Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 6 (11.2.1910)
- Date
- 1910-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG NF1TIDNF1L-JLEDI5CHE5 DRBRN ■ ■. . ■ a ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12.299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjahr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Garizjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige *************** Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemptyre20 h. Postsparkassenkonto 104.067. *************** Nr. 6. Wien, Freitag den 11. Februar 1910. IV. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der Weg des jüdischen Nationalvereines. „Fällt mir nicht im Traume ein!“ . . . Wiener Mischemudim, Bilanz 1909. Eine gründliche Abfuhr. Quittung. Gedicht von Beda. An Aegypten vorüber. Von Ernst Müller. Volkswirtschaft. Aus dem jüdischen Leben. Parteinachrichten. Vereinsnachrichten. Sport. Ueberläufer. Erster Zionistischer Frauenverein. Mittwoch, 23. Februar 1910 um 7J3 Uhr abends im Kleinen Musikvereinssaale Wohltätigkeits- Konzert. Mitwirkende: Frau Winternitz-Dora, Raimund-Theater Herr Hugo Viktor Heermann, Volksoper Herr Rudolf Weinmann, Violinvirtuose Herr Juliusz Wolfson, Klaviervirtuose. Am Klavier: Herr Kapellmeister Felix Günther. Karten ä 10, 6, 4, 3 und 2 Kronen zu haben: Im Kleinen Musikvereinssaal; bei Frau Dr. S. Kahn, VII., Neubaügasse 11, Tel. 6589; bei Frau Norbert Rappaport, II., Rotensterngasse 6, Tel. 21.082; im Kongreß-Bureau, IX., Türkenstraße 9, Tel. 14.199, im „Cafe City“, IX., Porzellangasse, Tel. 14.328 und an der Abendkassa. Der Weg des „Jüdischen Nationalvereines“. Der Jüdische Nationalverein beginnt ein neues Vereinsjahr. Ein Rückblick auf die Vergangenheit mit allen ihren Kämpfen und Erfahrungen wird den Ausblick auf die Zukunft erleichtern und einen Wegweiser für seine weiteren Aufgaben bilden. Die bisherige Tätigkeit des Jüdischen Nationalvereines fiel in eine Epoche des politischen Niederganges und der wirtschaftlichen Stagnation, in eine Periode dejstets wachsenden Zerklüftung und Apathie der österreichischen Juden; Momente, von denen jedes einzelne, geschweige denn alle zusammen eine großzügige konsequente Aktion sehr erschwerten. Man überschaue nur die allgemeine Situation: Oesterreich befindet siel) mitten in einer latenten, chronischen Verfassungskrise, die alten Formen des Parlamentarismus versagen und erweisen sich gleich ungeeignet, den Nationalitätenhader, yrie die wirtschaftliche Not zu bannen, beides Hauptquellen des Antisemitismus. Diesem mit Erfolg durch eine starke jüdische Reichsorganisation zu begegnen, dazu fehlte bisher der überwiegenden Mehrheit der österreichischen Judenebenso sehr die Erasicht'^n -den Zusammenhang der politischen Verhältnisse, als die national-soziale Schulung. Diese schrittweise in die Massen hineinzutragen, war die bisherige Hauptaufgabe des Jüdischen Nationalvereines und wird sie auch in Zukunft bleiben müssen. Wer in Oesterreich, in dem stets wechselnden politischen Kaleidoskop, in dem buntscheckigen Parteienwirrsal die Zusammenhänge zwischen der Judenfrage und dem nationalen und sozialen Problem aus dem Auge verliert, der ist — und dies trifft bei den großen Massen zu — schwer empfänglich für die Erkenntnis der Notwendigkeit der Verfolgung einer konseqenten jüdischen Volkspolitik. Die Assimilation hat derart verheerend auf das jüdische Volk gewirkt, daß die Unbrauchbarkeit der fremdnationalen und fremdsozialen Politik für das jüdische Volk infolge seiner ganz spezifischen nationalen Eigenart und sozialen Struktur nicht einmal allen jenen vollständig zum Bewußtsein gekommen ist, die sich als Gegner der Assimilation bekennen. . . . Alles muß also politisch umgewertet werden, nicht nur das Verhältnis der Juden zu den übrigen Völkern und zum österreichischen Gesamtreiche, sondern auch der Individuen und Schichten im jüdischen Volke zu einander. Es muß zu seinem Bewußtsein gelangen, daß die einzelnen Individuen nur in ihrer jüdischen Eigenart sich ausleben können, und daß unser Nationalismus wesentlich anderer Art ist, als der Nationalismus der radikalen, chauvinistischen deutschen, slavischen und magyarischen Nationalisten. Wir vertreten die Autonomie der Nationen wie die Autonomie der Individuen, jene die Herrschaft einer Nation über die anderen und einer Klasse über die anderen, wir als die Ergänzung der Freiheit die soziale Gerechtigkeit, zwei mit einander unlösbar verbundene Begriffe. Darum ist auch ' unsere Steilung ^ür österreichischen, Reiclisidee eine andere, als die der früher erwähnten Parteien. Das neue Oesterreich des 20. Jahrhunderts kann niemals das Exekutivorgan einer Nation, einer Konfession oder einer Klasse zum Zwecke der Beherrschung, Unterdrückung und Ausbeutung anderer sein; seine Mission gipfelt vielmehr darin, sich auszugestalten zum modernen Kultur-und Wirtschaftsstaat, zu einem Horte der nationalen und sozialen Gerechtigkeit gegen alle seine Bewohner. Diese Anschauungen, die logische Konsequenz des am Krakauer Parteitage angenommenen Programmes des Jüdischen Nationalverein“, müssen in Fleisch und Blut der Bevölkerung, der jüdischen und nicht¬ An Aegypten vorüber. Von Ernst Müller. II. Die heutige Judenheit Alexandriens — es sind etwa zehntausend Seelen — besteht zum größten Teile aus Sephardim. Ihre Sprache stammt bekanntlich aus der Blütezeit Spaniens, ihr Typus ist freier, aufrechter und zugleich orientalischer als der aschkenasische. Sie spielen in der Stadt eine tonangebende Rolle. Einige besonders reiche Wohltäter, worunter der Baron Menasse etwa die Rolle eines Rotschild spielt und eine Art ewigen Oberhaupts der Gemeinde sein soll, haben prunkvolle Synagogen, ein großes Krankenhaus und in jüngster Zeit ein großes Schulinstitut gegründet, das neben der Allianceschule sich äußerlich prächtig repräsentiert. Es umfaßt fünf Schulabteilungen, einen Kindergarten, eine elementare Knaben- und eine Mädchen- und entsprechende Erweiterungsschulen. Das System scheint in charakteristischer Mischung allgemeine Bildungstendenzen, Handels- und vielfältigen Sprachunterricht, französische Pünktlichkeit, Talmud-Thora und ein klein wenig Einfluß aus Palästina zu vereinigen. Die aschkenasischen Juden wohnen, soferne sie nicht in das kommerzielle Großgetriebe verwoben sind, in besonderen überaus ärmlichen Gäßchen. Dieselben tragen ein wenig den Charakter der russischen Städtchen, aber wie es scheint, ohne ein wirkliches Zusammenleben. Es herrscht hier besonders im Vergleiche zu Palästina etwas so Drückendes, namentlich da sich dieses Leben von dem der hohen Finanz so außerordentlich grell abhebt. Am Jom-Kippurabend besuchte ich die aschkenasische Betstube; die Leute buchstäblich in Werktagskleidern, eine Hitze, gegen die ägyptische Tageshitze ein Labsal bedeutet hätte, ein Drücken und Drängen, ein Schwätzen und Feilschen, etwas Seelenloses, Schlaffes, fast Markthaftes. Ganz anders bei den Sephardim. Ich weiß nicht, ob ihr Leben ein idealeres ist, aber wie verstehen sie es doch, vor den Menschen und vor ihrem Gott immer einfach und aufrecht, in stolzer, taktvoller Bescheidenheit zu stehen! Palästina ist hier schon ganz nahe. Viele Leute waren schon dort wie etwa ein Wiener schon Budapest gesehen hat, manche stammen aus Palästina. Leider hat Aegypten auch lange Zeit eine traurige Rolle in der Geschichte der Kolonisation gespielt, indem es zu einer Zeit, als noch keine starke Heimatsliebe die Jugend an Palästina fesselte, ein nahe; lockendes Auswanderungsland bildete. Andererseits bietet es das Hauptexportgebiet namentlich für die Weine von Rischon Lezion, welche auf großen Straßenplakaten angekündigt sind. Es ist ja nur noch ein Tag Seefahrt. Das eröffnet neue Perspektiven. Wie Aegypten heute ein beliebter Reisezielpunkt, seine Kurorte weltberühmt sind, so könnte es Palästina werden, mit seinem milderen und so reich abgestuften Klima. Geistig scheint Palästina ziemlich ferne zu sein, selbst bei den Zionisten, soferne dieselben nicht selbst halbe Palästinenser sind. Es gibt da ein Häuflein bürgerlicher Zionisten, deren Führer ein junger Arzt aus Jerusalem ist (übrigens der Sohn eines rumänischen Pioniers und seither nach Safed übersiedelt) und eine Gruppe der Poalei-Zion, die aus Rußland stammen und sich seinerzeit durch ihren Anschluß an eine jungtürkische Proklamation bekannt gemacht haben. Doch schien mir, soweit ich bei flüchtiger Beobachtung beurteilen konnte, die ganze zionistische Sphäre etwas schlaff, ferne jeder Anregung und jedem Weltzusammenhang. Der junge Arzt, den ich um die Ursache befragte,, sagte: „Es ist heiß.“ Nur wenn zuweilen ein Palästinafahrer vorüberkommt, scheint es etwas lebhafter zu werden. Und auch als ich abends mit einigen Leuten in dem kleinen Kaffeehäuschen saß, gab es einiges Debattieren und Diskutieren. Da war z. B. ein junger