Freiheit können wir aber nur in einer großen, von der Idee unbedingter nationaler Gleichberechtigung getragenen Habsburgermonarchie verwirklicht sehen. Freiheit für uns und Freiheit für unsere jüdischen Brüder, die nun schon lange genug in der Folterkammer des Zarismus schmachten. Getrost; die siegreichen Waffen Oesterreichs sollen und werden auch Euch seiner Freude teilhaftig machen! Unser glühendes Mitempfinden begleitet unsere tapfere Armee, gewiß, daß jeder Jude der unter österreichischen Fahnen ficht, nicht nur seine Pflicht tun, sondern sein ganzes Sein < eihsetzen wird für Kaiser und Reich. Ein vergrößertes, verjüngtes I $.e st,e r r-e..i c h, dieser Traum der Vjü d i s.c h'n a t i o n a 1 e n, er wird vor unseren ^ugerij." uriil mit unserer begeisterten M'i t h i 1 f e zur W i r k 1 i G,h k e i t! OOIO) Wir entbieten allen Abonnenten und Freunden unseres Blattes anläßlich rwn unsere herzlichsten Wunsche. Die „Jüdische Zeitung“. XSXSXSXSXSimXSZ IS} Oie österpeiihistfien luden uni der Krieg. In diesen Tagen erweist es sich, daß die Juden die Treuesten unter den Treuen sind1. Keiner der österreichischen Nationen legt der Krieg so gewaltige Opfer auf, wie der jüdischen und kein Volk opfert und kämpft williger, als gerade das jüdische. Die ungezählten Massen jüdischer Offiziere und Soldaten verrichten Heldentaten, ihre Intelligenz und ihr Mut machen sie zu Kerntruppen der österreichischen Armee. In den Verlustlisten wimmelt es von jüdischen Namen und jüdische Namen sind es, die immer wieder auftauchen, wenn von bravurösen Einzelleistungen die Rede ist. Die Haltung unserer jüdischen Krieger erfüllt uns mrt Stolz. Mit ebensolchem Stolz aber können wir auf! das Verhalten der jüdischen Bevölkerung hinweisen. Es ist über jedes Lob erhaben. Allen voran stehen die v i e 1 g eschmäbten und vielvertästerten J.uden Galiziens. Sie sind die Blutzeugen der gewaltigen Kämpfe. Die offiziellen und privaten Berichte, welche wir vom östlichen Kriegsschauplätze erhalten, singen das Lob des Kaftanjudens. Der Kaftanjude gibt sein letztes her, um den durchziehenden Soldaten das Los zu erleichtern. Der Kaftanjude schützt sie vor Verrat, der Kaftanjude hilft, wo er nur helfen kann. An ihn wenden sich die militärischen Führer um Auskunft und Rat. Die Possenfigur des Kaftanjuden wird plötzlich zur Lichtgestalt inmitten dunklen Verrates. Unnennbares Elend hat der Krieg gerade über unsere galizischen Brüder ausgegossen. Was sie zu