Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 1 (1907)
- Issue
- 1 (11.5.1907)
- Date
- 1907-05-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 3udische„ Zeitung Nr. 1 Sfammesgenossen! Die Völker Österreichs werden zum erstenmale aufgerüfen, mittels des allgemeinen Stimmrechtes ihre Vertreter ins Parlament zu wählen, um durch sie die künftige Gestaltung des Staates zu bestimmen. Wir Juden stehen vor der schweren und verantwortungsvollen Entscheidung über unsere politische Stellungnahme, da sich die bisherige Haltung jener Juden, welche politische Rechte besassen, als vollständig ungeeignet erwiesen hat, die Interessen des jüdischen Volkes zu wahren: Trotzdem sie bis zur völligen Selbstverleugnung, zur Preisgabe dieser Interessen gieng, konnte sie das mächtige Anwachsen judenfeindlicher Strömungen nicht verhindern. Die Vorkämpfer der rüdesten Rassenhetze gelangten zu Einfluss, Amt und Würden, so dass sie es nicht mehr nötig haben, die Bevölkerung aufzureizen, sondern sich der offiziellen Gesetzgebung und der Verwaltungspraxis im Reiche, in den Ländern und Gemeinden bedienen, um den 'Vernichtungskrieg gegen den jüdischen Mittelstand zu führen. Die Abwehr dieser Tendenzen ist gleichzeitig den Juden unmöglich gemacht worden. Denn die wenigen Parteien, die noch einige Juden in ihrer Mitte duldeten, weil sie zu sehr auf jüdische Geld- und Wahlhilfe angewiesen waren, begnügten sich mit der theoretischen Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden, hüteten sich aber, dort, wo jüdische Ehre oder jüdische Wirtschafts-Interessen bedroht wurden, energisch und offen für diese einzutreten, um nicht den vernichtenden Vorwurf der „Judenfreundlichkeit** auf sich zu laden. Zudem weiden diese sogenannt »liberalem Parteien infolge der nationalen Ralliierungen gezwungen, sich mit den antisemitischen Gruppen — welche Juden als Volksfremde ausschliessen —zu einem nationalen Bloch zu vereinigen, in welchem für die Juden überhaupt kein Platz mehr ist. Hat so cüe, bisherige Politik der jüdisch-assimilatorischen Notabein Schiff bruch gelitten, .so sind andrerseits die Umrisse einer zukünftigen, wahrhaft jüdischen Politik in der letzten Zeit immer deutlicher hervorgetreten. Ein isolierter Abgeordneter war es, der ihr im verflossenen Parlament präludierte, sich offen als judischnational bekannte und mannhaft für die Interessen des Judentums kämpfte. Dieses Auftreten das von allen anständigen Vertretern der reinnationalen Parteien mit lebhafter Sympathie begrüsst wurde, — da diese vor einem Juden, der sich offen zu seinem Volkstum bekennt, volle Achtung haben und nur das Eindringen der Juden in ihre Volkssolidarität perhorreszieren — war nur das erste nach aussen weithin sichtbare Zeichen einer Umwälzung, welche in den letzten Jahren still, aber unaufhaltsam alle Schichten des Judentums ergriffen hatte. Immer weitere Kreise hatten sich von der assimilatorischen Politik, welche ihre Repräsentanten betrieben, emancipiert, und waren zur Erkenntnis gelangt, dass wir Juden, anstatt uns einem Volkstum zu assimilieren, das uns abstösst, den Jdealen, für. die wir bisher stets gekämpft und unseren eigenen wohlverstandenen Interessen besser dienen, wenn wir, solidarisch mit all unseren Brüdern, uns stolz und selbstbewusst auf unsere viel ältere Kultur stützen, unsere durch Jahrtausende mit zahlreichen Blutopfern, in endlosen Leiden treu behauptete Volks- Individualität bewahren, und im ihrem Namen, nicht unter falscher Flagge, für die Grundideen des Judentums, für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen —uns selbst achtend und den jüdischen Namen wieder zu Ehren bringend! Mit der Erkenntnis, dass unsere Not eine nationale ist, wurde die Bedeutung der zionistischen Jdeenwelt weiten Kreisen des Judentums bewusst. Man begriff endli^i, .dass der Zionismus, das Streben nach einem politischen, nationalen ‘und kulturellen'Zentrum für däs jüdisch'e Volk auf'dein durch die Tradition geheiligten'Boden Palästinas, den höchsten Ausdruck des Willens zur nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes bedeutet. Man sah endlich ein, dass die Zionisten, welche seit 10 Jahren für die Einigung des jüdischen Volkes auf nationaler und demokratischer Grundlage arbeiten, die wahren politischen Führer des Judentums sind.' Als solche erwiesen sie sich auch jetzt, indem sie eine grossartige Volkskundgebung veranlassten, welche die Regierung zur Schafhing jüdischer Wahlkreise bewog, und indem sie auf die Frage nach der künftigen Politik der Juden Österreichs, die einzig richtige Antwort gaben: ' Schon vor Jahresfrist gründete die zionistische Organisation eine grosse West-und Ostjuden umfassende Jüdische nätionalpartei auf deren erstem, konstituierenden Parteitag zu Krakau, 1—2. Juli 1906 ein Oesteiwicbiscb-3üdisebes Programm genehmigt wurde. Dieses Programm fusst, treu den glorreichen Traditionen de% Judentums auf den Prinzipen individueller Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Es verlangt Gleichberechtigung und Selbstverwaltung der Völker Österreichs, Lösung des nationalen Streites durch nationale Autonomie, eine moderne, grosszügige Wirtschafts- und Sozialpolitik, Bruch mit der reaktionären Gewerbepolitik etc., allgemeines und Proportionalwahlrecht für alle Vertretungskörper und Schutz den Minoritäten. Als speziell jüdische Forderungen sind das Verlangen nach strikter Durchführung des Staatsgrundgesetzes über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, namentlich in, allen Zweigen öffentlichen Dienstes, sowie nach Anerkennung , Her Juden als Nation, ihre Gleichberechtigung mit allen anderen Nationen und Gewährung der Autonomie auch für das jüdische Volk darin aufgenommen. Juden Oesterreichs! Die primitivste Forderung politischer Klugheit lautet: Eigene, nicht fremde Interessen wahrzunehmen und diese Interessen selbst zu verteidigen, nicht durch Fremde vertreten zu lassen. Wählt daher nur Männer, die nach ihrem Fühlen und Denken jüdisch, die von Liebe zu ihrem Volk und dem Bewusstsein ihrer grossen Aufgabe durchdrungen sind, die auf Grund eines jüdischen Programmes kandidieren und sich verpflichten, nur einem jüdischen Klub beizutreten. Nur solche wahre Verteidiger jüdischer Volksinteressen können jenes Mass von Eifer, Mut, Geduld und Geschick •aufbringen, das allein der Sache einer schwachen Minderheit Gehör, Achtung und Bundesgenossen gewinnt. Schon eine kleine Schar solcher Männer wird im Parlament eine nationale Gruppe bilden können und mit ihrem österreiohisch-patriotischen, auf friedliche Auseinandersetzung der Völker gerichteten Programm eine wertvolle Bundesgenossin aller freiheitlichen Parteien und-nationalen Minderheiten sein, dem jüdischen Volk Ächtung und Sympathie erobern und das bisher durch-politisches , Ungeschick erschwerte Problem des friedlichen Einvernehmens'zwischen dem jüdischen Volke und allen übrigen Nationen Österreichs der Lösung näherbringen.