Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 Bau anderer Arbeiterhäuser mit dem JNF. zusammen vorzubereiten. 3. Das Museum des Bezalel auszugestalten und die nötigen Schritte zur Bildung eines Museumsvereines zu unternehmen. 4. Für die Zentralisation und einheitliche Organisation der Propaganda und Geldsammlungen für die verschiedenen bestehenden Palästinaunternehmungen einen Plan auszuarbeiten. 5. Die Jahreskonferenz für den 27. und 28. Juni d. j. nach Berlin einzuberufen. Herr Prof. Warburg erstattete Bericht über den Stand der Vorbereitungsarbeiten für das Mikro- Biologische Institut und teilte mit, daß eine Organisation jüdischer Aerzte für die Mitarbeit an demselben in Bildung begriffen ist. Ueber die Lage des Zionismus in einigen Ländern fanden eingehende Beratungen statt. Die inneren Verhältnisse der Organisation wurden ausführlich besprochen und eine Reihe hierauf bezüglicher Beschlüsse gefaßt. Die Annahme dieser sowie aller übrigen im Laufe der Sitzung gefaßten Beschlüsse erfolgte einstimmig. Von den besprochenen Angelegenheiten sei auch das von dem Berliner Nationalökonomen Franz Oppenheimer ausgearbeitete Projekt einer Siedlungsgenossenschaft erwähnt. Professor Oppenheimer leitet selbst die Vorarbeiten in Palästina, wo er Ende März eingetroffen ist. Nach seiner Rückkehr soll die Agitation zur Aufbringung des vom Hamburger Zionistenkongreß beschlossenen Betrages von Frcs. 100.000 mit aller Energie geführt werden. Die Berichte über die finanziellen Institutionen der Bewegung heben sämtlich das günstige Gedeihen derselben hervor. Der Jewish Colonial Trust mit dem Sitze in London bringt für das abgelaufeue Geschäftsjahr den Reingewinn von 6386 Pfund zur Verteilung. Die Anglo Palästine Cy., das finanzielle Instrument der Bewegung im Orient, die ihren Sitz in Jaffa hat und im Laufe der letzten Jahre in Jerusalem, Haifa, Hebron und Beyrut Filialen eröffnete, verteilt für das Jahr 1908/09 4 '/« */• Dividende. Die Entwicklung der Anglo Levantine Banking Cy. in Konstantinopel vollzieht sich in steigender Richtung. * * * Generalversammlung des „Jüdischen Nationalfonds.“ Montag den 11. ds. Mts. fand in den Räumen des Kölner Zentralbureaus die ordentliche Generalversammlung des JNF. statt, an der folgende Herren Aufgehen in einer anderen Kultur kann es sich handeln, wohl aber darum, daß wir uns frei machen von der Herrschaft einer fremden Kultur über uns. Wir wollen und dürfen uns bewußt sein, daß wir, die wir diese Kultur in uns aufgenommen haben, in einem gewissen Sinne — mehr noch als irgend ein anderes Volk der Kultur — eine Mischung sind. Aber wir wollen nicht die Sklaven, sondern die Herren dieser Mischung sein. Die Selbstbejahung des Juden hat ihre Tragik und ihre Größe. Denn, wenn wir uns bejahen, dann fühlen wir, wie ich schon sagte, die ganze Entartung mit, aus der wir unsere kommenden Geschlechter befreien müssen. Aber wir fühlen auch die Größe dieser Selbstbejahung, wir fühlen, daß noch Dinge in uns sind, die nicht hinausgestellt worden sind, daß noch Gedanken in uns sind, die niemals gesagt worden sind, daß noch Kräfte in uns sind, die auf ihren Tag warten. Und diese Tragik und diese Größe des sich bejahenden Juden, dies nun ganz — nicht zu denken, nicht zu meinen — sondern in sein Leben aufzunehmen, das heißt als Jude leben. Nicht um ein Bekenntnis handelt es sich, nicht um die Erklärung der Zugehörigkeit zu einer Idee oder zu einer Bewegung, sondern darum, daß der, der dieses Ideal in sich aufgenommen hat, nicht bloß anders denke als bisher, sondern auch in Wahrheit anders lebe, daß er sich in den kleinen und großen Krisen des Lebens von den Schlacken der Fremdherrschaft in uns reinige, daß er aus dieser Zwiespältigkeit unseres Daseins sich finde zur Einheit, zur inneren Versöhnung, und daß er in seinem Leben ein ganzer Mensch und ein ganzer Jude werde, denn das bedeutet für den, der diese Dinge gefühlt bat, ein und dasselbe. Es ist mit dieser Reinigung, mit dieser Freimachung vom Fremden, mit diesem Sich-Ergreifen und Sich-Stellen auf den ganz eigenen Boden der jüdischen Seele, teilnahmen: Dr. Bodenheimer, D. Wolffsohn, Joh. Kremenezky, Prof. Warburg und der Sekretär der Genossenschaft. Es wurden derselben statutengemäß die Bilanz pro 31. Dezember 1909 und der Rechnungsabschluß für das Jahr 1909, sowie der Bericht der Bücherrevisoren unterbreitet. Der Jüdische Nationalfonds hat eine rapide Steigerung seiner Einnahmen zu verzeichnen. Von den Verhandlungsgegenständen seien hervorgehoben: die Nationaltiibliothek, die Landspende, die Arbeiterheimstätten, die Vereinigung des NF. mit der Oelbaumspende und die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft Bezüglich der Landspende hat bekanntlich der Hamburger Zionisfenkongreß den Beschluß gefaßt, an das jüdische Volk zu appellieren, daß jeder Jude einen Dunam Land in Erez Israel kaufe und es als Geschenk dem Jüdischen (Nationalfonds übergebe, damit dann auf diesem Boden die jüdischen Arbeiter Palästinas und anderer Länder kolonisiert werden. Das Direktorium faßte den Beschluß, eine Landspende in Höhe von 50 Frcs. einzuführen, die zur Erwerbung eines Dunam Landes in Palästina dienen soll. Auf diesem Bq'den sollen jüdische landwirtschaftliche Arbeiter in Palästina als Erbpächter angesiedelt werden. Jedem Spender soll für seine Spende eine Diplom zugestellt werden. Betreffs der Arbeiterhäuser wurde in Aussicht genommen, daß der Nationalfonds zunächst solche für ledige Arbeiter errichten solle, da für Familienhäuser laut Beschluß des Engeren Aktionskomitees ein besonderer Fonds geschaffen werden soll. * * * Bukowinaer Landeskomitee. Die Konstituierung dps Buk. zion. Landeskomitees hat Montag, den 18. April 1910 stattgefunden. Gewählt wurden; Univ.-Prof. Dr. Leon Kellner, Obmann; Löbel Taubes, l. Vizeobmann; Dr. Mayer Ebner, II. Vizeobmann; Leo Krämer, Schriftführer; Dr. Mendel , Kinsbrunner, Schekelkommissär; H. Gottesmann!und J. Kormann, NF- Kommissäre; Dr. Ph. Fleischer, Kassier; Dr. Schauer und K. R. Harth, Revisoren und die Herren Dr. Hauer, Dr. Ellenbogen und Hornstein ohne Funktion. Im Anschluß an die Konstituierung wurden Vorschläge zur Reorganisierung der zionistischen Bewegung in der Bukowina gemacht, die im wesentlichen darin gipfelten, daß die vorhandenen zionistischen Vereine zu einem engeren Zusammenschlüsse zu bewegen und in allen Orten, wo keine Vereine existieren, Vertrauensmänner ausfindig gemacht und mit der Gründung von Ortsgruppen betraut werden. Ferner wurde beschlossen, im Laufe des Monates Mai, anläslich des 50. Geburtstages Theodor damit ist — um noch einmal das große Wort zu nennen — eine Selbsterlösung gemeint, damit ist gemeint, daß jeder von uns sich selbst befreie und erlöse. Denn wie die alten Juden der Urväterzeit, um sich aus ihrer menschlichen Zweiheit oder „Sünde“ zu befreien, sich ganz an den nichtgezweiten, an den einen einheitlichen Gott hingaben, so wollen wir, die wir in einer anderen, einer nationalen, besonderen Zweiheit stehen, uns davon befreien, nicht durch Hingabe an einen Gott — denn heute haben wir keinen Gott — sondern durch Hingabe an unser eigenstes, innerstes Wesen, an die Einheit in uns, die so stark, so fest, so einheitlich und einig ist, wie der einige und einheitliche Gott, den die Juden damals aus ihrer Einheit hinausgestellt und an den Himmel ihres Daseins ^inaufgehoben haben. Als ich ein Kind war, las ich eine jüdische Sage, die ich nicht verstehen (konnte. Sie erzählte nichts weiter als: „Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias.“ Damals kam ich zu einem alten Mann und fragte ihn: „Worauf wartet er?“ Und der alte Mann sagte mir etwas, was ich damals nicht verstand und lange nicht verstehen konnte; er sagte: „Auf dich!“ Heute verstehe ich es so, daß ich nun zu jedem Einzelnen von Ihnen sagen kann: Er wartet auf dich. Gerne würde ich Ihnen zum Schlüsse ein helleres, freundlicheres Wort sagen. Aber es ist eben eine Stunde nicht der leichten, fröhliche Rede, sondern eine Stunde der Tragik und der Größe, in der wir leben. Und so (kann ich Ihnen kein besseres Wort zum Schluß sagen, als das Wort jener Sage, das alles sagt, wa£ ich hier darzulegen versuchte:, „Vor den Toren Roms '.sitzt ein aussätziger Bettler und wartet . . .“ Herzl’s an den meisten Orten der Bukowina Vorträge zu veranstalten. Der Obmann Univ.-Prof. Dr. Leo Kellner wird in den Städten Radautz, Kimpolung, Sereth, Storozynetz, Suczawa, Kotzmann, Wiznitz und Gurohumora sprechen. Bericht des Informationsbureaus für Palästina. Erstattet vom Leiter Herr Wilh. B e i g e 1 auf dem II. Westösterreichischen Parteitage am 27. März 1910. (Ein Auszug.) Den Anlaß zur Gründung des Bureaus, welche anfangs März 1909 erfolgte, gab die Tatsache, daß immer Palästinaauswanderer den Weg über Wien nahmen, von denen die meisten Rat und Beistand brauchten. Dieses war aber nicht das einzige Moment bei der Begründung des Bureaus, von dem wir uns leiten ließen, es war nur das dringendste. Die Gründe zur Schaffung des Bureaus lagen tiefer. Es war vor allem die Einsicht, daß aie jetzt ganz kopflos vor sich gehende Emigration dringend einer Regelung bedarf, dann auch der Wunsch, dem immer reger werdenden Interesse für Palästina, durch verläßliche Informierung der Presse und der Organisationen Rechnung zu tragen. Endlich betrachteten wir es als unsere Aufgabe dieses Interesse bei den Gesinnungsgenossen zu heben und es auch dort zu erwecken, wo es bisher nicht bestand, insbesondere bei den kapitalkräftigen Juden. Oesterreich steht noch — was unmittelbare Leistungen für und in Palästina betrifft — weit hinter Rußland, Amerika und Rumänien zurück, was wir für ein Uebel in unserem zionistischen Leben betrachteten, dem abzuhelfen eine unserer wichtigsten Pflichten ist. Wir wollten also für den Anfang ein Auskunftsbureau schaffen, welches die schon auf der Reise befindlichen Emigranten unterstützen sollten. Freilich dachten wir nicht an Unterstützung mit Barmitteln, denn zu diesem Zwecke hätten wir einen in die Tausende gehenden Fond nötig und würden wir Gefahr laufen eine Auswanderung heraufzubeschwören, die wir derzeit nicht wünschen, weil Palästina einstweilen nur eine beschränkte Anzahl Auswanderer fassen kann. Nicht weniger dringend erschien uns die Regelung der E migrati on; wir konnten es weder uns noch anderen verhehlen, daß eine starke Rückwanderung aus Palästina stattfindet. Viele, die mit heißer Liebe und festem Glauben nach Palästina gehen, müssen dann gebrochenen Mutes wieder zurück, weil sie im Lande ihrer Sehnsucht keine ExistenzmQglichkeit finden. Solche also, welche keine Aussichten in Palästina haben, müssen von der Auswanderung zurückgehalten werden. Hingegen erschien es uns angezeigt, kapitalkräftige Juden, durch Vermittlung von verläßlichen Informationen, für palästinensische Unternehmungen zu interessieren. Diese, wenn auch schwierige Aufgabe scheint uns eine eminent wichtige zu sein. Der Boden von Palästina kann lohnend angekauft werden und es müssen Juden sein, die ihn ankaufen. Das „Warten“ kann direkt zu einer Katastrophe für uns werden. Es sollen sich schon jetzt unter den Arabern Gesellschaften gegründet haben, die sich zum Zwecke machten, palästinensischen Boden anzukaufen, und die Organisation dieser Gesellschaften greift selbst auf Aegypten herüber. Als Beweis dieser Strömungen unter den Arabern kann der große Bodenerwerb in Palästina durch den Beyruter Bankier Surouk angeführt werden*) Unsere erste, wenn auch nicht die wichtigste, so doch die dringendste und keine Aufschiebung leidende Aufgabe war also die Erleichterung der Emigrationsbedingungen für jene, die, ohne uns vorher befragt zu haben und vielfach ohne genügende Mittel, nach Wien kamen. Eine Grundlage war durch die Ermäßigungen gegeben, welche der Oesterreichische Lloyd und die Südbahn dem früheren Landeskomitee gewährten. Der Lloyd hat uns ein wahrlich menschenfreundliches und verständnisvolles Entgegenkommen bewiesen. Wir haben bei ihm folgendes erzielt: Außer der bisher bestehenden 30prozentigen Ermäßigung der III. Klasse des Postdampfers (syrische Linie) für Erwachsene eine ebensolche Ermäßigung für die IV. und III. Klasse der (alexandrinischen) Eillinie. Der Preis der IV. Klasse Eillinie ist nur um 10 Kronen höher als der III. Klasse syrische Linie, dafür dauert die Reise fünf statt zehn Tage. Die lll. Klasse Eillinie hat Bett und Verpflegung. Da die Verpflegung aber nicht rituell zubereitet ist, hat der Lloyd über unser Ansuchen von der Verpflichtung für die Passagiere III. Klasse Eillinie, die Verpflegung mitzuzahlen, bei unseren Emigranten abgesehen. Nunmehr kostet die Reise für die III. Klasse (in einer Kabine mit Bett) um kaum 20 Kronen mehr als für die IV. Klasse (ohne Bett am Verdeck). Für Kinder von Auswanderern, welche bisher die gewöhnliche 50prozentige Ermäßigung genossen, *) Das oben, allerdings nur andeutungsweise, Gesagte gibt die Richtung an, in welcher die Tätigkeit der zionistischen Zentralleitung bei Gewinnung von Privatkapitaiien für Palästina sicli bewegen könnte. Dr. Nordau scheint in seiner Antwort an Dr. Tschlenow (siehe „Welt“, Nr. 15 vom 15. April d. J.) diese und andere Möglichkeiten übersehen zu haben. (Nachträgliche Bemerkung des Referenten.)