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Jüdisches Volksblatt · 1900-02-23 · 8 (23.2.1900) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1900)
Issue
8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ganzjährig.Stv. 9.— Halbjährig.„ 4.50 Vierteljährig.„ L25 -» Ur. 8 Wien, 23. Februar 1900. LI. Jahrgang. » r'• Indische Realpolitik. Die Broschüre Dr. R o s e n m a n n s * *) ist mit dem kurzen Hinweise in Nr. 6 unseres Blattes nicht erschöpft. Es ist denn doch ein für das ganze Judenthum nicht zu unterschätzendes Moment, dass zum erstenmale ein Rabbiner ein entschiedenes Wort zur national-politischen Bewegung im Judenthum spricht. Der Mangel jedweden Zusammenhanges zwischen der Broschüre Dr. R ose n m a n n s und den vom „Jüdischen Volksverein" und von diesem Blatte vertretenen Intentionen erhöht die Bedeutung der Broschüre. In freier Meinungsäußerung redet der Rabbiner der national-politischen Bewegung das Wort, in einer so entschiedenen Weise, wie sie bisher selbst von minder religiöser Seite bisher nicht geführt wurde. Drei Hanptmomente kennzeichnen die Provenienz der Broschüre: die Unzufriedenheit mit der jetzigen Vertretung des Jndenthums, der Tadel des Anschlusses an Parteien, die eine Assimilation stets perhorrescieren werden, die Aufmunterung zur national-politischen Arbeit. Die Unzufriedenheit des Verfassers mit der jetzigen Vertretung des Judenthums erstreckt sich sowohl auf die verwirrenden Begriffe, welche der vielgestaltige Zionismus im jüdischen Volke geschaffen hat, als auch auf die zu wenig ausgeprägte officielle Vertretung des Judenthums. Dass auf dem flachen Lande eine solche Vertretung vollständig fehlt, ist eine Thatsache, welche durch die Existenz der Cultnsgemeinden und des neuerer Zeit gegründeten Gemeindebundes nicht tangiert wird, zumal diese Corporationen das Wörtchen „politisch"-ängstlich aus ihrem Programme ausscheiden. Und was die bestehenden Wiener Vereinigungen betrifft, so ist, wie der Verfasser der Broschüre sehr treffend bemerkt, einerseits die Unverantwortlichkeit ihrer Leitung ebenso wie die local wienerische Färbung ein Hemmschuh für deren ersprießliche Thätigkeit, andererseits die — z. B. von der „Union" — beliebte G eh e i m t h u e r e i geradezu ein Unglück für das Judenthum. Dev-Verfasser erhebt in dieser Hinsicht einen Vorwurf, der mit Bezug auf die jüngste Affaire des Vereines mit dem „Deutschen Volksblatt" nicht unerwidert bleiben kann. Das Assimilantenthum führt der Verfasser der Broschüre mit dem Hinweise auf die Social- *) Jüdische Realpolitik in Oesterreich. Ein Vademecum für ernst Denkende. Von Dr. M. N o s e n m a n n, Bezirks- Rabbiner irr Floridsdorf. Wien, 1U00. Verlag R. L ö w i t, i. Bezirk, Rothenthurmstraße 22. Giordano Bruno. (Gedanken e i n e s Juden.) Die lodernden Flammen steigen hoch zum Himmel empor und schwarze, dichte Rauchsäulen schlagen rings um den brennenden Holzstoss. Die Dominikaner, die Richter und Räthe der Inquisition, mit ihren frommen Mienen und beit himmelwärts gerichteten Augen, ziehen in feierlicher Procession durch die dichte Menge der Zuschauer und rund um den Scheitkrhaufen, auf welchem ihr verurtheiltes Opfer mit gebundenen Händen steht und im Namen Gottes verbrannt wird. Das geschah nicht in Spanien —• und das Opfer ist kein Jude. Das war auf dem Campo bei Fiori in Rom, und der da brannte, das war G i o r d a n o B r u n o. Auch er ward als Ketzer verbrannt. Auch er wurde für Lehren, die nach dem Urtheile der Inquisition religionsfeindlich waren, zum Tode durchs Feuer verurtheilt. Unwillkülich aber drängt sich die Erinnerung in jedes jüdische Herz — die Erinnerung an unsere Märtyrer im Mittelalter, an alle die brennenden Scheiterhaufen, auf welchen jüdische Väter und Mütter, jüdische Greise und Kinder durch die Hände der Inquisition verbrannt worden sind, weil sie treu zu ihrer Religion standen und nicht heucheln wollten, nicht vor Gott und Menschen eine Lüge zu beschwören vermochten. Giordano Bruno hielt fest an seiner philosophischen Ueberzeugung, die Juden an ihrer religiösen — und beide wurden zum Scheiterhaufen geführt; beide wurden verbrannt. Der Talmud hat einst ein bedeutsames Wort gesprochen : „Wenn eine Thorarolle durch Feindeshand verbrannt wird, so brennt doch nur das Pergament. Die Buchstaben aber fliegen heraus in die Luft." — Wahrlich, die Inquisition konnte nur die Körper verbrennen, bloß demokratie ad absurdum. Es ist schade, dass die Raumverhältnisse unseres Blattes nicht gestatten, das Treffende, was Dr. Rosen mann hierüber sagt, zu wiederholen; er weist die Haltlosigkeit jeder Verbindung mit der Socialdemokratie nach und spricht in einem knappen Satze die ganze Absurdidät einer solchen Interessengemeinschaft aus: „Eine Partei, deren ganzes System ans eine einseitig materialistische Weltauffassung sich aufbaut, kann nicht die berufene Vertreterin eines Volkes sein, dessen Leiden nur aus seinen Idealen, den Glaubenssätzen, „herrühren", sagt Dr. R o s e n m a n n, und er hat damit ebenso recht, wie mit dem Hinweise auf die Verschiedenheit der Anschauungen und Grundsätze in ethischer und socialpolitischer Beziehung. Die Flucht der Juden zu den Socialdemokrateu ist nichts als eine Täuschung der Schwäche; Socialdemokratie und Judenthum berühren sich in nichts, als in den gemeinsamen Drangsalen der Vergangenheit. Und das ist doch kein Bindeglied. Dr. Ros e n m a n n fordert die Schaffung eines eigenen jüdisch-politischen Organs für das Judenthum, und wie er sich das Organ denkt, das weist er in der Broschüre sehr deutlich nach. Man kann nun mit ihm in den Punkten, welche er in den Jntereffencomplex einstellt, einer Meinung sein oder nicht; in der Hauptsache muss man ihm recht geben: ■ das Judenthum hat heute noch keine Interessenvertretung, und es muss sie haben, rvenn es sein Existenzanreckst Äv.f die Zukunft nicht aufgeben will. Die Aufgaben einer jüdisch-politischen Partei mögen ja von anderen in anderem Sinne, nach anderen Richtungen erkannt werden, hierüber wäre ein Streit müßig; Hauptsache ist, dass einmal von Vertretern der jüdischen Theologie die Nothwendigkeit einer jüdischen Nationalpolitik yervorgehoben wird. Das ist ein Verdienst, welches dem Verfasser der Broschüre nicht hoch genug angerechnet werden kann. Und wir, die wir im „Jüdischen Volksverein" seit jeher diesen Standpunkt vertreten haben, die wir für die Hauptpostulate der Rosen m a n n'schen Forderungen seit langem kämpfen, wir können es nur mit freudiger Genugthuung begrüßen, dass auch die jüdische Theologie sich dem fortreißenden Zauber einer echten Volksbewegung nicht kaltherzig und egoistisch verschließt. Bis zur staatlich anerkannten S a b b a t h r u h e, bis zur Gleichstellung der jüdischen Religionslehrer an Mittelschulen, bis zur Eingliederung der israelitischen th eolo gi sch en L eh ra nstatt in die Wiener Universität ist's noch weit; wenn wir auf Fleisch und Blut vernichten — Brunos Ideen oder die jüdische Religion konnten sie nicht vertilgen — sie blieben in der Luft, und jeder, dem die Organe dafür gegeben sind, athmet sie ein mit der Luft, und diese Keime vererben sich von Geschlecht zu Geschlecht, sie dringen ins Volk und werden Eigenthum der ganzen Menschheit. Brunos philosophische Anschauungen haben, da er noch lebte, in Frankreich und in England und selbst in Italien viele Anhänger gefunden, wurden später durch die Arbeit anderer Philosophen modificiert, und die Inquisition hatte nicht die Macht, sie auszurotten. Auch das Judenthum hat seine Anhänger nicht verloren, und es lebt und es wirkt bis. auf den heutigen Tag. Arme Inquisitoren! Wenn sie sich jetzt Europa anfchauen könnten! Es ist ganz ver- „brunot" und ganz verjudet. Und einen Scheiterhaufen von der Größe, dass man ganz Europa darauf verbrennen würde, könnten selbst sie nicht errichten! * * * Bruno hat seither Anerkennung gefunden. Auf demselben Platze, wo sein Scheiterhaufen stand, erhebt sich jetzt sein Monument. Der Campo dei Fiori ist jetzt dem Andenken Giordano Brunos gewidmet. Aber die jüdischen Märtyrer haben noch keine Denkmäler. Was Wunder — da wir ja doch nocb immer auf dem Scheiterhaufen brennen. Die Juden haben ja nicht aufgehört, Märtyerer zu sein. Allerdings, die Martern sind anderer Art, die Scheiterhaufen haben andere Formen angenommen. Der Jude brennt aber noch immer — sein Märtyrerthum ist noch nicht zu Ende. Die Wissenschaft hat schon ihre Siege gefeiert — die religiöse Duldsamkeit und die Menschenliebe noch nicht. Die Wissenschaft ist international geworden — und nicht nur Italien, sondern die ganze gebildete Welt hat den 17. Februar gefeiert als den Tag der Erinnerung an Giordano Bruno. Zu den Ehren, die man seinem Andenken zollt, leisten alle Männer der Wissenschaft ihren Tribut, als Entgelt gleichsam für seine Seele an Stelle dem Wege dahin die Theologie des Judenthums an unserer, des Volkes Seite finden, soll uns der Weg nicht lang werden. Dr. Rosen mann hat einen bedeutsamen Schritt in dieser Richtung gethan; möge er gute Folgen haben! Judaiea aus DMWLnd. Von Max Jungmann. Jüngst hat jemand in einem Journale behauptet, dass das Anwachsen der Satire auf Kosten des Humors ein bedenkliches Symptom für den Verfall der Menschheit darstelle. Diese Auffassung kann in gewissem Sinne berechtigt sein, weil nach dem Maße der Satire ein Schluss auf die Menge des Tadeblswerten gezogen werden kann. Merkwürdigerweise aber scheint für das Judenthmn gerade eine Epoche höherer Gesittung da begonnen zu haben, wo wir Geschmack daran fanden, unsere Entrüstung als einen Eimer voll Spott über die Häupter unserer stammesgenössischen Culturaffen zu ergießen. Wo wir erkannt haben, dass auf eine gewisse Gesellschaft vernünftige Auseinandersetzungen weniger Eindruck machen als der Hinweis auf ihre Schellenkappe, mit dem man sie der Lachlust des Publicums preisgibt. Man kann sie in Scharen auf der westeuropäischen Schaubühne beobachten. Dort bemühen sie sich, durch ihre närrischen Stückchen der Welt zu gefallen. Sie liebäugeln mit fremden Nationen — nicht wie junge Mädchen, nein, ihre Koketterie gleicht der von alten Jungfern; sie ist ungeschickt und hässlich und gemein. Lockt das nicht zum Spott heraus? ... Aber es gibt auf dem Gebiete des Hässlichen einen Punkt, vor dem selbst der Satiriker flieht; er ist auch nur ein Mensch, und unter den üblen Gerüchen gibt's einen, den auch skine Nase nicht zu ertragen vermag. Vor kurzer Zeit hatte die Zeitschrift „Im Deutschen Reiche" Gelegenheit, einen jüdischen Arzt an den Pranger zu stellen, der den traurigen Muth besaß, durch ein Inserat einen christlichen Assistenten zu suchen. Das Blatt forderte ihn zunächst auf, die Annonce zu corrigieren, und als er nicht reagierte, wurde sein Name veröffentlicht. — Es muss doch schon sehr schlimm stehen mit dem Judenthum in manchen Kreisen Deutschlands, wenn sich sogar das Organ des „Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu einer so energischen Handlung veranlasst sieht. Andererseits ist es erfreulich, dass an den führenden Stellen der deutschen Assimilation noch ein Rest von jüdischem Ehrgefühle vorhanden zu sein scheint. Hoffentlich steigert es sich allmählich zu einem der Leiden, die man seinem Körper anthat. Wir Juden leiden noch immer, leiden als Religions-Genossenschaft und leiden wegen unserer nationalen Stammeszugehörigkeit. Der alte Religionshass hat neue Formen angenommen, die Nationalitätenkümpfe richten auch gegen uns den Spieß, aber, wenn auch unser Körper brennt — „die Buchstaben fliegen in der Luft," das Judeickhum wird nicht vernichtet, es lebt und wirkt und wird leben und wirken, bis es zum Siege kommt, bis sein Geist alle Menschen zur Menschenliebe, alle Religionen zu religiöser Duldung bringt, bis die Menschheit dem Judenthum Kränze flicht und seinen Sieg mit Jubel feiert. „Sie sollen ihr Urtheil mehr fürchten, als ich es fürchte," hat Bruno seinen Richtern zugerufen. Und denselben Ruf können die Juden ihren Feinden gegenüber mit gutem Rechte erschallen lassen. Nicht wir fürchten unseren Untergang, nicht wir schrecken zurück vor einem Blicke in die Zukunft — wir wissen zu gut: die Geschichte wird Richlerin sein über unsere Feinde und wird ihr Urtheil sprechen über sie, ebenso wie die Geschichte die Feinde der Wissenschaft schon verurtheilt hat. Dreihundert Jahre sind seit der Verbrennung Giordano Brunos verflossen, vierhundert Jahre ist es her, dass die Juden aus Spanien vertrieben wurden; der Kampf gegen die Wissenschaft hat aufgehört, die blutigen Kämpfe gegen uns aber dauern fort. Sie haben sich in den letzten Jahren neue Waffen geschafft und neue Kampfesmittel.. . Sollen wir sie fürchten? Unsere Feinde müssen vor ihren Waffen selbst erschrecken, denn sie gereichen den Waffenträgern nicht zur Ehre. Sie bringen ihnen keinerlei Ruhm und erwerben ihnen kein glorreiches Andenken in den Blättern der Geschichte — ebensowenig wie Flammenhaufen den Richtern Brunos Ruhm oder Ehre gebracht haben. Rubin A. Braucles.

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