Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1912-08-16 · 33 (16.8.1912) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
33 (16.8.1912)
Date
1912-08-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438380-2438413--3155-2442896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 33 derselben nötig sei und er beschloß, in dieser Angelegenheit selbst in Paris vorzusprechen. Diese Tatsache ist außerordentlich lehrreich. Als nach Erlassung der Konstitution in der Türkei auch unter den Juden ein freier Geist erwachte und die nationale Arbeit insbesondere seitens der Jugend einsetzte, gab es natürlich sehr starke Reibungen mit den Kreisen, die durch die Alliance in assimilatorischem Geiste erzogen waren. Mag auch in den nationalen Kreisen allzu ungestüm vorgegangen und nicht berücksichtigt worden sein, daß man die Resultate einer fünfzigjährigen Einwirkung nicht mit einem einzigen heftigen Angriff zunichte machen kann, die vier Jahre seit Erlassung der Konstitution haben jedenfalls genügt, um auch den Verfechtern der Assimilationspolitik begreiflich zu machen, daß diese sich nicht so einfach aus den europäischen Ländern in die Türkei übertragen läßt. An wen sollen sich die Juden dort assimilieren? An die Türken? Das wollen beide Teile nicht, und es hätte überdies noch den Uebertritt zum Mohammedanismus zur Voraussetzung. Das einzigemal, wo Juden übertraten, um sich an die Türken zu assimilieren, mißlang der Versuch und noch nach S00 Jahren sind die Abkömmlinge der seinerzeitigen Konvertiten eine von den Türken streng getrennte Gruppe geblieben, die „Dönmes“ Die Alliance will aus den Juden „französierte Ottomanen“ machen, das ist aber nur ein Begriff; im realen Leben gibt es nur Angehörige bestimmter Nationen, zumal in der Türkei. Wenn die Alliance im Orient vollkommen zusammenbrechen mußte, so ist ihre Assimilationspolitik gewiß hauptsächlich daran schuld. Aber noch einen zweiten großen Fehler hat die Alliance begangen. Sie hat auch die p r a k t i - sehen Bedürfnisse der orientalischen Juden völlig ignoriert und Mittelschule auf Mittelschule mit europäischem Unterrichtsstoff gegründet, anstatt lieber an den Elementar- und Handelsunterricht zu denken. Was können die hunderte und aberhunderte von absolvierten frankisierten Mittelschülern im Orient tun? Nichts! Sie müssen auswandern. Und trotz der vielen Schulen der Alliance, die seit 50 Jahren bestehen, „ist das orientalische Judentum in dem gleichen Zustand sozialer, ökonomischer und kultureller Minderwertigkeit verblieben, wie ehedem.“ So spricht ein Nichtzionist, ein Mann, der völlig unparteiisch ist, Prof. Philippson, Berlin. Und er gab darauf die Antwort, dies komme daher, daß die Alliance nicht Rücksicht nehme auf Anschauungen, Ueberlieferungen und Bedürfnisse ihrer Zöglinge und diesen „eine ihnen völlig fremde, sie verwirrende und deshalb schädigende, oft geradezu antijüdische Kulturweise auf nötige.“ Wenn die Alliance wirklich ihre Schulen aufgeben und dem Hilfsverein überantworten wollte, so wäre dies ein Akt großer Einsicht. Sie würde damit bekunden, daß sie begriffen hat, welch aussichtsloses Beginnen die ausschließliche Frankisierungspolitik den orientalischen Juden gegenüber sei. Der Hilfsverein wird diese gewiß nicht durch eine Germanisierungspolitik ersetzen. Sein Schulwerk in Palästina beweist, daß er das richtige Verständnis für die nationalen als auch die rein praktischen Bedürfnisse der Juden der Türkei hat. Daß er die deutsche Sprache, die heute in der Türkei schon praktisch wichtiger ist als die französische, an seinen Schulen lehren läßt, ist nur recht und billig. Die Unterrichtssprache an seinen Anstalten ist aber zum größten Teil das Hebräische, und der Geist, der in den Schulen herrscht, ist ein gut jüdischer. Sollte sich daher die Nachricht bewahrheiten, so wäre für die nationale, kulturelle und ökonomische Entwicklung der Juden in der Türkei ein bedeutsamer Fortschritt zu erwarten. Wir können daher nur von Herzen wünschen, daß sich bald erfülle, was ohnehin nicht aufzuhalten ist. Eine Umwandlung des Alliance- Schulwerkes in der Türkei im wahrhaft jüdischen Geiste! Das Schulw'erk der Alliance in Palästina umfaßt je eine Knabenschule in Haiffa, Jaffa, Safed, Tiberias, zwei in Jerusalem, das Waisenhaus daselbst, je eine Mädchenschule in Haiffa, Jerusalem, Safed, Tiberias, eine gemischte Schule in Saida, die Ackerbauschule bei Jaffa, eine Handwerkerschule in Jerusalem. Die;Gesamtschüleranzahl beträgt zirka 2500. Zum Jubiläum des Direktors Steter. Der Leiter der großen Eisenwerke in Witkowitz, welche den Familien Rothschild und Guttmann gehören, feierte vergangene Woche sein fünfundzwanzigjähriges Berufsjubiläum. Die Tagespresse bereitete dem Manne große Ovationen. Auch die jüdische Presse hat die Verpflichtung seiner zu gedenken, denn sein fünfundzwanzigjähriges Berufsjubiläum ist gleichzeitig das fünfundzwanzigiährige Jubiläum der in den Witkowitzer Werken eingeführten Judensperre. Seitdem dieser Schuster das Regiment führt, wird kein Jude in diesem Riesenbetriebe, welcher Tausende von Beamten und Zehntausende von Arbeitern beschäftigt, angestellt. Pro forma erfolgt wohl alle zwei bis drei Jahre die Aufnahme eines jüdischen Protektionskindes, welches aber, falls nicht schleunigst die Taufe erfolgt, bald wieder hinausgeekelt wird. So hat das segensreiche Wirken dahingeführt, daß heute in einem jüdischen Betriebe unter zirka 1500 Betriebsbeamten vier oder fünf von früher übernommene jüdische Arbeitsinvaliden, einige Dutzend getaufte Kreaturen und sonst lauter Rassenantisemiten anzutreffen sind. Mit dem frechen, antisemitischen Uebermut, der sich in einem jüdischen Besitz breit macht, zu rechten, ist wohl üebrflüssig, eine Debatte mit einem Schuster bedeutet verlorene Worte und vergeudetes Panier. Aber jüdische Charakterlosigkeit und Herzenshärte, welche diese Exzesse ermöglichen, müssen höher gehängt und angenagelt werden. Die Rothschilds und die Guttmanns müssen der jüdischen Oeffentlichkeit Rede stehen! Die jüdischen Techniker Oesterreichs erfreuen sich in Fachkreisen des' besten Rufes. Wo immer sie tätig Sind, sei es in Staats- oder Privatdiensten, zeichnen sie sich durch gründliche Sachkenntnis und gewissenhafte Pflichttreue aus'. Sie repräsentieren ein wertvolles und gediegenes Element der Gesellschaft. Aber ihr Wirkungskreis wird immer m'ehr und mehr eingeschränkt, weil sie überall1 auf den 'antisemitischen Boykott stoßen. Der jüdische Techniker muß nach Vollendung seiner Studien jahrelang von Etablissement zu Etablissement hausieren gehen. Das glänzendste Zeugnis nützt nichts, denn speziell in der technischen Branche ist die Zahl der Unternehmungen, welche keinen Juden aufnehmen, sehr groß. Schließlich muß er, eingeschüchtert und ausgehungert, die schlechtest bezahlten und minderwertigsten Stellungen akzeptieren. Manches technische Talent ist auf diese Weise zugrunde gerichtet worden. Man möchte es unter solchen Umständen für unmöglich halten, daß es Juden gibt, welche sich bemühen, dieses jüdische Elend, welches gerade auf den Besten lastet, noch zu vergrössern. Und gerade die von der käuflichen „israelitischen“ Presse als die größten jüdischen Philantropen und „besten Juden“ in marktschreieristescher Weise verhimmelten Rothschilds und G u 11ma n n s begehen dieses Verbrechen! Sie jagen gebildete, fähige Techniker von ihrer Schwelle, weil1 sie Juden sind! Wir haben schon oft in den Spalten der „Jüdischen Zeitung“ dieses unerhörte Vorgehen gebrandmarkt, und wir benützen die Jubelfeier des Direktors Schuster, des antisemitischen, Exekutivorgans unserer größten Großjuden als Anlaß, um neuerdings die Oeffentlichkeit zum energischen Protest gegen den in den Werken der Rothschilds und Guttmanns praktizierten Judenhaß aufzufordern. Religiöfe Intoleranz. Von Isaak Rappaport (Stanis’au). Oft begegnen wir Zionisten bei unserer Werbearbeit in Privatgesprächen und Versammlungen der typischen Einwendung orthodoxer Kreise: „Ihr Zionisten seid irreligio s“. Und aus diesem Bedürfnis heraus, die Religion vor den „religionsfeindlichen“ Zionisten zu schützen, entstand ja der Misrachi. Es ist hoch an der Zeit, dieser Frage nähere Betrachtung zu schenken. Vor allem eine Begriffsunterscheidung. Nicht die Zionisten sind unfrömm, sondern X. und Y., die Zionisten sind, sind irreligiös. Der Zionismus als Weltanschauung hat die Unfrömmigkeit nicht zur Voraussetzung und verpflichtet keinen seiner Bekenner, religionsfremd zu sein. Der Zionismus als Bewegung hat weder die Wiederbelebung noch die Vernichtung der alten jüdischen Religion zur Aufgabe. Wir können die religiöse Entwicklung weder verlangsamen noch .beschleunigen. Also nicht der Zionist ist unfromm, sondern der Unfromme ist Zionist. Und darin liegt der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Frage. Der Unfromme würde unfromm bleiben, wenn er auch gerade nicht Zionist wäre. Der Zionismus hat aber das unzweifelhafte Verdienst, gerade diesen Gottesleugnern, die sonst mit Judentum und Judenheit nichts Gemeinsames mehr hätten, wieder einen Rückhalt in der jüdischen Gesamtheit gegeben zu haben. Eben der Zionismus hat vor allen anderen Strömungen im Judentum den unbestreitbaren Vorzug, die verloren gegebenen Elemente wieder zu ihrem Volk geführt zu haben. Und das bedeutet sehr viel, denn es wäre bei der heutigen Sachlage das Gros des jüdischen Volkes, das sich selbst gewichen hätte. In unserer Zeit fällt es einem Großteil der Jugend schwer, an den ihr fremden und alten Zeremonien festzuhalten. Ein Riß entstand und es klaffte ein unüberbrückbarer Abgrund. Und nun kam der Zionismus und schuf die Synthese für diejenigen, deren Herz aus vollen Wunden blutete. Es geht nicht an, dieser zukunftsstarken Jugend einfach die Tür zu weisen. Mit dem nur ihr eigenen Idealismus hat sie sich in den Dienst der zionistischen Sache gestellt. Man würde sich des Hauptträgers berauben, wollte man diese Unfrommen aus dem Zionismus hinauskomplimentieren. Wir selbst würden über uns den Stab brechen, und der Alftewflftrie Mrurrg für gesunde u. kranke Kinder sowie Magenleidende. VerlnifEl li.beseitigr Brechdurchfall. Qiarrhoe.Uarmkafarrti Preis per Dose K1.80,erhältlich in jederDropipotli \TIunt?DI AMHICPUr lebens -versicherungs - Gesellschaft JNICUJtKLÄNUloLnli WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Versilbertes Kapital zirtta 380 milionen. — Prämienreserue zirha 113 milionen. — Billigste Prämien und hulanteste Baflingungen. Engagiert jederzeit tQditige, leistungsfähige Rgenten gegen bofie Bezüge. Auskünfte erteilt die 6eneralagenis(baft Wien, I., Aspernplatz 1 (Beiter: Oauiö Nebenzahl). Pür Ostgalizien u. Bukowina: Subbirektion Eobl Taubes, Hemberg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.