Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 turelles Zentrum in Palästina. Und deshalb 'macht uns jedes Kleine, das dort drüben geschaffen wird, 90 reich; Weil wir wissen und es täg-1 lieh und stündlich an uns selbst erfahren, daß ohne dieses Zentrum das Judentum faul wird und nicht existieren kann; und daß daher dieses unsere erste und dringendste Aufgabe ist, denn nur ein starkes Judentum wird auch die weiteren Aufgaben lösen können. Unser wichtigstes Werk ist es nicht, das jüdische Volk Unter der Parole einer Partei oder Organisation zu vereinigen, sondern das wichtigste ist, dem jüdischen Volke wieder ein wertvolles, inhaltsreiches Volkstum zu geben. Sie sagen ja selbst: „Wir haben jms izu unserem Volke zurückgefunden. Seine Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, sind inunserem Bewußtsein eins geworden, eine einzige lebendige Wirklichkeit. Sie 'wird aus sich’ (heraus ihre äußere Form schaffen.“ Und wenn dann diese lebendige Wirklichkeit die jüdische Seele ergreift pnd einen Ausdruck sucht und;eine Form [schaffen will, eine lebendige Form für jüdisches Leben, dann blicken Sie verächtlich aut diese Versuche, weil sie nichts „Großes“ seien . In der Zeit der ersten Tage von Basel, die uns allen pine heilige Zeit sind, da stand die $ache ganz anders: da war der große Schwung da, den Herzl mit seinen riesigen Gedanken brachte. Der Staatsgedanke, jenes Gewaltige, das Herzl schuf, konnte die Massen in ^Bewegung setzen, konnte das bringen, was wir jetzt in;der zionistischen Organisation nicht haben: die Bewegung. Aber den Staatsgedanjken, den Charter, all dies, was nur ein Traum war, haben {vir . ja alle längst aufgegeben; Sie selbst in der letzten Kongreßrede höchst offiziell. Trotzdem sagen Sie: wir müssen festhalten am Zionismus von 1S97. Was bleibt uns da zu tun? Die Antwort haben Sie aut dem letzten .Kongreß gegeben: „W arten!“ Aber w i r können nicht warten, wir können nicht; weil unser eigenes Leben daran hängt, weil wir die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes, besonders aber die gegenwärtige Lage des Judentums, das auch' in uns ist, mit all dem Schmutz, der darauf gekommen ist, nicht ertragen können. Deshalb müssen wir arbeiten und ijnüssen gleich ^arbeiten; nur durch Arbeit Kann man das Ziel erreichen, und wir müssen uns dagegen verwahren, daß man uns das Verständnis für die Gr°ße des Zieles abstreitet, nur darum, weil wir nicht müssig sein wollen. Wir setzen ja die kleine Arbeit nicht an die Stelle des Zieles, sondern an die Stelle des „Warten“; weil wir sie brauchen und das jüdische Volk sie braucht, und, so glaube ich, auch der Zionismus sie braucht. Wir müssen kämpfen gegen <ili das Unreine, das sich in die Seelen der Juden geschlichen hat, gegen dieses Fremde und jLTnjüdische; darum halten wir es für das wichtigste, daß nicht innerhalb der zionistischen Organisation Leute, die eben durch die bloße Zugehörigkeit zu dieser Organisation ihr Gewissen beruhigen, unter dem Deckmantel der nationalen Phrase ihre eigene Assimilation weiter befördern und nicht all das Häßliche ablegen und zum reinen Judentum kommen wollen. Sie sagen ganz richtig von der ersten Zeit: „Wir rüsteten uns, nicht zu Vereinen einen Verein, zu Schlagworten ein. Schlagwort hinzuzufügen“. Die Gefahr ist aber sehr nahe, daß jetzt, wo alles Wesentliche des politischen Zionismus seine Bedeutung verloren hat, aus der zionistischen Organisation ein „Verein“ wird. Wir sind keine Gegner des ^politischen“ Zionismus; wir wissen nicht und können nicht wissen, ob Herzl nicht;iuch jetzt Wieder einen großen, bewegenden ßedanken gehabt hätte; ich wäre sogar sehr geneigt, dies zu glauben. Aber die T a tsache, daß in dieser Hinsicht jetzt nichts geschieht, vielleicht nichts geschehen kann, nimmt dem’ „politischen“ Zionismus seinen Inhalt, und dann rückt eben das Versenden von Zirkularen und die Bildung von Organisationen in den Vordergrund. Die Bewegung pber steht still. Ich weiß, daß S i e das nicht wollen; aber mir macht es den Eindruck, als ob Ihre Worte dem Standpunkte jener Vorschub leisteten, die durch Vertröstung auf „ganz große“ Ziele, die aber in sehr weiter Ferne sind, so daß man selbst; nichts Wesentliches zu ihrer unmittelbaren Erreichung tun kann, sich selbst für die Gegenwart ein bequemes Leben sichern; und dabei mit Salbung ihre „Zugehörigkeit“ betonen. Wir verachten sicherlich nicht den Wert offenen Bekennens; aber dagegen müssen wir uns wenden, daß man sich mit bloße m Beten abfindet. Das erste und wichtigste Programm jedes wahren und ehrlichen Zionisten muß es sein: zunächst sein eigenes Leben in wahrem Sinne zionistisch zu gestalten, sich von den Schlacken des Galuth' zu reinigen, alles Schlechte abzulegen und möglichst .viel Jüdisches zu gewinnen, ein ganzer Mensch und . ein ganzer Jude zu werden; und ein ganzer Jude kann man nur auf dem Boden Palästinas werden. Wir gelbst _ wissen und Jühlen es, daß durch diese Arbeit erst unsere eigene Person den großen Schwung und einen Wert bekommt; und wenn einer von uns das große Ziel erreicht und selbst nach Palästina geht, um dort zu wirken pnd von dort herüberzuwirken auf uns und andere, dann, so ist meine innerste Ueberzeugung, hat dieser Eine mehr geleistet für den Zionismus, pls tausend „wartende“ Schekelzahler zusammen. Und deshalb glaube ich auch, daß unsere „kleinen“ Arbeiten nicht nur „Iobens-4 wert pnd manche Im weiten. Sinne auch zionistisch“ sind, sondern daß sie in eminentem! Sinne der Zionismus sind. Und ich glaube, daß nur diese Arbeiten zum Ziele führen werden und daß sich auf ihnen die Zukunft des Zionismus aufbaut. Und daß dieses Ziel verwirklicht werden wird, dafür bürgt die lebendige Kraft der reinen, jüdischen Seele. So sehe ich den Zionismus, der sich seit 1897 in aufsteigender Linie entwickelt hat. Ich sehe nicht ein, warum wir nicht von der Zeit lernen und mit ihr vorwärtsgehen sollen. Die Tage .von J897 sind »l er Glanzpunkt der neueren jüdischen Geschichte, sie sind uns teuer wie keine andere Periode dieser Geschichte. Aber sie gehören der Geschichte an, und wir haben kein Recht, ißtehen zu bleiben, '-oder die wichtigsten Probleme pnseres Lebens im Jahre 1911 aus dem Gesichtspunkte von 1897 zu betrachten. Ich Jütte Sie um Entschuldigung: es hat mich gedrängt, mein Herz frei zu reden. In ergebener Verehrung: Robert Weltsch. Prag, am 9. Juli 1911. Zum X. Zionisten-Kongreß. Der X. Zionistenkongreß findet in der Zeit vom 9. bis 15. August in Basel statt. Die Tagesordnung des Kongresses, die vom engeren Aktionskomitee festgesetzt wird, werden wir in der nächsten ‘Nummer bekanntgeben. Auf dem X. Zionistenkongresse wir Gg. Dr. MaxNordau einen Bericht jiber die Gesamtlage der zionistischen Bewegung erstatten. Auch dieser Kongreß wird sich in erster Reihe mit innern Angelegenheiten der Organisation und mit dem weitern Ausbau der praktischen Tätigkeit in Palästina befassen. Dem Kongreß wird ein äußerst sorgfältig vorgearbeitetes Projekt eines neuen Organisationsstatuts vorliegen, wodurch die zionistische Organisation auf eine ganz neue gründlich durchgedachte Grundlage gestellt werden wird. Zu den Fragen, womit sich der Kongreß außerdem befassen wird, gehört in erster Reihe die Emigrationsfrage,worüber Gg.Dr.N. Katzenelsoh n-Libau, ein hervorragender Kenner der russischen Emigrationsverhältnisse und Schriftsteller Gg. Leo M o t z k i n-Berlin, der gleichfalls zu den besten Kennern der jüdischen Verhältnisse in Rußland gehört, referieren werden. Des weiteren werden auf dem Kongreß, laut Beschluß des Aktionskomitees, auch kulturelle Fragen behandelt werden; so wird über die Entwicklung der hebräischen Sprache und Literatur der bekannte Schriftsteller Gg. N. S o k o 1 o w-Warschau berichten. Anläßlich des Kongresses wird eine Palästina-Ausstellung im Stadtkasino zu Basel veranstaltet werden, auf welcher der Jüdische Nationalfonds, der Bezalel, der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina und andere mehr ausstellen werden. Die Zionistische Vereinigung in Basel plant die Veranstaltung eines Sommerfestes und einer gemeinsamen Dampferfahrt zu Ehren der Kongreßdelegierten; die national-jüdische Studentenschaft wird einen großen Kommers für alle Kongreßteilnehmer veranstalten. * Bekanntlich hat Gg. Adolf Böhm beim Aktionskomitee den Antrag gestellt, daß am X. Kongreß ein Referat über die Emigrationsfrage gehalten werde. Dieses Ersuchen fand ursprünglich wenig Entgegenkommen. Nun hat man sich, wie aus vorstehendem Bericht ersichtlich ist, doch entschlossen, ein solches Referat erstatten zu .lassen. * Besprechung der Wiener Kongreßdefegierten. Montag, den 17. d. M., fand pine zwanglose Besprechung der Wiener Kongreßdelegierten statt. Nach längerer Aussprache wurde auf Vorschlag des Gg. Böhm beschlossen, für den Distrikt Innerösterreich Herrn Gg. Dr. Zweig für den Permanenzausschuß provisorisch bis iur Wahl durch die Landsmannschaft zu delegieren. Als Vertretung von Westösterreich' ins Präsidium soll ein Vizepräsident, ein Beisitzer und ein Schriftführer verlangt werden. Es wird dem Wunsch Ausdruck gegeben, mit Galizien wegen Bildung einer gemeinsamen Föderation Fühlung zu nehmen. In der Frage der Leitung wird einmütig der Wille bekundet, auf dem Boden der Beschlüsse der Jahreskonferenz zu bleiben und diesen zur Durchsetzung zu verhelfen, besonders in den Punkten: Verlegung der Leitung in ein größeres Zentrum und Vergrößerung der EAC. * Tribünenkarten und Wohnung. Es ist im Interesse der Gäste dringend zu empfehlen, die Bestellungen schleunigst an das Kongreßbureau zu richten. Auch Wohnungsanfragen wolle man baldmöglichst an das Kongreßbureau richten. Adresse: Bureau des Zehnten Zionistenkongresses Stadtkasino Basel Telephon: Nr. 5320. Telegrammadresse: Orghip Basel. * Veranstaltungen. Anläßlich des Kongresses sind folgende Veranstaltungen in Aussicht genommen: Der Jüdische Nationalfonds plant eine Konferenz seiner Vertrauensmänner. Ferner wird mindestens ein Lichtbildervortrag, wahrscheinlich mehrere stattfinden, in denen ein allgemeines Bild von dem Aufschwung Palästinas unter besonderer Berücksichtigung der Arbeit des Nationalfonds geboten werden wird. Die dem Zionistischen Zentralbureau angegliederte Zentralstelle für zionistische Frauenarbeit bereitet eine Konferenz sämtlicher in Basel anwesender zionistischen Frauen vor, die sich an der zionistischen Werbearbeit beteiligen wollen. In dieser Konferenz wird ein Referat über zionistische Frauenarbeit erstattet werden und die Ergebnisse der Beratungen werden dem Kongreß vorgelegt werden. Ferner ist eine Konferenz aller Gesinnungsgenossen, die sich für die Zionistische Jugendbewegung interessieren, in Aussicht genommen, worüber in den nächsten Nummern noch ausführlicher berichtet werden wird. Das Baseler Lokalkomitee wird voraussichtlich! am Donnerstag Abend, den 10. August, die Kongreßteilnehmer zu einem Gartenfest im Sommerkasino einladen. Am Sonntag Abend, den 13. August, ist ein Kommers in der Burgvogteihalle geplant und für Mittwoch, den 16. August, eine Dampferfahrt auf dem Rhein. * Kongreßausgabe der „Wett“. Unser Zentralorgan, „Die Welt“, veranstaltet anläßlich des Kongresses eine tägliche Ausgabe, um allen Interessenten die Möglichkeit) zu bieten, sich rasch und erschöpfend über die Verhandlungen des Kongresses zu informieren. Die Kongreßausgabe wird fünf Nummern umfassen und kostet für Oesterreich K 2.—. Bestellungen sind zu richten: Verlag „Die Wett“, Köln a. Rh., Karolingergasse 31. Bestellungen werden nur gegen Voreinsendung des Betrages bezw. Nachnahme entgegengenommen. Der Bezugspreis kann auch in Briefmarken eines jeden beliebigen Landes entrichtet werden. Gesinnungsgenossen! Benutzet die wenigen Wochen bis zum Kongreß für eine intensive Propaganda zur Verbreitung der Kongreßausgabe! ln sehr vielen Orten -ist bis jetzt noch gar nichts nach dieser Richtung unternommen worden. Es jst Pflicht der Vereine und Vertrauensmänner, dafür Sorge zu tragen, daß die Kongreßausgabe von jedem Zionisten abonniert und auch in den jüdischen — nichtzionistischen — Kreisen verbreitet wird.