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Jüdische Zeitung · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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I Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. '] 1; T i-;r" ■ I; I: beschlossen habe, die Einbringung einer Vorlage über die Judenfrage für lange Zeit hinauszuschieben, weil sie die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die Gleichberechtigung der Juden in Rußland unzeitgemäß ist. — Es fragt sich nur, wer der Regierung diese Ueberzeugung beigebracht hat. Man geht nicht fehl, wenn man annimnit, daß diesbezüglich Purischkiewicz und Kruschewan Stoiypins Lehrmeister waren. * * * Der Antisemitismus in der Duma. Petersburg. In der dritten Duma machen sich ganz besondere und immer feiner werdende Ge-; sellschaftsformen bemerkbar. Die Gespräche werden in einem Ton geführt, der an die Spelunken : des „Verbandes des russischen Volkes-* lebhaft 1 erinnert. So wandten sich vor kurzem zwei Dumamitglieder, Bakin und Lanin, an den Dumasekretär Sazonowiteh mit der Bitte, dem Arzte Schapiro eine Eintrittskarte in die Duma zu geben. Aus diesem Anlaß kam es zwischen den Deputierten und dem Sekretär zu folgendem charakteristischen Gespräch: „Ist das ein Jude? fragte Sazonowiteh. „Das wissen wir nicht, wahrscheinlich,“ antworteten Hie Deputierten. „Das ist gleich, einem Juden werde ich keine Karte geben!“ Derselbe Sekretär hat beschlossen, keinen Juden in die Dumakanzlei aufzunehmen, und wollte sogar den dort arbeitenden Juden znsammen mit den Frauen ihre Stellungen kündigen. Nach vielen Bemühungen ist es gelungen, diese Maßregel zu verhüTeri. Die „nichtwohnberechtigten“ Juden und der Stadthauptmann. Petersburg. Mit auffälligem Eifer fährt der Stadthauptmann fort, die Residenz von „nichtwoltnberechtigten Bürgern“, alias Juden, zu säubern. Die neueste Verfügung vom 22. v. M. mahnt zur strengen Achtsamkeii, daß Juden sich nicht unangemeldet in Petersburg aufhalten möchten; die Dokumente der Wohnberechtiglen seien besonders zu registrieren und immer wieder zu kontrollieren, damit Personen, die aus irgend welchem Grunde ihr Wohnrecht einbüßten, ohne weiters abgeschoben würden. Die Polizei solle eh sodann auf keinen Fall zulassen, dbß jüdische Handwerker, die auch nur vorübergehend ihr Handwerk nicht ausübten, in Petersburg verbleiben; samt Familien und Habseligkeiten müßten sie die Hauptstadt verlassen. Man fragt sich hier, warum der Stadthauptmann immer wieder mit gegen die Juden gerichteten-Verordnungen, die eigentlich nichts Neues enthalten, kommt. Indes, wer das ewige Buhlen der hiesigen Bureaukratie nach der Gunst des echtrussischen Verbandes kennt, weiß die Antwort. ■ * * .' Das Aufenthaltsrecht der jüdischen Kaufleute erster Gilde. Petersburg. Ueber die Frage des Aufenthaltsjechtes der jüdischen Kaufleute erster Gilde aus dem Königreich Polen in Petersburg handelt eine Senatserläuterung, die der Petersburger Stadthauptmann .den .Polizeichargen mitgeteilt hat. Nach dieser Senatserläuterung genießen die jüdischen Kaufieute erster Gilde aus Polen hinsichtlich ihres Aufenthaltes in Petersburg, die den jüdischen Kaufleuten überhaupt außerhalb des jüdischen Ansiedelungsrayons zugeeignet sind, d. h. sie besitzen das Recht, beliebig oft nach allen Städten des Reiches zu kommen, unter der Bedingung jedoch, daß die Zeitdauer aller Aufenthalte zusammengenommen für Kaufleute erster Gilde sechs Monate und für Kaufleute zweiter Gilde drei Monate jedoch nicht übersteigt. Von den finnischen Barbaren. Die brutalen Judenausweisungen in Finnland haben großes Aufsehen erregt. Die großen reichsdeutschen und russischen Blätter lenken die Aufmerksamkeit auf dieses Ereignis. Insbesondere die „Frankfurter Zeitung“ und die „Russische Korrespondenz“ berichten in ausführlichen Artikeln über die rechtliche Stellung der finnländischen Juden. Den Schilderungen ist zu entnehmen, ■ daß in keinem Staate der Welt — Rußland und Rumänien ausgenommen — so :■ barbarische Judengesetze herrschen. Finnland hat sein prinzipielles Verhalten, wie die „Russische Korrespondenz“ schreibt, gegenüber den Juden als Erbstück von i Schweden übernommen, aber nicht vom j. jetzigen modernen, sondern von jenem 1 Schweden, das zu Ende des 18. Jahrhunderts noch wesentliche Einrichtungen des Mittelalters kannte. Ais nämlich Finnland unter : Rußland kam, bestand aus .dem Jalire 1782; in ganz Schweden mit Einschluß Finnlands i für die Juden das Recht, nur in den Städten Stockholm, Göteborg und Norköping ihr; Domizil aufzuschlagen. In Finnland durfte also überhaupt kein Jude wohnen, und dieses Gesetz ist formell noch heute in Geltung, 1 obgleich Finnland bereits seit hundert Jahren mit Rußland politisch vereinigt ist Erst mit dem russischen Militär wurden Juden nach Finnland verpflanzt. Vor etwa einem halben Jahrhundert kam ins Land jene Klasse jüdischer Unglücklichen, die als; Kinder zum Militärdienst ausgehoben' worden waren, um dann als Erwachsene eine 20- bis 25jährige, äußerst' grausame Dienstzeit durchzumachen. Diese ausgedienten Soldaten nebst ihren Angehörigen erhielten durch Verordnung der russischen Regierung in Finnland das Aufenthaltsrecht und zogen allmählich weitere Gruppen von Volksgenossen an. Die rechtlose Lage der Ansiedler veraniaßte den nachmaligen Senator M i c h e 1 i n, im Jahre 1872 eine Petition zu ihren Gunsten im Ständelandtage einzubringen. Seitdem hat sich fast jeder Landtag mit der Frage befaßt; hatten früher Judenfreunde die Angelegenheit zur Sprache gebracht, so kamen später reaktionäre Judenfeinde, die darauf drängten, die Juden ganz und gar aus dem Lande zu vertreiben. In einem Landtag wurde sogar der Antrag, alle Juden auszuweisen, aber durch die Sumnje von.500 Mark zu entschädigen, ernstlich diskutiert. Infolge dieser Treibereien drang schließlich in einem Landtage das Gesetz durch, wonach jeder Jude, wenn er sich verheiratet, aus dem Lande zu weisen ist. Im Jahre 1889 ordnete sodann der Senat durch administrative Verfügung die Rechte der Juden dahin, daß ihnen das Wohnen nur in drei Städten erlaubt wurde. Mit dem ersten Landtag, der nach der neuen Wahlordnung zustande kam, tauchte eine entgegengesetzte Lösung des Problems auf. Die starke sozialdemokratische Partei, die zwei Fünftel des Parlaments einnahm, brachte den Antrag auf Gewährung der Gleichberechtigung an die in Finnland-wohnhaften Juden ein. Der Landtag verfiel jedoch noch vor der Erörterung dieses. Antrages der Auflösung. Auch dem neugewählten Parlament unterbreiteten die Sozialdemokraten eine ähnliche Petition und fanden dafür die Unterstützung der schwedischen Parteien sowie eines Teiles der Jungfinnen, und eine Kommission erhielt vom Landtag den Auftrag, einen Gesetzentwurf auszuarbeiten. Da setzte eine heftige antisemitische Agitation ein, um auf den Landtag einen Druck zu Ungunsten der Juden auszuiiben. Diese Hetzer machten dabei gar kein Hehl daraus, daß es ihnen nur darauf ankäme, die ganze Angelegenheit zu verschleppen, bis möglicherweise ein anders gestalteter Landtag gewählt werden würde. Unterdes aber hat der Senat bereits einen neuen judenfeindlichen Schritt getan, indem er vor kurzem in ein die Religionsfreiheit betreffendes Gesetzesprojekt einen Paragraphen einfügte, daß Juden keine finnländischen Bürger werden dürfen. So sehen die in Finnland ansässigen Juden trüben Zeiten entgegen. Die Reaktion scheint in Bezug auf die Judenfrage die Oberhand zu gewinnen, und den Juden winkt das Exil. Nr. 3. Parteinachrichten. Kundmachung des Mähr.-schles. Distrikts-Komitee. Die Verhandlungen des Mähr. - schles. Distriktstages finden am 17. Jänner in Olmütz: Klubzimmer der Pilsner-Bierhalle, Böhmeng. 3, präzise 3 Uhr 30 Min. statt. Innerösterreichischer Distriktstag. Die Fortsetzung des innerösterreichisehen Distriktstagas fand am 10. Jänner 1909 im großen Saale des Zionistischen Vereines statt. Den Vorsitz führte Herr Banquier Brecher. Nach Konstituierung des Bureaus folgte die Verlesung des Einlaufes, in welchem sich u. a. Anträge der Vereine „Theodor Herzl“ und „Bar Kochba“ befanden. Herr Dr. J e r u s I e in berichtete über die Tätigkeit des vom vorigen Distriktstag gewählten provisorischen Komitees. . . Hierauf erfolgte die Beschlußfassung über mehrere im Rechenschaftsberichte des abtretenden D.-K. gebotenen Anregungen. Der vom Gg. B r echer gestellte Antrag, das in der Affäre Marniorek von der Jahreskonferenz eingesetzte Dreierkömitee anzuerkennen, wird ohne Debatte abgelehnt. Anträge des Vereines Theodor Herzl würden dem zukünftigen D.-K. zur Erledigung zugewiesen. Verschiedene Anträge des Vereines „Bar Kochba“-, welche teils kultureller, teils administrativer Natur waren, wurden zum Beschlüsse erhoben. Jm Ausschlüsse hieran wurde auf Antrag des Herrn Schönhof folgende Resolution angenommen-r „Der D.-T. weist die Herabsetzung der Herren Dr. Zwei g, Dr. W e i s e n g r ü n und Markus durch die „Oesterr. Wochenschrift“, das offizielle- Organ des Kultusvorstandes mit Entrüstuug zurück und erklärt sich mit den Angegriffenen, welche in Ausführung der Parteibeschlüsse den Kampf mit der Kultusgemeinde geführt haben, solidarisch.“ Die hierauf vorgenommenen Neuwahlen ergaben folgendes Resultat: Obmann des D.-K. Dr. Karl P o 1 I a k; Mitglieder die Herren Arnold R e i c h, Dr. Jakob Ehrlich, Siegfried Beer, Dr. Leopold M e i s e 1;. Dr.. David R o t h b 1 u tu, Abgeordneter Adolf Stand, Dr. M. Berk ow i t z, Rudolf S t e r n I i e h. t und Arthur N e urrt a n n. Herr Dr. Pol! ak, mit bebhaftem Beifall begrüßt, übernahm das Präsidium. In seiner Antrittsrede führte er aus:. Die Umstände unter denen das neue D.-K. die Geschäftsführung übernehme, seien nicht gerade die günstigsten, Doch, sei begründete Hoffnung vorhanden, daß die Verhältnisse sich bessern würden. Als Voraussetzung hiefür beanspruche er volles, uneingeschränktes Vertrauen. Keinerlei Aufträge sollen das neue D.-K. in seinem Bestreben nach, seiner ersprießlichen Tätigkeit lähmen oder hemmen.. „Wir wollen“, schloß der Redner, uns fernhalten von aller Ketzerrieeherei, jede Meinung wollen wir hören und erwägen, vertrauenswürdige und arbeitsfreudige Gg. sollen uns als Mitkämpfer willkommen sein. Unter stürmischem Beifall schloß der D.-T., nachdem er noch dem provisorischen Dreierkomiteeden Dank für seine Tätigkeit ausgesprochen hatte. ♦ * * Das Innerösterr. D.-K hat sich in seiner Sitzung vom 11. d. M. wie folgt konstituiert: Obmann Dr. Karl P o 1 1 a k, Obmannstellvertr. Dr. Leop. M e i s e I, I. Schriftführer: Rudolf Sternlicht, II. Schriftführer: Arthur Neu tu a n n, Kassier: Arnold R e i c h, Hausreferat: Siegfried B e e r. Hebraika und Kulturarbeit: Dr. B e r k o w i t z, Palästina: Dr. R o t h b 1 u in. # s Zum Beschlüsse erhobene Anträge: 1. Die Schekel werden von der Parteisteuer getrennt eingehoben. 1. Der D.-T. fordert das D.-K. auf, das Notwendige zu veranlassen, um Zweigvereine des zionistischen Zentralvereines in den einzelnen Bezirken Wiens ins Leben zu rufen. 3. Das D.-K. wird aufgefordert, eine rege zionistische und Palästina-Propaganda zu entfalten. 4. Der D.-T. nimmt das bei den letzten Kultuswahlen aufgestellte Kultusgemeindeprogramm gegehmigend zur Kenntnis (im Sinne des Bielitzer Parteitages).

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