Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 33 (16.8.1912)
- Date
- 1912-08-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Religion wäre auch nicht gedient. Wir dürfen niemandem Religionssatzungen aufoktroyieren. Die jüdische Jugend hat das Recht, sich in ihrer Eigenart auszuleben. Ein jeder von uns hat das Recht, nach seiner Fasson selig zu werden. Der Qlaübenszwang würde die Jugend zu halben Menschen machen, was in niemandes Interesse gelegen ist. Sie würden dann Charakterschwache als Menschen und als Juden werden. Der Zionismus aber bedarf ganzer Menschen und ganzer Juden! Einen auffallend ähnlichen Zug haben unsere Frömmler mit unseren größten Gegnern, mit den — Antisemiten gemein. Diesen scheinen jene die Kunst der Generalisierung abgelernt zu haben. Jeder Fehler, den ein einzelner Jude begeht, wird dem ganzen jüdischen Volke zur Last gelegt, wird der Gesamtheit angedichtet. Diese Manie teilen unsere Frömmler mit unseren verbissensten Gegnern. Hat einmal irgendwo und irgendwann ein einzelner Zionist in seiner Privattätigkeit den Sabbath entweiht, dann heißt es: Die „Zionisten“ entweihen den Sabbath. ln denselben Fehler, den wir bei anderen verurteilen, verfallen wir selbst. Ebensowenig wie bewußtes Judentum Landesverräterei zur Folge hat, ebenso wenig hat der Zionismus die Nichteinhaltung des Sabbaths zur Folge. Und wenn mancher Zionist in seinem Privatleben nach seiner freien Ueberzeugung lebt, so darf es ihm keiner verargen. Es darf und kann sich kein Mensch vermummen, und es ist unmöglich, mit sich selbst, mit seiner Anschauung in beständigem Widerspruch zu leben. Der Zionist, der das jüdische Religionsgesetz nicht beobachtet, tut das auf eigene Verantwortung, als freier Mensch, nicht als Zionist. Das Negative wird bei uns überhaupt dick angestrichen. Der Jude ist vaterlandslos und der Zionist religionsfeindlich gesinnt. Dagegen wird das Positive nicht gebucht. Es trägt sich auch, ob die Vorzüge des Zionismus nicht die Irreligiosität einzelner Zionisten reichlich aufwiegen. Vor allem hat der Zionismus den Juden Rückgrat verliehen, die Judenehre und den Judenstolz wieder aufgerichtet, die alte Sehnsucht nach Palästina wachgerufen, die entfremdete Jugend wieder judaisiert, der Assimilation den Nährboden entzogen. Aber wo und wann hat der Zionismus religiöse Fremdheit aut seine Fahne geschrieben? Wann hat er religiöse Abgekehrtheit zum Prinzip erhoben? Allerdings muß jeder Zionist die religiösen Gefühle seiner Mitbrüder schonen und die zionistische Organisation als solche darf keines ihrer Mitglieder verhindern, getreu die Vorschriften des jüdischen Religionskodex zu beobachten. Und so wirds geübt. Unsere Orthodoxie kann ruhig sein. Ebenso oft hören wir die alberne Beschuldigung, der allgemeine Gebrauch des Hebräischen erzeuge Abtrünnige. Waren unsere alten Weisen Abtrünnige, weil sie das Hebräische verstanden und meisterten? Jesaias war sicherlich kein Abtrünniger. Macht nicht vielmehr die Kenntnis des hebräischen Schrifttums stark? Wohl spiegelt sich in der jungen hebräischen Literatur das moderne intellektuelle Streben wieder und allen Zeitströmungen wird in ihr Rechnung getragen. Aber es ist nur ein erfreuliches Zeichen, daß das moderne Schrifttum seine Wirkung auf die hebräische Literatur ausübt. Denn jede Literatur, die auf Ganzheit Anspruch erhebt, muß ein Abbild des Zeitgeistes sein, und wir Jungjuden wollen ja ein ganzes Volk. Und ein ganzes Volk muß auch ein ganzes Schrifttum naben. Die Nörgler mögen bedenken, daß es nicht angeht, das Rad der Geschichte um 2000 Jahre zurückzudrehen und daß es wenig frommt, Feuilleton. Die Juden in der katholischen Legende*) Von Dr. Heinrich Löwe. Von besonderem Interesse sind jene Legenden, in denen von der Beschimpfung, Verletzung und Verwundung der Marienbilder durch Juden berichtet wird, ein Motiv, das in verschiedenen Gestalten wiederkehrt, aber doch immer die gleiche Herkunft verrät. Am Tore von Capua findet sich ein Marienbild; eine Jüdin steht um Mitternacht auf et ante beatam effigiem Domine feda tributa dedit. Sie wird von zwei Teufeln ergriffen; im Sterben erzählt sie ihre Qual und die Ursache derselben. Eine andere Jüdin speit das Bild an; sie wird von einem Wolfe zerrissen. Johannes Gobii (XIV. Jahrh., erste Hälfte) erzählt in seiner Scala coeli, daß ein Jude ein Schwert in das Bild Marias mit dem Kinde bohrt. Blut fließt heraus, er wirft das Bild in den Brunnen. Die Christen holen das Bild hervor, und man findet die blutende Wunde an der Brust; noch heute ist sie zu sehen. Der Jude bekehrt sich. Diese Legende ist mit der von dem verschleierten Marienbilde in der Basilica Lucerna *) Aus der neuesten im Jüdischen Verlage erschienenen Publikation Dr. Heinrich Löwes. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“, II., Stefaniestraße 12. Preis K 2.40. in seine Speichen zu greifen. Die Hauptsache ist, Toleranz üben, nicht ins Horn der Unduldsamkeit stoßen! Die Verständigungsformel heißt: Mehr religiöse Toleranz! Die RunstwartsEnquete. Wie bekannt, hat die weit verbreitete, von F. Avenarius geleitete Münchner Kunstzeitschrift „Kunstwart“ vor einiger Zeit zu einer freimütigen Aussprache über die Stellung der Juden im deutschen Kunstleben aufgefordert. Die Enquete wurde von Moriz Goldstein mit einem prachtvollen, von uns bereits seinerzeit angezeigten Artikel „Deutsch-jüdischer Parnaß“ eingeleitet, der völlig im zionistischen Geiste gehalten war. In weiteren Heften erfolgten Aeußerungen von verschiedener Seite. Selbstverständlich konnte die in Rede stehende Frag« nicht isoliert betrachtet werden, sondern in den einzelnen Antworten wurde die ganze Judenfrage behandelt. In der letzten Nummer des Kunstwart (15. August) wird die Enquete durch ein Schlußwort vom Herausgeber beendet. Wir behalten uns vor, ausführlich auf diese interessante Rundfrage zurückzukommen, wollen aber zunächst den Herausgeber, Avenarius selbst zu Worte kommen lassen und in der nächsten Nummer unseres Blattes seinen Artikel widergeben. Avenarius ist ein in weitesten Kreisen geschätzter Kunstpädagog und Kunstkritiker, er ist der Gründer des „Dürerbund“ und hat mit seiner Zeitschrift „Kunstwart“ durch ein Vierteljahrhundert Kunstverständnis und guten Geschmack in die breiten Schichten des Publikums zu tragen versucht, wobei er gegen jede Schundproduktion in allen Künsten wacker zu Felde zog. Bekannt sind die vorzüglichen Reproduktionen von Werken großer Meister, die er zu billigen Preisen hersteilen und verbreiten ließ, um auch den unbemittelten Schichten zu ermöglichen, an Stelle schlechter Oeldrucke und dergleichen gute Kunstdarstellungen zu erwerben. Wenn dieser verdiente Mann, der sich im Laufe der Jahre für seine Bestrebungen einen großen Kreis von Anhängern erwarb, und der im deutschen Geistesleben eine sehr geachtete Stellung einnimmt, über ein ernstes Thema ausführlich spricht, dann wird seine Stimme in weitesten Kreisen gehört. Dies gibt seinem Artikel und seiner Enquete zur Judenfrage ein besonderes Relief. Die Judenfrage, die bisher nur von eingefleischten Antisemiten behandelt wurde, während die gebildeten Deutschen sich schämten, ihre wahren Ansichten über dieselbe zu äußern, ist in letzter Zeit von einer Reihe bekannter deutscher Autoren freimütig behandelt worden, wir nennen nur Bahr, Köhler, und Sombart. Diesen reiht sich nun Avenarius an. Es wird immer deutlicher, daß fast alle klar denkenden, vorurteilslosen deutschen Geister, nur im Nationalverwandt, die, soweit man sie zurückverfolgen kann, aus Gregors von Tours Büchern über die Wunde stammt und bei Johann Eck folgendermaßen lautet : „Zu Constantinopel ist ain Jud gange in S. Sophien kirche hat da gesehen ain bild Christi: vnd wie er niemants vmb sich hat gesehe: da hat er das bild in halß gehawen: vn bald ist blüt her auß gespritzt / auff des Juden haupt vnd vnder das antlitz: darob der Jud erschrocken / das bild genommen vnd in brunnen gestürzt: vnd wie er daruon gelaufen: ist jhm ain Christ begegnet / der ihn angeschrien. Jud von wannen her: du hast ain mesch erwürgt: do der laugnet / sprach der Christ von wannen bist du dann so blutig / du must ain Menschen erwürgt han: Da ist der Jud in sich selbs gangen: vnd sprach. Warlich groß ist der Christen GOTT: Dan kain mensch hab ich getödt: aber die bildniß Christi hab ich geschlagen / die hat blüt geben: hat den Christen über den Brunnen gefiert: habe das bild herauß zogen / Vnd der oberkait geantwurt: ist der Jud ain Christ worden. Aus einer Sammlung von Marienlegenden, die in Handschriften der Pariser Nationalbibliothek vorliegen, gibt Mussafia eine angebliche Ueberlieferung des Hieronymus an, hat aber diese Predigt bei Hieronymus nicht gefunden. Ein Jude wirft ein Marienbild in den Abtritt und besudelt es. Er stirbt. Aus dem hervorgeholten Bilde quillt Oel heraus. Nach Adgar fallen dem Juden, als er das Bild im Abtritt besudeln will, die Gedärme aus dem Leibe, so daß er stirbt. judentum die Lösung der Judenfrage erblicken. So auch Avenarius. Da wir seinen Aufsatz zur Judenfrage vollinhaltlich abzudrucken beabsichtigen, wollen wir von einer Inhaltsangabe absehen und uns heute mit dieser kurzen Anzeige begnügen. PapteisNachPicfiten. Czernowitz. Vom jüdischen Nationalverein in der Bukowina erhalten wir folgende Zuschrift: Am 9. August fand im Festsaale des jüdischen Nationalhauses eine große jüdische Wählerversammlung statt, welche zu dem Konflikte zwischen Dr. Straucher und Abg. Wassilko Stellung nahm und nachfolgende Beschlüsse faßte: „Die im Festsaale des jüdischen Nationalhauses am 9, August 1912 massenhaft versammelte jüdische Wählerschaft der Stadt Czernowitz billigt die Beschlüsse des Ausschusses des jüdischen Nationalvereines und des jüdischen Gemeinderatsklubs betreffend die Stellungnahme zu der von der „Bukowinaer Post“ und dem Abgeordneten Nikolaj von Wassilko erfolgten Herausforderung der Judenschaft des Landes und der Stadt gegen ihren bewährten Vertreter und Führer Abg. Dr. Straucher. Die Versammlung verwahrt sich mit aller Entschiedenheit gegen den in der Enuntiation der „Bukowinaer Post“ gelegenen Versuch des Abg. Nikolaj von Wassilko in die Judenschaft Spaltungen hineinzutragen:, sich die Führerschaft der Juden zu arrogieren und lehnt jede Einflußnahme Fremdnationaler mit aller Entschiedenheit ab. Gleichzeitig spricht die Versammlung dem Abg. Dr. Straucher in vollkommener Uebereinstimmung mit seiner politischen Haltung Anerkennung und unerschütterliches Vertrauen aus und versichert ihn ihrer unwandelbaren treuen Gefolgschaft. Offizielle Mitteilungen des Zentralkomitees für Westösterreich. Zentralfond. Eingänge für den Zentralfond vom 1. bis 12. August 1912. Böhmen : (Brüx) „Zion“ K 50.—, (Pisek) M, Klein K 50.—, (Prag) Frauenverein K 50.—, Bar Kochba K 25.—, Martha Schick, Ing. E. Schwarzkopt ä K 5.—, (Trautenau) „Theodor Herzl“ K 74.—; Summe K 259.—. Mähren und Schlesien: (Freudenthat Max Goldberger K 25.—, (Troppau) „Jeschurne“ Nachtrag ex 1911 K 119.70; Summe K 144.70. Gesamteingänge laus Westösterreich K 6305.57 (Böhmen K 2732.64, Inneroesterreich K 2164.70, Mähren und Schlesien K 1408.23). DOPPEL-MALZ¬ BIER. Austria-Brauerei Wlen-Neudorf. •l'J- Das Marienbild in der Grube bleibt unbeschmutzt. Genau wie das Marienbild wird auch das Christusbild von ungläubiger Judenhand verletzt. Bei Gregor von Tours sieht ein Jude in der Kirche ein gemaltes Christusbild, das er in der Nacht mit einem Pfeil durchbohrt und unter seinem Gewand versteckt nach Haus mitnimmt, um es zu verbrennen. Als der Jude heimkommt, bemerkt er, daß er selbst über und über mit Blut bedeckt ist, und daß dies Blut vom Bilde herrührt. Er wagt nicht mehr seine Verbrennung und versteckt es an einem dunklen Orte. Die Christen sehen ,am andern Morgen, daß das Bild fehlt, forschen nach, sehen die Blutspuren, folgen ihnen, entdecken das Bild in einem Winkel des Judenhauses, tragen es in die Kirche zurück und steinigen den Frevler. Auch diese Legende kehrt immer wieder. Dieselbe Legende, nur wenig variiert, wird auch vom Marienbilde erzählt. Nach dem Martyrologium Romanum haben die Juden im syrischen Beirut das Bild des Erlösers gekreuzigt, das dabei eine so große Menge von Blut vergoß, daß die orientalischen und abendländischen Kirchen daraus reichlich versehen wurden. Nach Johann Eck hätte der heilige Athanasius diese Geschichte aus der Zeit Kaiser Konstantins des Aelteren berichtet. Zu Beirut befand sich eines Christen Wohnung neben der Synagoge, und beim Ausziehen in ein neues Heim vergaß der Christ ein Bild Christi, das er an der Wand angebracht hatte. Ein Jude zieht ein, sieht das Bild und zeigt es den Alten