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Jüdisches Volksblatt · 1901-10-11 · 41 (11.10.1901) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1901)
Issue
41 (11.10.1901)
Date
1901-10-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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krdMUM: f jf.ll/1, SMüflelgaM 11, VHecchftvürdr»» Kn '^c^cnragen von 4 bis 6 Uhr nachmitiags. p-.'si,-»rrs,rr FübtscheS Bo»sv!att, Wies, Vlttjl. ^sfchivsvdr»r weyen verspäteter nber „ar nicht erfolgter Zustellung erbtttc» wir uns dringend. >. Ma^usevivte i-serbe« nicht zurttSgestellt. Postsparcafscn-Lvrito S47V87. In das kbonnemem lärm man täglich eintrcten. t.nsrv Mitwirkung der frtmt jüdischen VuUrsvrreiu erivützUen PrvssrvMvrisston. 8i».srrate üöernehincn die Firmen: A. Lannebcrg, M. LcikcS, Haasen- Sein * Bögler. Rudolf Moste. 0. Oppeli?. M. Kozsonhi, N. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen-Expeditionen im Kuölande. EiVZer-RAMMsr in Wie« iß Heller. ■UifimWrattmt; YHI/1, Schwtzvlgawr 11. AbonnemetttSpreiS: Für Wien u. Oesterreich-Ungarn iammt FraneozusteLung. Ganzjährig Halbjährig . Viertestädrig . Kr. 8.- " £:= Für daS gesammte Ausland sammt Francoznstellung. Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig Kr. ».- > » LA . „ L.88 F>.,,.-'.:TiiePK9!*l2**ro,itT3X-jsrz£'j^’vi’i/rsmmi!mnrTvrJW7'rarJrfr&2>iBEt:isnt»jrjVMiJvnuim w «55225SH55!S5»aaaarsssfS9aa OB6HW nn^Bfl^JBWCTTCBiOTagliMgMlCTCTWCTagWMCTWl 41 Wien, 11. Ortover 1901. III. Jahrgang. wie es gemacht wird. (Zu m M ä d ch e n mo rd in P e k l o.) In der Nähe von Nachod wurde die schrecklich verstümmelte Leiche der 15jährigen Marie Suchanek aufgefnnden. Dieselbe war grässlich zerschnitten und Theile des Körpers auf einem Feuer im Walde verbrannt. Man hatte den Verdacht, dass ein Trunkenbold das Mädchen ermordet habe, und fand auch die Leiche desselben in der Nähe in einem Flusse. Es stellte sich aber heraus, dass der Trunkenbold bereits vor dem Morde den Tod in den Wellen gefunden hat. Weiters wurde als dringend verdächtig der Schneider Johann N o w a k eingezogen; derselbe konnke jedoch ein Alibi Nachweisen. Das ist der trockene Thatbestand, mtb in anderen civilisierten Ländern würde die Untersuchung ihren geregelten Fortgang nehmen. Aber wir leben nicht umsonst in Oesterreich, wo die Nitualmordcompagnie durch die Berurtheilung H ü l s n e r s einen schändlichen Triumph erlebt hat. Der Mörder ist nicht bekannt; folglich liegt nichts näher, als das Märchen vom Ritnalmorde anszusprengen. Zuerst entstehen dunkle, uncontrolierbare Gerüchte am Thatorte; dann greisen die bewährten Bluthunde Schneider, S ch w e r und Co. ein und eröffnen die Hetze im „Deutschen Volksblatt". Natürlich zuerst vorsichtig; es erscheint eine Notiz mit der Spitzmarke: Ein Fall nach dem Muster von Polna? Man beobachte das verschämte Fragezeichen; dann nach kurzer Zeit, innerhalb derer die Ritualmordcompagnie Gelegenheit findet, die Spuren der wirklichen Thäter zu verwischen, dafür aber einige unschuldige Juden in irgendeinen Zusammenhang mit der That zu bringen, wird ans dem verschämten Fragezeichen ein unverschämtes A u s r u f z e i ch e u. Im Anfänge lässtman andere Möglichkeiten, zum Beispiel Nekrophilie, zu und deutet nur von ferne, natürlich ohne den Schatten eines Beweises, an, „dass sich das Gerücht um Nachod verbreite, dass der Mord im voraus berechnet gewesen sei und demselben ein ähnliches (sie!) Motiv zugrunde liege, wre beini Pvlnaer Falle". Es gibt in Oesterreich niemanden, der solchen Verdunklungsmanövern auf die Finger jehen würde; die österreichische Maffia herrscht unumschränkt. Kühn gemacht durch diese liebevolle Nachsicht, werden dann ans dunklen Gerüchten sichere Nachrichten, aus Bermuthungen Gewissheiten; flugs wird neben und unter den Augen des Gesetzes ein eigenes Untersuchungsbnreau gegründet, Meineide werden geschmiedet, Berleiundnugen vorbereitet, kllrz und Manchmal, wenn ich recht glücklich bin, Wenn ich so nach des Zweifels Nacht Bin hüffnungsglichend aufgewacht: Da fühle ich in ineinem Sinn ♦ ♦ So ahnungstiefe Dankbarkeit Und Lieb' und Sehnsucht wechselnd schnell, Für meiner Kräfte Feuerquell, Für meines Volksthums Wesenheit. Ein tief Mysterium ahn' ich da . . . Im jungen Dämmer hingestreckt, Bin ich erfreut und bin erschreckt, Dem Ew'gen fühl' ich mich so nah. Die Stille webt, der Dämmer klingt, Der Zeitlanf rauscht — und wie befreit Lost sich's in mir Noll Heiterkeit, Was lsich in Wirbeln yuswä'rts ringt. Fühl' mich als meines Volkes Sohn, Als einen Inden — jubelnd schlägt Mein Herz, in dem ein Sturm sich regt . . . Ich lausche still dem selt'nen Ton. Am eig'nen Haupt das schwarze Haar, Der Züge deutliches Gepräg' — Als ob's in meinen Händen läq'. Als Maske — also seh' ich's'klar. Ich fühle mich als einen Theil Bon einer großen, starken Macht, Bon einem heißen Kräftekeil, Geheimnisdnnkel wie die Nacht; gut, die ganze Kvmödie insceniert. Die Regisseure sind gut bezahlt, und reicht der religiöse Fanatismus nicht ans, so thut das Geld das übrige. So geschehen in Polna. Ein armes Mädchen ist bei Nachod ermordet worden und die Untersuchung ist im Gange; wir hätten feilten Anlass, uns damit zu beschäftigen, und der gerichtliche Gang der Untersuchung wird von uns gar nicht berührt. Aber wir sehen wieder die H y ä u c it anftauchen und ihr menschenunwürdiges Gewerbe an der Leiche treiben. Man hat einmal in kurzsichtiger Verblendung und altösterreichischer Schlamperei ihnen ein Opfer zum Fräße hingeworfen, den unglücklichen Hülsner; „an Ruh" wollten unsere biederen Gesetzesvertreter haben; man bestätigt das Urtheil trotz der schreienden Widersprüche, um sich die antisemitische Meute vom Halse zu halten, und man begnadigt dann den sogenannten zweifachen „Mörder", um nicht Blutschuld auf sich zu laden. Nach diesem echt österreichischen Verfahren, das den vollsten Beifall Ehren-Tasfees gefunden hätte, glaubte man diese Sache endgiltig erledigt zu haben. Aber die mystische Gerechtigkeit lässt ihrer nicht spotten; jede Verletzung ihrer Majestät rächt sich furchtbar; seit der Verurtheilung Hülsners ist etwas krank in dem Rechtsleben unseres Staates. Die Bluthunde haben Blut geleckt und sind von dem süßen Pöbel für ihre Thaten decoriert, von der Staatsgewalt nicht bestraft worden. Sie dürsten nach neuen Opfern. Wir erfüllen unsere öffentliche Pflicht, indem wir rechtzeitig aufmerksam machen, wie es gemacht wird; gerade so begann die Hetze in dem Polnaer Falle. Man trat ihr damals zu spät entgegen; freilich konnte man dieses Maß von menschlicher Niedertracht im z w a n z i g st e n Jahrhundert, im cnftiüi erten Europa nicht aunehmen. Aber die Ereignisse haben uns gelehrt, dass unter unseren Augen in Oesterreich eine Sippe ihr Unwesen treibt, die an Moral etwa auf der Stufe der Cannibalcn steht; nngescheut setzt sie falsche Mordgerüchte in die Welt, ohne dass ein Staatsanwalt ihr ein Härchen krümmen würde. Dies wollten wir annageln; nützt es schon nichts, so soll wenigstens ein künftiger Culiurhistorcker ein wahrheitsgetreues Bild haben, wie es am Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem öffentlichen Gewissen Europas stand, uennzehnhundertnndein Jahre, nachdem die Lehre Joschnas, auch Jesus von Nazareth genannt, in Europa als officielle Moral allgemein anerkannt worden war. Wir schrieben eben diese Zeilen, als uns die Mittwoch- Nummer des „Deutschen Volksblatt" zu Gesichte kam. Was wir voraussagten, trifft ein. Von einer bescheidenen Correspondenz ist der Artikel zu einem Hauptartikel avanciert. Mit großen fetten Buchstaben trägt er den Titel: „Der Mädchenmord in Peklo." Darunter steht mit verschämter Perfidie bescheiden eingeklammert: (Ein mysteriöser Mord). Die in Ritualnrordsachen so bewanderten Leser des „D. V." werden dabei verständnisvoll mit dem Kopfe nicken. Ferner hat sich der edle Schützer des Christenthums, Herr Ernst Vergani, ehemals Ehrenbürger von Stein und vor einem unglücklichen Zwischenfall im Gerichtssaale vielfacher Abgeordneter, „auch diesmal" veranlasst gesehen, an den Thatort einen Berichterstatter, zu senden, um „durch genaue, der Wahrheit vollkommen entsprechende Erhebungen Klarheit in die durch gefärbte jüdische Zeitungsberichte entstellte und verworrene Darstellung der Mordthat zu bringen". Dies ist eine schändliche und gemeine Lüge des perfiden Artikelschreibers. Kein einziges jüdisches Blatt hat bis jetzt über diese That irgendeinen Artikel gebracht, geschweige denn einen verwirrenden. Und selbst, wenn der edle Scribent die liberale Journalistik unter den jüdischen Blättern vermeint, so constatieren wir und sind bereit, dafür Beweise zu bringen, dass keines dieser Blätter einen Bericht brachte, der über die trockene Darstellung des Thatbestandes und der bis jetzt von der Behörde ergriffenen Schritte herausgieng; keines dieser Blätter brachte irgend eine Betrachtung über die Umstände der That. Und dieses Beweises bedarf es nicht. Den Anfang des Artikels schrieb ich, als ich die Mittwoch-Nummer noch gar nicht hatte, und dieJnscenierung der antisemitischenKomödie vollzieht sich ganz nach dem Programme, das Ehren- Vergani und seine Spießgesellen mit Erfolg in Polna aus- > führten.! Die „Bluthunde" sind an der Arbeit. Sie schnüffeln, reichlich mit Geld versehen, schon an dein Orte der grausen That. Sie haben schon einen Erfolg aufzuweisen. Ein Maurer namens Holy hat nach dem „D. V." am Thatorte, das edle Blatt sagt uns nicht wann, einen Mann mit schwärz e m Vollbarte gesehen. Das Wörtchen schwarz ist gesperrt gedruckt. In der Nacht sind zwar alle Kühe schwarz, aber wehe Euch Männern mit einem schwarzen Vollbarte. Es war schon Nacht, nach dem „D. V.", und die Begegnung fand in einem finsteren Hohlwege im Walde statt,! aber — der Vollbart war schwarz. Doch genug von diesem! Von einem steten Krästeborn, So heiß und fruchtbar lote sonst nichts. Und fürchte fast den Spruch und Zorn Des furchtbar deutlichen Gesichts. Und höre fast den raschen Lauf Des Blutes — zwischen Tag und Nacht. Und träum' von Sieg und Ruhm und Schlacht. Und hebe stumm die Hände aus . . . I. R. Momphray. Eine Lebensgeschichte von R. A. Körnig, München. Er hatte in seinem Leben viele trübe Tage dnrchgemacht, sehr viele, und er hatte früh erkennen müssen, dass das Leben auf dieser schönen Erde nicht' leicht ist. Sein Vater war ein armer Häicdler gewesen, seine Mutter hatte allerdings 150 Gulden Mitgift erhalten — aber er, Barnch, war von sieben Kindern das letzte gewesen. Dann bald nach seiner Ankunst war die Mutter an Auszehrung gestorben, und der kleine Bocher, ein Junge, der in jedem anderen jüdischen Hanse als Glückssprosse begrüßt worden wäre, war von dem 18jährigen Aeltesten und der 16jährigen Schwester ebenso schlecht behandelt worden, wie vom eigenen Vater. Der hatte sich um den Barnch fast gar nicht gekümnlert. Natürlich, was sein muss, das muss, also der Bar-Mizwa-Bratenrvck dazu u. s. f. Auf die Schule hatte der Schmul den Barnch auch gebracht. Zu klagen hatte er nie über den Bocher. Er war klug und sanft, wie seine verstorbene Frau Rosalie, aber er war viel klüger, wie sein Vater. Das ersah der Schmul wenigstens aus den Zeugnissen, die sein Jüngel heimbrachte. Das Jüngel wurde in der Schale von den Christenjungen gepufft und gestupst; es kratzte und biss und wehrte sich, bekam Prügel -— aber kam schnell vorwärts. Die Lehrer | riefen, wenn sie eine besonders schwere Frage vorlegen wollten, i immer den einen Jungen auf: Barnch. Und Barnch wusste } bte Sache. In der „Freiviertelstunde" wurde Barnch durch-! geprügelt, aber Barnch rückte immer wieder einen Platz weiter.! Und Barnch wurde eines Tages der erste in der Classe und! das Jüngel blieb es bis zum Abgänge des ganzen Cursus.! Die Gemeinde nahm sich daher seiner an und er erhielt! das Nöthige, um zu studieren. Als die Zeugnisse des Gymnasiums vertheilt wurden und der Sohn des alten Häuselj juden eine „Prämium" erhielt — denn mau musste es ihm j geben, da wirklich gar kein anderer als erster das Examen l bestanden hatte — als Barnch als bester Schüler der Anstalt! genannt wurde, da empfand sein Vater Schmul zum ersten-; male ein väterliches Gefühl gegen den tüchtigen, fleißigen! Sohn. Als die jungen Abiturienten, von denen die meisten in Ahrem Frack nicht besser anssahen, wie verkleidete Bären, ans I dem Saale der Schule ins Freie traten, da umarmte, während I ringsum die Mütter ihre Sprösslinge abküssten, Schmul seinen! Barnch unter wirklichen Thränen und sagte: Barnch, mei! Glück, wenn'» die Mutter mit hätte erlebt!" j Und Schmul hatte mit diesem Gefühlsansbrnche seine! wahre Empfindung verrathen, etwas, was er sich in seinem i langen Geschäftsleben selten zum Borwnrfe hatte machen! können. i * i Das unscheinbare Jüngel, der arme Bocher, der, kaum! Jüngling geworden, nach dem Tode seines Vaters eine recht! schwere Zeit hatte durchwachen müssen, war ein Mann geworden — und ein schöner Mann. Ec war groß und schlank, I sein feuriges dunkles Angenpaar von schwarzen Angenbrauen! beschattet, die bei lebhafter Bewegung die Angen nahezu verj deckten, der lebhafte, sinnliche Mund, hinter dem eine Reihe; weißer hübscher Zähne anflenchteten, das schnelle, geschmeidige! Benehmen des Halbasiaten, der die slavische Zuvorkommenheit sich angeeignct hat, das alles hatte ihm in der kleinen polnischen Stadt, in der er seine Praxis als Rechtsanwalt zunächst

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