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Jüdische Zeitung · 1915-03-12 · 10 (12.3.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
10 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JUDSCHE ZEITUNG »MC NflTIDNRL -JUDI5CHE5 DREflN WM rrrmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ rVWl B Erscheint wöchentlich. — Kedaktion, Administration und inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgesteilt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, ha'hjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 10, Wien, Freitag, den 12. Marz 1915. IX. Jahrgang. Die Sünde unseres Volkes. Heute büßen wir die Sünde unseres Volkes. Jahrzehntelang hat die zionistische Idee versucht in den jüdischen Massen den Willen zur Autoemanzipation und zur Selbstbestimmung zu wecken. Immer wieder ist von der Notwendigkeit gesprochen worden, das jüdische Volk müsse sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, müsse seinen eigenen Weg gehen und dürfe seine Gegenwart und seine Zukunft nicht anderen anvertrauen: Nur die Gemeinschaft hat ein Recht chen Stellen überflüssigen Zustromes erwiesen hätte, wieviel Elend und Not wäre ohne Aufwendung größerer Mittel vermieden worden. Dafür mußten die einzelnen Komitees in den österreichischen Städten ganz planlos darauf losarbeiten, jedes seine : eigene Entdeckung bei der Versorgung der Flüchtlinge machen, ungestört von den Erfahrungen an anderen Orten, dab hier Ueberfüllung herrsche, dort die Möglichkeit weiterer Unterbringung bestände; man denke nur an die gefährliche Zersplitterung der beträchtlichen Geldsammlungen. zu leben, die sich selbst ihre Wirklichkeit hämmert. In unzähligen Reden, Diskussionen, Broschüren und Zeitungsartikeln ist das Wort vom Zusammenschluß der Juden, von der Pflicht zur Selbstbestimmung und der Notwendigkeit einer namhaften Vertretung gepredigt worden. Fast wirkungslos sind diese Mahnungen an der Harthörigkeit des jüdischen Volkes abgeglitten. Nur die Klugen und Ehrlichen verstanden und schufen sich in einer zionistischen Organisation eine Körperschaft, die zwar numerisch klein war, moralisch führend wirken konnte. Die große Zahl der Juden aber verzettelte ihre Kraft und ihre Bedeutung, die ihnen vermöge ihrer Leistungen zukam, in partikularistischen Organisatiönchen und Vereinen, die bald von humanitärer Kleinfätigkeit absorbiert waren, bald als Rechtschutzs*ellen in einzelnen unzusammenhängenden Fällen das Recht der Juden vertraten, statt ihren Blick auf das Ganze der sozialen und politischen Stellung der Juden in Oesterreich zu lenken. Ganz zu schweigen von den Kultusgemeinden, die sich in unmännlicher Feigheit aut ihr, wie sie immer beteuerten, alleiniges Gebiet der Kultusfürsorge zurückzogen. Die Zionisten aber und die nationalgesinnten Juden, die eine jüdische Politik innerhalb des Rahmens der jüdischen Gemeinschaft und eine maßgebende Repräsentanz nach Außen forderten, wurden als Friedensstörer in den Bann getan und nicht beachtet; hier versagte auch der führende Einfluß der jüdischen Jugend, die in ihrer Ueberzahl im Lager der zionistischen Idee stand. Solange die ruhigen und gesicherten Verhältnisse währten, wurde die Anarchie im jüdischen Leben nur bei besonderen Anlässen fühlbar. Mit dem Ausbruche des Weltkrieges aber offenbarte sich der Mangel einer allumfassenden jüdischen Organisation, die mutig und unter Umständen auch rücksichtslos die Rechte der .Juden und alle ihre Angelegenheiten .zu verfechten hätte, mit greller Deutlichkeit. Schon die Flüchtlingsfürsorge verriet unsere ganze Schwäche und Unfähigkeit. Wohl stand für alle Juden, die Zionisten inbegriffen, die Verpflichtung der Regierung, die Versorgung der Flüchtlinge auf sich zu nehmen, außerhalb aller Diskussion. Aber wie ganz anders hätte sich die Situation dieser Unglücklichen gestaltet, wenn nicht bürokratische Aemter, sondern eine jüdische Organisation mit ihren über die ganze Monarchie verbreiteten Zweigstellen diesen Aermsten behilflich gewesen wäre, ihnen menschliches Entgegenkommen gezeigt und-'kluge Voraussicht bei der Dezentralisierung des an man- Der Zionismus als B'uD. Die /Ententemächte scheinen plötzlich am Zionismus Gefallen ge'unden zu haben. Vor kurzem erörteten die englischen Blätter die zionistische Frage und trafen mit großem Eifer für die Errichtung eines jüdischen Staates — als Schutzwal'es der ägyptischen Provinz gegen die Türkei ein. Fast zur selben Zeit wurde ein mit Lebensmitteln für die arme darbende jüdische Bevölkerung in Palästina be'adenes amerikanisches Schiff von England gekappert — ein Beweis, wie ernst es die Engländer mit uns meinem Nun wollen auch die Franzosen nicht zurückstehen. Und so schrieb Gustav Herve, der bekannte.französische Sozialis:en"ührer und Antimilitarist an'äßlich der bevorstehenden sozialistischen Konferenz in London in seiner jetzt täglich erscheinenden Zeitung „La guerre so-ia'e“ am 12. Februar einen Leitartikel, in welchem er die Judenfrage behandelt. Seine Ausführungen gipfeln in folgender Beurteilung der zionistischen Aussichten: „Wenn man bei Friedensschluß auf dem Papiere erreichen sollte, — und wir we-den es erreichen, — daß in diesen Ländern (Po'en, Rumänien und Rußland) die Juden die Gleichberechtigung bekommen und nicht mehr als Parias behandelt werden, so werden sie dennoch jahrelang geistigen Leiden ausgesetzt bleiben. Die Verfolgungen haben bei Millionen von ihnen ein nationales Pewußtsein erweckt, welches mit HaFbmitte’n nicht mehr befriedigt werden ka^n. — Ich habe lang den Traum der „Zionis'en“, welche fordern, daß man ihnen das Land ihrer Väter zurückerstatte, als Chimäre betrachtet. Zwar haben sich jüdische Kolonien bald da, bald dort in Palästina gebildet und solche, die als Musterkolonien wo’’l gezeigt haben, daß in ihnen die Eigens haf en .h e* Ahnen leben, als Bauern Judäas und Galiläas zu verrichten. Aber wie konnte man hoffen, Palästina un*er der türkischen Herrschaft au'erstehen zu sehen? Dieser vöikerbefreiende Krieg muß mit dem Auferstehen der ältesten Nation, welche die brutale Kraft zerstreut, aber nicht bezwungen hat, endigen. — Juden, die ihr seit zweitausend Jahren auf Erden wandert, durch Euer Märty-ertum die Ewigkeit der Völker, die nicht sterben wollen, zeigend «und bis in die Flammen der Scheiterhaufen und unter den Messern der Mö' d?r Euren festen Glauben an den Sieg des Rechtes über die Macht bekundend, freut Euch: Euer Messias ist nah 1 Aus diesen Ausführungen geht ganz klar hervor, daß es sich um eine ganz plumpe Spiegelfechterei handelt. Die heiligsten Hoffnungen, unseres Volkes sollen als eines der zahllosen Mittelchen zur Erreichung der Ziele der Ententemächte dienen. Das Schicksal der Juden ist Nebensache. Der Krieg - eine SdiiAsalsstunOe des jüdisdien Volkes. Unter diesem Titel ist vor kurzer Zeit aus der Feder des Schriftstellers Wlad. W. Kaplun- Kogan, des Verfassers des Buches „Die Wanderbewegungen der Juden“ im .Verlage A. Marken & Weber in Bonn eine interessante Broschüre erschienen. Der Verfasser bringt hier die theoretisch schon früher ausgesprochene Meinung» das 19. Jahrhundert habe in den Juden nur Individuen gesehen, im 20. Jahrhundert aber müßten die Juden auch als Gemeinschaft, als Volk zur Geltung kommen, und zwar in Beziehung zu dem heute besonders in Deutschland lebhaft diskdtierten Prospekt der Schaffung eines Pufferstaates aus den westlichen Gebieten Rußlands. Kaplun-Kogan weist hiebei auf die Tatsache hin» daß im Falle an die Realisierung dieses Projektes geschritten werde, zum ersten Mal in kompakten Massen zusammenwohnende Juden in einen modernen freiheitlichen Staat eingegliedert werden. Die Möglichkeit, dab eines der Wie nötig wäre uns in dieser ernsten Zeit, die die Schicksale der österreichischen Völker entscheidet, eine Körperschaft, die im Namen aller zu sprechen wagen darf, die nicht bittet, sondern männlich fordert. Und daß sie an den maßgebenden Stellen gehört würden, das dürfen wir ruhig glauben. Die zionistische Parteileitung für Westösterreich hat in den zahlreichen Fällen, in denen sie nur auf sich selbst gestützt, interveniert hat, das beste Entgegenkommen gefunden und stünde heute die gesamte Judenheit Oesterreichs im Lager der nationalen Idee, uns brauchte um die Gegenwart und Zukunft unseres Volkes nicht bange zu sein: die maßvollen Forderungen einer energischen jüdischen Partei, hinter der die große Masse steht, müßten ihre Erfüllung finden.

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