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Israelitische Rundschau · 1902-09-12 · Heft 37 (12.9.1902) · page 1

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Journal
Israelitische Rundschau
Volume
1902
Issue
Heft 37 (12.9.1902)
Date
1902-09-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wir vergessen keinen Augenblick die immense Schwierigkeit dieser Aufgabe. Wir wissen gar wohl, dass wir bei diesem ungemein schwierigen Unternehmen w.cnig Bundesgenossen' unter unseren jüdischen Zeitgenossen haben. Wir können weder auf die Mithilfe der Orthodoxie rechnen, die doch eigentlich das höchste Interesse daran haben müsste, die ihr bisher am meisten feindselig gewesene Reform beseitigen zu helfen, noch auf die zeitgenössische jüdische Presse, - welche aus pekuniären Gründen weder Farbe bekennen, noch Tendenz äussern, noch endlich überhaupt für das Judentum wirklich eintreten will. Kein Hcllschendcr noch klar Denkender wird bestreiten wollen und können, dass die moderne jüdische Presse in erster und letzter Linie ein Spekulationsunternehmen ist, bei dem cs nur darauf ankommt, Geld, viel Geld und viel koscheres Geld zu verdienen, wobei gezwungenermassen auch von und für Judentum so viel gedruckt wird, als mit Aufwand wenigster Kosten unumgänglich notwendig ist. Ausserdem hat diese heutige jüdische Presse weder den ausreichenden Einfluss auf die Judenheit, noch auch die geistige Qualifikation, um auf unsere jüdischen Massen bestimmend einzuwirken. So sind wir denn, wie bei allen tiefeinschneidenden Lebensfrage.! ganz und allein auf uns selber angewiesen. Aber „die Wahrheit - ist im Anmarsch" rufen wir mit Zola, der Zionismus hat sie auf sein Panier geschrieben und er wird, auch ohne fremde Hilfe, I und trotz allen Anfeindungen, dieser Wahrheit zum Siege verhelfen. , .. Indem wir der vermorschten „Reform", dieser armseligsten Mache, die je von Juden ausgegangen, welche J. Stahl vor mehr als 50 Jahren schon als „geistloses Treiben, als zersetzend, als widerlich" gekennzeichnet hat, eine Reform entgegenstellen, setzen wir als oberste Norm obenan: Täglicher Unterricht für sämtliche jüdische Kinder, — Knaben wie Mädchen — im Hebräischen.. Vor 30 Jahren wurden auf.Gymnasien höhere •: *) Wir stellen fest, dass der Mainzer „Israelit" die * beiden Artikel unseres g. Mitarbeiters * * unter dem Titel „Zionismus contra Reform" an leitender Stelle ‘abdruckt und . wohlwollend glossierti - Wir-stellen ihm gern auch diesen Schlussartikel zu gleichem Zweck zur Verfügung. Die Red. Anforderungen gestellt als heute; zehn bis zwölf Unterrichtsstunden mehr in der Woche erteilt, und dennoch blieb — in nicht reformierten Gemeinden selbstverständlich — für die Gymnasiasten täglich Zeit übrig für eine und mehrere Stunden hebräischen Unterricht. Es wurden gute Resultate erzielt — frei-' lieh nicht dadurch, dass die Rabbiner sich nicht um den Unterricht kümmerten. So lange unsere Kinder nicht so viel von unserer heiligen Sprache erlernen, dass sie dieselbe fitessend lesen und einige r m a s s c n übersetzen können/ sind alle anderen Massnahmen völlig zwecklos. ' ' Gegenwärtig liest man häufig kn jüdischen Zeitungen von Lehrerkonferenzen und klugen Debatten ob Bibel-, ob Sprächet) Religionsunterricht das Wichtigste seien. Die Lehrer debattieren und die entlassenen und noch „Unterricht geniessenden" Schüler wissen weder vom einen noch vom andern. Die Debatten sind eben länger geworden, die Konferenzen häufiger, als der. Bibel- (!) Hebräisch- und Religionsunterricht der Kinder zusammen. Das Resultat ist Ignoranz, brutale Gleichgiltigkeit gegen alles Jüdische und Apostasie. Früher wusste man von diesen müsslgen Theorien feast nichts, aber die jüdischen Lehrer bewiesen, dass sie verstanden zu unterrichten. Also vor allen Dingen, sollen die Lehrer unsere Kinder hebräisch lesen und übersetzen lehren, die Bibel lesen werden diejenigen, welche als Juden fühlen und denken und einige Wissbegierde haben, auch ohne die kluge, aber unbewährte Stundcncinteilung der Lehrer schon ohnehin: Der Streit um des Kaisers Bart, wegen „Relitonsunterricht", muss Lachen erregen, wenn einem der Zugang zur Religionswissenschaft schon dadurch verlegt wird, dass man die Sprache dieser Religion gar nicht kennt, cetcrum censeo: Hebräischer Unterricht Damit verbindet sich naturgemäss, ja fast von selbst, Belehrung über Gebetseinteilung, über Zeremonlecn*) u. s. w. Und soviel dürfte man doch selbst noch yon sehr mittelmässig veranlagten Lehrern erwarten, dass sie ilicc sol disant Schüler darin unterwiesen, was zu verschiedenen Zeiten gebetet wird und wie. Dann könnten ja auch beispielsweise die Knaben den Synagogenvorstehern als Vorbild in der : *) Erst vor Kurzem kam der Fall ln einer Reformgcmcindc vor, dass ein junger Mann und dessen Schwester, deren Vater eben beerdigt worden war, 'beim Kaddischgebet sich Nieder- Letzten. Als ihnen von befreundeten Leuten gesagt wurde, dass das Kaddisch stehend und gegen .Osten gewandt gesagt werden müsste, frug der junge Mann empört: „warum lehrt man das die Kinder nicht in der Schule schon?" Das Kaddischgebet war; ihnen in deutscher Schrift aufgeschrieben worden. Kommentar ' ganz überflüssig.

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