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Jüdisches Volksblatt · 1903-04-17 · 16 (17.4.1903) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
16 (17.4.1903)
Date
1903-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WtmJÄiTtiW WÄ4T4 T> ’&JP' 1 kkv/*9»» vwmcbwmwj v«* Ur. 16 Wien, 17. April 1903 <20. Nissan 5663). V. Jahrgang. Ungarischer Brief. B u d o P e st, Mitte April. Das Bestehen einer antisemitischen Strömung ist also offiziell konstatiert worden. „N e u e F r e i e P r e s s e" ioeuta 68t. Und von diesem Blatte weiß man erstens, daß es sich nie irren kann und zweitens, daß es den Ereignissen immer nachhiukt. Dieses Blatt also, dem sein Wams oder seine Tasche immer zu enge wurde, wenn es den Namen „Ungarn" hörte, pfeift nun es aus eineirr anderen Loch. Man höre und staune. Es schreibt: „Ueberhaupt lenken die Vorgänge an der Universität wieder die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, denn es sind höchst bedenkliche Erscheinungen, die dort zutage treten. Vorgestern überreichten die Studenten dem Rektor der Universität ihr Memorandum wegen der Wiederherstellung der Rechte des Kreuzes air der Universität. Ueberdies fand in der aus össentlichen Mitteln erhaltenen und vom Unterrichtsminister uns Staatsmitteln subventionierten Mensa acadernica. ein Bankett statt, zu welchem die Abgeordneten Rakovszky und Graf Aladar Zichy von der Katholischen Bolksparrei und Nikolaus Bart ha von der Fraktion Ugrou erschienen. Letzterer entpuppte sich bei dieser Gelegenheit ganz unverhüllt als unverfälschter R a s s e n p o l i t i k e r nach d e u t s ch a n t i s e m i t i s ch e m Muster! Er haranguierte die Studenten in einer blutrünstigen, von Gehässigkeiten erfüllten Rede, und die. jungen Leute jubelreu ihm zu. Wenn der Abgeordnete Edmund B a r t h a, der mit Nikolaus Bart ha nicht verwechselt werden darf, heute vor der Tagesordnung die Frage der Kollegiengelder unbemittelter Studenten zur Sprache brachte, fo geschah dies hauptsächlich in der Erwägung, daß man den studentischen Anhang nicht ganz den Klerikalen und Antisemiten überlassen will, (Das wird wenig nützen: Zuerst säten die Patrioten Wind, jetzt ernten sie Sturm. Anmerkung der Redaktion.) da die äußerste Link«: sich der jungen Leute so gerne für politische Agitationen bedient hat und nun von ihnen im Stiche gelassen wird. Seit einigen Tagen wimmllt es in den Straßen von klerikalen Studenten, welche der sogenannten K u r uz en - B r i gad e angehöiten, die mit schwarzen, geschmackwsen Käppis ans den Köpfen die deutschen Burschenschaften nachäff-u und auf diesen Käppis das Symbol des Kreuzes profanieren. Es ist ein Hohn für die liberale Partei, daß der Stifter dieser Kurnzeu-Brigade und Gönner der klerikalen Studenten, der dieselben zuzeiten auch mit reichlichen materiellen Mitteln versieht, ihr Mitglied ist. (Es ist dies der Herr v. Szemerc, dessen Vermögen bekanntlich daher staimut, daß er ein glücklicher Spieler ist und dem Grafen Pot vcki eine Million Kronen abnahm, sonst ein Ski Bon, 9c. P u u s ch ci n s k y. Frei noch, dem Russischen von Julie Gold b o u m. (Forschung.) 3. Tiesgesenkken Hauptes hotte Sender fciir Heim verlassen. Stuf den in Dunkelheit gehüllten ruhigen Straßen lvar keine" Seele 311 sehen. Der leichtgesrorene Strasteukot krachte unter seinen Fußen und seine Schritte widerhallten in der nächtlichen Stille. Sender blieb plötzlich stehen: wohin geht er unb wozu? Das so unerwartet hereingei> röche ne Unglück halte ihn so überrascht, daß er sieh ganz niedergedrückt fühlte und sich über dos Geschehene eigentlich keine Rechenschaft geben, konnte. Er fühlte mir, daß etwas Entsetzliches, etwas Grausames, Sinnloses geschehen, sei und daß er dagegen etwas unternehmen müßte. Ja, wohin geht er und wozu? Er hob die Allgen zum Himmel: er lvar klar und dmchsichtig und von Sternen besäet und auch sie schienen ihn zu fragen, wohin und wozu j er gehe. Er geht zum. R'abbiuer. Bor seinen Augen stand I deutlich die hoheitsvolle strenge Gestatt des Rabbiners, mit dem düsteren Gesichtsansdrncke eines Menschen, welcher, wenn es von ihm abhinge, bereit wäre, den ganzen Erdball wegen dev Verführungen, lvelche das Leben bietet, zu vernichten!. Und von dein Willen und den Ansichten dieses Menschen hängt sein Geschick imb das Geschick der Seinigen ab. Es wurde ihm ganz bange zumute und er verlangsamte unwillkürlich seine Schritte. Er weiß es ganz genall: der Rabbiner wird nicht nur dos für den Seder vorbereitete höchst beschränkter Mensch. Anmerkung der Redaktion.) So sehr sind bereits alle Verhältnisse auf den Kopf gestellt und so tief reicht die Verwirrung aller Begriffe, daß solche Unternehmungen aus dein Kreise der liberalen Partei heraus unterstützt werden können, (!) ohne daß sich dagegen auch nur eine einzige kompetente Stimme erheben würde. Es scheint hoch an der Zeit zu sein, daß sich die Regierung endlich zu einer Tat aufrafft, um dem Umsichgreifen der geschilderten Tendrnzen Halt zu gebieten. Ohne diesen Vorgängen eine größere Bedeutung beiznmcffen, als ihnen tatsächlich z«kommt, kann man doch nicht verkennen, daß die Zeit gekommen ist, in der es gilt, Farbe zu bekennen, sich nach rechts oder nach links zu wenden. Ein weiteres schwächliches Dahindämmern in der Ungewißheit und Unentschlossenheit, das gemächliche Gewährenlaffen der zur Politik nicht Berufenen könnte leicht Gefahren heraufbeschwören, die heute noch nicht bestehen, sich aber über Nacht ernstellen können. Der Kampf gigen die Wehrvorlagen scheint nichts weiter zu sein als ein Vorwand, gerade gm genug, um arge Schäden in den Parieiorganifationen rechter und linker Hand aufzudeckeu. Die Unabhängigkeitspartei ist in sich gespalren und lehnt sich gegen die offizielle Führung auf. Die Regierungspartei ist nichts weniger als einheitlich und angesichts der langwierigen Tvdrednerei nur mit dem Aufgebote der äußersten Mitte! bis zum Maße der Beschlußfähigkeit des Hanfes zusammenzuhalten. Es zeigt sich immer deutlicher, daß hinter den Kulissen dieser Obstruktion gleichzeitig ein klerikaler B 0 r st 0 ß unternommen wird." In demselben Sinne sprachen auch die Sozialisten in ihrer Protestversammllmg. Als erster zur Tagesordnung sprach Max Grvßmann: Geehrte Vaterlands lose Schufte! (Stürmische Eljen-Rnfe.) An. die Spitze dieses Nationalismus stellten sich bei uns die Herren Barth a, Kaas und Genossen (Rufe: Wütende Hunde!) Nur derjenige wünscht das Wohl des Landes und des Vaterlandes, der sich zur socialdemvkcatischen Partei gesellt, welche nicht die Scholle liebt, sondern die darauf lebenden Menschen, deren Schicksal sie zu verbessern bestrebt ist. (Eljen-Nufe.) Nun wollen sie den an der Schleppe der H e r z v g i n von Orte a n s klebenden Schmutz, die Kongreganonen, ins Land bringe». (Stürmische Abzug-Rufe.) Die lächerlichen Au «lagen, welche die Klerikalen gegen uns erhoben, sind aber bloß eine Phase des nun beginnenden Kampfes gegen die Aufklärung, (Lebhafte Ziistimumng.) Am vorigen Sonntag haben wir auf die fern Platze gegen die Klerikalen Anklagen erhoben. Sie enlgegneteu aber nicht damit, daß sie bewiesen, wir feien im Unrecht, sondern indem sie uns in niederträchtigster Weise verleumdeten, verdächtigten und ver- Essen vernichten lassen, fast alle für die Feiertage angeschafften Vorräte und selbst das Geschirr werden demselben Los anheimsallen; er aber und die Seinigen werden die ganzen Feiertage hindurch hungern müssen, denn am Feiertage bekommt man sogar für Geld nichts . . . Und weshalb straft ihn Gott so grausam; ist er denn sündiger als die anderen? Gott ist ja. barmherzig, sollte er mit seinen kleinen hungrigen Kindern kein Mitleid haben? Und Sender malte sich die Verzweiflung seiner Kinder ans, welche siech auf das schmackhafte Essen fo gefreut chatten, und sein Herz preßte sich dabei vor Weh zusammen. Plötzlich fühlte er, lote ein Gedanke, welcher ihn erbeben machte, siech in der Tiefe seiner Seele regte. Wie, wenn er nach Hause ginge und den Seinigen sagen würde, der Rabbiner habe gestattet, die Speisen zu genießen? Doch das wäre ja ein fürchterliches, ein gräßliches Verbrechen! Er versteht zwar nicht, weshalb es eine Sünde sein sollte, eine Suppe, in welcher ein Gerstenkorn sich vorgefunden hat, zu esfcn, er ist zu wenig gelehrt dazu. Daß der Rabbiner es aber für eine gräßliche Sünde halten wird — das weiß cr ganz bestimmt. Wenn er aber eine Sünde begeht — grübelte er weiter — so tut er es ja doch nur ans Liebe zu seinen Kindern, um sie vor Entbehrungen und Herz leid zu bewahren, und eine Sünde, ivelehe um der Liebe willen begangen ivorden ist, wird der liebe Herrgott doch gewiß verzeihen! . . . Sender grübelte wohl eine Stunde hin und her, dann machte er entschlossen Kehrt und ging rasch nach Hause. 4. Brame zog am nächsten Morgen ihr neues Kattunkleid an — ein für sie seltenes Ereignis — und ging in die Synagoge. Der Gottesdienst hatte noch nicht begonnen und die Vertreterinnen des zarten Geschlechtes benützten die Gelegenheit, um die Tagesereignisse zu besprechen. Bei der einen war der Met besonders gut gelungen, bei einer uuglimpften. Wenn von ehrlichen M e n s ch e n die Rede wäre (Gelächter), müßte mun gegen ihre Erklärungen ernstlich Stellung nehmen. Unsere Angreifer gehören aber nicht nur zum Bodensatz des Parlaments, sondern zur H e f e d e r bürgerlichen Gesellschaft. (Stürmischer Beifall.) Da ist vor allem der „Ehrenkrüppel des Landes" Nikolaus Barth a (Abzug-Rufe), dann Baron Jvor Kaas (Rufe: Jvor Kusch!) Von Kaas glauben sogar viele, daß er bona fiele gehandelt hcr-e und seinen Gesinnungsgenossen aufgesessen sei. Nun, Baron K a a s ist ja kein Analphabet, er ist ein Publizist, der geistig kämpft (Eine Stimme: Ein geistiger Krüppel!), der ja seine Waffen wählen und, bevor er jemanden verdächtigt, sich von der Richtigkeit seiner Informationen überzeugen muß. Wilder, fanatischer Haß ist es aber, der ihn im Kampfe führt. (Rufe: Auf den Galgen mit ihm!) Selbst unter diesen ist aber der Schlechteste Nikolaus B arth a. (Rufe: Nikolaus Marha!) Hätte er nureinenTropfen Schamgefühl, müßte e r f i ch längst a u f g e h ä n g t) haben! Die ehrenrührigsten Anklagen sind schon gegen ihn erhoben worden und immer gelang es ihm, wegen Mangel an Beweisen sich aus der Schlinge zu ziehen: Die größten Schufte begehen aber ihre Taten in einer Weise, daß mim sie nicht packen kann. Und wenn man auch nicht in jedem Falle gerichtsaktenmäßig den Beweis feiner Umtriebe erbringen konnte, so ist er doch von der anständigen Gesellschaft justifiziert. Unter dem Vorwände, in persönlicher Sache zu sprechen, bewarf er jüngst im Parlament einen unserer Führer mit Kot und Schmutz. (Rufe: Ehen Bvkanyi!) Wir dürfen uns nicht länger mit Herrn Bartha befassen. Schade um die Zeit. Für anständige Menschen tst er längst moralisch gestorben. Wir riechen Aasgeruch; er ist justifiziert. Da gibt es aber noch einen Passagier. (Gelächter.) Um den kann es uns leid tun, denn durch seine große Begabung wäre er zu hervorragender Arbeit berufen gewesen, er hat es aber vorgezogen, die Allgemeinheit nebst einer Summe materieller Güter auch um sein Talent, um die in ihn gesetzton Hoffnungen zu betrügen. Ich meine Gabriel U g r 0 ». (Rufe: Abzug der Haferkömg!) Er hat seit langsr Zeit wirder einmal die Wahrheit gesprochen, als er jüngst im Reichstage sagte, daß wir Sozialisten reinere Hände haben «als er. Nun, Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung; vielleicht bringt es Herr Ugrou zuwege, in Hinkunfr sauberere Geschäfte zu machen. Er hat aber viel mehr gegen das Volk und gegen das BaterlM-d gesündigt, als daß er hiermit seine Vergangenheit wettmachen könnte. Er hat ruvhl Grund genug, den Sozialisten zu zürnen, denn wir haben ihn erkannt, ehe noch die heuchlerische Maske von feinem Antlitz gerisse.u wurde. Unsere übrig»» Gegner gestehen offen ein, daß sie unter schwarzer Flagge gegen Licht und Aufzweiten waren die Knödel ausgezeichnet geraten, der dritten waren die Speisen durch die schlechten Eier verdorben worden usw. — „Bei uns aber," erzählte Braine, „wäre bald ein Unglück geschehen; Gott sei Dank dafür, daß alles gut abgelaufen ist, wir hätten sonst während der ganzen Feiertage hungern können." „Was ist denn bei Ihnen passiert?" fragten neugierig mehrere Stimmen zugleich. „Eine recht böse Geschichte, ja, ja . . . Sie wissen ja, wie es bei uns Juden vor dem Passahfeste zugeht . . . Man arbeitet, man rackert siech von früh bis spät . . . Auch ich habe von morgens bis spät in die Nacht gescheuert, gerieben, gewaschen, daß ich mich! kaum auf den Füßen halten konnte. Kommt mein Mmm und bringt mir zwei Gänse und einen Indian ins Haus. Ich sagte ihm noch — wir brauchen kein Geflügel, lvir sind daran nicht geivöhnt, er aber sagt: einmalmüssen wir doch das Pässahfest ordentlich feiern. Da denke ich: er hat ja recht. Nun denn, von diesem dummen Indian wäre bald unser Unglück gekommen. Endlich lvar der langersehnte Seder-Abend da. Ich war glücklich mit meiner Arbeit fertig geworden und freute LV4/ yjVVV 141 VIV UVUVCjV/ »V'14.4- \^| | V t k *jVW»*V tragen und — 0 Entsetzen! — ich finde in dem gefüllten Jndianskrvpf ein Gerstenkorn . . . Was mit mir dann geschehen ist, weiß ich selbst nicht. — Mein Mann sagt, davongekommen „Der Rabbiner hat euch lvirklich fragte verlvundert eine der Frauen. „Wie ihr seht ..." erlaubt —?."

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