Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 4 (1902)
- Issue
- 27 (4.7.1902)
- Date
- 1902-07-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 4. Juli 1902 Nr. 27 Es gibt ferner Zeiten, die uns festhalten, nicht fortschreiten lassen, wir müssen uns aber auch entlasten können, zu vergessen und von neuem zu beginnen vermögen. Es gibt auch Orte, die uns fesseln, einschließen, gefangen halten. Orte, zu denen unsere Seele pilgert, die unser Wesen einschränken, unseren Gesichtskreis einengen. Wollen wir immer weiter dringen, höher steigen, wollen wir gehen und nicht immer geführt werden, so müssen wir uns vor dieser Schwester Zeit und von der fesselnden Scholle trennen. Fürwahr, im Bilde der siamesischen Zwillingsschwestern, die die Meisterhand trennte, ist viel Geschichte des menschlichen Geistes und ein großes Programm für die Zukunft enthalten. Auch in der letzten Epoche der jüdischen Geschichte wurde die Trennung des „siamesischen Zwillingspaares" im Wesen des Juden, die Scheidung zwischen seiner geschichtlichen Vergangenheit und seiner Gegenwart, zwischen Religion und Volksthum versucht, was einerseits einen freien Zug im Judenthum, eine Unabhängigkeit von unseren Helden, unseren geheiligten Orten und geweihten Zeiten herbeigeführt, andererseits aber den Boden des Judenthums zu untergraben drohte. Die Trennungsoperationen sind gefahrvoll und dürfen nicht mit roher Hand leichtsinnig unternommen werden. Die Kunst, zusammengewachsene Wesen zu trennen, darf nicht zur Verwegenheit, Einheitliches zu zerschneiden, verführen! Eingesendet. Sehr geehrter Herr Redakteur! Zum großen Teile tragen die sogenannten Judenblätter an dem Antisemitismus schuld. Wohl nicht deshalb, weil sie jemals wirklich für das Judentum eingetreten wären und dadurch die antijüdische Reaktion erzeugt hätten, sondern dadurch, daß sie direkt antijüdische, antireligiöse Tendenzen oder Ziele verfolgten und dadurch bei der arischen Bevölkerung den Irrtum erzeugten, daß, weil die Redakteure der bezüglichen falschliberalen freimaurerischen Blätter Juden waren, diese Tendenzen im Interesse des Judentums liegen müßten. Die Arier konnten nämlich nicht voraussetzen, daß Juden, zur Macht gelangt — und die Presse war eine Zeitlang eine große Macht, die Minister machte und stürzte rc. — antijüdische Politik treiben würden. Sie konnten das umsoweniger annehmen, weil das Märchen von der jüdischen Solidarität bestand und sie sehr oft sahen, daß sich diese von Juden geleiteten Blätter tatsächlich für Juden mit aller Macht einsetzen. Daß die Juden, für die sich jene Blätter einsetzten, entweder sehr reiche Juden oder getaufte Juden waren — siehe Ihren Artikel m der vorletzten Nummer „Finanzgrößen im Judentum" — das wußte das außenstehende arische Publikum nicht. Es wußte nicht, daß die „Solidarität" der Presse bei der eisernen Kassa oder bei der Taufe jener Juden anfing, aber beim Hausierer, Kommis, Lehrer aufhörte. Es ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß in der sogenannten liberalen Aera eine, gelinde gesagt, unerhörte Hetze gegen die katholische Geistlichkeit inszeniert worden ist. Daß aber diese Hetze die wahren Juden aufs tiefste empörte und daß, je religiöser ein Jude war, er desto ehrerbietiger gegen den Geistlichen jeder Kirche oder Konfession war und ist, das verschwieg man wohlweislich der christlichen Bevölkerung. Die Pfarrer sahen bloß, daß in gewissen Ortschaften die jüdischen Stimmen der sogenannten antiklerikalen Partei zum Siege verhalfen, sie sahen, daß Juden die eifrigsten Leser der Blätter waren, die die Geistlichkeit bekämpften. Sie wußten nicht, daß diese Juden Puppen in der Hand von Drahtziehern abgaben, daß wahre Juden, wie F i s ch h o f, für den Völker- und Kirchenfrieden waren. Sie wußten nicht, daß diese jüdischen Blätter antijüdisch, schon weil antireligiös und deutsch-chauvinistisch waren, und daß sie systematisch auch die jüdischen „Pfaffen" — wie sie reizend den Geistlichen in den politischen Leitartikeln zu benamsen pflegten — befehdeten. Das Wort „Rabbi" wurde — lange vor dem „Deutschen Bolksblatt" — als Schimpfwort gebraucht. Und wenn man schon einmal eines Rabbiners Erwähnung tun mußte, so wurde er flugs zu „Ehrwürden", „Prediger", „Seelsorger" oder „Seelenhirten" — nur beileibe kein „Rabbi" durfte er sein, wiewohl der Jude seinem größten Bruder Moses keinen höheren Titel verleiht. Juden haben kein „Ehrwürden" (eine eklige Nachäffung des christlichen „Hochwürden"), sie haben Rabbiner und nichts anderes. Und das Gesetzbuch, das den Namen Moses trägt, lehrte, weit über zweitausend Jahre, bevor der Mumenschanz der Freimaurerei aufkam, den Grundsatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Die Freimaurerei mit ihren Symbolen, Mystieismen, insbesonders ihren Schwüren aus andere Objekte oder bei einer anderen Wesenheit, als Bibel und Jehova, ist eine direkte Verletzung jüdischer Satzungen. Aber was wußten jene Redakteure der sogenannten Judenblätter vom Judentum? Sie hatten das „Deutschtum" zu verteidigen, und zwar in den Sudetenländern gegen das Tfchechentum und rn den Alpetiländern gegen den angeblichen Ultramontanismus. Sie hatten Dr. K n o tz zur Berühmtheit emporzuschrauben oder Dr. Ernst von P l e n e r in den Himmel zu heben, den bekannten Minister in dem bekannten Ministerium. Wenn bei dieser Jnhimmelheberei den armen Juden die Füße abgetreten wurden — man denke an die Antwort des damaligen Ministerpräsidenten, so tat das dem P len er und seiner sogenannten jüdischen Preßsippe nicht weh. Nicht einer der politischen Redakteure sämmtlicher sogenannten Judenblätter hat jemals jüdisch-national oder religiös gefühlt, geschweige den geschrieben, obgleich zur Bildung eines jeden Europäers, Juden oder Christen, selbst wenn er Atheist wäre, die Kenntnis des alten Testamentes gehört. Da lese man aber z. B. den Artikel der „N. Fr. Press e" vom 24. Juni 1902 über die Leichenfeier König Alberts. Dort heißt es: „Der Prediger begann mit einem (!) Gleichnis von der Vergänglichkeit der Menschheit (!). Er sprach von einer (!) Statue, deren Kopf aus Gold, deren Brust aus Silber ist und deren Beine (beide?) aber von Lehm sind; Gott wirft einen Stein auf sie und sie fällt zusammen." Dieser Redakteur hat also nicht die leiseste Ahnung, daß der sächsische Prediger nicht von „einem" Gleichnis „einer" Statue — deren Beschreibung in der „N. F. Presse" notubons teilweise falsch ist — sprach, sondern von dem im Buche Daniel, Kap. % besprochenen Traumgebilde des Königs Nebukadnezar, das der Prophet Daniel deutete. Stünde das Gleichnis im Buche eines „Ariers" ü 1s Wagner rc., der jüdische oder christliche Korrespondent der „N. F. Presse" hätte vielleicht den ganzen Wortlaut aus dem Gedächtnisse zitieren können, aber so steht es „nur" in der „Juden"bibel, die wohl die Grundlage für die christliche Religion und damit die Grundlage für die heutige Kultur Europas ist. Ein anderes Blatt verglich den (bibelfesten) Buren mit den Spartanern unter L e o n i d a s. Der Kapuziuerprediger in Wallensteins Lager mag als Muster eines Soldaten des David und Jonathan gedenken. Die „jüdischen" Redakteure wissen nichts davon, daß David mit einen Stecken Löwen erschlug und daß Jonathan allein mit seinem Waffenträger ein ganzes Kriegslager freiwillig angriff und in die Flucht trieb. Aber deshalb wird als Gleichnis der soldatischen Tapferkeit doch nur L e o n i d a s mit seinen Spartanern angeführt (der die Perser nicht freiwillig angriff, sondern sich verteidigen mußte). Wie steht doch Leonidas hinter jenem Juden, der von der Stadtmauer hinunter unter die stürmenden Römer sprang, um ihnen den Stumbock zu entreißen, wie stehen seine Spartaner hinter den jüdischen Kämpfern unter Bar-Kochba, die der tapfersten Legion trotz Hungersnot widerstanden, bis der letzte Mann gefallen war. Dessen haben aber die Wiener und Prager „Judenblätter" trotz ihrer 30—50 Jahrgänge noch nie gedacht. Aber den Juden lächerlich, verächtlich machen, das treffen die sogenannten Judenblätter. Die Empörung trieb mir das Blut in die Wangen, als ich am 23. d. M. die „Sonn- und M o n t a g s z e i t u n g" las, wo als „Witz" der Meineid eines Inden vor dem Rabbiner und ein jahrelanger Körperschmutz supponiert werden. Was muß sich ein Arier über die Verkommenheit der jüdischen Rasse denken, wenn er solches liest? Die Verachtung, die manche gegen die I nden hegen, haben nicht Juden als Personen verschuldet, sondern das Treiben der sogenannten Judenblätter. Das sollte einmal gesagt fein und bitte ich diese Zeilen in Ihre Zeitung, das einzige politische Blatt, das wirklich ein Judenblatt ist, aufzunehmen. Dr. I u st u s. Geehrte Redaktion! In der letzt erschienenen Nummer Ihres sehr geschätzten Blattes war eine Notiz „Zur Koschersieischfrage" enthalten, in deren letzten Teil, wahrscheinlich irrtümlicherweise, eine unrichtige Bemerkung eingefügt war. Es kann unmöglich von einer Entrüstung unsererseits die Rede sein, da wir vom Präsidium der löblichen Israelitischen Kultusgemeinde aufs liebenswürdigste empfangen wurden, auch wurde uns bestimmtest zugesagt, unseren berechtigten Wünschen nach Möglichkeit entgegenzukommen. Sie höflichst ersuchend, diese Zeilen gefälligst veröffentlichen zu wollen, danken wir Ihnen hiefür bestens und zeichnen Für den Vorstand des Vereines der israelitischen Fleischhauer Wiens Gottlieb Hermann. S i e g m u n d K o r n m e h l. Löbliche Redaktion! Ich bitte um freundliche Aufnahme dieser Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte und bin überzeugt, daß selbe ihren Zweck nicht verfehlen. Die Arbeitslosigkeit der jüdischen Kleingewerbetreibenden ist groß. Elend und Not entstehen leider dadurch; es sind Vereine in großer Anzahl da, die die momentane Not zu lindern suchen, doch „Arbeit ist Brot". Ich möchte ein Projekt in Anregung bringen, das mit geringen Geldopfern und leicht durchführbar wäre und bin überzeugt, daß sich schnell edle Gönner finden werden, um sich der Sache anzunehmen. Für jeden Bezirk Wiens sollen Schema (Verzeichnisse der jüdischen Gewerbetreibenden) in Druck kommen und an sämtliche jüdischen Familien im Bezirke verteilt werden; dadurch wird Gelegenheit gegeben, seinen Nachbarn mit Arbeit zu unterstützen und eine Gegenparole auszuführen: „Kauft nur bei Glaubensgenossen", welche, unterstützt durch das Hineinflechten in die Predigt an einem hohen Feiertage und durch den Appell an die Glaubensgenossen, rasch und gut ihr Ziel erreichen wird. Hochachtungsvollst _ Al exand er Nadler. *) Wir bemerken dazu, daß dieser Gedanke schon seit längerer Zeit im Schoße unserer Partei erörtert wird und der Ausführung nahe ist. *r Mitteilungen ans dem Publikum Berloburrg. Herr Lud wiq Breuer in Wien verlobte sich mit Fräulein Mirjam Ä l t m a n n, der anmutigen Tochter des Vorstandsmitgliedes vom „Jüdischen Schulverein für den IX. Bezirk", Herrn Ferdinand Altmann, Wien, IX., Pramergasse 17. Unsere herzlichste Gratulation! * Danksagung. Allen unseren Freunden, Verwandten und Bekannten, die uns anläßlich des Verlustes unseres unvergeßlichen Söhnchens durch mündliche oder schriftliche Teilnahmskundgebungen unseren Schmerz zu lindern versuchten, sagen wir auf diesem Wege unseren verbindlichsten Dank. Jakob Krausz und Frari. Briefkasten. S. Horowitz: Konnte Ihr Manuskript nicht finden. R. N., Brigittenau: Sie haben recht. Auch diese Woche hatte die „Arbeiter-Zeitung" keinen Platz für das jüdische Proletariat in Rumänien; dafür finden Sie spaltenlange Inserate von der „Donau-Dampfschiffahrt-Gesellschaft" und eine seitengroße Aufforderung zur Subskription der „B o s n ischen Eisenbahnanleihe"; das interessiert die österreichischen Proletarier mehr. E. F. W.: Zur Kenntnis genommen. B. Fried, Prag: Für diesen Monat versehen. Für nächsten Monat eventuell. Der Schlüssel. Erzählung von Eduard Kulke. (Fortsetzung.) Allgemein war diese Ansicht; überall gab man dieser Vermuthung Raum; Juden und Christen hielten die fremde Dame für eine Person, hinter welcher sich ein Geheimnis verberge und es war kein Zweifel, worin das Geheimnis bestehe: die neue Meieryöferin ist eine zum Christcnthum übergegangene Jüdin. Eine andere Lösung gab es nicht. Nur eine Person lebte in der Gasse, welche das Ereignis anders beurtheilte; dies war Näsele Bernstein. Nachdem ihr Pessele mitgetheilt hatte, was man sich in der Gasse erzählt, und wie man allenthalben darüber denkt, sagte die alte Frau in einer wunderbar tiefen Ergriffenheit: „Wenn mir Gott die „Szchie" (Glück) beschert, dass ich das erleb, dann ist mein langjähriger Traum zur Wirklichkeit geworden und mein höchster Wunsch auf dieser Welt in Erfüllung gegangen." Die Tochter verstand diese dunkle Rede nicht und blickte deshalb die Mutter kragend an. Näsele Bernstein aber fuhr fort: „Pessellebcn, sei so gut und gib mir mein „Jontewkleid" (Feiertagskleid) aus dem Kasten heraus, und nimm auch die „gute Haub" aus der Schachtel und thu mich anz.ehen?" „Ist denn heut „Joritcw" (Festtag) Mutterle'nen?" fragte Pessele mit bescheidener Neugierde. „Entweder es ist für mich heute Hontew," erwiderte die Frau, «wenn aber nicht, so Hab ich nichts emgebüßt. Thu, mein Kind, wie ich Dir sage, und frag mich nicht weiter, warum." Näsele Bernstein stand da in ihrem Festtagsgewande, die gute Haube auf dem Kopfe, geschmückt wie eine Königin. Nur der grüne Schirm, den sie nicht entbehren konnte, gab der strahlenden Freude ihrer Erscheinung einen Anstrich von stiller Wehmuth. Die Tochter nestelte noch au ihr herum, als ob sie eine Kameradin zum Tanze herausgeputzt hätte; hier hatte sie noch mit dem Spitzenkragen zu schaffen, da glättete sie einige nicht beabsichtigte Falten, dam: richtete sie wieder die zahlreichen Pcrlcnschnüre zurecht, deren Diamant- Verschluss in goldener Einfassung sich etwas nach der Seite hin verschoben hatte. „So Mutterlcbcu," sagte Pessele, „jetzt siehst Dil aus . . . ." „Wie ich anssehen mächt'," ergänzte die Frml, „wenn ich erleb, Dich unter die Chuppe zu führen." Hierüber stieg den: Mädchen die jungfräuliche Schamröthe ins Gesicht, und sie hätte das Zimmer verlassen, tveuu die Mutter sie ilicht durch einen Auftrag zurückgehalteu hätte. „Pessellebeu, meiir Kind," sagte sic, „sei so gut rnld ninuu das „Chumesch" (die Bücher Moses) heraus aus dem „Sforumkastel" (Bücherschrank) ltrtb schlag mir auf „Parsches Wajischlach". Die Tochter that lote ihr befohlen wurde. „Jetzt mein Kind, sei so gut und „lein" (les') mir die „Parscheh" vor, dreimal hiutcreiuaildcr." Die Tochter las mit ivohlkliugeuder Stimme bett Abschnitt von der Aussöhnung eines entzweiten Brüdcrpaares im Urtext vor. Nachdem sie den Text zum drittenmal geendigt hatte, fragte die Mutter: „Hast Du, men: Kindlcbcn, das „Chumesch" genommen, wo auch die Uebersetzung von „Moische Dcsse" (Moses Mendelssohn) dabei gedruckt steht?" „Nein, Muttcrlcbeu," sagte die Tochter, „eS ist das andere. „Sa nimm das mit der Ucbersetzuug herunter," ermahnte die Mutter, „mein „Tate" (Vater) „olew hascholem" (der Friede sei mit ihm) hätt zivar das „Chumesch" mit der deutschen Uebersetzung nicht in sein Haus kommen lassen, aber wir Weiber wissen doch eigentlich besser, was da geschrieben steht, wenn wir es in deutscher Sprache lesen, als!vie auf „Loschen hakoidesch" (in der heiligen Sprache). Auch hat mir Rcb Salvcl „olew hascholem" gesagt, dass cs durchaus keine „Newereh" (Sünde) ist." Während dieser Rede hatte Pessele bereits die Mendelssohnschc Uebersetzung des genannten Abschnittes aufgcschlagcn. „Bist Du fertig, mein Kind," sagte die Mutter, „so les' mir die Uebersetzung vor." Pessele las: „Jakob schickte Bothen vor sich her zu seinem Bruder Esiow in das Seir in das Gefilde Edorn.' Und befahl ihnen wie folgt: Also sprecht zu meinem Herrn Etzow l Dein Knecht Jakob lässt Dir sagen, ich habe mich bei Laban aufgehalten und bisher verweilt. Daselbst habe ich erlangt Rind und Esel, kleines Vieh, Knecht und Magd, nun schicke ich cs meinem Herrn, knndzuthun, um Gewogenheit in Deinen Augen zu finden. Die Votheu kehrten zu Jakob' zurück und sprachen: Wir find zu Deinem Bruder Cßow gekommen, er ziehet Dir auch entgegen, tlnd vierhundert Mann mit ihin. Jakob fiirchtcte sich sehr, und ihm ward bange, er theilte die Leute, tvclche er bei sich hatte, wie auch das kleine Vieh, das Rindvieh und die Kämccle in zwei Lager. Denn er sprach: Wenn nun Ctzow auch kommt zu dem einen Lager und schlägt es, so kann doch; das übrige Lager cnirinnen. Jakob sprach ferner: Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Jizchak, Ewiger! Der Du zu mir gesprochen Hase: Kehre in Dein Land und an Deinen Geburtsort zurück, so will ich Dir ferner Wohlthun. Ich bin zu. gering für alle Wohlthatcn und alle Treue, welche Du Deinem Knechte erzeiget aast, denn bloß mir meinem Stecken bin ich über diesen Jarden gegangen, und ihr bin icb zu zwei Lagern geworden. Errette mich vor meines Bruders Hand, von Eßows Hand, denn ich fürchte ihn. dass er nicht komme und mich umbringe, die Mutter sam.mr den Kindern. Du aler hast gesprochen ,und ich will Dir tvohlthun und Deinen Samen machen wie Sand am Meere, welcher vor Menge nicht zu zählen ist." Die Hellen Thränen liefen dem Mädchen die Wangen herunter. Sie hatte schon mehr als einmal in ihrem Leben den Abschnitt gelesen; niemals hatte er ihr einen so tiefen Eindrrlck gemacht, wie jetzt. „Was weinst, mein Kind?" sagte die Frau, denn das Mädchen hatte die innere Stimmung nicht verbergen können.. „Mntterlebcn I" rief das Kind heftig ergriffen, „gibt cs etwas Schöneres? Wie sich ein Bruder vor dem anderen fürchtet, dass er ihn umbringen wird! Mich hat das bis ins Herz hineingetroffen, ich Hab mich mit gefürchtet, wie ich's gelesen habe. Sag mir's, Mutterleben, warum hast Du Dir das grad jetzt von mir vorlesen lassen?" „Das will ich Dir sagen, mein Kind," sprach die Frau mit Ernst und Würde. „In der Gasse, sagst Du, und ans dem Markte, meinen sie, die neue Meierhöferin ist eine Jüdenne. Ich glaub das nicht." Das Mädchen blickte sic fragend an; die Mutter fuhr fort: „Sie ist eine Christin, und ich muss zu ihr gehen. Und wenn ein „Jüd" zu einem Christen geht, dann soll er früher „Parsches Wajischlach" sagen, um in seinen Augen Gunst und Gewogenheit zu finden. Es weiß das nicht ein jeder, es ist das eine „Kebole-Sach" i (Geheimnis der Kabalah); ich hab's her von „Awes-Awoiszenc" ' (Ureltern) und ich sag Dir's, vielleicht wirst Dtl es einmal brauchen. Und jetzt mein Kind, führ mich. Führ mich aber nicht durch die „Gass", ich will kein Aufsehen machen, führ mich „hinten aus". „Wir hätten kötmen durch die „Gass" gehen, Mutterleben," sagte Pessele, als sie sich dem Meierhof näherte::, dort sehe ich Schloime Klatschkopf das Bergel heranfkommen, ::nd der km:n nichts ans dem Herzen behalten." Wenige Minuten darauf erzählte man sich in der Gasse eine überraschende Neuigkeit. Näsele Bernstein ist heut angezogen „bigdeh Malches" (königlich), wie wenn „Jontew" war, und ist zu der neuen Meierhöferin in Visit gegangen. Während man in der Gasse dies erzählte, meldete ein Diener dem gnädigen Fräulein, eine Frau, dem Aussehen nach eine Jüdin und reich, möchte die Ehre haben, sie zu sprechen. Die beiden merkwürdigen Frauen standen kurze Zett darmff einander gegenüber. „Womit kann ich dienen?" fragte das Fräulein sehr förmlich. „Mich führt keine Bitte her, und ich muss erst abwarten, ob mir hier das Recht eingeräumt wird, einer fremden Dame gegenüber die gewöhnliche Höflichkeit zu beobachten," antwortete Näsele. Hierüber gerieth aber die Meierhöferin in Zorn. „Was soll diese spitzige Redeweise?" sagte sie. „Könnt ich wissen, dass Sie gesonnen sind, mir eine Ehre zu erweisen? Hätte ich Ihnen das Recht hierzu vielleicht früher verbrieft übersenden sollen? Dass doch die Juden, selbst wenn sie freundlich sein wollen, dies nicht anders sein können, als indem sie zugleich verletzen! — Ich bitte, meine Verehrte, nehmen Sie Platz I". fügte die Dame im Ton der Förmlichkeit an die vorher mit Heftigkeit gesprochenen Worte. „Nicht eher," sagte Näsele, „als bis Sie die Versicherung annehmen, dass ich in anderer Absicht gekommen, als tun Sie zu verletzen." „Nun ja denn, ja denn; das Hab ich ja gar nicht behauptet, entschuldigen Sie meine Gereiztheit::nd sehen Sie sich?" Hiermit drückte das Fräulein den Gast in einen Lehnsessel und setzte sich der Judenfrau sehr nahe gegenüber. „Sie haben da ein hartes Urtheil über eine ganze Nation ausgesprochen." „Ich bitte die ganze Nation um Verzeihung, wenn ich ihr Unrecht thn!" „Nicht diesen kalten, lieblosen Toni Ich kann nur annehmen, dass Ihnen von meinen Glaubensgenossen viel Kränkung ist bereitet worden." „Nicht dass ich wüsste," entgegnete etwas spöttisch die Meierhöferin, „ich habe wenig die Ehre gehabt, mit Ihren Glaubensgenossen zu verkehren." „Ist das auch die reine Wahrheit?" fragte dis > Jüdin lachelud. (Fortsetzung folgt.)