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Jüdische Zeitung · 1915-05-21 · 20 (21.5.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
20 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NRTIDNRL -JÜDISCHES ÜRGRN MCg Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 20. Wien. Freitag, den 21. Mai 1915. IX. Jahrgang. Der Ruszug aus. Ungarn. Wir wiesen vor drei Wochen als erstes jüdisches Blatt in Oesterreich darauf hin, daß es den armen jüdischen Flüchtlingen aus1 Galizien in Ungarn nichts weniger als gut erging, daß die ungarischen Juden den heimatlosen Brüdern gegenüber ihrer Pflicht nicht nachkamen und daß ihre Ausweisung lediglich auf die Intervention einiger magyarisch-jüdischer Assimi- Janten, die sich auf der in ihren Kreisen so beliebten Hintertreppe an die maßgebende Regierung wandten, zurückzuführen ist. Dieser unser Standpunkt, der übrigens in seltener Einmütigkeit von der gesamten jüdischen Presse in Oesterreich und Deutschland geteilt und mit weiteren Daten belegt wurde, hat das berüchtigte Budapester Assimilantenblatt „E g y en 1 ö s eg“ veranlaßt, aus der Feder eines gewissen Dr. Fleischmann einen wutschnaubenden Leitartikel gegen die „Jüdische Zeitung“ zu veröffentlichen. Er nennt uns ein „pseudo-jüdisches österreichisches Organ mit dem Ton Luegers“, das, zornentbrannt gegen die „Magyaren“, der ungarischen Judenheit an den Leib rückt, wiewohl sie für die galizischen Juden ganz außerordentliches geleistet hätten. Für die Ausweisung seien die ungarischen Juden durchaus nicht verantwortlich, da diese von der Österreichis'chen Regierung verlangt wurde und dergleichen mehr. Herr Dr. Fleischmann interessiert uns und unsere Leser sehr wenig, er bildet aber all denen, tiie den „Mauschel“ studieren wollen, ein prächtiges Objekt ab. Wie schreibt n'ur Theodor Herzl? „Mauschel höhnt, schimpft, verläumdet und denunziert. Mauschel hat auch eiligst iein tückisches Sdilagwort gegen die Zionisten: sie seien jüdische Antisemiten.“ Ganz nach Mauschelart geht also Dr. Fleischmann vor. Er ist derart im magyarischen Assimilantenwahn befangen, daß er annimmt, Wir halten ihn und seinesgleichen für „Magyaren“ und bekämpfen ihn in unserer Eigenschaft als „Oesterreicher“. Als ob es in Wien Juden gäbe, die ihn als Magyaren ansprechen würden! Uns geht es lediglich um die jüdische Sache und indem wir rücksichtslos die Wahrheit aufdecken, handeln Wir im Interesse unserer galizischen Brüder, die wir als Brüder und nicht als Unterstützungsobjekte ansehen. Die Lügenhaftigkeit des von Dr. Fleischmann vorgebrachten Materials bezüglich der Opferfreudigkeit der ungarischen Juden den Flüchtlingen gegenüber hat unser Budapester iBruderblatt „Zsido Szemle“ eingehend nachgewiesen, es erübrigt sich also hier darauf, wie auch auf die lächerlichen Vorwürfe näher einzugehen, die österreichischen Juden tun gar nichts für die Flüchtlinge, sie verlassen sich gänzlich auf die staatliche Fürsorge und der österreichische Staat hätte die Ausweisung der Flüchtlinge verlangt. Fürwahr, unsere Gesinnungsgenossen in Ungarn, die den Kampf gegen die verlogene Assimilation führen, haben keinen leichten Stand. Aber die Gesundung der ungarischen Judenheit ist nur möglich, wenn Preßorgane, wie „Egyenlöseg“, das jahrelang gegen die galizischen Juden gehetzt hat, und „jüdische“ Publizisten, wie Dr. Fleischmann, vom Horizont des jüdischen Lebens verschwinden. Ludwig Batö. Das Eiasfto der enropäisAcn Zivilisation. Das Schewuothfest, das in diese Tage höchster politischer Erregung fällt, läßt uns nachdenken. Wir können nicht achtlos an Ereignissen vorübergehn, die das Antlitz Europas umgestalten werden, ohne hinter den äußeren Folgen und Tatsachen auch den inneren Sinn zu suchen. Mehr als zwei Jahrtausende baut Europa an seiner Zivilisation. Entwicklungen von den niedersten Anfängen bis zu ungeahnten Höhen sind erklommen worden und wenn man zurückschaut über wenige Jahrzehnte nur, dann ist es als müßte einem das Herz istille stehn vor Stolz, was da Memchen in heißem Ringen mit der Natur und sich selbst geschaffen, haben. Und doch sind in der letzten Zeit vor dem Kriege Stimmen laut geworden, die von der kulturellen Unfruchtbarkeit Europas sprachen und dem die Schöpferkraft'lies Orients entgegenhielten. Nicht allein in religiöser Beziehung, wo die Ueberlegenheit Asiens greifbar zutage trat und kirchliche Fortschritte im Westen eigentlich immer nur ein Zurückgreifen auf den echten, nur verzerrten Inhalt aus dem Osten bedeuteten. Man war auch auf das tiefste überrascht, die wahren Grundlagen der einigazrtigen antiken Kunst in den ■Trümmerstätten Mesopotamiens zu entdecken. Umsonst Sprachen die Verkünder des Ostens, die eine große umfassende Kulturgemeinschaft erkannten, die von Kreta bis Japan reichte, umsonst kämpften sie gegen den Größenwahn der indogermanischen Rasse, die sich als allein schöpferisch hinstellte und den anderen nur insofern Produktivität zuerkannte, als sie von arischen Elementen durchsetzt sind. Längst schon war von wissenschaftlicher Seite in diese einzigartige Ueberhebung Bresche gelegt worden, aber alles nutzlos: die Popularität Veranlaßte auch sonst namhafte Forscher, die längst unterminierten Weisheiten Chamberlainscher oder Woltmannscher Richtung durch wissenschaftliches Rüstzeug zu unterstützen. Wohl kamen auch Männer hinzu, die den inneren Bau der europäischen Gesellschaft untersuchten und kritisierten und schweren Herzens die innere Haltlosigkeit feststellen mußten, mit dem Bekenntnis, daß Europa nur auf technischem Gebiete Werte geschaffen, nur das alleräußerlichste Zusammenleben durch die Staatsform gestaltet habe, daß aber im Kerne eine Fortbildung des inneren Menschen nicht erfolgt sei: sinnlich sichtbare Veränderungen der Lebensformen entsprechen nicht wahre Fortschritte der Seele. Da enthüllte der Weltkrieg mit schmerzhaft greller Deutlichkeit den wahren Zustand Europas. Völker, die seit dem Eintritt in die Geschichte an der Spitze der Zivilisation gestanden, ließen sich nicht nur von einem wilden Taumel hinreißen oder zeigten eine Rauflust, die an ihre Urzeit erinnerte,, wo die rohesten Raubtierinstinkte wirksam waren, sie begründeten und bewiesen auch mit klarem, kühlen Verstände durch ihre Größten, daß dieser Krieg historische Notwendigkei: sei. Den Rausch der Pariser Boulevards, die Ausschreitungen belgischen Franktireurs, das W itgebrüll des Londoner Pöbels könnte man immerhin hinnehmen, obwohl man bei einer vielhundertjährigen Kultur doch eine Wirkung auf die Masse erwarten dürfte, aber die Rechtfertigungen der Leuchten der französischen Akademie, der englischen Wissenschaft dafür folgten auf dem Fuße. Es wird so manchen Kulturmenschen geben, den Maeterlinks, Verhaerens, Spittelers und vieler anderer Aeußerungen getroffen und verwundet haben. Und erst das Treiben jener großen Sozialreformer, die das messianische Reich der sozialen Gerechtigkeit heraufzuführen geprahlt hatten; zwei Namen sagen alles: Llovd George und Wodrow Wilson und dabei ist das Vorgehn Amerikas ein Kapitel für sich; es hat sich als echte Tochter des rein technisch oder rein zivilisatorisch orientierten Europa erwiesen. War eine Steigerung in diesem allgemeinen Zusammenbruch noch möglich, so haben wir ihn Italien zu verdanken. Ein aufstrebendes Reich, von seinen Bundesgenossen selbst mit Hintansezzung eigener Interessen in die Höhe gebracht, läßt sich von Leuten, deren Bestechlichkeit offen zu Tage liegt, von einer bekannt gewissenlosen Presse, von einigen pathologisch veranlagten Sensationshaschem an den Rand des Abgrundes bringen und bricht mit einer selbst in der europäischen Geschichte noch nicht erhörten Skrupellosigkeit seinen bisherigen Freunden die T reue. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird, nur daß Europa durch diese bodenlose Verworfenheit vor eine neue Entscheidung gestellt sein wird. Und charakteristisch für diese Zivilisation sind auch die Mittel der Abwehr und der Stolz, mit welchem auf diese Mittel als die größten Erzeugnisse des menschlichen Geistes: Zeppeline, Fliegerpfeile, Stinkgasbomben, Torpedos etc. hingewiesen wird. Zwar wird man nicht den Sieg der Zentralmächte als Zufall bezeichnen können, wohl aber hängt er von einer ganzen Anzahl von Zufällen ab. Und das ist dasselbe Europa, dessen stolze Wissenschaft so hochmütig und aburteilend auf den Orient herabschaute. Sicherlich, das Morgenland hat keine Wissenschaft, und vor allem keine wissenschaftliche Ethik ausgebildet. Der Vorwurf trifft. Aber weil die indogermanischen Gelehrten über lauter Technik und Systematik die Wirklichkeit übersahen und in ihrem Dünkel nicht bemerkten, daß in den heiligen Schriften der Bibel, des Zend-Avesta, der Veden und des Tao Te King wahre, echteste Sittlichkeit lebt und von den Menschen des Orients gelebt wird. Nicht neu, wohl aber sehr energisch formuliert war es, was Martin Buber in seinem Nachwort zu den „Reden und Gleichnissen des Tschuang-Tse“ sagte, als er im Okzident nur starres Gesetz, im Orient dagegen die Lehre fand; und dann Lehre kurz und bündig als das erklärte, was da „verwirklicht wird im reinen Leben.“ Das Schewuothfest läßt in uns diese Gedanken wieder wach W'erden, als der symbolischen Erinnerung an das Aufsichnehmen* jüdischer Ethik. Wir wollen nicht kleinlich einzelne Gesetze und Vorschriften herausklauben, die den weltenweiten Unterschied zwischen der arischen Schöpfungskraft, die allein zu herrschen berufen ist, und der minderwertigen orientalischen Rezenrivirip klarste1!^ könnte. E° 7e"ii'r* twrie, an die größte Tat der europäischen Zivilisation, den Staatsgedanken zu erinnern, der dem Orientalen mit so viel Pathos abgesprochen wurde, und an den Inhalt dieser stolzen Schöpfung zu denken. Mag sein, daß Eurona dem äußeren Zusammenleben unschätzbare Dienste geleistet hat, Kultur hat es nicht zu bieten vermocht. Dessen sei am Schewuothfest des Weltkriegsjahres gedacht. Zur Gage in Palästina. Mitte März sind in ganz Palästina, von Gaza bis Tiberias, ungeheure Schwärme der Wanderheuschrecke aufgetreten und haben sieh überall, auch fast in allen jüdischen Kolonien niedergelassen. Diese geflügelte Heuschrecke

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