Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 1. Mai 1WP3 Nr. 18 Wien, Freitag luaisene VolksblaU Wenn die Ten!scheu aber wenigstens bewußt wären, was fiir Opfl r die Juden — nach unserer Meinung unberufen und unberechtigt — für die deutsche Sache bringen! Im Gegenteil, iu 0:ii reil'dentschen Gegenden, wo die Tschechen nicht den Boykott gegen die Inden predigen, wird dieses Gewerbe von den deutschen i n <• i u c it e r Regie besorgt. Man werfe nur eine'.! Bück in die demschnativnale Presse Böhmens, Mäbrens und Zchlesiens. Als der böhmischeL.mdesansschnß einen jüdischen Arzt überging und die deutsche Presse deshalb stierte, wies die „Praov Lidu" mit Recht darauf hin. das; du? a anch u Kliniken Prags keine jüdischen Assistent! n uistwci>eii sind oic Wiener Kliniken mit seltenen Ausnahmen and). Die Deutschen tan gegen den tschechncßen Boykott nicht» anderes, als daß Dr. Schlicker und G nassen eine lendenlahme Interpellation einbringen. Das ist wirklich sehr billig. Wer hätten im>I mehr Respekt und winden vielleicht wirklich an den Ernst dieser Aktion glauben, wenn zum Beispiel De. Pergelt, der viele Beziehungen zn den denschnaüorialen Antisemiten bat, diese bewegen würde, oie Hetze gegen die jüdischen Kanflente einznsrellen. Bis dahin müssen nur das Vorgehen der Deutschen als eine unwürdige Komödie bezeichnen. Gerade so liegen die Verhältnisse in Galizien. Unsere Lcser kennen sie aus den Artikeln unseres Blattes, aber >vir wollen noch einen, in dieser Beziehung unverdächtigen Zeugen ansühren. Dw „N. F. P." schreibt: „Lemberg, 2ö. April. (Orig.-Telegr.) Die antisemitischen Exz'ss' in Uhaow. Ans Ubmww wird gemeldet, daß die jüngsten Exzesse größtenteils auf nationale Motive zurückzuführen feien. Bernerkensmert ist cs, daß unter den Berhafteten sich ver rutbenische Rädelsführer befinden: Der Assekuranz-Agent und Gemeinderat O n y s ki e w t c z, Gemeinderat Magura, Gemeinde-Polizist S k r y p c za k und Gerrchtsdiener M a ru szk i e w i c z. Nuthenische Bauern, tvelche die Judendäuser in Uhnow stürmten und die Juden mißhandelten, riefen rurabtässig: „Wo sind Lapierrti die Polen? -alis Diese mögen euch in Schutz nehmen seinen legten Sipimge» hatte sich der Borstand sehr erlist mit dieser chheuchrage vesehäfligi, und ioenn es auch den vereinteir Bemühungen aelnugen iß, den Fehlbetrag von 17<t<> .Mroium nahezu gänzlich zn denen, so verhehlte sieb doe>> der Vorstand leinen Augenblick, daß das alte Wiener Erpübel, ßndifferentisinnS genaitni, auch die Toynbee- Halle leiebt zn Fall bringen lönne. Wenn nicht anßerordeittliche i'iiinrenguugei, gemaeltt ivürden, die ans eine solide finanzielle Basis zn stellen. Ein ad hoe gewühltes AklionS-Koinitee hat die Anfgave übernoutinett — und wird schon in allernächster steit damit hervortreten —• die weitesten jüdischen Kreise für die Tohnbee-Halle zn interessieren. Cs handelt sieb dabei in erster Linie mit die Geminnnng von Bereinsntitgliedern, die sieh dnreh eine Üiethe von llahren zur Leislimg eines vesiiunuteu Jahresbeitrages verpflichten. vorderhand, bevor dieses Geld zum eigenllicheu Zwecke verwende werden könnte, Ersprießliches für das Volk leisten. Er befürwortet schließlich sukzessive Gründung von Bolksvorschnßt affen in Orten mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung, welche einem in Wien zn gründenden Zentralverbande unterstehen sollet!. Ein solcher Verband — sagt er — dem die pro jeklierten K redi tve r e i>, e als Mitglieder angehöreu würden, wäre imstande, in der Folgezeit einen ausgiebigen und billigen Kredit den betreffenden Kreditvereinen beizuschaffen. Allerdings müßte die Jüdische Kolviiialbank für die erste Zeit hilfreich eütgreiseu, indem solche dein Zentralverbande, welchem so viele Kreditvereine mit beträchtlicher Mitgliederzahl angehören würden, einen angemessenen Rimessen-Reeskomptekredit etnräume» soll. Das Aktienkapital sodann um einmalige größere Svenden, behufs Kapitalisierung - der Kolouialbank könnte dadurch vergrößert und auch jederzeit eines Grundfonds, der als Baufouds für ein eigenes Heim zu dienen! durch weitere Begebung flüsstg gemacht werden. Ferner beantragt haben. Endlich aber soll auch au die Gründung einer Bibliothek,' Referent: Organisation aller auf Selbsthilfe fußenden Untereines LesesimmerS und dergl. geschritten iverden/ uni jenen, die für i ftü|)iuifl§uercme und sonstiger Wohlfahrtseinrichtuugn!, endlich den Bortrag lei» Interesse empfinden. Gelegenheit zn geistiger An-! spezifisch jüdisch-wirtschaftliche Orgautsatton und was damit regnng gen'äbren. Es darf der Hoffnung ivohl Raum gegeben iverden, daß der Appell nicht nngehört verhallen ivird. Wien nennt iii!) mit Droh; die größte jüdische Gemeinde der Welt mtd — noblcs.se oblige! H. B—r. Judenhetzen im Nrederöfterrerchischen Landtage. Jin Niederösterreichiichen Landtage, da sitzen sie, die in Wolle gefärbten 'Antisemiten, schon unter sich, von Bielohla iv e k, S t r o b a ch, 21 r in a n n, P v o ch a s k a und 2 ch neide r, den blindwütigen Antisemiten, die zur eigettetc Lust und zunt allgemeinen Gandnnn von Zeit zu Zeit gegen die Jttden lvsgelassen iverden, bis ans P attai und Lue'ger, die Salonantiiemiten, deren 'Aufgabe tvieder daritt besteh/ die Judenhetze in ein System zu bringen, organisatorisch zu betreiben. Die Exclltados und Achderatos, die sich nur in der Form unb nicht im Wesen, wie sie die Jndenheyen inszenieren und betreiben, unterscheiden, feiern im Landtage ruhig und ungestört ihre Orgien, sie werdet! in nichts und von nietnand daran behindert. Nicht vom Präsidiuin, denn aus dem Präsidentenstuhle sitzt ein homo novus, ein „alter Greis, der sich nicht zn Helsen weiß", aber auch nicht von dem die hohe Regierung repräsentierenden Statthalter, der nach schüchternen Versuchen, sich votn antisemitischen Joch und Bann zn befreien, stets Anfälle von bedenklicher Rezidive bekonnnt. Und das Fähnlein der Liberalen, der Fortschrittlichen! Die haben es schon längst ausgegeben, der Inden wegen sich auch nur die Nägel zn versengen oder den Versuch zu machen, den antisemitischen Ausschreitungen entgegenzntreten. Jnsolange die antisemitische Sippe sich nur aus chewrische Ausschreitungen gegen uns Juden beschränkt, können wir dieselben nur verdammen, stigmatisieren, sind jedoch ganz außerstande, dagegen anzukäntpfen. In einer Sitzung der erfreulicherweise nur kurzen Tagung des niederösterreichischen Landtages hatte aber der antisemitische Schisteider die Stirne, den Antrag zu stellen, es inögen zehn Stipendien zu je Tausend Kronen für zehn ch r i st l i ch e Abiturienten der Wiener Export-Akademie ans Landesmitteln kreiert iverden. Von einen! moralisch so hoch stehenden Individuum ivie es der Landtags- und Reichsrats-Abgeordnete S ch neider — sit venia verbo — ist. darf ein solcher Antrag freilich nicht befremden. Pflicht und Schuldigkeit des Präsidiums mnßte es aber j ein, einen d e r a r t i g e n A n t r a g a linime z ur^ü ck z uweise n, denn er enthält eine krasse Verletzung der Staatsgrundgesetze, ans deren Einhaltung der Landmarschall einen heiligen Eid geleistet. Allein auch der Statthalter, der Vertreter der hohen Regierung nnißte sich verpflichtet erachten, gegen die bloße Stellung eines contra gerichteten Antrages sofort Einsprttch zu estheben. Ta dies iveder von der eineu noch von der anderen Seite geschehen, so sätnnen wir nicht, gegen den Versuch, den Landtag zn a n t i s e in i t i s chen Z w e ck e n attsju n ü tz e n!t n d z u M i t h e l s e r n a n t is e in i tisch er Schandtaten zu ntachen, feierlich Einspruch zu erheben. Es dürste eingewendet iverden, daß von der bloßen Einbringung bis zur Annahme eines Eintrages noch ein weiter Weg ist. Die anriseinitische mikeia plebs läßt sich ans solche Tubtilitäten nicht ein, ihr genügt, daß ein derartiger 'Antrag überbaupt eingebracht worden; sie ivird dadurch in dein tollen Wahne bestärkt, daß Gesetzgebung und Regierung die Judenhetze officio patronisieren. Und dies ist das Bedenkliche an der Sache und nur deshalb ist es denkbar und möglich, daß der Antisemitismus sich inuner mehr vertieft, innner liefere Wurzeln in der Bevölkerung faßt. Würde iutr einmal vv»! Präsidentenstuhle, voin Regierungstische aus, die Gesetzwidrigkeit, das Unsinnige und Unmenschliche der Jttdenheize, des Kanipses und Vernichtungskrieges eines Bürgers gegen den anderen, ordentlich gebraudinarkt iverden, dnim ivürden sich die Schmutzmelten der häßlichen Beivegnng bald in absehbarer Zeit zn verlaufen beginnen, dann ivürden die irregesührten, verleiteten breiten Volksschichten ivohl bald zur Einsicht gelangen, daß der Antisemitismus den Inden, dann auch denjenigen Schaden zusiigl, die sich dessen schnldig machen. Tie Inden betragen in Niederösterreich 5, in Wien über 10 Perzent der Bevölkerung. Tic Juden tragen in 2!iederösterreich nahezu kö, in Wien über c2ö Perzent zn den direkten und noch ir-eit mehr zn den indirekten Stenern bei. Tie Inden sind iveit über ihr Verhältnis Träger der Intelligenz, der gebildeten Klassen, der intelligeiueii iklernfe, sie spenden mit voller Hand reiche iCaben geinetniiütztgen,^ hnmanitaren Anstalten und Vereinen and sind stets in vorderster Üiethe zit finden, ivo es gilt, (Hutes zu tun, ivohltätig zu ivirteu, sie haben es daher nicht nötig, sich als Parias der Gesellschaft betrachten und behandeln zit lassen. s?ie dürfen verlangen, daß die maßgebenden Faktoren, in erster Linie die illegieriiug, ihnen den gesetzlichen Schutz gegen An feindimgen und Vereingliiupsungen angedeihen lassen. oMn,che Tohnl.ce-.vnllc, Wien, 20. Bezirl, Larmangape 20. i fcba e ' welche ihr Scher le . 2. Veremoiahr. .- Tie lluleuiel!tslurse in Tenlseh, Französißl,. L; Englisch, Hebräisch und Stenographie Peginne» ant Sonntag!'>. Mai.;?ß-^ 1 f! ',,, ' ,r Anmeldungen Sonmag :>,. Mai beim Herrn Jnsvektor Achse lrad " zivisclien ü und II Uhr vormittags im Lokale der Tohnbee-Hnlle. Geiumungmienosien L. Taub Aüeitere Einselireiiningen in den.Siitrfen von halb 7 bis halb!) Uhr abends. T i e K n r s e sind » n e u l g e l t {i ch. Bei genügender Teilnehmer,zahl iverden auch weitere Kurse errichtet. Das 2 e k r e t a r i a k. Mädchen- und Franen-Bercitt ,.Bikur Chan lim", Wien. Sonntag den :'>. Mai veranstaltet der Verein einen geselligen Ausflug (Picknick) auf die Schafbergalpe, von dort nach Salinannsdorf. Saminelvrtnkt: Endstation der Tramway Linie Gersthof, illnfbrtlch präzise 10 Uhr vormittags. Sammelpunkt für Nachzügler: Schafbergalpe, Restaurant „Alte Schafbergalpe". Aufbruch nach Salmannsdorf präzise 0 Uhr nachmittags. Indische Gäste herzlich willkommen. Bei ungünstiger Witterung findet der Ausflug am Sonntag den 10. Mai zur selben Stunde statt. Wien. (V e v e i n j ü d i s ch er j n g e n d l i ch e r . . . , . , Arbeiter „L e o p o l d st ad t".l Sountag den 8. Mat findet i Gendarmerie-Wc.chtmelster u. s. w., um etue Hausdurchsuchung in uusereii! Vereinslokate, fl., Stefaniestraße P um 'FL Uhr i vorzunehmeu. Die vierzehnjährige Tochter des Vorstehers in nachmittags, eine ö f fe n t l i eh e. V e rs a in in l a n g uall. Pages- > 5J3nftra bei Hitmpoletz hatte die Anzeige erstattet, daß sie dieser «« sie b-i P. Taube., z...» °nb°. ' ' . . . , hängen sah und außerdem drei bärtige mit dem Knaben zu schaffen machten. Es eng — ivenn auch indirekt — in Verbindung steht. Gründung von jüdisch-politischen Vereine!» samt Rechtsschutzbnreaus, welche berufen sein sollen, die jüdische Masse politisch reif z»t machen, damit sie nullt alles, was von oben kommt, als unumstößlich betrachten, sondern vielmehr auf die gesetzgebenden Körper- ' in zur wirtschasllichen Schwächnng geziemenden Einfluß und Druck men). Nach einem Referate des sinnnngsgenossen L. Taubes über „Parteipresse" wird ans ^Antrag des Gesinmnigsgenvssen Pomeranz beschlossen, ein Jargonblatt unter Redaktion des Gesinnungsgenosse!! Taubes mit dem Sitze in Czernowitz herauszugeben. Nachdem noch der gewesene Kolonist Gesinnungsgenosse Haber (Zydoczow) über „Die Kolonie Mochnajnn" referierte und ein Exekntivkoniitee gewählt worden ivar, wurden die Verhandlungen um 2 Uhr unchts geschlossen und ein Huldignngstelegramm an Dr. Herzl abgeschickl. Wie Blutmärchen entstehen. Aus Humpoletz, 2b. b. M., wird uns geschrieben: Am Samstag den 25. v. M. kam zum hiesigen Kantor Herrn P. eine Gerichtskommissiou, bestehend aus dem Untefsuchungsrichter Dr. Valentin. Bürgermeister und Reichsratsabgeorduereu Beczvar, dem ^ugeiio .. ... ... Aj'i-i .- H a ß und "Alfred W e i ß b e r g e r. Erscheinen aller Kollegen; christlichen Knabe» unbedingt erforderlich. ' ' Juden, welche sich Wien. (V e r e in j si d i s ch er j u g e n d l i ch e r "A r b e i t e r „O t r a k r i n g - H e r n a l S".) Sonntag den 3. Nlai, 6 Uhr abends, Vortrag des Herrn Karl Hahn. Tbema: „Der Zionismns und die ^Arbeiter". Ort: Vereinslokal, XVl., Koppstraße 2, 2. Stiege. Gäste ivillkourmeii. Wien. („A l i g e m einer j ü d i j ch e r 2l r h e i 1 e rv er ein", II., Stefaniestraße 8.) Samstag den 2. Mai, 8 Uhr abends, flndet im Vereinslokal ein Vortrag des Herrn Doktor Ludivig W emo v über „Tie körperliche Hebung und das Turnmesen" statt itnb werden die Kollegen 'und Kolleginnen ersucht, zahlreich zu erscheiueu. Gäste ivillkommen. Wien. („4l l l g e m einer j ü d t s ch e r r b eite rv e re iu", Il„ Stefaniestraße 8) Einladung zli der Dienstag den 5. Mai stattfindenden M o n a t s v e r s a m m t »t n g. Tagesordnung: 1. Verlesung des Prototo lies der letzten Monats« Versammlung. 2. Bericht des Kassiers. 3. Gründtmg einer Turn- und Gesangs-Sektion. 4. Berichte der Wirtschnfts- und Vergnügungs-Sektioti. 5. Allfälliges. Kollegen und Kolleginnen seid alle am Platze! „Mit vereinter .Kraft". Diesem Sprichworte folgeleistend organisierten sich die Vereine jüd. jugendlicher Arbeiter Wiens, um gemeiuschaftkich ihre 2lufgaben zu vollenden. Auf Ansuchen des Vereines „Leopoldstadt" haben die Vereine „Brigittenau" und „Ottakring-Hernals" je drei Delegierte gewählt, die den Zentralausschuß bilden. Vergangenen Sonntag fand bereits die konstituierende Sitzung dieser'Körperschaft statt und wurden bei derselben folgende Herren gewählt: Obmann Herr Grünhut, Schriftführer Herr Nosenthal, Kassier Herr Slefausty; als Beiräte die Herren Flesch, Bauer Art. Jnslich, Reiß, Lauser, Kerpner; als Ersatzmänner die Herren Elias und Wnrmann Leo. Nachdem Herr Jnslich einige Worte „zur Geschäftsordnung" sprach, ging man auf die Tagesordnung ein, dieselbe lautete: Nächste Tätigkeit der Vereine. Von mehreren Herren wurden verschievene 'Anträge eingebracht, worauf beschlossen wurde am ü). Mai ein Frühlingsfest in Klosterneuburg- Kierling zu veranstalten, dessen eventuelles Neinerträgnis den drei Veceinen znfließt. Näheres hierüber iverden wir noch rechtzeitig bekanntgeben. Jüdische Tohirbee-Halle in Wien. Es hieße Eulen nach Athen tragen, ivenn man der jüdischen Bevölternng Wiens noch über dieses sv ivohltätig ivirkende Jiisiitnt berichten ivnrde. Und doch scheint, es, als bekunde man mehr Interesse an den nichtjüdischen VvlksbilivirtschafllicherHebung viel gesündigt ivnrde. Das vom jüdischen ie Volke mühsam zusammengebrachle Aktienkapitel der Jüdischen Jubiläum. Dr. Rnbeu Vierer, der alte Vorkämpfer der nationalen Idee, feiert am 3. Mai sein vierzigjähriges Aerztejubilänm. Dr. R. Vierer kämpfte seit seiner Studentenzcit für die jüdische Sache, für das jüdische VBk. Vertrauensmaunertag. Ans Kolomea wird geschrieben: Am 15. April l. I. fand in den Lokalitäteit des zionistischen Vereines „Beth Israel" eine vertrauliche zionistische Besprechung bei Anwesenheit von über 30 Delegierten a>ls Galizien und der Bukowina stakt. Den Beratungen, welche von l Uhr mittags bis nach Mitternacht dauerten, rvohrlten auch ziver Mitglieder des Stanislauer Distriks-Komitees bei. Jus Präsidium ivürden entsendet: Stadlarzt Dr. Rosen hek (Kolomea), Vorsitzender, Gutsbesitzer Weisglas, Borsitzender-Stellvertreter und die Gesinnungsgenossen Html. phii. Baltakan (Ezernowitz) und I. P o m erai! z (Zablotow) nls Schriftführer. Dr. R o s e n h e k referierte über „Organisation und Agitation", wies auf zahlreiche Mängel in der bestehenden zionistischen Organisation hin lind führte aus, daß eine Organisation, wie die gegenwärtige, den Verhältnissen des Ostens gar nicht angepaßt und auf die Dauer nicht haltbar sei, denn solche erheischt nur Pflichten und bietet vice versa gar keine Rechte. Es entspann sich eine stitndenlnnge lebhafte Debatte, in welcher |>hil. B a l l a k a n re., sowie auch die Vertreter des Stanislauer Distrikts-Komitees rnehrinnls eingegriffen haben. Gesinnungsgenosse Ball'akan schließt sich den Ausführungen des klteserenten vollinhaltlich an und beantragt: Die maßgebenden Kreise haben sich tunlichst mit der Reorganisation ans demokratischer Grundlage z»l befassen. (Angenommen.) Ferner wurde ein auf die Bilvnng eines vierten Distrikts-Zkomitees für Galizien mit dem Sitze in Kolomea gestellter Antrag des Gesinnungsgenossen Häusler iKossor) angenommen. Lieber Vorschlag des Gesinnungsgenossen Weis glas (Zostarna) wird hierauf eine Resolution wegen der rumänischen Jude», soivie die Abfendltng eines Danktelegrammos an Reichsratsabgeordneten Dr. Strauch er für seinen Dringlichkeitsantrag beschlossen. Sodann referierte Gesinnungsgenosse Moses Lachs (Kolomea) über „Wirtschaftliche Fragen". Er konstatiert, daß in puncto dungsanstalten als an der jüdischen Volksuniversität, wie die Toynbee-Hntle einmal — ich weiß nicht mehr von wem — genannt wurde. Während jenen reichliche Geldmittel zur Verfügung gestellt werden, arbeitet die jüdische Tohnbee-Halle mit einem Defizit. In Kolonialbank liegt ohne jedweden Nutzen für das Volk in den englischen Banken gegen 2—2'/, Prozeird Verzinsllng. Mit diesen paar Millionen ließe sich, nach Ansicht des Referenten, wurde nun eine gründliche Hausdurchsuchung vorgeuommeu, ohne daß etwas Verdächtiges vorg'fnnden ivnrde. Herr P. klärte aber die Kommijsion auf. Er hat in der Tür einen Turnopparat und konnte sich erinnern, daß das Mädchen gerade in das Zimmer trat, als sein Sohn turnte. Jedenfalls herrschte in der Stadt große Aufregung; jetzt ist wieder Ruhe eingetreten. Positive Arbeit. Das wirklich notleidende Volk sind heute die Juden. Gegen die Juden in Oesterreich werden fortdauernd neue Gesetze geschaffen; ruhig, langsam, aber sicher wird der Jude durch gesetzliche Maßnahmen in seinem Erwerb gehindert, ob nun durch ein Hausierergesetz oder durch ein Reisendegesetz, durch ein Börsen- oder Getreidehandelsgesetz, alle diese Maßnahmen werden gesetzlich so zugestutzt, um mit denselben die Juden zu treffen. Diese fortdauernde Auferlegung neuer Lasten und Pflichten gegen die jüdische Bevölkerung in Oesterreich kann nicht im Interesse des Staates sein und muß somit mit der Zeit auch für den Staat, schädlich werden. Das schmerzlichste jedoch ist, daß durch diese Gesetze Uebergriffe zu Unguusten des Judentums unvermeidlich sind und daß in unseren Reihen die sukzessive Verarmung sich vollziehen wird. Wenn wir hier offen sagen, daß es diesfalls unsere Pflicht ist, energisch und geschlossen uns zur Wehre zu setzen und daß wir unsere Feinds und zweifelhaften Freunde rücksichtslos bekämpfen wollen, so ist es zugleich unsere Pflicht, offen einzugestehen, daß wir mit diesem vor allem unsere Feinde im jüdischen Lager meinen. Wer von unseren Glaubensgenossen die Gegner des Judentums in welcher Form immer unterstützt, ist entweder ein elender Jude, der aus unserer Mitte heraus muß oder er ist noch immer mit Blindheit geschlagen und sieht deshab die Entwicklung der Sachlage und die Scheidung der Juden vom Nichtjuden in allen Lebenslagen nicht. Es gibt noch eine dritte Sorte, das sind diejenigen Juden, welche Juden bleiben wollen, die jedoch durch lange Jahre in ihrer sozialen Stellung von Christ und Nichtchrist geduldet wurden und sich nun nicht aus diesen! Dilemma herauszutrennen missen. Diese armen Gefoppten oder Gedrückten, Geduckten sind die bedauernswerteren und diese brauchen nur einen kleinen Rippenstoß, um in unser Lager zu gelangen, wo sie offen, stolz und selbstbewußt sagen werden: Ja, ich bin ein Jude — ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein! Zur positiven Arbeit gehören vor allem positive Anträge, diese wurzeln jedoch in den verschiedenen Vorkommnissen, wie selbe besonders bei den Inden am Lande sich herauskrystallisieren. Bei Wahlen, bei Geschäftsrücksichtsnahmen, bei Aufnahme von Dienstpersonal, bei Lkreditgewährnngen, kurz,^ in ullen Lebenslagen ist die Möglichkeit geboten, den Kampf des Judentums gegen dessen Gegner aufzunehmen. Die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet einem jeden Juden, auf der Hut zu sein. Das bekannte „Fortwursteln" dürfen wir itii§ nicht zu eigen machen. Die Energielosigkeit in den Reihen unserer Glnnbensbrüder muß schivinden. Unlängst sagte unr ein antiseinitischer Redakteur: „Das Schimpfen ans Inden ist ein Blödsinn, wir müssen ihnen sukzessive den Maullob hoch hängen und das Brot wegnehmen, dann werden wir sie los werden". Juden seid einig! Jdnob. Die Inden-Exzesse in Kischenew. Ans Petersburg wird uns berichte»: Bei den Exzessen in K i s ch e u c tu haben sich schreckliche Szenen ereignet. Sämtliche Geschäfte, die im Besitze von Jitden waren, mürbe» geftürmt, die Waren davongeschleppt, die Häuser d e m o l i e r t. Vieleil jüoischeu Frauen taten die Exzedenten Gllvalt an; Kinder warfen sie ans den oberen Stockwerken der Häuser ans das Straßenpflasier. U ib mährend dieser grauenvollen Ansschreitnngen einer geradezu wahnsinnigen Menge ertönte ans dem Boulevard lustige Musik. Die verztoeifelte jüdische Bevölkerung flüchte le zum Hanse des Gouverneurs; dvrt trieb man sie aber gewaltsam davon. Der Gouverneur hatte erst nach Petersburg telegraphiert und Instruktionen erbeten, als dann die Antwort eintraf, ging man barmt, Ruhe zu schiffen. Der ailgerichtete Schaden ist sehr groß irnd ivird ans vier Millionen Rubel geschätzt. Tausende von Personen sind ohne Obdach und Nahrung. Die rumänische Regierung verständigte sich sofort fürsorglich mit der rnssischeu Regierung, daß sie keine Juden die Grenzen überschreiten lasse.