Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Date
- 1900-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2432811-2432851--0709-2434388- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lrdartion: VIII/1, SchlötzrlgasiL 11. TVrechstrmbe« t An Wocbentagen von 10 bis 1s Uhr vormittags: an Sonntagen von N bis 1» Uhr vorniittags. pastadr.s,«: Jüdisches «olkSblatt, Wien, VIM|I. Vrschwerdrn wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Mauusertbte werde» nicht znrütkgefieltt. Postsparcassen-Eonto SS70S7. In da- Abonnement kann man täglich eintreten. unter Mitwirkung der tmm jüdischen Vvlks- Verein erwählten PressrninmisNmr. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Dukes. Haalenstein & Bögler, Rudolf Masse, A. Lppelik, M. Pozsonui, A. Eckalek in Wien, ferner alle klnnoncen-Expcditionen im Auslands. Einzel-Nummer in Wien 16 Heller. Admimllraiion: VIII/1, Schlotzelgasse 11. AbonnementSpreis: Für Wien n. Oesterreich-Ungarn sammt Francozustellung. Für daS gesammte Ausland sammt Francozustellung. Ganzjährig Halbjährig Vierteljährig Kr. 8.- : fc Ganzjährig . Halbjährig . Vierteljährig . Kr. 0 - . „ 4.50 . 2.25 Kr. 40 Wien, 5. Octolier 1900. II. Jahrgang. Das Lauvhüttenfest. Nach dem Versöhnungstag kommt das Laubhüttenfest, nach dem Kasteien — der Ausflug ins Freie. Das Kasteien am Jom-Kippur ist jedoch nicht etwa ein Zeichen der Trauer, hat durchaus nicht dieselbe Bedeutung wie das Fasten am 9. Ab; es ist vielmehr eine Art Lossagung von allem Irdischen, eine Erhebung des Geistes, eine Verbindung vom Menschen mit Gott; der 10. Tischri ist ein Tag, der uns aus dem alltäglichen Leben heraushebt, in höhere Sphären versetzt, um uns für das Erhabene, für das Ewige im Leben zu stimmen und empfänglich zu machen. Und ebenso wie der Versöhnungstag die Menschen mit dem himmlischen Vater versöhnt, so bedeutet das Laubhüttenfest die Versöhnung der Menschen mit Mutter Erde. „Zur Zeit, wenn Du von dem Felde das Getreide, vom Weinberge die Trauben, von den Beeren das Del einsammelst, da sollst Du das Laubhüttenfest feiern/ „Erfreuen sollst Du Dich Deiner Feiertage," lautet es in der Bibel. Im Tempel der Jom- Kippur, in der Laubhütte das Sukkoth. In den Herbsttagen sollen wir eine zweifache Ernte begehen: am Versöhnungstage die der geistigen Saaten, am Laubhüttenfeste die der Natur. — So waren unsere Feiertage einst, als wir noch auf dem eigenen Boden saßen, Landwirtschaft und echt jüdische Cultur trieben, für Gott und Land im Sinne des in uns innewohnenden selbständigen Geistes arbeiteten. Da kamen dann für unser Volk schwere Zeiten und Beides wurde uns geraubt. Im Exile verloren wir nicht bloß unser Land, wir wurden auch unserer geistigen Eigenart verlustig. Und so kam es, dass im Mittelalter der Jom-Kippur zu einem Tage des Jammerns und das Sukkothfest zu einer puren Gesetzes-Formalität herabgesunken sind. Was Wunder, wenn nun die beiden Festtage in der Epoche der Reform und Assimilation überhaupt jede Bedeutung verloren, sie blieben bloß als ein Anachronismus im Judenthum beibehalten. Die jüdische Moderne hat es verstanden, den alten jüdischen Festen die ihnen gebärende Würde und Bedeutung als historische Momente unserer Nation wiederzuverleihen. Nicht nur die religiöse, sondern auch die geschichtliche Seite der Nietzsche über die Juden. Von Dr. Leo Sofer. ^Jn dem lauten Für und Wider, das die Discussion der Judenfrage erfüllt, muss die Stimme eines unbestechlichen Rufers im Kampfe willkommen sein, der unbeirrt um Kunst oder Gunst nur seinem Wissen und Gewissen folgt. Solch ein Rufer war Nietzsche. Man kann ungezwungen auch in diesem Punkte bei Nietzsche drei Perioden unterscheiden, die erste die der Antipathie. die zweite, die der Sympathie, und die dritte, die der Aufhebung oder Ueberwindung. Am spärlichsten fließen die Quellen für die erste Periode. Seine Schwester schreibt — in der Lebensbeschreibung ihres Bruders: Zwar ist mein Bruder niemals Antisemit gewesen, dazu war er nicht überzeugt genug, das Deutschland, Deuschland über alles gehe, immer hat er anerkannt, dass die Juden um die geistige Bewegung in Deutschland vorzüglich zu Anfang dieses Jahrhunderts große Verdienste erworben haben, trotzdem machte es damals (1805) aggressive Bemerkungen gegen das Judenthum und seine Fehler. Seine Abneigung gegen das Judenthum setzte sich aus den Factoren zusammen, erstens aus den gangbaren Jnstincten seines Blutes, die der Jüngling noch nicht beherrschen konnte, zweitens aus den Ansichten und Meinungen, die er auf dem Gymnasium zu Schulpforta und auf der Hochschule zu Bonn empfieng, und drittens aus dem Alles überragenden Einflüsse Richard Wagners, dessen mächtige Individualität damals Nietzsches ganzes Sinnen und Trachten erfüllte. Ganz anders lautet sein Urtheil in der zweiten Periode. Feiertage hat ihre Bedeutung bekommen. Sie sind Denkmäler unserer viertausendjährigen Existenz! Sie sind Zeugen unserer uralten Geschichte, Marksteine unserer Vergangenheit!. .. „In Hütten sollt Ihr wohnen, damit Eure Nachkommen es wissen, dass Ich in Hütten wohnen ließ die Kinder Israels, als Ich sie aus Egypten zog/ erklärt die Bibel die Bedeutung des Festes. Und wahrlich! Wie stolz pocht das Herz, wie schwillt die Brust, wie erhebend wirkt es auf den' Geist, wenn ein Volk Feste feiert, die als Erinnerung an seine Entstehung eingesetzt worden sind, die sein langjähriges Dasein documentieren, und seine Geschichte bis zu seiner Geburt zurückführen! Das ist die Bedeutung der jüdischen Feste im allgemeinen; das ist auch die Bedeutung des Sukkothfestes, an dessen Schwelle wir jetzt stehen. Sie sind alle historisch und somit auch national. Die Juden und die österreichischen Reichsrathswahlen. Allmählich vollzieht sich der Aufmarsch der verschiedenen nationalen politischen Parteien in den einzelnen Kronländern des Reiches, und mehr als je bietet der bevorstehende Wahlkampf ein Bild der Zerfahrenheit und zunehmenden Zersetzung. Nicht nur die Vertreter der einzelnen Volksstämme blasen zum Sturme gegeneinander, sondern innerhalb jeder ' einzelnen Nationalitäten bekämpfen sich die politischen und socialen Fractionen, die „National-Gemäßigten" und „National-Radicalen" bis aufs Messer. Dieses Schauspiel gereicht uns keineswegs, wie von antisemitischer Seite behauptet wird, zur Freude und Nutzen, sondern vielmehr erfüllt es uns gleichzeitig als Juden und als Oesterreicher mit banger Sorge, umsomehr, als auch in den Reihen Unserer eigenen Volksgenossen eine arge Zerfahrenheit herrscht. Bilden die Juden ja doch noch immer in zahlreichen Theilen der österreichischen Monarchie ein Anhängsel der sich gegenseitig zerfleischenden nationalen Chauvinisten, die bei all ihrer nationalen Gegnerschaft immer wieder bereit sind, im Zeichen des Antisemitismus „ein einig Volk von Brüdern" zu bilden. Blicken wir vor allem in die gemischtsprachigen Kronländer. In Böhme n zeigt sich sowohl bei Deutschen als bei Czechen ein Anwachsen des nationalen Radicalismus und nicht etwa nur innerhalb der deutschen und czechischen Bourgeosie, sondern auch innerhalb der Arbeiterschaft. Die Candidaten der antisemitischen, deutschnationalen Er sagt in der „Mo rgen röth e," 1880, 205, vom Volke Israel. Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahrhundert einladet, gehört die Entscheidung im Schicksale ^der europäischen Juden. Dass sie ihre Würfel geworfen, ihren Rubikon überschritten haben, greift man jetzt mit beiden Händen; es bleibt ihnen nur noch übrig" entweder die Herren Europas zu werden oder Europa zu verlieren, so wie sie einst vor langer' Zeiten Aegypten verloren, wo sie sich vor ein ähnliches Entweder-Oder gestellt hatten. In Europa aber haben sie eine Schule von achtzehn Jahrhunderten durchgemacht, wie sie hier kein anderes Volk aufweisen kann und zwar so, dass nicht eben der Gemeinschaft, aber umsomehr den Einzelnen die Erfahrungen dieser entsetzlichen Uebungszeit zugute gekommen sind. Infolge davon sind die seelischen und geistigen Hilfsquellen bei den jetzigen Juden außerordentlich; sie greifen in der Noth am seltensten von Allen, die Europa bewohnen, zum Becher oder zum Selbstmord, um einer tiefen Verlegenheit zu entgehen, was dem geringer Begabten so nahe liegt. Jeder Jude hat in der Geschichte seiner Väter und Großväter eine Fundgrube von Beispielen kältester Besonnenheit und Beharrlichkeit in furchtbaren Lagen, von feinster Ueberleitung und Ausnützung des Unglücks und des Zufalls; ihre Tapferkeit unter dem Deckmantel erbärmlicher Unterwerfung, ihr Heroismus im spernere se sperni übertrifft die Tugenden aller Heiligen. Man hat sie verächtlich machen wollen, dadurch, dass man sie zwei Jahrtausende verächtlich behandelte und ihnen den Zugang zu allen Ehren, zu allem Ehrbaren verwehrte, und fürwahr, sie sind unter dieser Procedur nicht reinlicher geworden. Aber verächtlicher? Sie haben selber nie aufgehört, sich zu den höchsten und czeryisch-nationaleil Arbeiterfractionen sind deutliche Symptome des immer weitere Kreise ziehenden nationalen Fanatismus und Antisemitismus. Ein weiterer Beweis dafür ist der Parteitag der Deutschen Fortschrittspartei in Trautenau. Er zeigt auch in Böhmen den totalen Niedergang des Liberalismus, dessen Repräsentanten immer mehr national und immer weniger freiheitlich werden, um nur ihre Mandate gegen den Ansturm der Deutschen Volksparteiler und Schönererianer behaupten zu können. Aus diesem Grunde wurde auch auf dem letzten Parteitage in Trautenau in der angenommenen Resolution der Judenpunkt nicht weiter erwähnt, bloß der Abgeordnete Fournier, dessen Mandat einigermaßen wackelig geworden, nahm mit Rücksicht auf die jüdische Wählerschaft der deutschfortschrittlichen Partei Böhmens gegen den Antisemitismus Stellung; jedoch selbst dieser Abgeordnete bedauerte, dass die Juden zu viel von der deutschfortschrittlichen Partei fordern. Nicht besser sieht es im e z e ch is ch e n Lager aus. Die Stimme der Vernunft, welche aus der realistischen Kundgebung der czechischen B olkspart ei gegen — die Erneuerung der Obstruction. sich kundgibt; die Worte Masaryks verhallen im Toben der jungczechischen und czechisch-radicalen Exaltados. Der Führer der letzteren, Dr. B a x a, steht wohl nicht in den Reihen der Jungezechen, aber sein „Geist" beherrscht die jungczechische Politik, vielfach auch in der I u d e n f r a g e. Die jungczechische Partei präsentiert den tausenden und tausenden Juden Prags in der 5. Curie neuerlich die — antisemitische Candidatur des Herrn B r z e z n o w s k y, trotzdem von jüdischer Seite dagegen Verwahrung eingelegt wurde. Dasselbe wie in Böhmen spielt sich auch in den anderen vielsprachigen Kronländern ab. So sind trotz all der traurigen Erfahrungen der Vergangenheit die galizischen Juden in einem großen Theile sich noch immer nicht der kläglichen Rolle bewusst, die sie durch die Förderung der reichs- und landesschädlichen Politik der polnischen Stanczyken gegenüber dem polnischen und ruthenischen Volke einnehmen. Die Ernte heimst die galizische Judenschaft in der stetig anwachsenden antisemitischen Strömung unter der produeierenden arischen Bevölkerung polnischer und ruthenischer Nationalität ein. Sowie in Galizien durch die Förderung der Polonisierung die Ruthenen von den derzeitigen jüdischen Führern in die Arme des Antisemitismus getrieben werden, ebenso ist es nicht scharf genug zu verurtheilen, wenn der Bruchtheil der im Küstenlande zerstreuten Juden, insbesondere in Triest, die Gewaltspolitik der Jtalianissimi unterstützt, der beispielsweise in Triest so weit geht, dass den 30.000 Slovenen in Triest eine slovenische Schule mit aller Hartnäckigkeit versagt wird. Hier thut Umkehr und Einkehr auf der ganzen Linie in Gesammtösterreich noth. Die vollständige Separierung der jüdischen Wählerschaft von all diesen Nationalist)- Diugen berufen zu glauben, und ebenso haben die Tugenden aller Leiden sie nie auf gehört zu schmücken. Die Art, wie sie ihre Väter und Kinder ehren, die Vernunft ihrer Ehen und Ehesitten, zeichnet sie unter allen Europäern aus. Zu alledem verstanden sie, ein Gefühl der Macht und der ewigen Rache sich aus eben den Gewerben zu schaffen, welche man ihnen überließ, oder denen man sie überließ; man muss es selbst zur Entschuldigung ihres Wuchers sagen, dass sie ohne diese gelegentliche angenehme und nützliche Folterung ihrer Verächter es schwerlich ausgehalten hätten, sich selbst auszuhalten. Denn unsereAchtung vor uns selbst ist daran gebunden, dass wir Wieder-. Vergeltung im Guten oder Schlimmen üben können Dabei reifst sie ihre Rache nicht leicht zu weit; denn sie haben all die Freisinnigkeit, auch die der Juden, zu welcher der häufige Wechsel des Ortes, des Klimas, der Sitten von Nachbarn und Unterdrückern der Menschen erzieht; sie besitzen die bei weitem größte Erfahrung in allem menschlichen Verkehr und üben selbst in der Leidenschaft noch die Vorsicht Ihrer geistigen Geschmeidigkeit und sind sie so sicher, dass sie nie, selbst in den bittersten Lagen nicht nöthig haben, mit der physischen Kraft, als grobe Arbeiter, Lastträger und Ackerbauer ihr Brot zu verdienen. Ihren Manieren merkt man es an, dass sie an ihnen noch niemals ritterlich vornehme Empfindungen in die Seele und schöne Waffen um den Leib gegeben hat; etwas Zudringliches wechselt mit einer oft zärtlichen, fast stets peinlichen Unterwürfigkeit. Aber jetzt, da sie unvermeidlich sich von Jahr zu Hahr mehr mit den Vesten Adel Europas verschwägern, werden sie bald eine gute Erbschaft von Manieren des Geistes und Leibes gemacht haben, so dass sie in hundert Jahren schon vornehm genug Dreinschauen werden, um als Herren beiden Unterworfenen nicht Scham zu erregen. Und darauf kommt es an.