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Die Stimme · 1958-12-01 · Heft 109 (Dezember 1958) · page 16

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Journal
Die Stimme
Volume
1958
Issue
Heft 109 (Dezember 1958)
Date
1958-12-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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16 DIE STIMME P. b. b. Expedie’ par l’editeur Herrn Frau Wenn verzogen, bitte nachsenden oder zurück an die Redaktion Wien IX, Universitätsstraße 4/4 Fortsetzung von Seite 12 Schicksalen zu sehr im Schatten. Sie tauchen nur auf, soweit sie als Handelnde oder Leidende ihren Platz in dem groben, über Jahrzehnte ausgesponnenen Panorama einnehmen. Selbst über Jury Zhivagos Geliebte, Larissa Feodorovna (Lara), erfährt man weniger als tunlich, besonders was Laras Jugend betrifft, die im ersten (und schwächsten) Teil eingehender hätte geschildert werden können und sollen, fnsofern drängt sich weniger der Vergleich mit Tolstoi oder etwa auch Balzac als die Analogie zu Emilie Zolas Romanfolge der Rougon-Macquart auf, in der gleich falls charakterisierende Strichzeichnungen dieser Art verwandt wurden. Ebenso wäre der gleichfalls gelegentlich angeführte Vergleich mit den groben Werken Dostojewskys schon deshalb abwegig, weil die ..Brüder Karamasoff”. de; „Raskolnikow” in Tiefen der Psychologie hinabstiegen. die ,,Dr. Zhivago” vermissen iäbt. Endlich fehlt, was Thomas Mann als das absolut nötige Ingredienz jedes modernen Romans bezeichnet hat, fast völlig: federleichte Ironie, dus Ueber-der Sache-Stehen des Autors. Auch die der Ironie verschwjsterte Heiterkeit vermibt man — kein Wunder, bedenkt man, wie dem Dichter zumute gewesen sein mub, seitdem er aus dem ersten Begeisterungsrausch kurz nach der Oktoberrevolution 1917 jäh erwacht war und dab ihm daran gelegen war, diese Dauerstimmung einer bedrückenden Desillusionierung im Lebensgang seines Titelhelden zum Ausdruck zu bringen. Ueberhaupt — Boris Pasternak hat sich in seinem preisgekrönten Buch statt als Epiker im wesentlichen als der hochbedeutende Lyriker erwiesen, der er nach dem übereinstimmenden Urteil aller Sachkenner ist. Die schönsten, einprägsamsten Abschnitte und Bemerkungen des ,,Dr. Zhivago” durchwaltet eine Naturverbundenheit, die an Naturmystik grenzt. Wieder und wieder werden in herrlicher Inspiration Wolken, Gewitter, Schneestürme. Bäume. Vögel mit dem menschlichen Lassen und Treiben zu bildlichen Einheiten verwoben. Hinweise von noch nie gehöriem Beziehungsreichtum halten her um die Zweiheit von Kosmos und Menschentum hundertfach zur Einheit des dichterischen Erlebens zu verschmelzen. Eine Mystik, die sich unverkennbar auf dem religiösen und bildungsmäb;gen Erlebnis der Evangelien und darüber hinaus der gesamten, an Jesus von Nazareth geknüpften Religion aufbaut — sie tritt hinzu. Uns ist unbekannt, ob sich Pasternak noch zur Religion seiner Väter bekennt; es mag im kommunistischen Rubland auch eine unfergeordneie Rolle spielen. Liest man die Gedichte die seinem Roman angeschlossen sind und ahnen lassen, dab manche von ihnen im Urtext den bekannten ,christlichen Schwärmereien" des jungen Franz Werfel merkwürdig ähneln, so kann I Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Zionistischer Landesverband in Oesterreich, Wien IX, Universitätssfr. 4, Chefredakteur.- Bernhard Braver. Verantwortlicher Redakteur: Fritz Müller, Wien 11, Krummbaumgasse 1. Druck: K. Wilhelm, Pächter Hans Proidl, II. Taborstr- 46 kaum ein Zweifel daran bestehen, dab der Autor dem Judentum viel zu entfremdet ist, um von unsereinem dafür noch zur Verantwortung gezogen werden zu können, dab er im ,,Dr. Zhivago” Auffassungen vertritt .wie sie sich ,,assimilatorischer”, ja.; jjüdisch-antisemitischer” kaum denken lassen. Allein, auf all das kommt es im Entscheidenden nicht an. Was von grundsätzlicher Warte aus hier allein entscheiden kann, ist der vorliegendenfalls wieder einmal zur äubersten Zuspitzung gelangte Zusammenp/nll einer totalitaristisch geprägten Staatsgewalt mit den Forderungen, die als Grundsätze der Gewissensfreiheit und freier Meinungsäuberung zu den Pfeilern unseres Lebensbildes und unserer Weltanschauung gehören. Mit Recht hält fast jede geschichtswissenschaftliche Schule seit langem daran fest, dab dies die vielleicht unvergänglichsten Errungenschaften der Französischen Revolution von 1789 gewesen waren. Ein Goethe hielt von dieser Revolution nicht sonderlich viel. Aber hätte sie nicht staltgefunden, so hätte er sich in den Jahren der napoleonisch-preubischen Kriege seinen Non-Konformismus, den an seine Landsleute gerichteten Ausspruch ,,Rüttelt nur an Euren Ketten, der Mann ist Euch zu grob!” nicht leisten können. Und ohne die ,.europäische Stimmung” die die von ihm abgelehnten und verhöhnten Jacobiner und Sansculotten selbst in den Kleinstaaten Deutschlands hervorgerufen hatten, wäre das würdige spätere Bekenntnis in seinem Schauspiel ,,Des Epimenides Erwachen” mit dem Vierzeiler ,,Doch schäm’ ich mich der Ruhestunden. Mit euch zu leiden, war Gewinn: Denn für den Schmerz, den ihr empfunden Seid ihr auch gröber als ich bin —” — den Zeitgenossen wie uns Heutigen erniedrigend im Stil der heute im Ostblock üblichen ,,Selbstanklagen” erschienen. Doch sei an dieser Stelle hinzugefügt, dab der Brief, in dem sich Pasternak an Chrustschew mit der Bitte wandte, ihm die Vertreibung aus Rubland zu ersparen, keine peinliche ..Selbstanklage” war. wie es zunächst schien, sondern ein von Selbstachlung und Würde zeugendes, durchaus zurückhaltend formuliertes Schreiben.) Trotzdem steht Pasternak jetzt hilflos den Machthabern des Kreml gegenüber, mit deren Art und Politik er s,ch ungestraft auseinandersetzen zu können glaubie, d,erer geniale Einzelgänger, der das Opfer seines Rubland geworden ist, weil er das andere, frühere und doch unvergängliche Rubland aus ganzer Seele liebt. Belgrad veröffentlicht ,,Dr. Zhivago” Das in der UdSSR verbotene Werk des Nobelpreisträgers Boris Pasternak ,,Dr. Zhivago” soll in Kürze in serbsicher Sprache in Belgrad gedruckt werden. Moskau hatte versucht, durch direkte Intervention die Veröffentlichung dieses Werkes in Jugoslawien zu vermeiden. Politische Beobachter glauben, dab diese Frage Anlab zu einem neuen politischen Konflikt zwischen der UdSSR und Jugoslawien geben kann.

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