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Jüdisches Volksblatt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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KLÄsrrwn: U/S. Lropoldsgsfle 49. SpreHst»«ß«mr kl» L?0s'rmw;e;i V2» 4 >i-z 6 Nhr nachmittag«! BSSischeS VsMSlatt. mit*, H 8 Wus«2-tvrrde» die««, «rrspStrter »brr gar nicht etftfgtft Iufr^Nung nbUJni Mir bbJ dringend. — ßtaKtileKf&ie tettbtn «icht znräügeiiteM. A»?jparcaf?en-Tovro?4?087. Irr dar ZtzoWrment kann n°.an täglich süttreten. 1 -S KschM fetten Kcksg irm&a M?'Ayjr8mKA SM v»m MltMe« &ßm& KrwÄL-Urm Pr^fSLSk?mZiNivn. agfcf««Je ßB«TOS-;sint die I. Dannrüerg, 8?. Duke?, Haas«» tf«i« A Bögler. Rudolf Mosse, U. Oppelik, M. Äozsonyi, 8. Schaler in Wien, ferner alle Annonrrrr-SrdedUiouen tm KuSlande. GÄLLÄ-NEMer m Wie» 16 Heller. ,Tij'^lni/'(>:?dian: n/3. Lropoldsgaste 49. Telephov-Nr. 147*3 Mvu«eme»tSpreiS: Telephorr-Nr. 14733 ALr Wie» n. NLfte«rrtch.vvgm:» fammt!?ro>;co-llstelmng. Ganzjährig . . Kr. 8.- Halbjährig . WintcikjäSrig. . 4.- Für baS gefammle AuSlaub fammt flrancozustellung. Suazjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. ß - * 4.50 „ 3.35 <$■ ■ Ml. .1 ■ .111 .. ■ .™» Ur. 27 Wien, 3. Iu!» 1903 (8. Tham«; 5663). V. Jahrgang. ^'■K^-«!fmxsasaaxti^!tvsm^'KS^mi^^w^msx^.!issmm(samaß3itSnßsrma^mssemgvmsiua rbjkh Sg^CQPSeaAawwTriTwi mm »iiiniM n —wraaaaartywPKT>rir-t!:1^i' Die neueste Koalition. Wien, Ende Juni. Wer einen Sinn für Komik hat, mußte sich in den letzten Tagen ungemein erheitert fühlen, wenn er unsere großen liberalen Tagesblätter zur Hand nahm. In beweglichen Worten verkündeten sie ihren Lesern, daß endlich der Tag des Heiles angebrochen sei. Die verschiedenen deutschen Parteien hätten, des langen Krieges müde, endlich Frieden geschlossen. Einträchtig sitzen sie beisammen, der Wolf neben dem Lamme und der Löwe neben dem Ochsen, ohne sich gegenseitig etwas zu Leide zu tun. Derschatta neben Groß, Prade neben Baernreither und Marchet neben Lueger. Die Wiener Kultusgemeinde verbrüdert sich vor den Wahlen mit den Liberalen und die Liberalen verbrüdern sich nach den Wahlen mit Lueger und Schneider, also die Wiener Kultusgemeinde indirekt Arm in Arm mit Lueger! Die Wiener Tagespresse nimmt nicht sehr viel Rücksicht auf die Urteilskraft ihrer Leser. Sie überlegt es sich keinen Moment, heute das Gegenteil zu schreiben von dem, was sie gestern schrieb. Aber wir glauben es ihr vom Herzen, daß ihr die Lobgesänge auf die neueste Koalition nicht leicht sielen. Wenn sie in einer Richtung konsequent war, so war sie es in der, daß sie alles Unglück und Unheil in die Schuhe Luegers und Konsorten schob. In den düstersten Farben malte sie das Wirken Geßmanns, des Römlings, Liechtensteins, des schwarzen Ritters und Luegers des verkappten Klerikalen. Man muß diesen Freiheitshelden wirklich das Zeugnis lassen, daß sie nicht mit Druckerschwärze und Leitartikeln sparten, um diese Feinde des Volkes umzubringen. Der gewünschte Effekt blieb zwar aus; die liberale Presse verschaffte höchstens dem Lueger und Genossen durch ihren grotesken Kampf eine europäische Berühmtheit. Aber es wurde lustig weiter leitartikelt. Und jetzt hatte sie die Aufgabe, diese Feinde der Freiheit und des Fortschrittes als die künftigen Führer der deutschen Koalition zu verherrlichen. Und sie unterzog sich dieser Aufgabe ohne Murren. Es muß angenagelt werden, daß kein einziges dieser Blätter es der Mühe wert fand, ihren Lesern und speziell den jüdischen Lesern gegenüber die Schwenkung zu motivieren. Sie dachten sitz: diesen Juden darf man un ge st rast alles bieten. Und die Juden ließen Feuilleton. Arons Schild. Von Max Eisler. «Und es soll tragen Aron die Namen der Kinder Israels in dem Bruftschilde des Ansspruchs auf seinem Herzen, wenn er kommt in das Heiligtum: zum ewigen Angedenken nor dem Herrn." II. Buch Mose, Kap. 88, 29. Du mußt mit einem breiten Schild Den ersten meiner Priester binden; In seinen Steinen muß sein Bild Jedweder Stamm in Juda finden: Ich will mein weitzersprengtes Volk Gesammelt sehn in eine m Zeichen — — ilnö was den Knechten nicht gegönnt. Wird nun der freie Mann erreichen. Wenn in den Massen geht sein Licht, Darul werden sie mit heißen Augen Zum Schilde wenden das Gesicht Vom Schilde Kraft und Hoheit saugen. Ein einig großes Leuchten wird Die Spitzen ihrer Zelte krönen- Hub wer Mizraims Herrn gedient, Wird sich nun selbst zum Herrn gewöhnen. Ich aber setze diesen Sinn In deine Brust für alle Zeiten: Des heit'gen Frühlings Neugewinn Wird dich in jedes Land geleiten.... U'.ld noch in späten Tagen soll Von jedem Stein der Enkel sagen-. Und trägt ihn nicht des Priesters Schild, So werden ihn die Herzen tragen. sich wirklich auch die neueste Leistung der freisinnigen Presse gefallen. Jahrelang hatte diese verlogene Presie ihnen, auf die Christlichsozialen hinweisend, zugerufen: „Das ist der Feind!" Kontribution auf Kontribution wurde von den Juden bei den Wahlen erpreßt, um die Freiheit, die Kultur, das Deutschtum und die Menschheit vor diesen Barbaren zu retten. Mit Hintansetzung aller wirtschaftlichen Rücksichten wurde Wien als Pestpfuhl geschildert. Die Juden wurden bei allem, was ihnen heilig ist, beschworen, im Kampfe auszuharren. Und heute erklärt Dr. Funke im Namen der deutschen Fortschrittspartei: Wir erfüllen durch diese Vereinigung einen Herzenswunsch aller Deutschen in Oesterreich, welche das feste Zusammenstehen ihrer Abgeordneten im Parlament schon längst sehnlich st herbeigewünscht haben. Wir werden, wenn wir mit voller Tatkraft und Einmütigkeit zusammenstehen und dieser Vereinigung treu bleiben, schaffen und wirken für das Wohl und die berechtigte Stellung der Deutschen in Oesterreich. Ich erkläre im Namen der deutschen Fortschrittspartei, daß dieselbe einstimmig und einmütig den Beschluß gefaßt hat, dieser Vereinigung beizutreten, und schließt sich die deutsche Fortschrittspartei der vorgetragenen Entschließung vollinhaltlich an. Dabei muß konstatiert, werden, daß nicht Lueger sich den Freiheitlichen anbot, sondern daß die Freiheitlichen Lueger baten, sich ihnen anzuschließen. Und deshalb rief die freisinnige Presse durch zwei Jahrzehnte Räuber u n h/SUi örder? Wir haben stets das jüdische Volk aufmerksam gemacht, daß hinter diesem sogenannten Kampfe für die Freiheit, Fortschritt und Deutschtum nicht anderes steckt, als die unbezähmbare Profitgier einiger berüchtigter Geschäftspolitiker, die jeden. Augenblick bereit sind, wenn ihnen ein größeres Geschäft winkt, ihre bisherigen Freunde zu verraten und ihren bisherigen Feinden die Hände zu schütteln. Die Juden, die in diesen Kämpfen große Opfer in jeder Hinsicht gebracht haben, müssen also zusehen, wie sich Liberale und Antisemiten gerührt um den Hals fallen und Tränen der Rührung vergießen. Sie müssen zusehen, wie die sogenannte „Judenpresse" segnend die Hände über dieses Bündnis zwischen sogenannten „Liberalen" und wirklichen Antisemiten aller Schattierungen ausbreitet. Dann wird aus altem Winterschutt Der Glaube an mein Volk sich gründen Und von dem Frühlingsliede voll Die Erde meine Lehre künden: Ich will den weitverlornen Stamm Gesammelt sehn in einem Zeichen- Und was den Knechten nicht gegönnt, Wird nun der freie Mann erreichen. Einige Bemerkungen über die jüdische Einwanderung in England. Von Ed. Bernstein, Mitglied des D e u t s ch e n Reichstages. (Schluß.) London hat schon wiederholt Agitationen dieser Art gehabt. Um von früheren Bewegungen zu schweigen, so war es um die Mitte der achziger Jahre des 19. Jahrhunderts, als die geschäftliche Depression zunehmende Arbeitslosigkeit zur Folae hatte, die deutsche Einwanderung, die in einer gewissen Presse und hier und da auch in Versammlungen für die Not englischer Arbeiter verantwortlich gemacht wurde. Dieselben Beschwerden, die heute gegen den jüdischen Arbeiter erhoben werden, daß er keine Bedürfnisse habe und deshalb um jeden Preis Arbeit annehme, wurden gegen die deutschen Arbeiter generell geltend gemacht. Im damaligen Organ der deutschen Sozialdemokratie, dem in Zürich herausgegebenen „Sozialdemokrat", findet man Zuschriften, welche gegen diese Agitation Protest erhoben, ihre Uebertreibungen energisch zurückwiesen. Insofern ist also die gegenwärtige Agitation mit ihren Uebeitreibungen nichts Neues. Und so wenig jene Agitation an sich einen generell deutschfeindlichen Charakter trug, so wenig kann man die jetzige Bewegung gegen die jüdische Einwanderung als antisemitisch be¬ Nur eine Stimme aus der d eutsch fre ih e i t l ich en Koalition ist nicht zufrieden. Es ist die „Arbeiter-Zeitung". Sie schreibt: „Den Wählern schildern sie den anderen als den schlimmsten Schädling, als das Infame, das man ausrotten müsse, und nun soll der dumme Wähler ihre Allianz als größtes Glück empfinden! Herr Marchet wird im Landtag von dem G eßman n bespuckt und nun sitzen sie einträchtig beisammen und haben einander so lieb . . . Eine abgeschmackte Komödie, die sich den Lügen dieses Parlaments würdig anschließt!" Wir teilen in diesem Falle die Ansicht der „A.-Z." Aber wir sprechen ihr das Recht ab, anderen eine politiche Komödie vorzuwerfen. Ist sie nicht selbst zur Zeit der niederösterreichischen und deutschvolklichen Landtagswahlen mit Schöneriancrn in die Laube gegangen?! Wie groß ist denn der Unterschied zwis chen den Ritual nt ord -Gläubigen römischen und l ut h er is ch e n St i l e s? Trotzdem fand die „A.-Z." damals kein Haar in der Suppe. Wir erwarten nicht, daß die sich so freiheitlich geberdenden Gaukler verschiedener Kouleurs ihre Fehler und Sünoeu bekennen werden. Aber höchste Zeit ist es, daß das jüdische Volk endlich erkennt, daß es nur immer gut dazu ist, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, um dann im geeigneten Momente von seinen Freunden für ein Linsengericht „im nationalen Interesse" verraten und verkauft zu werden. Es ist höchste Zeit, daß sich das jüdische Volk auf sich selbst zurückziehe und auf sich selbst besinne und daß es endlich einmal einsehe, daß es für das jüdische Volk nur ein Heil gibt: nämlich die politische undwirtschaftliche Organisation auf nationaler Grundlage. Dritter österreichischer Zionisteutag. Hundertundzehn Delegierte aus allen Teilen Oesterreichs, darunter auch Damen, haben sich eingefunden, um an den Beratungen des dritten österreichischen Zionistentages, der am 28. und 29. Juni im Saale des Hotels „zur Post" stattfand, teilzunehmehmen. Der Obmann des DiftriktökomiteeS der Zionisten Jnnerösterreichs, Herr Dr. Max Bernhardt, eröffnete die Verhandlungen mit der Begrüßung der Vertreter der reichsdeutschen, ungarischen, russischen' zeichnen, wenn auch, wie dort Deutschenfresser, so hier Antisemiten ihre Hand im Spiele haben und nach Möglichkeit die Bewegung für ihre Zwecke auszubeuten, ihr einen antisemitischen Stempel aufzudrücken suchen. Und weil das heutige Hebel — die Zahl der eingewanderten mittellosen Juden — unvergleichlich größer ist als das damalige, ist auch die Gefahr da, daß die Schürer des Nationalitäienhasses heute größere Erfolge erzielen als damals. Ihr Werk wird ihnen noch dadurch erleichtert, daß ein nicht geringer Prozentsatz der Eingewanderten den Gerichten zu tun geben und dort Eigenschaften an den Tag legen, die dem Geist des englischen Volkes besonders widersprechen. Wer da weiß, wie es um die allgemeinen Sittenzustände der Länder steht, aus denen diese Leute kommen, und wie leicht zudem überall der Mensch in neuen Verhältnissen sich moralisch verliert, der wird die Fälle, wo eingewanderte Juden vor Gericht es mit der Wahrheit nicht genau nehmen, zwar tief bedauern, aber doch nicht als einen Beweis für eine besondere Unwahrhastigkeit der Juden im allgemeinen gelten lassen. Die große Masse der Zeitnngsleser aber, die von alledem keine Ahnung haben, denen die Zeitungen meist aus purer Lust au Pikauterien immer wieder Gerichtsverhandlungen austischen, wo Eingewanderte einander der Lüge bezichtigen oder vom Richter als Lügner abgekanzelt werden, ziehen aus den Berichten die denkbar schlimmsten Folgerungen für die Moralität der Gesamtheit der Einwanderer und finb dann schon halb und halb für die Agitation der Gegner der Einwanderung gewonnen. Ueber eine Ausbreitung des Antisemitismus über ganz England oder nur einen größeren Teil Englands ist freilich nicht zu denken. Aber daß in den von der Einwanderung besonders betroffenen Orten oder Vierteln die gegen sie gerichtete Agitation bei Steigerung der Mißstände einen immer mehr ausgesprochenen antijüdischen Charak- und ägyptischen Landesorganisativn. In das Präsidium wurden

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