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Die Stimme · 1960-09-01 · Heft 115 (September 1960) · page 20

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Journal
Die Stimme
Volume
1960
Issue
Heft 115 (September 1960)
Date
1960-09-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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P. b. b. Erscheinungsort Wien — Vedagspostnrnt ßH ExpedUe’ par i’edifeur Herrn/ Frau Wenn verzogen, bitte nächtenden oder zurück an die Redaktion Wien IX, Universitätsatraße 4/4 Heinrich Heine Von Dr. Walter Maas Wie kaum ein anderer unter den Heroen des deutschen Geisteslebens hat Schiller es verstanden, dem Bewußtsein des deutschen Volkes die Idealvorstellung von der hohen Sendung des Dichters als Mittler geistiger Werte einzu prägen. Von dem zeitkritischen Anliegen seiner revolutionären Anfänge stieg er zum hohen Parnass empor, wo er in der künstlerisch-philosophischen Auseinandersetzung mit den großen Fragen der Menschheit das Leitbild des deutschen Idealismus entscheidend gestaltele. Anders dagegen Heinrich Heine, der „ungezogene Liebling der Grazien", der es als gefeierter Lyriker wagte, den umgekehrten Weg, herab von der Menschheit Höh'n, mitten hinein in den politischen Tageskampf zu gehen. In. Wetterleuchten politisch-wirtschaftlicher Umwälzungen setzte er dem Schillerschen Idealtypus und seiner, dem Deutschen eigentümlichen Neigung zur Abstraktion eine ganz andere Vorstellung vom Dichter und seiner Aufgabe in der sozialen Wirklichkeitswelt entgegen. Viele seiner aus der Esele des Volkes geschaffenen Lieder leben darin heute noch in unverwelklicher Frische und Musikalität. Aber das deutsche Volk hat es seinem Dichter nie verziehen, daß er aus der Weltferne schmerzlich-süßer Libeslyrik, aus der geheimnisvollen Sphäre des alten Märchenwäldes und des wundersamen Mondenglanzes als Publizist in die Niederungen aktueller Auseinandersetzungen herabgestiegen ist. Denn dieser empfindsame Poet, der erlauchteste Nachfahre der Romantik, konnte auch mit messerscharfer Ironie dem Land, das er liebte, seine Fehler und Torheiten ins Gesicht sagen. Wo finden wir in wenigen Strophen eine schlagende Charakterisierung von der „unvollendeten Revolution in Deutschland, von der Reaktion und dem Elend des Kleinbürgers, der Angst vor der eigenen Courage bekam, als in der köstlichen, satirischen Dichtung „Aus Krähwinkels Schreckenstagen"? Es wäre ein schwer zu lösendes Rätsel, warum ein Dichter, dem wie Heine der lyrische Zauber des Wortes in einer so einzigartigen Weise zu Gebote stand, seinem Auftrag untreu werden konnte, wenn wir nicht den Schlüssel dazu in seiner Herkunft vom Judentum fänden. Heine fühlte sich zwar als Deutscher, mit allen Fasern seines Herzens, geboren in einer Zeit!, in der die Assimilationsfreudigkeit der Juden nach der Befreiung aus dem Ghetto in Deutschland stark zur Entfaltung drängte. Was sein poetisches Werk anbelangt, so war diese Assimilation schlechthin vollkommen — ein prägnater Ausdruck der ungewöhnlich starken gegenseitigen Anziehungskraft zwischen Judentum und Deutschtum auf kulturellem Gebiet. Aber Heine blieb im Grunde seines Herzens Jude, mußte es bleiben, um den Weltschmerz der Romantik zu überwinden, da ihn ein anderer Schmerz ergriff, der ihm die allzu weichliche Selbstbemitleidung nahm — jener aus seinem jüdischen Erbe geborene Schmerz jm den nusgebeuteten Mitmenschen, dem ein schrankenloser Liberalismus als Nutznießer der technischen Revolution i ncksichtslos das Existenzminimum versagte. Aber nicht das allein bewegte ihn zu der leidenschatl liehen Anklage etwa gegen das Elend der schlesischen Weber, zu deren Anwalt er sich mit aggressiver dichterischer Aussage viele Jahrzehnte vor Gerhart Hauptmanns Drama machte. Es war ebensosehr das empörte Gerechtigkeitsgefühl, das schon vor Jahrtausenden Israels gewaltigen Propheten neben ihrem religiösen Auftrag den Ruf nach sozialer Gerechtigkeit in den Mund gelegt hatte. Es war der ursprünglich jüdische Humanismus, der in Heine zum Durchbruch kam, und man versteht seine innere Stellung zu diesem „Leitmotiv des Judentums" am besten, wenn man das eindrucksvolle Geständnis über seine Rückkehr zur Bibel aus den lefizten Jahren seines Lebens liest. Kann man nun diesen Humanismus als wesensgleich mit dem Idealismus Schillers bezeichnen? — Wohl kaum, denn Schillers Gedankenwelt gehört der Aufklärung an, deren Wurzeln über den idealistisch-transzendenten Humanitätsbegriff der Renaissance bis in die heidnische Anftke zurückreichen und insofern keinerlei innere Berührung mit dem jüdischen, auf göttlichem Offenbarungsglauben beruhenden Humanismus haben. Eine „Humanität ohne Divinität" steht aber trotz aller Werte in Gefahr, in der Bewährungsprobe zu versagen, und auch ein christlicher Humanismus, der glaubt, sich von seinem jüdischen Ursprung emanzipieren zu können, muß unweigerlich zu einer Mischung aus religiösen und intellektuell-aufklärerischen Elementen verflachen. Am Ende einer solchen Entwicklung stehen die Greueltaten, die wir Deutschen trotz der großartigen Schillerschen Zukunftsvision „Alle Menschen werden Brüder" an unseren jüdischen Brüdern begangen haben. Schiller mag auch weiterhin der deutschen Jugend in der Erziehung die idealistischen Impulse geben, die sie nun einmal brauch!». Aber man sollte nicht vergessen, daß sein Werk keine geistig-schöpferische Nachfolge geweckt hat, während andererseits Tucholsky, Brecht, Kästner, Mehring usw. ohne ihren literarischen Ahnherrn Heine nicht zu denken sind. Wenn Schiller als Bühnendichter der Liebling der jungen Generation ist und bleibt, so hat ihr gerade heute, angesichts des bedenklichen Versagens von Eltern und Erziehern bei der Suche nach Wahrheit, Heine nicht nur mit seiner Dichtung, sondern auch mit seiner geschliffenen und nicht im mindesten verstaubten Prosa das zu geben, was sie so dringend benötigt: eine menschliche Nähe, eine persönliche Hingabe, ja sogar eine gewisse Hemmungslosigkeit, aber auch eine noch größere Ehrlichkeit und Verantwortungsbereitschaft sich selbst gegenüber, die ihn mit seinen Schwächen, vor allem jedoch den reichen Gaben seiner überströmenden Natur einem nach Entwicklung drängenden jungen Menschen liebens- und nachahmenswert machen kann.

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