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Jüdische Zeitung · 1910-05-27 · 21 (27.5.1910) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
4 (1910)
Issue
21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 21 tur unseres Volkes am besten entspricht, vorgezeichnet ist. Daneben muß sie die nationale Autonomie und die wirtschaftliche Selbsthilfe zum Mittelpunkte haben. Nur diese Synthese sichert einer jüdischen Vclkspolitik den Erfolg. Dr. K. Die Herzlfeiern der Wiener Zionisten. Die Wiener Zionisten haben den 50. Geburtstag Theodor Herzls würdig und wirkungsvoll gefeiert Das Massenmeeting im „Goldenen Widder“, in welchem in jüdischer Sprache referiert wurde, hat einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die Feier im Festsaale des „Hotel Kontinental“ vor dicht gedrängtem, feierlich gestimmtem Publikum war von vornehmer Weihe getragen, und der Grabbesuch, an welchem ungefähr 1600 Gesinnungsgenossen teilnahmen, wird allen eine unvergeßliche Stunde bleiben. Die Herzlfeier im „Goldenen Widder“. Lange vor Beginn der Versammlung war der Saal dicht gefüllt. Die in Wien ansässigen östlichen Juden waren in Scharen herbeigeströmt, den verewigten Führer, um den der Volksmund schon Sagen webt, in gehobener Stimmung zu feiern. Die ausgezeichnete Gedenkrede hielt Gg. Feiwel Sternberg in jüdischer Sprache. Er schilderte das Leben und Wirken Herzls und die einzelnen Phasen seiner unvergänglichen Arbeit für das Volk. Es geht nicht an, die Ansprache, die aus tiefster Seele kam und von ganz ungewöhnlicher Wirkung war, in Bruchstücken wiederzugeben. Namens des innerösterreichischen Distriktskomitees sprach hierauf Dr. Hugo Zuckermann. Er forderte die Anwesenden auf, an dem Grabbesuche teilzunehmen: „Wir ehren Herzl, den Toten, wenn wir ihm am Grabe zeigen, daß das Volk Jebt“ Die großartige Beteiligung echt jüdischer Volksgenossen, die man sonst fast bei keiner zionistischen Veranstaltung sieht, hat uns gezeigt, wie weit wir hinter Theodor Herzl zurückgeblieben sind und daß die breite Masse, die längst in der Bewegung steht, nunmehr auch der Partei erobert werden muß. Der Festabend im „Hotel Kontinental“. Dieser von den Wiener zionistischen Organisationen veranstaltete Abend fand ebenfalls vor dichtgedrängtem Publikum statt. Der Obmann des innerösteireichischen DK., Gg. Dr. Karl Pollak eröffnete die Feier mit einer eindrucksvollen Ansprache. _ zwölf Jahre fembleiben, um recht viel zu lernen. Und er entfernte sich unbemerkt, um weitere zwölf Jahre in Lehrhäusern zu verbringen ... Nach vierundzwanzig Jahren kehrte er zurück, begleitet von vierundzwanzigtausend Schülern. Er ward einer der größten Lehrer seiner Zeit und auch noch späterer Zeiten. Die großen Lehrer in Israel meinten, daß ohne ihn „die Lehre vergessen, vernachlässigt oder verdorrt wäre“, und Gott hätte schon lange vorher dem Moses in einer Sache, die dieser nicht gut verstand, bedeutet, es werde nach vielen Geschlechtern ein Mann kommen, der das verstehen werde Viele der schönsten Lehrsätze, auf welche das Judentum stolz sein kann, stammen von diesem Manne her. So besonders der bedeutungsvolle Satz: „Alles mißt nur nach der Größe der Tat!“ Und ein Mann der Tat war er, wie kein zweiter seiner gelehrten Genossen. Als die Verfolgungswut des römischen Cäsarenwahnsinnes in ihrer heftigen Grausamkeit ausbrach und sich nicht damit begnügt hatte, den Tempel zu Jerusalem eingeäschert und das jüdische Volk seiner staatlichen Selbständigkeit beraubt zu haben; als Kaiser Hadrian alle Kraft aufbot, dem Judenvolke auch den jüdischen Geist zu rauben, sein nationales Sein zu untergraben, trat unser großer Lehrer eine Propagandareise im ganzen Reiche an; er soll von seinen vierundzwanzigtausend Schülern begleitet worden sein. Und als ein heldenmütiger Kämpfer sich erboten hatte, für die Freiheit und die Wiederherstellung der jüdischen Selbständigkeit das Schwert zu erheben, segnete der große Rabbi dessen Unter- Hierauf ergriff Reichsratsabgeordneter Adolf Stand das Wort zu einer großangelegten, wohldurchdachten Festrede. Es war ein gesprochener Essay über Herzl, den Menschen, den Dichter, den Politiker, den Führer. Erzog eine Parallele zwischen den Erfolgen der Allianz, die auch einen fünfzigsten Geburtstag feien und dem modernen Zionismus, wie ihn Herzl geschaffen habe, ln einer Unterredung mit Baron Hirsch habe dieser unserem verewigten Führer mitgeteilt, er beabsichtige ein großes Schiff auszurüsten und die bekanntesten Journalisten Europas zu einer Fahrt nach Argentinien einzuladen, um ihnen seine Kolonisationserfoige vor Augen zu führen. „Sie, Herr Doktor,“ habe er zu Herzl gesagt, „lade ich schon heute als ersten zur Teilnahme an dieser Reise ein.“ Herzl, Baron Hirsch seien gestorben, das argentinische Werk sei nicht gediehen und das Schiff sei niemals ausgerüstet worden. „Dankbar wäre es aber,“ fährt der Redner fort, „das Schiff gleichwohl auszurüsten und ■ auf ihm die Reise anzutreten. Aber nicht nach Argentinien, sondern nach Palästina, um in Jaffa zu landen.“ Stand schildert nun mit warmen Worten, wie weit in kurzen Jahren das Palästinawerk gediehen sei, spricht von den Kolonien, vom hebräischen Gymnasium, vom Bezalel, vom Technikum in Haifa, von der Nationalbibliothek, von der Siedlungsgenossenschaft. „Gegenwärtig sind wir nur ein Prozent der Judenheit und ganz gering sind unsere Kräfte. Aber 'wenn man diesen geringen Bruchteil den übrigen'99 Prozent Juden gegenüberstellt, darf man sagen: Wohl steht hier ein junges Reis neben einem mächtigen Baum, aber seine Wurzeln sind gesund und greifen tief in den Boden, die Wurzeln des Baumes dagegen sind unterwühlt, morsch, zerfressen. Streben, wir weiter und seien wir wie Herzl, der sich dem Volke ganz gegeben hat!“ (Stürmischer, lang andauernder Beifall.) Nach einer zündenden hebräischen Ansprache des Gg. Dr. Rosenstein (Jaffa), die wiederholt von Beifall unterbrochen wurde, betrat unter begeisterten Zurufen Dr. Schalit, der getreue Knappe Theodor Herzls, das Podium, um von den Tagen zu erzählen, da er an der Seite unseres Meisters arbeitete. Wer Herzl gekannt und mit ihm gewirkt habe, könne nur sagen, daß sein Andenken nicht in Worten, sondern in Taten gefeiert werden müsse. Er entwirft auf Grund persönlicher Erlebnisse ein lebendiges Bild des Führers und weist nachdrücklichst auf dessen mannhafte Tatkraft und unbeugsame Energie hin, die auf uns, seine Erben, übergehen müssen, damit das große Werk gedeihe. Mit Absingung des „Hatikwah“ schloß die Feier. Der Besuch am Grabe Herzls. ln lautloser Stille und größter Ordnung setzte sich Sonntag, den 19. Mai, vom Türkenschanzpark nehmen und erwärmte die Herzen und die Gemüter seiner unterdrückten Volksgenossen. Er achtete nicht auf den Spott seiner Genossen, die ihn ob der Schwärmerei für den neuaufgetauchten „Stern aus Jakob“ verhöhnten und ihm, dem „Utopisten“, schmähend zuriefen: „Eher wird Gras auf deinen Kinnladen wachsen, ehe der Messias erscheinen wird!“ Er half den Kampf gegen das riesenhafte Rom organisieren, einen Kampf, der die Wunder der makkabäischen Begeisterung von neuem aufleben machte, den letzten verzweifelten, heldenmütigen Kampf des jüdischen Volkes um seine Unabhängigkeit, der leider durch Verrat seitens der Samaritaner und anderer Feinde nicht den verdienten Erfolg hatte. Bet har, die letzte Festung, war gefallen, ihre kämpfenden Helden gerieten in die Hände der Feinde und die Gegner 'unseres großen Lehrers behielten leider recht. Dieser aber hat trotz aller Einschüchterung von Seiten der römischen Machthaber seine Lehrtätigkeit nicht eingestellt; mit mutigem Trotz hielt er weiter seine Vorträge ab, studierte und lehrte er die Thora, in welcher er den Lebensquell seines Volkes für ewige Zeiten erblickte. Von Lauen und Gleichgültigen zur Vorsicht ermahnt, erzählte er folgende Geschichte, deren Wahrheit später mit dem Blute hunderttausender Märtyrer seines Volkes besiegelt werden sollte: „Ein Fuchs stand am Rande eines Baches und sah die Fische angstvoll hin und her sich bewegen. Er fragte sie, weshalb sie so unruhig wären und sie antworteten: .Siehst du denn nicht den Fischer mit seinen Netzen herankommen?‘ Darauf sagte der der imposante Zug der Wiener Zionisten in Bewegung. An der Spitze des Zuges schritten die westösterreichischen zionistischen Behörden mit den parlamentarischen zionistischen Vertretern. Sämtliche zionistische und jüdisch-nationale Korporationen beteiligten sich vollzählig und zahlreiche organisierte Gesinnungsgenossen schlossen sich an. An dem Grabe, das mit der historischen Kongreßfahne bedeckt war, defilierte der Zug stumm, gemessenen Schrittes vorüber. Auf dem freien Platze nächst dem Eingänge des Friedhofes formierte sich hierauf der Zug zu einem Karree. Der Präsident des westösterreichischen Zentralkomitees, Gg. Herr Adolf Böhm, trat vor und hielt folgende Ansprache: Zionisten! War unser Schmerz stumm, so sei unsere Freude beredt. Unsere Freude an der unvergleichlichen Erscheinung, die dem Judentum in Herzl geschenkt ward. Mehr, viel mehr bedeutet sie uns, als die Namen: Politiker, Organisator, Führer besagen. In Herzl ward der Genius der jüdischen Rasse lebendig. Der Genius, den man erloschen geglaubt. Durch Erniedrigungen und Verfolgungen ward der königliche Stamm verkrüppelt, zu Krummholz geworden, das am Boden kriecht. Und siehe: Aus diesem Zwergholz wuchs plötzlich ein ragender Baum, so stolz und aufrecht, wie drüben die schlanke, einsame Herzl-Zeder in Mozza. All’ die versunkenen, vergessenen, verschütteten Möglichkeiten des Judentums, sind in Herzl herrliche Wirklichkeiten geworden. Was das Judentum verloren hatte: Kraft, .'Adel, Würde, Selbstsicherheit, Freiheit, Größe, das war in Herzl. Deshalb wirkt seine Gestalt so befreiend, so erlösend! An seiner Erscheinung muß das Judentum gesunden. Bis zu Herzl war es ein Kummer, vielleicht eine Schande, Jude zu sein. Die Erscheinung Herzls hat dem Judentum neuen Adel verliehen- Dieses Wissen, ihr Freunde, sei unsere beste Freude um Herzl! Jenen Adel zu wahren, unser bestes Tun! Und unser Zionismus sei ein Herzl- Zionismus, sei der Wille zu Herzl: Kein mattes Gemisch von Politik und Nationalismus, von sozialer Hilfe und Kolonisation — unser Zionismus sei,"was er Herzl gewesen: ein Königsgedanke! Der Gedanke eines freien, stolzen, königlichen Judentums, eines Herzljudentums! Leben wir diesem Zionismus und wir werden unser Leben zu einer einzigen großen Herzlfeier gestalten! Der Zug löste sich nach dieser Ansprache auf. Es war eine stolze, eine erhebende Demonstration. Fuchs: ,So kommt doch ins Trockene zu mir und «wir werden friedlich Zusammenleben wie einst unsere Vorfahren.1 Die Fische aber gaben zur Antwort: ,Ein kluges Tier nennt man dich, und doch sprichst du so töricht! Wenn wir in unserem Lebensquell, dem Wasser, nicht mehr des Lebens sicher sind, um wie viel weniger wären wir es im Trockenen!1 Wenn wir mit der Thora den Tod zu fürchten hätten, wie sehr erst ohne dieselbe!“ Und er fiel in die Hände der römischen Schergen. Mit dem Rufe: „Höre Israel, dein Gott ist der einig einzige!“ hauchte er seine Seele aus. Ihm folgten in martervollem Tode noch viele, treuergebene Söhne seines Volkes. Es waren dies die vierundzwanzigtausend Schüler des Rabbi Akiba, so hieß nämlich dieser Held, der große Lehrer und vorbildliche schwärmerische Kämpfer für die nationale Freiheit unseres Volkes. Alle fielen sie durch die mörderische Hand der Römer während der „Sephira“-Tage, die als nationale Trauer in unserer Tradition fortleben. Am Lag-Baomer, dem 33. „Sephira“-Tage jedoch wurde dem Morden eine Grenze gesetzt und dieser lag ist lange Jahrhunderte hindurch als Fest der jüdischen Schuljugend begangen worden, die vom Lehrer angeführt, mit Bogen und Pfeil versehen, ins Freie zog, um mit einem unsichtbaren Feinde zu kämpfen — gegen jenen Feind, der stets im Verborgenen das Vermächtnis Rabbi Akibas, die jüdische Lehre, den jüdischen Geist gefährdete. Und die Jugend siegte; sie hat sich heldenmütig des Feindes erwehrt, sie hat ihr Volkstum siegreich gerettet.

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