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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Auswanderung und Kolonisation. Beilage zu Nr. 1 des „Jüdisches Volksblatt". Die Mischen Kolonien in Palästina. « Vortrag, gehalten am 12. Dezember im.SloitftiTpuremt im Verein „Theodor Herzl" in Wien.) Von Boris Goldberger - Wilna. Das Thema meines Vortrages soll die Gegenwartsarbeit in Palästina bilden. In diesem Frühling hatte ich das große Vergnügen, längere Zeit in Palästina zu verweilen. Ich habe dort zirka zwei Monate zngebracht und zwar unter besonders günstigen Bedingungen, so daß eS mir wirklich leicht war, mich mit den Verhältnissen ganz besonders der Kolonien und fast sämtlicher Kvlonisativnsverhältnisse vertraut Zll machen. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf die Lage der jüdischen Kolonien gerichtet und ganz speziell darauf, wie mail die Erweiterung der Kolonisation in Palästina bewerkstelligen könnte. Ich habe Palästina ooin Toten Meere bis zum Jefod Haniaalah, eine der nördlichsten Kolonien, besucht. Nur eine konnte ich aus mannigfachen Hindernissen nicht misslichen, sonst war ich fast überall. Ich hatte das Vergnügen, die neu entstandenen Kolonien, die noch ganz wenig bekannt sind, zu besuchen, die Gutswirtschaft E e d s ch r a, I a m m a lind auch die Nebenkolonien. Ich will von der Voraussetzung auSgehem, daß alle hier Versammelten oder doch der größte Teil die Kolonisation Paläst'naS als eines der wichtigsten Elemente der territorialen Konzentration des jüdischen Volkes betrachten. Wir lvevden nnS hier ilicht mit politischen Fragen befassen; ich werde nur die rein praktischen Punkte ins Auge fasscil und ausschließlich die Frage beleuchten, was wir, d. h. die Gesamtheit des jüdischeil Volkes, die die Kolonisation Palästinas für eine sehr wichtige, heilige Sache betvachteil, in dem gegenwärtigen Momente für die Förderung der Kolonisation in Palästina tun können und sollen. Diejenigen, die in bcn Kolonisationsfragen besonders bewandert sind, wissen wohl, daß die Kolonisation Palästinas eine Geschichte von bereits 22 Jahren hat. Trotz dieser ziemlich. bedelitenden Zeit hat die Kolonisation Palästinas vorläufig einen ganz beschränkten Ulllfang, man kannte sagen, daß sie in wirtschaftlicher unb n a tionalökonomischer Beziehung vorläufig fast gar keine Bedeutung hat. Sie hat aber eine sehr gewaltige Bedeutung als Vorstudie, als Versuchsstation für eine große Kolonisation'in der Zukunft. Wir haben dort in diesen 22 Jahren sehr viel gelernt, sehr viel Erfahrung gesammelt und jetzt kann tnan mit nüchternem Auge, mit geklärtem Blicke die weitere Entwicklung der Kolonisatioll vornehmen. Wir haben aus der Geschichte der bisherigen Kolonisation die Erfahrung gemacht, daß das Geld a l l e i il, materielle Mittel allein, nicht die maßgebenden Faktoren einer Kol» msation sind. Es nmß betont werden, daß gerade von einem Mangel an Geld in dieser Zeit sehr wenig gesprochen, lverden kann. Und doch siild llmnche Mißgriffe gemacht lvorden, lind vielleicht die g r ö ß e r e n s o g a r w e g e n d e r z u g r o ß e n F r e i g e b i gk e i t a n G e l d. Worin liegt also die Ursache dieser Mißgriffe bei solchen reichell Geldmitteln? Mir scheint, eben darin, daß das S e l b st i n t e r e s s e d u r ch die D a r - reich« ng von großen Mitteln, durch die Phil a u t h r o p i s ch e Bevor m u n d u ii g g e s ch w ä ch t w i r d. Das Selbstinteresse ist bei einer Kolonisation wie in jeder industriellen Unteruehmullg einer der lvichtigsten Faktoren. Wenn mail einenl Manne, der etwas unternimmt, die Verantwortlichkeit für den Erfolg lvegnimmt, wenn mail das Risiko, die Gefahr des Gelingens von ihm abmmmt, dann ist die ganze Sache sozusagen paralysiert. Eben lveil man in Palästina den Monieren der Kolonisation, vielleicht viel zu große Liebe erwiesen und eine zu große philanthropische Hilfstätigkeit entwickelt hat, eben darum ist vielleicht viel weniger erreicht lvorden, als man sousi» hätte erreichen können. Wir sehen in Palästina Sir krassesten Beispiele der d e ln o r a l i s i e r e u d e il W i r k u n g e tuet z n großen B e v o r m u n d ll ll g d u v ch phila ii thropi s ch e Tätigkeit. Andrerseits haben wir dort auch viele Beispiele dafür, daß Leute, die bloß mit ihren eigenen Händen angefangen haben, sich durch tüchtige Arbeit, durch Energie und Initiative emporgerafft haben zu einem sicheren Wohlstände. Ich will hier ein paar konkrete Beispiele in Erinnerung bringen: Die beste und größte Kolonie in Palästina ist durchaus nicht dllejenige, die dem Baron R o t h s ch i l d so viel gekostet hat, wie etlva R i s ch o n L e - z i o ii, Sichrou I a k o b oder dergl., nein, die beste Kolonie ist P e s s a ch T i k w a h, die sich allein emporgerungen hat. Was ist eigentlich das äußere Merkmal dafür, welche Kolonie die beste ist und welche am besten gedeiht? Wie mir scheint, gibt es hierfür viele äußerliche Merkmale. In P c s s a ch T i'k w a h sieht man neue Häuser bauen, die alten lverden erweitert, man kann von den Kolonisten erfahren, daß der Verkehr zunimmt, bctfi der Konsunr an landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen lvächst. Auch die Bevölkerung vergrößert sich von Jahr zu Jahr und immer größere Flächen Bodens werden in Kultur genommen. Man sieht also, diese Kolonie prosperiert. Das heißt freilich noch lange nicht, daß die Bewohner von P e s s a ch T i kwah glückliche Leute sind. Es ist dort wie überall: Die Fähigeren kommen besser fort, die Fauleren und weniger Unternehmungslustigen bleiben zurück. Aber im großen ganzen sieht man dort, daß es lebt, die Werkstätten, wie Schlossereien, Schmiede und dergl. werden kaum mit der Arbeit fertig. In der Saison arbeite! man manchmal Tag und Nacht. Im vorigen Jahre ist zur Kolonie eine Parzelle hinzugckauft lvorden, in diesem Jahre sind in allerletzter Zeit zwei kleine Nebenkolonien hinzugekoinmen. Dort haben in diesem Sommer viele junge Leute, die aus Rußland hingekommen sind, Arbeit gefunden. Wenn man dagegen S i ch r o n I a k o b, die die meisten Millionen verschlungen hat, ansieht, wenn man diese große, schöne Klolonie mit ihren Nebenkolonien betrachtet, merkt man eine gewisse Stagnation; man sieht, daß von zwanzig Häusern acht oder neun verriegelt stehen. Die früher zusammengelaufene große Bevölkerung hat von Unterstützung gelebt und nun hat mau sie nach anderen Orten versetzen müssen. Biele Gebäude sind daher geschlossen, von neuen Erweiterungsbauten keine Spur, im Gegenteil, der Keller ist für das drei- oder vierfache gebaut, als notwendig ist. Das ist das Bild einer stagnierenden Kolonie. Meine Herren! Ich will durchaus nicht mißverstanden lverden. Ich will durchaus nicht behaupten, daß die demoralisierende Wirkung ii ii v der philanthropischen Tätigkeit der. Administration des Baron Rothschild zuzuschreiben ist, sondern vielmehr dem S y st e in der Philanthropie überhaupt. Wir haben viel kleinere Institutionen, wie den Odessaer P a l ä st i n a v e r e i n, der mit viel geringeren Mitteln operierte, der mit demselben System eine Kolonie errichtete und dieselben Resultate erzielte. Man hat schon im Jahre 1894 23 bis 24 der kräftigsten Arbeiter aus den Kolonien herausgesucht und hat ihnen alles gegeben, große Flächen Bodens, gute Häuser, Viehställe, sehr gutes Inventar. Man hat jedem ein. Vermögen gegeben. Und trotzdem prosperiert die Kolonie durchaus nicht. Sie macht im Gegenteil einen ganz trostlosen Eindruck, ja, von den 24 bis 26 Kolonien, die ich besucht habe, inacht diese fast den schlechtesten Eindruck. Der Grund liegt darin, daß, wenn ein Mann, ein ganzes Vermögen auf einmal erhält, ihm die Sache nicht so teuer und inert ist, als wenn er sie selbst erworben hätte mit dem Schweiße seiner Arbeit. Ich will noch ein Beispiel anfühven, das sehr charakteristisch ist für die philanthropische Tätigkeit der Kolonisationsvereine. Sic haben wohl von ixA' Ge sell sei; a ft „B i l u" gehört. Junge Akademiker, die nach Zion gezogen sind, um das landwirtschaftliche Ideal in Palästina durchzuführen, haben dort eine .Kolonie gegründet. Sie haben die allgemeine Sympathie auf sich gezogen. Nun habe ich mit einigen älteren Leuten dieser.Kolonie gesprochen. -Sie sagten, die größte Selbstüberwindung, die sie durchgemacht hätten, sei gewesen, daß sie sich der Unterstützung des Kolonifationsvereines entledigt haben und dadurch, daß sie sich ein* für allemal auf ihre eigene Kraft verlassen haben, sind sie zn gesunden Verhältnissen gelangt. Durch diese meine Ausführungen wollte ich nur zeigen, daß das Prinzip jeder weiteren Tätigkeit nicht auf einer rein philanthropischen Grundlage beruhen darf. Der erste Schluß, den ich ziehe, lautet demnach: Alles, was wir für Palästina unternehmen, soll nicht den Charakter von Philanthropie nnd 'Bevormundung tragen. Die eigene Initiative nnd Verantwortlichkeit darf in keiner Weise gestört werden. Es wäre jedoch weit gefehlt, wollten wir daraus den Schluß ziehen, daß lvir ü b e r - h a u p t nichts zn tun haben werden. Im Gegenteil, uns stehen da große Arbeiten bevor. Ich werde dies im weiteren Verlause meiner Ausführungen zeigen. Es ist jetzt überhaupt in der jüdischen Welt ein Streben nach Regu - l i e r U n g der Emig i atio ii bemerkbar. Dieses Streben muß man auch auf die Kolonisation Palästinas lenken. Wie wenig wir bis jetzt f ü r P a l ä st i u a g e t a u, beweist, daß, wenn jetzt jemand nach Jaffa kommt, niemanden findet, an den er sich wenden könnte, um irgendwelche Informationen zu erhalten. Da die Verhältnisse Palästinas und der Länder, aus denen die Juden emigrieren, grundverschieden sind — verschieden in bezug auf Klima, Boden, Erwerbsoerhältnisfe, Sprache, also in bezug auf sämtliche Verhältnisse — so muß in Iafs a e i n I n s o r - m a t i o n s b u r e a u geschaffen werden, in dem diejenigen, die hinüberkommen, mit den. Verhältnissen bekannt gemacht werden und Rat und Hilfe finden, unter anderem auch, wo man Geld zu deponieren habe und dergl. Dabei darf es aber nicht sein Bewenden haben. Es muß schon helfend eingreifen, b c v o t man nach Palästina, kommt. In Rußland gibt es viele, die gerne nach Palästina übersiedeln möchten, die aber nicht wissen, wie das anzusangcn und an wen sich zu Wendern sei. Da muß das Bureau Abhilfe schassen. Das Jnsormationsbureau hätte aber noch andere Pflichten zu erfüllen: Palästina ist nicht ein Land, lvo sich jeder ein Stück Boden kaufen kann, um es selbst zu bearbeiten, sondern jeder, der den Boden bearbeiten will, muß sich mit einer Gruppe anderer zusammenschließen und zusammen ein Gemeinlveseu bilden, man muß sich zu einer Kolonie verbinden. Wenn nun ein solches Bureau da ist, könnte sich viel leichter eine passende Gruppe zusammenfinden. Auch könnte das Bureau leicht verhindern, daß Leute, die für Palästina nicht, taugen, hinkommen. So konnte so manchem eine große Enttäuschung erspart werden. Fermer, wenn jetzt jemand auch mit bedeutendem Kapital nach Jaffa kommt, um Boden anzukaufen, so muß er von allem Anfang, beginnen. Er reist gewöhnlich ein paar Monate herum von, einem Orte zum anderen. Jeden Kolonisten fragt er um Rat, und da zehn Menschen zehn verschiedene Meinungen haben, kommt er dann nach einigen Tagen vollständig wirr zurück. Er ist nicht richtig informiert über die Gesetze des Landevwerbes, über die passende Kultur für den einen oder den anderen Boden uftv., überdies muß er allein ein Stück Boden kaufen, was nicht immer möglich ist. In der kurzen Zeit meines Verlveilens in Palästina ivaren acht bis neun Leute mit bedeutendem Kapital hinübergekommen und wollten größere Strecken Bodens kaufen; da es aber an einer Organisation fehlt, die den Leuten an die Hand gegangen wären, sind sie ganz unverrichteter

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