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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-02 · 49 (2.12.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdifichee Volksblati L. Dezember 1904 Nr. 49 sionen der Arche folgendermaßen angegeben: die Länge zu 800, die Breite zu 60 und die Höhe zu 30 Ellen. Interessant ist, daß diese Verhältniszahlen des Urschiffes erst in unserer modernen Zeit, und -war beim Bau der großen schwimmenden Körper, zu ihrem eigentlichen Rechte kommen. Ingenieur Vogt hat für sein Modell die gegebenen Dimensionen beibehalten, indem er ihm eine Länge von 30, eine Breite von 6 und eine Tiefe von 9 Fuß gab. Nun aber stand zur Frage, welche Form die Arche Noahs im übrigen hatte. Gewöhnlich stellt man sich das Urschiff als einen kastenähnlichen Körper mit rechteckigem Durchschnitt vor. Diese Annahme stützt sich außer auf Schriftstellen wohl hauptsächlich auf die Abbildung der Arche auf einigen alten Münzen aus dem Jahre 300 v. Chr., die Noahs Fahrzeug als einen rechteckigen Kasten darstellen. Ingenieur Bogt und seine sprachgelehrten Mitarbeiter glauben indessen nicht, daß Noahs Arche diese Form hatte. Es kommt auf die richtige Deutung des Wortes „Zohar" im biblischen Urtext an. Bisher übersetzte man dieses Wort mit Lichtöffnung oder Fenster und glaubte also nicht, daß „Zohar" sich auf die Form der Arche bezog. Herr Oberrabbiner Prof. Simonsen-Kopenhagen aber ist. nach umfangreichen Studien hebräischer Quellenschriften zu dem Resultat gekommen, daß „Zohar" so viel wie Dachrücken bedeutet und in der vorliegenden Verbindung die Form der Arche als eine wesentlich andere erscheinen läßt. War, so schließt man, auf der Arche ein Dachrücken, ein First anzubringen, so kann der Durchschnitt der Arche kein Viereck, sondern nur ein Dreieck gewesen sein. Ingenieur Vogt hat darum seinem Modell genau diese Form gegeben: der Durchschnitt des Fahrzeuges ist ein gleichseitiges Dreieck. Diese Form für ein Schiff ist nicht nur einfach, sondern auch von großen Vorzügen. Zunächst sicherte die Form der Arche den geringstmöglichen Tiefgang und gleichzeitig eine so ruhige Lage in der See, wie sie eine andere Schiffsform nicht gewährt. Ingenieur Bogt glaubt, dass die Dimensionen wie die Form der Arche im modernen Schiffsbau noch mit Nutzen Verwendung finden können. Ein schwimmendes Fort genannter Form würde viel billiger herzustellen sein und weit ruhiger liegen, so daß beispielsweise selbst ein solcher Körper von 6000 Tons im. Sund eine" durchaus ruhige Plattform abgeben müßte. Auch für Feuer- und Signalschiffe soll die angebliche Archenform große Vorteile bieten. Den Versuchen mit Ingenieur Vogts Modell wohnten auf einem kleinen Marineöampfer die Professoren Holm, Scharling, Schmidt, Bonnesen, Simonsen und zahlreiche Marineautoritäten bei. Man bugsierte die Arche bis vor Middelgrundfort und überließ sie hier den Wellen der recht unruhigen See. Das Fahrzeug zeigte sich im Besitze ungewöhnlich großer Ruhe in der See und regelmäßiger, leichter Bewegungen: dem Wind war eine große Angriffsfläche geboten, so daß er das Schiffchen seitwärts forttrieb. Im ganzen ergab diese erste Probefahrt, daß der Aufenthalt in einer solchen Arche ein recht angenehmer gewesen sein muß: die Wogen der Sündflut können Noah nicht sonderlichimponiert haben. Und diese Form der Arche läßt die glückliche Landung auf dem Gipfel des Arrarat durchaus glaublich erscheinen. Uebrigens sind, wie man der „Voss. Ztg." ferner schreibt, die Versuche, ein Modell der Arche herzustellen, nicht zum ersten Male gemacht worden: schon im Jahre 1004' bauten einige fromme Holländer nach den im 1. B. Mose Kap. 6i angegebenen Verhältnissen, nur im verkleinerten Matzstabe, etliche Fahrzeuge, über die anfangs viel gespottet wurde. Aber die Versuche lehrten, daß derartige Schiffe, die einem länglichen Stall mit spitz zulaufendem Dache glichen, sich zwar schwerfälliger, aber viel ruhiger bewegten als gewöhnliche, und ein Drittel Last mehr trugen als diese. Nach den Berechnungen des Berliner Oberbaurates Silberschlag (gestorben 1791) war die Arche Noah 22 Fuß höher, 166 Fuß länger und 166 Fuß schmaler als das königliche Schloß in Berlin und hatte einen Inhalt von 450 000 Kubikellen. Paris. Das Zentralkomitee der Alliance Israel ite Universelle beschloß in seiner vorgestrigen Sitzung an folgende Gemeinden, die infolge der jetzigen Verhältnisse in große Not versetzt wurden, Hilfsmittel zu senden: Nikolajefs (Gouv. Cherson) 2000,^ Sdunska-W ol a (Gouv. Kalischi, Brest- Litowsk (Gouv. Grodno), Boguslaw (Gouv. Kiew) je 1000 Rubel. London. In Hammerfmith ist Herr I. M. L e v y zum Mayor (Bürgermeister) gewählt worden. Eingesendet. Krrltrrswahleu und Ortyodoxre. Warum wir dieses Thema erst jetzt post kestum anschneiden? Weil uns die Kultuswahlen nur insoweit angehen, daß wir wünschen müssen, aus selben nur Männer von tadellosem Charakter hervorgehen zu sehen. Wir schicken voraus, daß diesem Postulate in der Lifte der Gewählten in vollem Maße Rechnung getragen wurde, der etwas höhere oder mindere Grad von Irreligiosität des Erwählten kann uns ziemlich kalt lassen. Wenn wir konstatieren, daß der Prozentsatz der Herren des Kultusvorstandes, die die Sabbatunb Speisegesetze beobachten ein verschwindend kleiner, die Zahl derer, die auch nur einiges Verständnis für die Bedürfnisse (des strenggläubigen Juden (orthodox, ist weil zutreffend, eine verpönte Bezeichnung) haben, eine minimale ist, so wird es begreiflich erscheinen, daß die amtlichen Funktio-nen der Herren Kultusräte uns kühl bis ans Herz hinan lassen. Wir verlangen" ja doch von der Kultusgemeinde blutwenig. Wir wünschen, daß man uns nicht störe, wenn wir für unser Geld uns verläßliche Rabbiner und Religionslehrer für uns anstellen und daß dort, wo wir gezwungen sind, die Institutionen der Kultusgemeinde zu benützen, unseren berechtigten religiösen Empstndunen Rechnung getragen werde. Die Rabbiner und Schächter der Gemeinde brauchen wir nicht, weil wir, Gott sei Dank, solche noch aus der Zeit besitzen, wo die Kultusgemeinde für Rituale überhaupt nicht sorgte, soirdern dies der Privatindustrie überließ. De:: Religionsunterricht müssen wir aber von Staats wegen an unseren Kindern von Lehrern vollziehen lassen, die vor diesen religiös erzogenen Schülern das Religionsgesetz verlern. Obwohl „der derzeitige Religionsunterricht in seinen Erfolgen selbst den berechtigsten Ansorderrmgen vieler nicht entstrricht". (Programm des Wahlkomitees), obwohl u n s e r Privatr e l i g i o n s u n t e r r i ch t anerkanntermaßen den h ö ch st e n Ansprüchen gerecht wird, ist es uns unmöglich, Dispens zu erlangen, und müssen unsere Kinder, die schon ein gründliches hebräisches Wissen besitzen» ihre Zeit mit geisttötenden Anfangsgründen vertrödeln; muffen unsere achtjährigen Kinder in dft Tiefen der fortgeschrittensten Bibelkritik eingeführt werden, die den Allszug aus Aegypten als Fabel, Sage oder Legende bezeichllet. Endlich verbieten wir unseren Kindern, ohne Kopfbedeckullg Gebete oder Schriftoerse zu rezitieren, wie dies der Talmltd vorschreibt (im Berichte des rabb.-theol. Seminars heißt es: Es ist notorisch, daß wir auf talmudischer Basis stehell!), und öie größere Zahl der Herren Religionslehrer gewährt dies nlrr nach hartem Kampfe oder wenn sie llnsanft angefaßt wird. Der Kultusvorstand, der für diesen Religionsunterricht eiil so gewaltiges Loch in sein Budget machen muß, könnte ivohl den Herren Religionslehrern, die er mitbezahlt, austragen, auf Verlangell der Eltern den Schülern das Bedecken des Hauptes zu gestattell! Ein solcher Auftrag könnte aber den ehrsamen Vorstalld in beit Geruch der Orthodoxie dorrlbile äictu! bringen. ' Die Pester Religionsgemeinde hat infolge Anregung ihres Rabbillers, deil sie so glücklich war in einer orthodoxe» Gemeinde zu kapern, die Kopfbedeckung beim Beten obligatorisch angeordnet und weiß der Hirnmel, ob die Budapester Herren größere Reformer siild als unsere recht konservativerl Herren. Es ist herzerquickend, wie in dem offiziellen Programme von religiöser und jüdischer Weiterbildungder Jltgend gesprocheil wird.Ja was llellnen dieHerren religiös und jüdisch? Auch in dem Aufrufe wird von jüdischem Kultus und religiösen Bedürfnissen gefaselt; die religiöseil Bedürfnisse des Judentums bestehen ilicht ausschließlich imd auch nicht zürn größten Teile im Beten; wir wollen hier keine theologischen Abhandlungen zum Besten gebeil, sollst köllnten wir den Herren voln Zelltralwahlkomitee sageil, was religiöse Bedürfnisse des Judentums sind. Schließlich deutet der Wahlaufrilf auch Bestrebungen nach einer Zentralisation unserer Hierarchie in der österreichischen Judenheit au; man muß aber »ur sehen, wie die Konsistorialverfassung in Belgien lmd Frankreich deil letzten Funken religiösen Lebens erstickt hat, um diesen Bestrebungen elltgegenzutreten. Besonders die orthodoxe Jlldenschaft möge sich davor hüten, das frisch pulsiereilde Weberl und Streben im Osten einer Zentralbehörde lmterzuordlren, in der zweifellos das irreligiöse Element der Großstädte des Westens vorherrschen wird. Wenn es wehe tut, einige hervorragende Mitglieder der Wiener Orthodoxie aus diesem Wahlairfrufe mit llnterschrieben zu sehen, wirkt es geradezu .komisch, Herrn S." Meisels, einen ehrwürdigen Greis, der aber nie im Leben anders als mit dem und durch den Kultusvorstand die Jilteressen der Orthodoxie gewahrt sehen wollte, „für die,vereinigten orthodoxen Vereine" paradieren zu sehen.,»BethJsraelMmd„Beth Hachmeßeth" sind separat vertreten. Soviel uns bekKmt, haben Schönlaternschul (1 .Bez.), ,,Machsike Havadaß"(1.B'ez.), „Talmud Thora" (2. Bez.), „Thora Ez Chaim" (2. Bez.), Schiffschul (2. Bez.), Stumpergasse (6. Bez.), „Ohel Abraham" (9. Bez.) Herril Meisels kein Mandat gegeben. Also heraus mit der > Farbe, wer siild die „vereinigterr orthodoxen Vereine"? Daß die gemischten (Märnllein und Weibleirl, Semiterl und Arierinnen) Chöre sich in einem Programme mit ben Hyperorthodoxen zusammenfinden, ist ein tralrriges Zeichen der herrschendell Begriffsverwirrullg, die für die Orthodoxie von schwerwiegendem Nachteilen sei wird. Sollte es für uns rlötig werden, unser Staatsrecht gegen ben Kultusvorstand geltend zu nrachen — im Kampfe für ilnsere religiösen Interessen sind wir arrch Dick- und Hartschädel — und zwar durch den Stimmzettel, so sind wir um die Wahl von Bundesgenossen verlegen. - - Es käme nur noch die Nationalpartei in Betracht, mit der wir jedenfalls das gemein haben, daß jeder orthodoxe Jude Nationaljude ist. , Wenn diese Partei noch lernen wird, ullsere Bedürfnisse so weit zu verstehen, daß sie uns in deren Besriedigung nicht stört, kann aus einer solchen Bundesgenossenschaft für das Jildentum in Westösterreich eine heilvolle Zeit arlbrechell. Effl Strenggläubiger ohlle jedes Mandat. AuAnf In keinem Bezirke Wiens ist die jüdische Bevölkerung so rapid angewachsen als in der Brigittenau, denn während vor 15 Jahren kaum einige hundert Juden hier wohnten, ist die Zahl derselben während dieser Zeit auf beinahe 15.000 gestiegen. Die billigeren und bequemeren Wohnungs- und Miet-! Verhältnisse haben diesen Zuzug bewirkt und kein Wunder, daß die größte Zahl der Eingewanderten der armen und ärmsten Menschenklasse angehört. Die schlechten Erwerbsverhältnisse der zumeist aus armen Hausierern bestehenden Juden und die unter ihnen vorkommenden Notfälle haben es bewirkt, daß eine Anzahl den besseren Ständen angehöriger Glaubensgenossen vor ungefähr 10 Jahren einen Wohltätigkeitsverein gründeten, der den Namen „Brigittenauer israelitischer Unterstützungsyeretn" bis zum heutigen Tage führt und dessen Tendenz es ist, in Not geratene Glaubensgenossen wirksam zu unterstützen. Nur zu oft leider wird an die Leistungsfähigkeit dieses Vereines appelliert und viele tausend Kronen beträgt die Summe der für Unterstützungen verausgabten Beträge. Es ist kaum möglich, die Not und das Elend der hier zusammengepfercht lebenden Glaubensgenossen nur annähernd zu beschreiben, und fast täglich hat der Verein bei Delogierungen zu intervenieren und zu helfen. Die kolossalen Ansprüche, die an den Verein gestellt werden, überbieten die bescheidenen Einnahmequellen desselben und der Vorstand des Vereines weiß kein anderes Mittel, als an die große Oeffentlichkeit, an die hochherzigen Gönnerund Wohl« täter unserer großen Gemeinde heranzutreten und zu bitten, daß, ein jeder, dem es nur irgendwie möglich, für die Aermsten der Armen, für die Enterbten des Glückes, welcher es in unserem Bezirke gar so viele gibt, sein Scherflein beitrage! Hochachtungsvoll Für den Vorstand des Brigittenauer isr. Unterstützungsvereines: S. Dub, Ph. Weiß, Adolf Schreiber, David Polatschek, Kontrollore. Obmann. Schriftführer. Herman Eltbogen, Kultusvorsteher. Auf Wunsch stehe ich nicht an, obigen Aufruf aufs wärmste zu befürworten Dr. E. David, Rabbiner der israel. Kultusgemeinde Wien II. Gütige Spenden zu senden an den Obmann Herrn Adolf Schreiber, XX., Kluckygaffe Nr. 1, welche in den jüdischem Wochenblättern ausgewiesen werden. * * * Jüdische Ralliierung. (Ein Vorschlag.) „Ein Schritt nach vorwärts!" ruft man unwillkürlich, wen» man die unerschrockenen Worte in der jüngsten Nummer des „Jüdischen Bolksblatt" liest. Mit anerkennenswertem Mute greift der Verfasser jenes Artikels in das Wespennest assimilatorischer Korruption, die den Bestrebungen zur Unterdrückung des Judentums als billige Stütze dient. Wenn auch der ebenso mutige als begeisternde Vorschlag einer jüdischnationalen Ralliierung eine gewisse Skepsis bedingt, so mag diese Skepsis nicht dem Zwecke, sondern dem Erfolge des Aufrufes gelten. Denn die schönen Worte können auf noch so fruchtbaren Boden fallen, sie können nicht gedeihen, wenn die aufstrebende Frucht vom Unkraut überwuchert wird. Wie oft im Getriebe des öffentlichen Lebens drängt sich uns ditz Frage auf: Welche Sorte von politischen Zeitgenosse» bedeutet für uns eine größere Gefahr: Bielohlawek, Schneioer und Konsorten oder jene Juden, die jederzeit bereit sind, das Judentum als überflüssigen Ballast über Bord zu werken T Oder aber jene Juden, die, ihre Macht zurückstellend, gleichgültig dem wütenden Kampfe zusehen, der das hart bedrängte Judentum umtobt. Um so freudiger muß daher der Passus in dem Löwyschen Vorschläge begrüßt werden, der die Sistierung von Spenden an öffentliche Wohltätigkeitsinstitute proponiert. Um die Begründung dieser Konsequenz zu illustrieren, genügt es, folgende Beispiele hervorzuheben: Bei aller Anerkennung der Rothschildschen Wohltätigkeit, die des öfteren spezifischjüdischen Charakter trägt,, sei erwähnt, daß Baron Rothschild seine Glashäuser gegen ein Entree von Kl.— der allgemeinen. Besichtigung öffnet und das Erträgnis, welches jährlich viele Tausende beträgt, der Wiener freiwilligen Retlungsgesellschaft (einer übrigens über jeden Zweifel erhabenen Humanitälsanstalt) widmet. Ist vielleicht diese Gesellschaft, deren Chefarzt seine Familie tauseil ließ, eine jüdische? Gewiß nicht, sie dient der Allgemeinheit, dem öffentlichen Wohle, dem Samaritertum. Sie wird gerufen und kommt, ohne zu fragen, welcher Nation oder Konfession der Hilfsbedürftig« angehört. Und so könnte es auch einmal Vorkommen, daß Herr Ernst Schneider vom rt^lirium tremens befallen wird und die herbeigerusene Rettungsgesellschaft ihm Mittel verabreicht, die für jüdisches Geld angeschafft wurden. Verdient das heutige intolerante Wien seitens der Juden eine solche Toleranz? Oder aber der Kampf gegen die niederösterreichischen Schulgesetze. Die massenhaften "Versammlungen und Resolutionen, die alle darin übereinstimmen, daß die Gesetze verletzt wurden. tat schon eine Aktion stattgefunden, wenn zuungunsten der uden Gesetze verletzt werden, was doch fast täglich vorkommt? Da sitzen dann alle die „deutschen Helden", die den „lieben Herren Israeliten" ihre Kandidaturen aufoktroyierten und nun in unerschütterlicher Ruhe und Gleichgültigkeit die unflätigsten und ungerechtesten Beschimpfungen österreichischer Staatsbürger widerspruchslos gutheißen. Wenn aber das Deutschtum irgendwo „bedroht" ist — ja Bauer, das ist etwas anderes. Da sind die wackeren Kämpen stramm am Platze, da wird Kompromiß und Koalition gesucht, einmütiges Vorgehen beschlossen und alle möglichen und unmöglichen Reden schwungvoll ins „Haus" gedonnert. Aber wenn es sich um Juden handelt? Pah, der Israelit muß dem Deutschen zur Wahl verhelfen, der „Jude" kann sich dann seine Rechte suchen gehen. Wie oft schon hat das „Jüdische Bolksblatt"^ den Juden gewarnt, den Deutschen nicht das Stimmvieh abzugeben. Aber alles umsonst! In Olmütz wählen die Juden einen Dr. Sommer, in Troppau stellen die Liberalen keinen Kandidaten auf, die Juden müssen (!!!!) daher mit den Deutschnationalen wählen u. s. w. Daß dann in den Reichs- und Landesvertretungen des Volkes sich eine Gesellschaft zu unlöblichem Tun zusammenfindet, der die Juden ein Dorn im Auge sind, darf nicht überraschen. "Alle Fraktionen und Fraktiönchen, die sich in verschiedenen Variationen deutsch neunen, sind offene oder — was viel ärger ist — verkappte Antisemiten. Auch die sogenannten Liberalen nicht ausgenommen, deren Vorhandensein einem imaginären. Begriffe gleichkommt. Und die Sozialdemokraten? Diese Herren haben in ihrem Gezeter nach „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" daran vergessen, daß diese Grundgedanken ihrer Organisatien auch dann zu verteidigen sein werden, wenn es sich um jüdische Genossen handelt. Es wären als maßgebende Partei noch die Tschechen zu erwähnen. Wahrlich, an die Tschechen haben wir keine Forderung zu stellen. Die Tschechen sind uns keinen Dank schuldig, denn wir „gehen mit den Deuschen", daher müssen wir auch dle Konsequenzen tragen, westn die Deutschen uns verraten. - 's: , r Freilich, die Deutschen verraten nicht allein ihre jüdischen Wähler, sie begehe»-dasselbe Unrecht an ihren Stammesbrüdern; wenn auch dies uns Juden nichts kümmert, so illustriert es doch auch noch das Heldentum der wackeren deutschen Kämpfer im Reichsrate. Ohne auf die Innsbrucker Vorgänge des näheren ein- ,gehen zu wollen, kann kein Vernünftiger bezweifeln, daß die Innsbrucker Deutschen an den Krawallen nicht so ganz und gar unschuldig sind, als sie es scheinen wollen. Ferner können diese Vorgänge zweifellos nicht von so eminent politischer Wichtigkeit sein, daß ihnen zuliebe das Wohl und Wehe von ganz Oesterreichs Bewohnern zurückgesetzt werden muß? Werden das sämtliche deutsche Abgeordneten vor ihren Wählern verantworten können? Werden sie tausende hungrige Arbeiter damit beruhigen können, daß sie ihnen zwar nicht Arbeit verschaffen konnten, dafür aber bestrebt waren, in der Debatte über Innsbruck das bedrohte Deutschtum zu verteidigen? Das ist die Wirksamkeit vieler Abgeordneter, die ihre Wahl den Juden verdanken. Wie lange sollen also diese und viele andere Zustände, die schon seit langem als unhaltbar gelten, von uns Juden noch unterstützt werden? Wie lange sollen wir noch zögern, den einzig richtigen Weg zu betreten, den uns die politische Zerklüftung Oesterreichs vorzeichnet: den Weg zur nationalen Einigung, zur j ü d i s ch e n Ralliierung! Alle Vereine, Versammlungen, Resolutionen und sonstigen Unternehmungen gegen den Antisemitismus zusammengenommen können nicht die Macht entfalten, die einer sestgeschloffenen, mutigen und selbstbewußten Mischen Nation zu eigen wäre. Dann könnte das Judentum gleich Koerber auSrufen: „Wagen Sie sich an uns heran!"

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