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Jüdische Zeitung · 1908-09-17 · 37 (17.9.1908) Extraausgabe · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
37 (17.9.1908) Extraausgabe
Date
1908-09-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Extraausgabe. Gratis! Jüdische Zeitnn T-u. Redaktion, Administration und Wochenschrift. Li . LJ Abonnementspreise: Inseratenaufnahme; Erscheint jeden Freitag. In O esterreich-U ng*r n: IX., (ftäpHeosfrasse 9- Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Telephon Nr. 14.199. In Deutschland: Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Hk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Hk. 5.—, Vierteljahr. Hk. 3.—. vormittags. 1-1 - Einzelne Nummern 20 Heller. Im übrigen Ausland ganzj. Fros. 15.—. □-:-C Manuskripte werden niobt zuruckgestellt. Manuskripte werden niobt zurückgestellt. Vertretungen ln der Provinz In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitnngsverschleiss Wlez ek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Buchhlndlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 37a Wien. Donnerstag, den 17. September 1908. II. Jahrgang. Ein unerhörter Wahlrechtsraub. Jübifche ITlittmrger! Die Gemeinschaft der Wiener Juden ist durch einen brutalen Gewaltakt entehrt und vor den Augen aller modern und freiheitlich denkenden Menschen öffentlich blossgestellt worden. Seit Jahren wird gegen die herrschsüchtige und unfähige Clique, welche sich im Wiener Kultusvorstande hinter einem stockreaktionären Wahlsystem verschanzt hält, Sturm gelaufen und um Ausdehnung und Demokratisierung des Wahlrechtes, diese Vorbedingung für jede gesunde Entwicklung, gekämpft. Wie hat man diesen gerechten Verlangen des Volkes Rechnung getragen? Die soeben zur Einsicht ausgelegte Kultuswählerliste enthält — Wien zählt über 170.000 Juden — bloss 10.000 Wähler, um 7000 weniger . als die Liste von 1906, obwohl seither die Zahl der Kultussteuerträger sich von 21.000 aÄf 25.000 vermehrt hat. Von diesen 25.000 Kultussteuerträgem also wird nur 10.000, das sind 40 Prozent das Wahlrecht zugebilligt! Fassungslos fragt man sich, wie ein so schamloser, die ärgsten christiichsozialen Muster überbietender Wahlrechtsraub möglich ist! Der Kultusvorstand hat in seiner Not und Verzweiflung — die schmählichste Niederlage bei den heurigen Kultuswahlen voraussehend — sich plötzlich für eine nie zuvor geübte Auslegung der Wahlordnung entschlossen und kurzerhand alle aus der Wählerliste ausgestossen, die für das laufende Jahr 1908 die Kultussteuer noch nicht, oder noch nicht voll entrichtet haben, auch solche, die Jahrzehnte hindurch die pünktlichsten und gewissenhaftesten Steuerzahler waren. Dieses an sich odiose Vorgehen des Kultusvorstandes konnte aber den Zweck, unbequeme Wähler in Massen mundtot zu machen, nur dadurch voll erreichen," dass dasselbe Kultussteueramt, dessen Inkassanten sonst Gass’ auf Gass’ ab umherschwärmten, dasselbe Steueramt, das sonst so rasch mit der politischen und gerichtlichen Exekution zur Hand war, diesmal bis zur Beginn der Wahlzeit jedes Inkasso und jede Betreibung bei allen u n t e r 1 i e s s, die nicht als ganz zuverlässige Stützen der herrschenden Clique gelten. Tausende von Gemeindemitgliedem werden sich so, wenn es im November zur Wahl kommt, plötzlich als „säumige Steuerzahler“ ihres Wahlrechtes, und damit der Möglichkeit beraubt sehen, zum Sturz des verhassten Regimes beizutragen. Gleich nach Ablauf der Reklamationsfrist am 24. September aber wird der Kultusvorstand sein Steueramt aus der künstlichen Lethargie erwecken und die für 1908 „rückständige* Steuer rasch und rücksichtslos mit Exekution eintreiben lassen! Wiener Kultuswähler! Seid überzeugt, dass wir kein gesetzliches Mittel verabsäumen werden, um eure Rechte zu schützen und das schamlose Bestreben abzuwehren, das in unserer altehrwürdigen Gemeinde scblachzizische und christlichsoziale Methoden zur Erdrosselung der Opposition einbürgern möchte. Die friedlichste und dabei radikalste Abwehr jedoch liegt in euerer Macht. In eurer Macht liegt es, bei der kommenden Kultuswahl die herrschende Clique für ihre volksfeindlichen Ränke und Gewaltmassregeln durch eine vernichtende Niederlage büssen zu lassen. Schon bei der letzten Kultuswahl hat die Opposition 48°/0 aller abgegebenen Stimmen, in viel en Bezirken sogar die üb erwiegende Mehrheit auf sich vereinigt. Inzwischen aber ist die Erbitterung über die unfähige Gewaltherrschaft, die sich in der Kultusstube etabliert hat, in allen Kreisen der Gemeinde noch gewachsen. Die letzte Kultuswahl hätte den Machthabern eine ernste Warnung zur Einkehr sein sollen; sie haben diese Warnung in den Wind geschlagen. Nicht eine einzige der freiheitlichen Forderungen unserer Opposition ist im Kultusvorstande befriedigt oder auch nur erwogen worden. Von einer Verbesserung des reaktionärsten aller Wahlrechte war keine Rede, die Kurie der Höherbesteuerten soll bleiben, die Wahlen sollen gar statt alle 2 nur alle 3 Jahre stattiinden — der allgemeine Ruf nach, bezirksweiser Wahl, nach Augestaltung der Bezirkskommissionen stiess auf taube Ohren, die ungerechte und sinnlose Steuerpraxis wird beibehalten, das Armenwesen, die ganze Verwaltung bleibt verrottet, wie sie war; von einem Verständnis für die modernen sozialpolitischen Aufgaben, die ein so grosses, so einflussreiches Gemeinwesen wie die Judengemeinde Wien lösen kann und lösen muss, um dem jüdischen Massenelend zu steuern, dem verheerenden Wirken des Antisemitismus entgegenzuarbeiten und das jüdische Ansehen nach innen und aussen zu heben, ist nicht die leiseste Spur zu finden. Aufgaben, die den heutigen Kultusvorstand allein locken, sind die gewaltsamen Auseinandertreibungen harmloser Betgemeinschaften, die Einmischung in die politischen Wahlkämpfe, die Verherrlichung eines Ritters von Taussig, welcher ohnehin für das Pogromdarlehen schon durch den Stanislausorden, für das Darlehen an die christlichsozialen Beherrscher Wiens durch das Lob Luegers und die Entlassung der jüdischen Omnibusbediensteten genügend belohnt ist, u. dgl. Jüdische Mitbürger! Wollt Ihr mit einem solchen Kuliusvorstand endlich abrechnen, wollt Ihr euch die Möglichkeit verschaffen, Männer in in die Gemeinde zu entsenden, welche von den Idealen eines jungen Judentums erfüllt sind, welche ihr Volk wahrhaft lieben und auf seine Bedürfnisse mit Verständnis nnpehen, Männer schliesslich, welche den Weg zur ersehnten Entwicklung dieses Gemeinwesens in dessen demokratischer Umgestaltung erkannt haben, dann ist es euere Pflicht, zunächst das Manöver der herrschsüchtigen Clique zunichte zu machen. Wartet nicht erst den Exekutor ab! Schon am 24. September endet die Reklamationsfrist; bis dahin mussJeder Volksfreund die rückständige Kultussteuer im Steueramte der Kultusgemeinde, I. Seitenstettengasse 4 erlegt haben! Auch versäume dann niemand, seine Eintragung in die ebendort aufliegende Wählerliste selbst zu überwachen oder durch Verständigung unseres Komitees überwachen zu lassen. Zur Beachtung! Eigenberechtigte Söhne von Wiener Kultuswählern haben schon nach einmaliger Zahlung der vorgeschriebenen bezw. einer freiwilligen Kultussteuer von 10 K das Wahrecht. Jüdische Mitbürger! Wir erwarten, dass Ihr euere Pflicht tut! Wien, IX. Türkenstrasse 9. Wenden.

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