Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Sache der bis zum Ausbruch des Krieges vollberechtigten jüdischen Bürger Bulgariens, denen nun das Schicksal' ihrer rumänischen Volksgenossen droht, fand ganz unerwartet einen' einflußreichen Anwalt in der Person des italienischen Staatsmannes, Luigi Luzz a 11 i. Er trat zu Beginn des Sommers in den Spalten, des vornehmsten und größten italienischen Blattes, des„Corriere della Sera“, im Namen der Menschlichkeit mit flammenden Worten für die Rechte der bisherigen bulgarischen und zugleich auch für die altrumänischen Juden ein; Der Aufsatz erregte auch allenthalben großes Aufsehen, nicht am wenigsten in der jüdischen Welt. Hatte sich doch Luigi Luzzatti, dieses Kind des venetianischen Ghetto, niemals als Jude zu erkennen gegeben und seinen Einfluß, ungleich:, den Fürsprechern an den arabischen, türkischen und päpstlichen Höfen des Mittelalters, niemals benutzt, für seine Brüder eine Lanze einzulegen. Der Aufsatz hat jedoch nicht nur zum'Nachdenken angeregt, er hat auch: praktische Folgen nach sich gezogen. Die italienische Regierung ließ durch ihren Gesandten beim rumänischen Hofe in- Bukarest im' Sinne der Forderungen Luzzattis Schritte unternehmen und Georges Clemenceau, der — obwohl als Staatsmann außer Dienst — noch' immer der angesehenste französische Politiker ist und es nicht über sich bringen konnte, in dieser gerechten Sache Frankreich hinter Italien zurückstehen sehen, veröffentlichte ebenfalls einen heftigen Protest in einer großen Pariser Tageszeitung, es bildete sich ferner ein internationales Komitee, kurz und gut, die Sache war plötzlich in Schwung geraten. Mittlerweile haben die Ergebnisse des ersten Bälkankrieges Rumänien bewogen, mobilisieren zu lassen, und es meldeten sich 30.000 Juden, die bereit waren, für die Stiefheimat ihr Leben in die Schanze zu schlagen. Diese mutige Tat der rumänischen Juden, und die von Italien und Frankreich beeinflußte Meinung Europas — es war inzwischen ein neuer wuchtiger Artikel von Luzzatti erschienen — veranlaßten die rumänische Regierung, feierlich zu erklären, sie werde nach Beendigung des Feldzuges den rumänischen Juden die vollen Bürgerrechte zuteil werden lassen. Die liberalen Blätter frohlockten über die Zusage: „Endlich kommt Rumänien der ihm durch den Berliner Vertrag auferlegten Verpflichtung nach und emanzipiert die rumänischen Juden!“ Nur in den Spalten weniger jüdischer Zeitungen begegnete man mißtrauischen, zweifelnden Randglossen. Während all dies vor sich ging, veröffentlichte die gegen die Schmach in Rumänien protestierende „Corriere della Sera“ in ihrer Monatsschrift „La Lettura“, welche die verbreitetste Zeitschrift Italiens ist, einen langen Arjtikel aus der Feder des bekannten italienischen Publizisten Vico Mantegazza. Er ist „Le Colönie di Traiano“ betitelt und liest sich wie ein Lobgesang auf das neue Rumänien. Dieser bemerkenswerte Aufsatz enthält auch ein Kapitel über die „Israeliten“. Die Entrechtung der rumänischen Juden, führt Mantegazza aus, erscheint uns sehr ungerecht, doch möge man nicht außeracht lassen, daß die rumänische Judenfrage einen ganz eigenartigen Charakter habe. Die Rumänen sind eben gezwungen, ihre eigene Nationalität zu verteidigen. Denn es handelt sich keineswegs um eine Frage religiöser Unduldsamkeit — sagen die Rumänen — sondern um eine Rassenfrage. Wenn wir uns nicht auf diese Weise verteidigten, kämen alle Juden, namentlich die aus Rußland vertriebenen, nach Rumänien und würden rumänische Staatsbürger. In einigen Jahren würde halb Rumänien jüdisch sein. Letzten Endes würden die Rumänen, die jahrhundertelang allen fremden Einfällen Widerstand geleistet und ihre völkische Eigenart bewahrt haben, eine gemischte Bevölkerung bilden. Und dies würde Gott weiß welche Folgen für die Zukunft Rumäniens nach sich ziehen. Warum werden die Juden aber — könnte jemand fragen — vom Militärdienste nicht befreit? Auch diese Frage beantworten die Rumänen mit Argumenten, deren Wert man nicht in Abrede stellen kann. Vor allem — sagen sie — wollen die rumänischen Juden vom Militärdienste gar nicht befreit werden. In der Hauptsache können wir aber aus einem Grunde auf ihre Soldatendienste keinen Verzicht leisten. In den russischen Provinzen an der rumänischen Grenze wohnt eine überaus zahlreiche jüdische Bevölkerung. An dem Tage, wo sie erfahren würden, daß die Juden in Rumänien vom Militärdienste befreit werden, würden sie alle in unser Land strömeni . . . Und trotzdem ist die Zahl der Aufnahme von Juden in den rumänischen Staatsverband in stetem Steigen begriffen und die Israeliten sind auch in den freien Berufen sehr zahlreich vertreten. In Bukarest gibt es viele jüdische Aerzte und Rechtsanwälte, die in der orthodoxen Welt eine ausgebreitete Klientel haben, ferner einen hervorragenden jüdischen Universitätsprofessor. Die Beweisgründe, die die Rumänen ins Treffen führen — damit schließt Mantegazza seine Betrachtungen — haben einen unleugbaren Wert und zeigen uns, wie man irrt, wenn man die Frage von dem einfachen Gesichtspunkte betrachten und beurteilen wollte, als ob es sich um „eine Erscheinung religiöser Unduldsamkeit handelte. In einem Lande, wo religiöse Intoleranz und Schwärmerei nachgerade undenkbar sind. So sind zum Beispiel am Hofe sämtliche Bekenntnisse vertreten. Der König ist katholisch, die Königin lutherisch, die Prinzessin anglikanisch, Prinz Carol und seine Schwestern orthodox . . . Und dieses Durcheinander von Religionen unter einem Dache hat selbst zur geringsten Unstimmigkeit niemals Anlaß gegeben. Damit schließt Mantegazza seine Ausführungen über die Judenfrage. Wie man ersieht, täte man dem „Corriere della Sera“ Unrecht, wollte man ihm stark betonte Einseitigkeit oder gar Prinzipienreiterei vorwerfen. Er veröffentlicht den flammenden Protest Luzzattis zugunsten der bedrängten jüdischen Bevölkerung Rumäniens und tischt zugleich die albernen und böswilligen Ausführungen eines Mantegazza als Gegengift seinen Lesern auf. Inzwischen erschien Luzzattis zweiter Aufsatz im Mailänder Blatte und Rumänien ging auch daran, mit dem Kriege Ernst zu machen, nicht jedoch ohne vorher sein früheres Versprechen um ein gewaltiges Maß einzuschränken. Die rumänische Regierung erklärte nämlich, daß sie nur jenen Juden das rumänische Bürgerrecht erteilen werde, die sich an dem Feldzuge beteiligen. Eine Enttäuschung übermannte die Gemüter, man gab sich jedoch' auch mit dieser bedeutend herabgeminderten Zusage zufrieden, handelte es sich doch um 30.000 Juden und ihre Familien. Selbst die bürgerliche Gleichstellung eines Teiles der Judenheit wäre ein großer Erfolg gewesen und es war auch in der Tat in vielen jüdischen Btättern zu lesen: „Die Judenfrage auf dem Wege endgültiger Lösung.“ Es sollte aber anders kommen. Der rumänische „Feldzug“ war längst zu Ende, über den Bukarester Frieden begann Gras zu wachsen und von der Einbürgerung des jüdischen Militärs war immer noch nichts zu hören. Alles harrte nun der kommenden Einlösung des Versprechens, die Ungeduld fing an um sich zu greifen, als die ersten Antworten aus dem rumänischen' Lager ertönten. Es waren leise Andeutungen, später wurden es kecke Kriegsrufe: „Einen rumänischen Feldzug hat es überhaupt nicht gegeben. Infolgedessen . . .“ Vor einigen Wochen erschien nun der dritte Aufsatz Luzzattis. Im Tone ebenso geharnischt wie die früheren, tritt auch dieser mit ebensolcher Entschiedenheit für die Rechte der rumänischen Juden ein. An demselben Tage jedoch, wo dieser Artikel erschien, erklärte Mavrocordato, der rumänische Gesandte in Wien, einem jüdischen Journalisten, Rumänien denke gar nicht daran, den rumänischen Juden die Bürgerrechte einzuräumen. Was die neuerworbenen Gebiete anlangt, so werden diese eine neue Verfassung erhalten, laut der die Bürgerrechte auch jenen Juden, die bisher vollberechtigte bulgarische Staatsbürger waren, vorenthalten bleiben. Die Ungeduld und die Empörung über diesen neuen Streich Rumäniens hat sich inzwischen gelegt, ist doch das jüdische Volk an Wortbrüche selbst bei den Mächtigsten der Erde gewöhnt. Es hat nichts zu sagen, wenn der Wortbruch auch eine Verhöhnung des Völkerrechtes ist. Wer kümmert sich heutzutage um die rumänischen Juden? Neues Unglück ist über uns hereingebrochen und so vergißt man ans alte. Die jüdische Welt ist schon abgestumpft gegen das Wehklagen bedrängter Brüder, die großen jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen nehmen sich der Sache ebenfalls nicht an. Rumänien schreitet aber vorwärts auf dem Wege der Gesittung, selbst Carmen Sylva setzt ihr menschenfreundliches Werk fort. Die Judenfrage beunruhigt Rumänien nicht im mindesten; ihre Stellungnahme geht aus dem Aufsätze Mantegazzas ganz klar hervor. Er hat das Land bereist und erhielt überall gleichlautende Antworten. Sie stimmen auch mit den erwähnten Aeußerungen Mavrocordatos und des bekannten rumänischen Staatsmannes M. C a r p vollkommen überein. Dieser letztere erklärte vor einigen Tagen, die rumänischen Juden wot-