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Jüdische Zeitung · 1908-12-25 · 52 (25.12.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
52 (25.12.1908)
Date
1908-12-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 52 und damit eine Kulturarbeit verrichtet, die sicherlich — wir versprechen es hier — für alle Zeiten bei uns Juden unvergessen bleiben wird. Gegen diese Tücke, gegen diese Feigheit haben wir uns endlich aufgelehnt; wir haben uns aufgelehnt, weil sonst der Ekel uns erstickt hätte, aufgelehnt, weil wir unsere wehrlosen weiblichen Kolleginnen vor den Handgreiflichkeiten eines ehrlosen Gesindels schützen müssen; wir haben uns aufgelehnt, weil wir Juden nicht zugeben können und nicht dulden werden, dass das ohnedies in Wien grassierende Plattenunwesen auch auf die Universität verpflanzt wird. Wir haben uns au'ge!ehnt gegen die perfide Lüge, wir Juden seien an der Wiener Universität nur von den Deutschnalionalen geduldete Gäste. Wir haben uns aufgelehnt gegen die Lüge, der deutsche Charakter der Wiener Universität werde durch die Juden gefährdet und angegriffen. Wer die Geschichte des deutschen Volkes kennt, der weiss, dass die Juden den Deutschen — wie oft! — als Helfer, als Sturm- und Sündenböcke im Kampf um nationale und geistige Güter zur Seite gestanden; der weiss aber auch, wie die deutsche Treue die Juden belohnt hat. Und wer es nicht weiss, dem müssen jetzt endlich die Augen aufgehen, um es zu sehen. An dieser Universität haben jüdische Lehrer wie arische zum Ruhme der Wissenschaft gewirkt. Jüdische Gelehrte und Forscher haben die Gebiete der menschlichen' Erkenntnis so gut wie arische erweitert. An dieser Universität haben wir Juden niemals Almosen empfangen, sondern Leistung mit Leistung yergollen. An dieser Universität ist erlauchte jüdische Geistesarbeit gar nicht mehr aus dem Gefüge des Kulturbaues zu nehmen. An dieser Universität sind wir keine Gäste, lassen uns nicht als Gäste behandeln, lassen uns nicht als fremde Eindringlinge beschimpfen und nehmen einfach unser Recht in Anspiuch. In dieser Stadt haben unsere Vorväter durch Jahrhunderte die dreifache und zehnfache Last dessen getragen, was den andern Bewohnern auferlegt ward; in dieser Stadt ist das erste Blut, das vor sechzig Jahren im Kampfe um die allgemeinen menschlichen Freiheiten vergossen wurde, jüdisches Blut gewesen und es ist freudig dargebracht worden. In dieser Stadt sind wir weder Gäste noch Eindringlinge und werden niemals vor den spitzfindigen deutschen Rechtsverdrehern um Fussbreite zurückweichen, werden niemals unser Menschentum von einer grossmäuligen, nur im Gefühl ihrer Uebeizahl tapferen Gegnerschaft ducken lasseD. Aber es ist Zeit, dass wir nicht allein bleiben. Mit diesen letzten Kämpfen — es werden nicht die letzten sein — haben wir endlich unserer lange genug gebändigten Entrüstung Luft gemacht, haben wir gezeigt, dass unsere Geduld am Ende ist, und Euch allen, die Ihr Juden seid, haben wir gezeigt, in welcher Not wir leben. Ihr dürft uns jetzt nicht missverstehen. Wir haben nicht um den Platz auf der Rampe mit den deutschnationalen Rampenbummlern gerauft, sprfftern wir haben um unseren Platz in den Hörsälen, um unseren Platz in der Universität, um unsere Ehre und unsere Existenz gekämpft. Nachgerade ist der Daseinskampf für die Juden ein Verzweiflungskampf geworden. Wir sind „gleichberechtigt* nach dem Buchstaben der Verfassung, aber die betrügerische Praxis, die gegen die Juden schamlos geübt wird, hat uns diese famose Gleichberechtigung längst defraudiert. Die Wege zu den Staatsämtern, auch zu den bescheidensten, sind uns seit vielen Jahren verrammelt, die Aufnahme in die Lehrerbildungsanstalten wird den Juden seit Jahren verweigert. Die akademische Karriere wird ihnen mehr und mehr verschlossen, und nur dem Genie unter den jüdischen Gelehrten ist es noch möglich, Universitätspforten zu sprengen, die sich vor jeder anderen Mittelmässigkeit bereitwillig öffnen. Die Juden werden aus allen Erwerbsmöglichkeiten und Anstellungen verdrängt, auch dort, wo jüdisches Geld Institute für allgemeine Wohlfahrt geschaffen hat. Man braucht nur daran erinnern, dass in dem Bettina-Spital, welches von Rothschild errichtet wurde, jüdische Aerzte hinausgeekelt worden sind und dort nicht mehr Platz finden. Heute gibt es auch schon Kliniken, die sich den jüdischen Schülern und den jüdischen Forschern scbliessen. Schrittweise wird uns der Boden entzogen, planmässig wird der Versuch unternommen, unsere Entwicklung zu drosseln. In dieser Stunde treten wir vor Euch hin, um Euch anzureden. Es gibt heute viele, die das Judentum feige verlassen, die ihrer Herkunft, ihrem Geblüt zu entfliehen meinen, indem sie das religiöse Bekenntnis wechseln. Aber dfe ihr Juden bleiben wollt, erinnert Euch endlich daran, dass Ihr Juden seid. Erkennet endlich, dass die Juden betrogen, ausgebeutet und bewuchert werden — betrogen und ausgebeutet an Geist und Ehre, bewuchert an Gut und Menschentum. Erkennet endlich, dass die Juden ihre eigene Sache, ihre eigenen Söhne nicht im Stiche lassen dürfen. Wir stehen nicht um Kindereien im Kampfe. Wir ringen ums Dasein, wir kämpfen um Arbeit, um unser Fortkommen, um unser Leben! Gel t denn auch endlich die geistige Arbeit, die ihr zu vergeben habt, nur an Jüdin. Gebt die Stellen, die ihr besetzen müsst, nur an Juden. Wendet den Erwerb, der armen Studierenden die Existenz ermöglicht, nur jüdischen Studenten zu. Und gebt die Unterstützungen, die Ihr bisher wie einen demütigen Tribut den höhnisch lächelnden Machthabern so freigebig in die Hände schüttet, endlich nur den Juden. Denn mit Eueren noch so edel gemeinten Wohltätigkeitsleistungen habt Ihr nur diejenigen grossgezogen und gefüttert, die uns jetzt mit dem Knüttel in der Hand, unc mit dem Waidhofner Beschluss als Deckschild feindselig gegenüberstehen. Aber die Armen unter uns haben, weil sie Juden sind, von niemandem etwas zu hoffen, wenn sie von Euch nichts zu hoffen haben. Nach der Session. Vom EeichsratsabgeordnetenDr. Heinrich. Gabel. Die letzte Session des österreichischen?arlaments hat drei Wochen gedauert. Während dieser Zeit wurden verschiedene Staatsnotwendigkeiten, vor allem das Budget, die Annexionsvorlage und das Ermächtigungsgesetz, erledigt. In der letzten Sitzung wurden noch einige kleinere GesetzesvorlageD, betreffend die Beschränkung der Nachtarbeit für Frauen, den Gewerbeschutz, das Meliorationsgesetz u. a. förmlich durchgepeitscht. Weiters wurde das Gesetz für die Sozialversicherung einem Spezialausschusse zugewiesen. Für die innere Kräftigung der Morarchie ist aber nichts geschehen. Der zwischen Deutschen und Tschechen bestehende Gegensatz hat an Schärfe nichts verloren, wenn er sich auch gegen Ende der Session nicht in gleich heftiger Weise geäussert hat, wie zu Beginn. Ebensowenig hat der Kampf zwischen Polen und Ruthenen mildere Formen angenommen. Mit aller Deutlichkeit geht das aus der Rede des Abgeordneten Dr. Okuniewski hervor, welcher dem gemässigten Flügel des ruthenischen Klubs angehört, und aus der Tatsache, dass der Ruthenenklub geschlossen gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Ebenso haben die nationalen Parte ien, mitÄüsnahme der Italiener, der Regierung keine Zugeständnisse nationalen Charakters abzuringen vermocht. Den Italienern wurde eine italienische Rechtsfakultät in Wien zugestanden, nicht aus BiUigkeitsgründen, sondern mehr aus Gründen der äusseren Politik. Kein Wunder, wenn auch der jüdische Klub in der Realisierung seiner nationalen Postulate nicht um einen Schritt nach vorwärts gekommen ist. Die Ursache hiefür ist zweifellos das Beamtenkabinett. Zur Erledigung der Staatsnotwendigkeiten und zur Vorbereitung eines parlamentarischen Kabinetts berufen, vprwahrle es sich von vornherein, auf die Wünsche der einzelnen Völker und parlamentarischen Parteien näher einzugehen, respektive durch Vermittlung der Abgeordneten mit den österreichischen Völkern in Fühlung zu treten. Wenn es somit im Plane des Beamtenkabinetts liegt, die Wünsche und Forderungen der österreichischen Völker zu ignorieren, so ist es einfach unverständlich, warum ihm die Unterstützung der Presse, der öffentlichen Meinung und der sogenannten Volksparteien, wie der Sozialdemokraten, die docü zur Wahrung der Interessen der breiten Massen berufen sind, so reichlich zuteil wurde. Verständlich ist nur der Enthusiasmus der ,Neuen Freien Presse“, welche in dem Beamtenkabinett die Fortsetzung des liberalen Regimes sieht und die ständige Etablierung eines solchen Kabinetts freudigst begrüssen würde. Diese Anschauung ist aber falsch, denn das liberale System hat vollständig abgewirtschaftet und am allerwenigsten hat ein Beamtenkabinelt die Kraft und Lust es aufrecht zu erhalten. Die öffentliche Meinung, welche von der „N. Fr. P.“ und anderen Organen, die jede Regierung unterstützen, irre geleitet wird, motiviert ihre freundliche Haltung mit der Furcht vor dem § 14. Als ob der § 14 andere Zustände herbeiführen könnte, als ein Beamtenkabiflett! Mit dem § 14 hätte man auch nicht mehr als Staatsnotwendigkeiten erledigen können. Denn mit Rücksicht aut die äussere Politik könnte das Regieren mit dem § 14 nicht lange dauern und man müsste nolens volens zum parlamentarischen Regime zurückkehren. Die Unterstützung des Beamtenkabinetts war daher unberechtigt, sowohl in Anbetracht der Programmlosigkeit desselben, als auch mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, normale parlamentarische Zustände wieder einzuführen. Vom Standpunkte der jüdischnationalen Politik ist für mich auch die Unterstützung des parlamentarischen Kabinettes, welches C'trw.«r»S fr» *>;. -7CI

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