Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 11 (19.3.1915)
- Date
- 1915-03-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 11 una die Sache so hinstellt, als ob mir die russischen Juden mit dem Regierur gssysteme der Knute unzufrieden wären und nur selbst die Schuld an den Pogromen, sowie überhaupt an allen ihren Leiden tragen. ln dasselbe Horn blast die „V i m e s“, deren Standpunkt in der „Judenfrage“ sich sehr wenig von der Petersburger „Novoje Wremja“ unterscheidet und die bereits seit Abschluß des russisch-englischen Bündnisses außer diesem nun den Antisemitismus in England eifrigst verfechtet. Auch Frankreich befindet sich unter der Hypnose Rußlands und speziell des russischen Antisemitismus; nur vereinzelte Publizisten in Paris, wie in London gaben die unwürdige Politik zu, welche Frankreich und England zu Vasallen Rußlands erniedrigte und gleichmäßig den Lebensinteressen dieser Staaten wie ihrer freiheitlichen Vergangenheit widerspricht. Ist es nicht geradezu unglaublich, daß die Flotte Frankreichs und Englands die Dardanellen beschießt, um Rußland zum — Besitze Konstantinopels zu verhelfen, obwohl sie vor Jahrzehnten dies durch den Krimkrieg zu verhindern suchten und auch jetzt bereits Differenzen zwischen London, Paris und Petersburg in dieser Frage bestehen. Jedoch nicht nur auf die Zertrümmerung der europäischen Türkei arbeitet die Entente los, sondern sie plant auch die Aufteilung der arabisch-türkischen Besitzungen, wobei sowohl England, als auch Frankreich, und — Rußland — Palästina an sich reißen wollen. Die österreichischen und deutschen Heere kämpten unter solchen Umständen nicht bloß für die Existenzbedingungen Oesterreichs und Deutschlands, sondern auch für alle unterdrückten Völker Europas, Asiens und Afrikas, die unter russischem, französischem und englischem Jodle seufzen und deren Zahl in Zukunft vermehrt werden soll. Nur durch den Sieg der Zweibandmächte kann all den Unterdrückten und speziell den russischen Juden Freiheit erblühen. Wohl wurde auch von französisdier und englischer Seite die russische Judenemanzipation nach dem Kriege versprochen, ja in vereinzelten französischen und englischen Blättern wurde den Juden 'Sogar die Wiederherstellung des Judenstaates in Palästina nach Zertrümmerung der Türkei zugesichert; aber all’ dies ist ja nur auf Täuschung und Verwirrung des jüdischen Volkes berechnet. v. Die Judenlrage im Qeufsften Reift. ln einer Unterredung mit Dr. S. Melamed — veröffentlicht in der Newyorker Staatszeitung vom 11. Feber 1915 — sagt Graf Bernsdorff, der deutsche Gesandte in Washington, auf die Frage, welche politischen Vorteile der jetzige Krieg für die Lage der Juden in Deutschland bringen werde: „Das Resultat ist bereits sichtbar. Vor dem Kriege erfreuten sich die Juden in Deutschland aller politischen und bürgerlichen Rechte, aber Offiziere konnten sie nicht werden. Nicht weil die Regierung dagegen war, sondern weil sie nicht vom Offizierskorps gewählt wurden. Die Regierung, von den besten Absichten erfüllt, konnte nichts dagegen tun, umsomehr als unser Offizierskorps in dieser Angelegenheit völlige Autonomie besitzt. Jetzt gibt es über 200 jüdische Offiziere in der deutschen Armee, mit anderen Worten, die Macht der Ereignisse hat sich kräftiger erwiesen, als die Vorurteile des deutschen Offizierskorps. Da das Vorurteil, welches bis jetzt vorhanden war, in nicht weniger als in 200 Fällen gebrochen worden ist, kann ganz ruhig versichert werden, daß das Vorurteil als solches nicht mehr vorhanden ist. Sobald ein Regiment einen oder mehrere jüdische Offiziere besitzt, wird es in Zukunft unmöglich sein, einen jüdischen Aspiranten wegen seines Judentums zurückzuweisen. Die jüdische Offiziersfrage in Deutschland kann als gelöst betrachtet werden.“ Als die Lage der Juden in Amerika und England mit der in Deutschland verglichen wurde, sagte der Gesandte: „Kein englischer oder amerikanischer Jude nimmt in seinem Lande eine solche Stellung ein, wie z. B. Herr Ballin in Deutschland. Der deutsche Kaiser zählt viele jüdische Herren zu seinen Freunden. Bis jetzt haben die Juden in Deutschland nicht schlecht gelebt. Sie konnten ihre wirtschaftlichen und geistigen Kräfte entwickeln und ein bedeutender Faktor im Leben Deutschlands werden. Sie haben dem deutschen Reiche große Dienste erwiesen und haben die jetzige mächtige Stellung im Geschäfts- und Geistesleben dank ihrer Tatkraft und Fähigkeit erworben. Es ist wahr, daß der Antisemitismus weit verbreitet ist, aber nach dem Kriege wird der Judenhaß vollständig verschwinden, in erster Linie, weil das Volk nach dem Kriege viel demokratischer werden wird und zweitens, weil sich das deutsche Volk nun von der Loyalität der deutschen Juden dem Reiche gegenüber durch ihre ehrenhafte Beteiligung an dem gegenwärtigen Kriege hat überzeugen müssen. Sie dürfen auch nicht vergessen, daß der Antisemitismus in Deutschland zum größten Teile im Adel verbreitet war. Durch eine Kette von Umständen haben die Juden sich in ein bestimmtes Fach, das wirtschaftliche, gleichsam verkapselt. Mittlerweile ist der Handel zu einer Groß-Macht angewachsen und hat fast beinahe alle anderen Faktoren überfroffen. Der Adel aber ist stehen geblieben. So ist eine Abneigung in den adeligen Kreisen gegen die Juden, welche soviel zur wirtschaftlichen Größe Deutschlands beigetragen haben, entstanden. Dazu kommt noch c,:c Tatsache, daß der deutsche Adel in dieser Angelegenheit nicht historisch denkt. Oft war bei vielen Adeligen der Antisemitismus bloß ein tändelnder, politischer Sport. Der Krieg wird das Volk demokratisieren, wobei die Macht des Adels ohne jegliches Dazutun beträchtlich kleiner werden wird, und die Zeit aber ist für närrischen Sport viel zu ernst geworden. Sie wissen, daß ich selbst kein Antisemit bin. Einer meiner Vorfahren ist am Wiener Kongreß für die Juden eingetreten. Ich bin fest überzeugt, daß soweit es Deutschland betrifft, der Antisemitismus als ein Ding der Vergangenheit betrachtet werden kann. Nach dem Kriege wird die Emanzipation der Juden voll und ganz durchgeführt werden.“ Mit einem wahren Gefühl des Neides lesen wir Juden Oesterreichs diese Auslassungen des Grafen Bernstorff. Denn so skeptisch wir dieser goldenen Zukunft entgegensehen, ist die Tatsache an sich, daß der deutsche Gesandte in Washington in so offenkundiger Weise für die Juden seines Landes das Wort ergreift, ein nicht zu unterschätzendes Symptom. Wir österreichischen Juden, die wir mit unserer ganzen und uneigennützigen Liebe bei der Monarchie stehn, haben den heißen Wunsch, auch bei uns möge in so offener und unzweideutiger Weise in der Oeffentlichkeit von jüdischen Angelegenheiten gesprochen werden. Statt dessen vergeht kaum ein Tag, an dem unser Volk nicht mit den schmählichsten Anschuldigungen beschmutzt würde. Die Juden von Nadworna. Der Verbündete Englands und Frankreichs kann gegen die eiserne Mauer der österreichischen Truppen von Dukla bis Czemowitz und gegen die Genialität Hindenburgs nichts ausrichten. Er hat sich, um wenigstens irgendwo zu siegen, einen minder gefährlichen Gegner ausgesucht, die unbewaffneten Juden in Polen und Galizien. 1500 jüdische Familien wurden zwischen Kannonka und Tyszenieniczany zusammengetrieben und sollten in den Bereich der österreichischen Kanonen abgeschoben werden. Der zornige Einspruch des österreichischen Kommandanten hat einstweilen das entsetzliche verhindert, daß österreichische Bürger, Frauen und Kinder unter das Feuer der eigenen Truppen genommen werden. Und so warten an die 7000 Menschen einstweilen irgendwo im Dniestertal, obdachlos, hungernd und frierend. Sehen Greise und Kinder sterben und warten aut ihr Schicksal. Die russische Kanaille geht aber weiter. Sie hat aus dem besetzten Gebiet, dessen Westgrenze die Stadt Jaroslau darstellt, alle Juden ausgewiesen, nachdem sie aus ihnen Geiseln ausgehoben hatte. Das betrifft so ungefähr 200.000 Menschen. Das russische Armeekommando begründet diese Maßregel damit, daß die Anwesenheit der Juden eine Gefahr für die „mit uns sympatisierende Bevölkerung“ darstellt. Das ist eine klare und imzweideutige Feststellung der so arg vergessenen Staatstreue der galizischen Juden. Sie wollten den Eid nicht brechen, nicht werden Buben gleich. In tiefster seelischer Not bleiben sie treu der Monarchie una Habsburg.