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Jüdisches Volksblatt · 1899-05-12 · 13 (12.5.1899) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1899)
Issue
13 (12.5.1899)
Date
1899-05-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches VolksVlatt 12. Mai 1899 Nr. 13 ernstlich befasse, da alle Nachtheile der Ungeregeltheit der jüdischen Angelegenheit bekannt seien. Billigkeit und Billigkeitsrncksichten werden mehr bei der Entscheidung die Rolle spielen als Gesetzesnormen. Desgleichen versprach Ministerpräsident Szell gleichfalls der Commission sein regstes Interesse für diese Angelegenheit. Budapest. (Eine hochherzige S t i f t n n g.) Zur Feier seines 70. Geburtstages erlegte am 1. d. Ai. der hiesige BürgA Herr Moriz Löwy einen Betrag von 100.000 Kronen in vierpercentiger Rente an der Casse der Pester israelitischen Religionsgemeinde als Stiftungscapital mit der Weisung, dass alljährlich die Zinsen von 4000 Kronen an 10 Schüler der israelitischen Bürgerschule, welche im Hebräischen und gleichzeitig auch in der ungarischen Sprache guten Fortgang aufweisen, vertheilt werden sotten. In besonders berücksichtigenswerten Fällen können derartige Stipendien auch durch 3—4 Jahre den jeweiligen Stipendisten belassen werden. Löwy ist ein Sohn des Pester Comitates, der schon seit seinem 20. Jahre als Oekonom mit schönstem Erfolge rastlos thätig ist. Bor Beginn seiner Selbständigkeit nahm er kurze Zeit an dem Freiheitskampse theil. Löwy gehörte 1868 dem israelitischen Landeseongresse als Deputierter an und bekleidet noch heute viele Ehrenstetten, so bei der Pester israelitischen Religionsgemeinde, bei der Pester Chewra Kadischa, beim israelitischen Knabenwaisenhanse, beim ungarischen israelitischen Handwerks- und Ackerbanverein und vielen anderen gemeinnützigen Bereinigungen. Gran. (Ein taub st n m m er T e m p e l r ü n b e r,) Das israelitische Bethaus in Gran wurde Sonntag nachts ansgeraubt. Der Thäter wurde in einem Grauer Gasthose in der Person eines Taubstummen namens Josef S z a b 6 verhaftet. Szabo leugnete zwar die ihm zur Last gelegte Thal, aber eine Anfrage über ihn bei der Polizei seines Zustäudigkeitsortes ergab, dass S z a b 6 den Tempelraub prvfessiousmäßig betreibt. Er Pflegt an der Thüre des Bethauses Almosen zu sammeln und versteckt sich, während die Thnren gesperrt werden, unter den Bänken. Szabö hat bereits mehrere ähnliche Delicte verübt. Bei dem Tempelraube in Gran muss er einen Complicen gehabt haben, nach dem gefahndet wird. Stuhlweißenburg. (Israelitische D i st r i e t s- Versammlung.) Die Vertretung des XI. israelitischen Districtes, die Comitate Weißenburg und Veszprim unpassend, hielt am 7. Mai im Berathungssaale der israelitischen Cultusgemeiude unter dem Vorsitze des Präsidenten Armin W e r th e i m ihre diesjährige Generalversammlung ab. Nachdem der Präsident die äußerst zahlreich erschienenen Repräsentanten des Districtes aus das herzlichste begrüßt hatte, wurde der Präsidialbericht verlesen, welcher den erfreulichen Fortschritt des Districtes constatiert. Nach Votierung des diesjährigen Budgets wurden die Wahlen des Präsidenten und der anderen Functionäre vorgenommen, welche einstimmig erfolgten. Szabatka. (Tempel bau.) Vor Jahresfrist beschlossen die Mitglieder der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde den Bau eines Tempels, und wurden zu diesem Zwecke Sammlungen eingeleitet, welche den gewünschten Erfolg hatten, so dass bereits an die Ansführnng des Baues geschritten werden kann. Der Tempel wird nach den Plänen des Temesvarer Architekten Jacob Klei n erbaut werden und sind die Kosten mit 110.000 Gulden präliminiert. Ausland Berliu. (Rede des F r e i h e r r n von Wangenheim.) Der Obmann des Bundes der Landwirte im deutschen Reichstage, Abgeordneter Freiherr von W a n g e n h e i m, hat bei Gelegenheit der Besprechung der Verhältnisse in der deutsch-socialen Reform-Partei ungefähr folgendes gesagt: Eine Partei, die auch zu den Parteien des Mittelstandes gehört, ist die kleine deutsch-sociale R e f o r m p a r t e i oder eigentlich die a n t i s e m i t i s ch e Partei. Ich bebaitre offen, dass diese Partei gegründet worden ist, denn es ließe sich das Verhältnis beider Parteien — des Bundes der Landwirte, sowie der Antisemiten wesentlich f r e u n d s ch a f t l i ch er im Rahmen einer einzigen Partei an. Denn jetzt reiben sich die Mitglieder der antisemitischen Partei in dem Bestreben, sich in dieser Form zu erhalten, aus. Er sei überzeugt, die antisemitische Bewegung würde mehr erreicht haben, wenn sie nicht eine besondere Neichstagsfraction gebildet hätte. In jeder Partei des Deutschen Reichtages säßen Antisemiten, und diese würden in s p e c i f i s ch antisemitischen Fragen ihre Unterstützung nie versagt haben. In allen nationalen Parteien sei die Mehrzahl darin einig, dass der jüdische Geschäftsgeist durchaus gefährlich und schädlich sei, so dass er bekämpft werden müsse." — Diese Aeußerungen verdienen wahrlich gekannt zu sein und es wäre interessant zn wissen, wer diesen Freiherrn, der am deutschen Hofe wohlbekannt ist, zum Interpreten der antisemitischen Aeußerungen nationaler Parteien gemacht hat. Berlin. (Ans d e m Stadtverordueteit- Collegin nt.) Behufs Errichtung einer dritten Altersversorgungs-Anstalt für die jüdischen Mitbürger in Berlin hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde an den Magistrat die Bitte um Ueberlassuug eines städtischen Grundstückes gerichtet. Die jüdische Gemeinde unterhält ans eigene Kosten bereits zwei Altersversorgungs-Anstalten an der Schönhauser Allee 22 und Große Hamburgerstraße 26. Die zur Aufnahme von 240 Hospitanten berechneten Räume genügten den Bedürfnissen nicht mehr, der Vorstand der jüdischen Gemeinde ist gezwungen, eine dritte Altersversorgungs-Anstalt zu errichten, um gegen 400 altersschwachen und arbeitsunfähigen jüdischeil Mitbürgern Unterkunft und Versorgung (die fast zumeist der öffentlichen Armenpflege anheimfallen müssten) gewähren zn können. Die Erbauutig der dritten Altersversorgungs-Anstalt und die Unterhaltung der Hospitanten will der Vorstand der jüdischen Gemeinde aus eigenen Mitteln bestreiken, er bittet nur um unentgeltliche Ueberlassuug eines städtischen Bailterrains. Der Magistrat erachtet diese Bitte für gerechtfertigt, da sonst die Stadtgemeinde viele jüdische Mitbürger, welche ihre Religionsgemeinschaft erhalten will, erhalten müsste, und ersucht durch Vorlage die Stadtverordneten-Versammlnng, dem Vorstande einen Baugrund von circa 6419 Quadratmetern Größe zn überlassen mit der Beifügung, dass der Grund zurückfällt, wenn die jetzige Zweckbestimmur.g wegfallen oder geändert werden sollte. Die Vorlage wurde ohne weitere Debatte genehmigt. Berliu. Die Wohlthätigkeitsactiou in der hiesigen jüdischen Cultusgrmeinde macht Fortschritte. Ans dem Rechenschaftsberichte, den Herr Dr. Sachs bei der Generalversammlung des „Vereines für jüdische Krankenpflegerinnen" vorlegte, ist zu ersehen, dass die Einnahmen des Vereines im vorigen Jahre 43.866'98 Mk., die Ausgaben dagegen 34.309 Mk. betrugen. Der Ueberschuss der Einnahme ist dem Bereinsfonds eiuverleibt worden, welcher jetzt 70.010-20 Mk. beträgt. — Auch der „Verein zur Ausheiratnng armer jüdischer Mädchen" hat seine Generalversammlung abgehalten. Der Vorsitzende Herr Simon erstattete den Bericht. Die Einnahmen des vorigen Jahres betrugen 10.030 Mk., die Ausgaben 28.303 Mk. Der Fonds des Vereines beträgt jetzt 93.030 Mk. München. (Baronin H i r s ch - S t i f t n n g.) Eine besondere Bestimmung in dem Testamente der verstorbenen Wohlthäterin betrifft die Stiftung und Begründung eines israelitischen Altersheims, au dessen Errichtung nun umso rascher geschritten werden kamt, als bereits anderweitige Mittel zur Verfügung stehen. Paris. (Zu den Interpellationen über A l g i e r.) Es dürfte jedeitfalls interessant sein, ettvas über die antisemitischen Abgeordneten von Algier, die jetzt gerade soviel Schlechtes über die algerischen Juden erzählen, zur weiteren Verbreitung zu bringen. Neben Edouard Drumont gilt M a r ch a l, Abgeordneter des zweiten Wahlkreises Von Algier, für den heftigsten unter den Antisemiten in der Kammer. Es heißt, er sei Antisemit geworden, um eine Rolle fortspielen zn können, in der er als Judenfrennd und Schützling Cremieux' debütierte. Er abeitet jetzt ans die Aushebung des Decrets Cremieux' hin; aber cs existiert noch ein Wahlaufruf von 1878, den er für die jüdischen Wähler- Algiers in das Hebräische übersetzen ließ und woritt es heißt: „Herr Marchal liebt die Israeliten. Ihr habt ohne Zweifel nicht vergessen, dass er sie im Jahre 1871 in seiner „Jeune Eepubüqmgegen Angriffe in Schutz nahm. Jetzt ist er immer der erste, der ihr Recht mtd ihre Sache vertheidigt. Cremieux liebt ihn wie seinen Sohn, und die Meinung Cremieux' ist in allen Dingen die Marchals. — Was übrigens die Aufhebung des Decrets von Cremieux aus dem Jahre 1870 selbst anbelangt, sowie auch die Entziehung der Bürgerrechte der algerischen Jud-ip dürsten die Antisemiten schwerlich ihre Wünsüe ditrchsetzen. Äcdihr Aussicht auf Erfolg dürften die Anträge im Parlamente Hachen, wonach die Ausübung des allgemeinen Simn,'-».ch.chFs itt Algerien auf eine gewisse Zeit ganz eingestellt werden soll, doch nicht sotvohl wegen der Ueberzahl der Juden, als wegen der naturalisierten Fremden. Nebelt 225.000 Colonisten französischen Ursprunges leben in Algerien nach der letzten Zählung nur 49.000 Juden, während die Zahl der Fremden 267.000 beträgt. Davon sind 55.000 naturalisiert und die anderen werden bald ebenfalls französische Staatsangehörige fein, dank einem Nationalisierungsgesetze, das vielfach getadelt wird. Es sind also vielfach die Gründe für die Unzufriedenheit in Algier hier ztt suchen, nicht aber bei den dort heimischen Inden, die häufig genug die Fehler in der Gesetzgebung büßen müssen. Paris. (A ns einer K a m nt ersi tz u n g.) In der Kammer gab es am 8. Mai einen großen Spectakel und eine Debatte über die Debatte Freycinets, beides, sowohl der zumeist von der Rechten verursachte Spectakel, wie die mit Ausnahme Dupuys mtr voll den Antisemiten geführte Debatte bewies, wie sehr der Stern der Antirevisionisteu erbleicht. Auch über Jnterpcttatiotten betreffend Algerien tvurde lebhaft debattiert. Es lag ein Antrag zur Einsetzung einer Commission von 22 Mitgliedern vor, welche die Lage in Algier prüfen sollten. Dnpny hatte nichts dagegen einzuwenden, unter der Bedingung, dass die Kammer eine Tagesordnung annehme, welche der Kammer als Anhalt dienen könne. Nach De leas se der in diesem Sinne sprach, tadelte Deputierter Marchal das Decret Cremieux, durch welches die algerische n Juden in Masse naturalisiert wurden. Die weitere Debatte wurde sodann vertagt. Petersburg. In der letzten Woche sind mehrere Inden mit hohen Orden ausgezeichnet worden. Darunter erhielt Lazar Brodski in Kiew den Wladimiroröen IV. Classe, Dr. I. Selig in Moskau den Annaorden 111. Classe, Dr. Raphael Katz und Dr. Moses Krebs in Petersbttrg den Stanislausorden III. Classe. Gleichzeitig wurden auch mehrere andere unserer Stammesgenossen von der russischen Regierung ausgezeichnet. Petersburg. Die r u s s i s ch - nt e d i c i n i s ch e Fachzeitschrift „W r a z s ch" (der A r z t) veröffentlicht folgenden von neunzehn Kiewer Aerzten unterschriebenen offenen Brief: „Wir endesnnterzeichneten Aerzte, die in dem Kiew'schen Krankenhause des Rothen Kreuzes am Podoll die Kranken empfangen haben, bittett die Redaction um Veröffentlichung der Gründe, die uns zwangen, weitere Kranke in genannter Anstalt nicht mehr anzunehmen. In den Heilanstalten des Rothen Kreuzes erhalten laut Statut alle Kranken kostenlos ärztlichen Rath und Arzneien. Ungeachtet dessen ist es in unserer Anstalt üblich geworden, nur den kranken Christen kosterilvs Arzneien zn verabreichen, den kranken Inden aber die kostenlose Verabreichung von Arzneien zu verweigern. Viele von uns hadert mehrmals gegen diese Ordnung protestiert, und zumeist wurde die Sache so beigelegt, dass auf Verwendung des Arztes auch den kranken Juden Arzneien gratis verabfolgt wurden. Im letzten Jahre wurde aber die kostenlose Verabfolgung von Arzneien an kranke Juden attch verweigert, wenn wir Aerzte uns dafür verwandten. Da wir eine Begrenzung der kostenlosen ärztlichen Hilfe wegen des religiösen Bekenntnisses für unnatürlich halten, so haben wir ein Gesuch eingereicht, diesen Modus, als den Grundlagen der Statuten des Rothen Kreuzes nicht entsprechend, abzuschaffen. Unser Gesuch wurde abschlägig beschieden und infolgedessen halten wir, für unsere Person, es für unmöglich, unsere Thätigkeit in der genannten Anstalt fortzusetzen." Odessa. (A tt t i s e m i t i s ch e u n r tt h e n.) Infolge der antisemitischen Unruhen wurde über die Stadt der Belagerungszustand verhängt. Die Volksmenge hat zahlreiche hiesige Geschäfte geplündert. Bei einem Angriffe der Cavallerie gegen dieselbe, wurden unter letzterer zahlreiche Personen verwundet. Außerdem haben in dem benachbarten N i k o l a j e w mehrere Tage lang ernste antisemitische Unruhen stattgefunden, bei denen mehrere Personen getödtet wurden. New-Uork. In einem Vortrage, welchen der amerikanische Einwandernugs-Comtnissär Powderly hier gehalten hat, sprach er auch über die von Juden gespendeten Wohlthätigkeitsacte und erwähnte hiebei als Thatsache, dass die von amerikanischen Juden in den letzten 30 Jahren für Wohlthätigkeit anfgewendeten Summen den Betrag von 50 Millionen Dollars übersteigt. Socialdewokratie und Judenthmn. Von Dr. E. H. Es gibt merkwürdigerweise noch immer Leute, welche sich von der Nothweudigkeit e-nes organisierten Zusammenschlusses der Juden nicht überzeugen lasseit wollen. Und doch mehren sich von Tag zu Tag die Anzeichen dafür, dass diese Organisatton eine Lebensfrage für das jüdische Volk geworden ist. Wir wollett hier nur eines der actnellsten Momente herausgreifen, welches gegen diese Bestrebungen geltend gemacht ipirb : Ist es rationell, wenn wir Juden uns bedingungslos der socialdemokratischen Bewegung anschließen? Werden wir unsere in vielen Beziehungen trostlose Lage dadurch besser gestalten? Die heutige internationale Socialdemokratie fußt auf den Principien, die Marx in seinem „commuuistischen Manifest" ausgestellt hat. Diese Principien sind seither durch die practische Socialdemokratie vielfach durchbrochen worden, so namentlich der für uns Inden wichtigste Punkt in der ganzen Bewegung: Die Jnternationalität des Socialismus. Aber nicht nur in der Praxis, auch in der Theorie gewinnt die Gegnerschaft des Marxismus immer breiteren Boden. So ist auf dem letzten Parteitage der deutschen Socialdemokratie in Stuttgart ein interessanter Brief zttr Verlesung gelangt, der von einem Manne herrührte, den man zu den Leuchten unter den wissenschaftlichen Vertretern der Socialoemokratie zählen darf, von Eduard Bernstein nämlich. Dieser Brief rief auf dem Parteitage große Sensation hervor, und es wurden Stimmen für und wider laut — der Blitz hatte gezündet. Kürzlich ist nun ein Buch*) erschienen, in welchem Bernstein die in jenem Briefe ausgesprochenen Ansichten des Näheren attsführt, und es ist auch vom Standpunkte des Judenthums mit Rücksicht auf die noch immer offene Frage des Anschlttsses au die Socialdemokratie nicht uninteressant, die Argumente zu beleuchten, mit welchen Bernstein gegen den Marximus zu Felde zieht. Die große gesellschaftliche Katastrophe, die Marx in Aussicht gestellt hat, werde nicht eiutreteu, denn statt sich stetig unb in rapider Weise zn verschärfen, befänden sich die socialen Verhältnisse in einem Zustande fortschreitender Ausgleichung der Classeugegensätze. Von einer Conceutration des Capitales in der Hand einiger weniger sei keine Rede, vielmehr wachse die Zahl derer immer mehr, die man den be- , sitzenden Classen zuzählen müsse. Die Ziffern, die Bernstein als Beleg für seine Behauptung anführt, sind in der That überraschend. So ist in den letzten 50 Jahren in Preußen die Zahl der Personen, welche ein Jahreseinkommen voit mehr als 1000 Thalern beziehen, von 44.000 auf 350.000 gestiegen, also fast um das achtfache, während die Bevölkerung sich in diesem Zeiträume nur verdoppelt hat. — Aber nicht nur auf materiellem, sondern auch auf geistigem Gebiete weist Bernstein die Unhaltbarkeit der marxistischen Theorien nach. Das Proletariat sei zur Uebernahme der politischen Herrschaft noch nicht reif, es sei durchatts noch nicht „sv frei von Vvrurtheilen und Schwächen, wie. seine Höflinge es uns glauben machen wollen." Hub andererseits — mau höre und staune über diese Worte eines Soeialdemokraten — halte er „das Bürgerthunt im großen ttnd ganzen nicht nur ökonomisch, sonder auch moralisch für noch ziemlich gesund." Bernstein ist nicht der Erste, der, obgleich mitten in der socialdemokratischen Bewegung stehend, solche Ansichten verficht. Schott vor ihtn hatte Julius Wolf in seinem „Socialistnus und capitalistische Gesellschaftsordnung" ähnliche Gedanken geäußert. Und noch mehr! Selbst Vertreter der praktischen Parteipolitik stehen nicht an, sich in ähnlichem Sinne ausznsprechen. Als Bernsteins Absagebrief an den orthodoxen Marxismus auf deut Parteitage eine lebhafte Diseussion hervvrrief, da war es vor allem der bekatmte Reichsraths-Abgeordnete und Führer der bayrischen Soeialdemokraten von Bvllmar, der für die in dem Briefe zttm Ausdruck gebrachten Ideen eintrat ttnd bei dieser Gelegenheit das bedeutungsvolle Wort sprach: „Es wäte ein Unglück für die Partej, wenn sie heute zur Herrschaft gelangte." Wenn wir so mitansehen, wie innerhalb der Anhängerschaft der marxistischen Doctrin der längst begonnene Abbröckelungsprocess immer größere Fortschritte macht, dann tnüsseu *) Die Voraussetzungen des Soetalismus und die Aufgabe der Soeialdemokratie.

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