Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1957
- Issue
- Heft 102 (März 1957)
- Date
- 1957-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIM M E Nr 102 ER AN L VOR ORIENTALISCHE RENAISSANCE (Ein Brief an die Juden) Eran Laor, der LMcTiT'u-pfiilosopn äußert in diesem Werk Gedanken, deren historische Bedeutsamkeit an jene heranreicht, mit denen einst Theodor HERZL in seinem „JUDENSTAAT" die Welt überrascht hat Auch Eran Laors Gedanken sind revolutionärer Art. Für die Lebensfähigkeit seiner Theorien spricht jedoch schon allein die Tatsache, daß der Autor sich während eines dreißigjährigen Aufenthaltes im Nahen Osten durch gründliche Studien eine tiefe Kenntnis aller mit dem Leben der orientalischen Völker zusammenhängenden Aspekte und Fragen, sowie aller Probleme dieses Gebietes erworben hat Auch die Verwirklichung der in diesem Werk vertretenen Ideen fordert jüdische Selbstbesinnung sowie eine seelische Umschaltung des jüdischen Individuums Wie immer der einzelne dazu stehea mag, ist zu bedenken, daß diese Forderung von einem dichterisch intuitiven und erfahrenen Kenner der jüdischen und menschlichen Seele erhoben wird Auch die Reaktion auf dieses Werk wird, ähnlich wie im Falle des Judenstaates, aller Wahrscheinlichkeit nach, eine exzentrische sein Es wird Begeisterung hervorrufen bei jenen, die es gelernt haben, in geschichtlichen Dimensionen zu danken und zu leben, und möglicherweise Ablehnung bei den anderen, deren Horizont bis heute durch alle möglichen Illusionen verstellt blieb Wie dem auch sei: Keiner der das Buch liest, wird sich dem Eindruck verschließen 'können, daß eine echte, wahre Hingabe und Liebe zur jüdischen Sache daraus spricht, und ein ehrliches Streben nach dem RABBINER DR. HERMANN LOB Gedanken Das Purimfest erzählt von dem Anschlag Hamans, „zu vertilgen, zu würgen und zu vernichten alle Juden (Persiens), junge und alte, Kinder und Frauen, an einem Tage, am 13 des zwölften Monats, das ist der Monat Adar, und ihre Habe zu plündern". Der Anschlag wurde zu Schanden und Haman selbst das Opfer seiner Rachsucht. Aber sein „Geist", oder richtiger, sein „Ungeist" starb nicht mit ihm Er hatte Nachfolger, die mit ihren Plänen gegen die Juden Erfolg hatten, wenn ihnen auch sonst alles andere mißlang Wir haben es schaudernd erlebt Im Estherbuch wird eine Reihe von Vorfällen erwähnt, die bis auf den heutigen Tag gültig sind für das Verhalten der Gesinnungsgenossen Hamans Haman fragt nicht, weshalb Mordechai sich nicht vor ihm beugt, er fragt auch nicht, ob alle Juden wie Mordechai gehandet haben, sondern „er erachte es gering, Hand anzulegen an Mordechai allein, denn man hatte ihm genannt das Volk Mordechais, sondern Haman trachtete, zu vernichten alle Juden im ganzen Königreiche des Ahasverus, das Volk Mordechais". Man fühlt sich, oft vollkommen grundlos, von einem Juden gekränkt, also müssen alle Juden büßen. Kollektive Verantwortung ruht auf allen. Ein Jude ist Betrüger, also sind alle Juden heißersehnten Ziel: nach Frieden, Freundschaft und Wohlstand im nahöstlichen Raum Al,es in allem: Ein Buch, das in jeder Hinsicht Zukunft hat Dieses Buch kann bei der Administration „Die Stimme" bestellt werden 1. b. w. Victor E Pordes MENSCHEN UM UNS Typen und Charaktere, Verlag Wilhelm Braumüller, Wien — Stuttgart 1956, 293 Seiten Kennt man so wie der Schreiber dieser Zeilen das gesamte literarische Schaffen des Autors von seinen Anfängen an nimmt man sein letztes Buch mit gespannter Erwartung zur Hand, um nach beendeter LekUire festzustellen, daß es sie in jeder Hinsicht weit übertroffen hat. Auf Seite 271 dieses Buches, in der Studie über den Schriftsteller, findet man die Worte: „Die handlichste Form, die ein Menschenleben für andere aufbewahrt, ist ein Buch " Man kann diesen Ausspruch mit Recht auf dieses Buch beziehen Es erscheint uns als ein richtiges Lebenswerk. Es bietet uns sichtlich eine Summe, eine Bilanz jener reifen, zugleich späten und tiefen Erkenntnis des Lebens und der Menschenseele, wie man sie erst auf des Lebens Höhe gewinnt Man kann darin auch ein geistiges Vermächtnis erblicken, denen zugedacht, die ihr Leben noch vor sich haben, der Jugend Der erste, allgemeine Teil des Buches führt uns in den Kosmos der Menschenseele als solcher ein, mlit ihrem aus den Regionen des Leibes, der Seele und des Geistes bestehenden Stufenbau, mit den ihr innewohnenden Tendenzen, Interessen und anderen wesentlichen Kräften Der zweite, spezielle Teil behandelt die ganze Vielfalt jener verschiedenen menschlichen Arten, zu Purim Betrüger Solche Verallgemeinerung ist ja auch sonst üblich: man hat gute oder schlechte Erfahrungen mit einem Amerikaner, Franzosen etc gemacht, also sind alle Amerikaner, Franzosen etc. gut oder schlecht Ja, man ist noch generöser: man spricht von den schlauen oder weisen, je nach Bedarf, Orientalen und Asiaten, ohne jede Differenzierung — Ein anderer Bericht wird von uns ebenfalls mit neuen Augen gelesen. Die Eilboten des Königs, so heißt es, begaben sich in die Provinzen, um den Blutbefahl zu überbringen „Und der König und Haman setzten sich nieder, zu zechen, und die Stadt Susa war bestürzt" Mit einem Federstrich löscht man das Leben zahlreicher Menschen aus, die man keines Vergehens zeihen konnte, und man feiert diese „Heldentat" mit einem Gelage Auch in Auschwitz, Maidaneck und anderen Todeslagern haben die Henker nicht gerade Trauerfasten abgehalten bei der Vergasung von Juden und Nichtjuden; selbst die großen Toten wurden geschändet: Beethovens und Mozarts Musik begleitete die Mordorgien. Es lassen sich leicht weitere Parallelen zwischen den Geschehnissen zur Zeit Esthers und denen unserer Tage ziehen. Indessen drängt sich eine andere, wichtigere Frage auf: Wie können heute noch die üblichen Zerrbilder vom Judendie wir als Typui oder Charakfero aus der Praxis kennen ErslamilL.h geradezu ist die Einfühlungsgabe, die Kunst der Darstellung und psychologischen Erlassung, mit welcher seelisch so entgegengeselzte Typen wie etwa der Goldmensch und de Mystiker, der Sim eumeifsch und der Gelehrte, der Theoretiker und der Philister, antisoziale Typen wie der Intrigant oder der Hochstapler, markante politische Figuren, wie der Parteimann, der Parteipolitiker und der Demagoge oder Berufstypen mit der ihnen eigenen besonderen Problematik wie der Anwalt, der A.rzt, der Schauspieler u a. in ihrem Wesen uns nähorgehracht und durchleuchtet werden Alles in allem, es ist ein Buch, sichtlich geschöpft aus eüner scharfen, überlegenen und zugleich verständnisvollen Beobachtung, ebenso klar und subtil wie fesselnd geschrieben Es ist aus der reichen Fülle des Lebens geholt und versteht es ausgezeichnet dem psychologisch interessierten Leser so richtig die Augen für die „Menschen um uns" zu öffnen, die uns immer wieder begegnen. Mir wurde die Nummer der „Allgemeinen Deutschen Lehrerzeitung" in Frankfurt a Main vom 15. Februar d J. zur Verfügung gestellt, in welcher das Buch besprochen wird Darin lese ich die Worte: „Es greift die volkstümlichen Charakterisierung?.- und Typisierungsbegriffe auf und gestaltet sie zu Bildern einmaliger Prägnanz. Jeder Essay ist in sich abgeschlossen und steilt auch rein formal sprachlich eine kleine Kostbarkeit dar". Ich schließe mich diesem Urteil eines angesehenen Fachblattes über den jüdischen Autor Dr Viktor Pordes uneingeschränkt an Dieses Buch ist ein Ereignis. Ein großer wohlverdienter Erfolg steht ihm bevor. Bernhard Braver tum geglaubt werden, heut, wo das rationale, das verstandesgemäße Denken so tief in alle Kreise des Lebens eingreift und wo Bibliotheken von sachlicher Aufklärungsiiteratur über das Judentum jedem zugänglich sind? Und wie hat diese moralische Verheerung entstehen können? Es gilt unter unseren Widersachern Leute, die auf ihrem Spezialgebiet hervorragendes leisten, und die innerhalb ihres Faches kein Urteil abgeben ohne die strengste Prüfung aller Tatsachen Dieselben Leute verlieren, wenn es sich um Juden und Judentum handelt, alie Sauberkeit und Redlichkeit des Denkens und verlieren auch jeden Funken von Humanität und Verantwortung, machen sich die absurdesten Schlagwörter von Marktschreiern und Demagogen zu eigen und werden willige Büttel von seelisch erstarrten und erstorbenen Machthabern Wie ist diese intellektuelle und moralische Verwilderung, diese Verdunkelung aller Besinnung möglich? Sie ist möglich, weil und wenn der Wille zuchtlos geworden ist, weil und wenn die Instinkte, der Haß und Zerstörungstrieb, der Egoismus in allen Formen etc. das Band sittlicher Gesetze gesprengt und den moralischen Nihilismus zum Programm gemacht haben. Der Haß gegen uns wie der Haß überhaupt wird überwunden nicht so' sehr durch die Erziehung des Verstandes als vielmehr des Willens. Alle noch so unwiderleglichen Ar¬ Kurze Israel-Nachrichten Anpflanzung von Eukalyptus für industrielle Zwecke. Die Fabrik „Sapan" in Emek Hajarden, Herstellerin von Zellotex- und Masonith-Tafeln, hat heschloss»en, 500 Dunam m'it Eu'kafyptusbäumen zu bepflanzen, um sich auf diese Weise Holz als Rohstoff für ihre Produktion zu sichern Es handelt sich um eine besondere Art von Eukalyptus, die außer zur Z/e,it der Anpflanzung keiner Bewässerung bedarf. Schößlinge und fachliche Anleitung hat die Forstabteilung des Landwirtschaftsministeriums zur Verfügung gestellt Brom nach Europa. Das neue Unternehmen in Sodom exportiert demnächst einige Hundert Tonnen 'Brom nach Europa. Es werden Verhandlungen mit einer der größten Gesellschaften in Europa über den Verkauf von 2000 Brom und Brompräparaten im kommenden Jahr geführt. Bis zum Ende dieses Jahres wird das Werk die volle Produktion aufnehmen und ca. 2000 Tonnen Brom im Jahr hersteilen. Eine Tonne Brom kostet ca. 500 Dollar. Der erste Bromexport ist vor einigen Monaten nach Holland abgegangen ALIJ AH Mit Ende des Jahres 1965 hat die Bevölkerung von Israel die Ziffer von 1,872000 erreicht. 1,668.000 waren Juden (89"„), 204 000 Nichtjuden (10.91 'u). Im Jahre 1956 stieg die Bevölkerung Israels um 80 000 Köpfe ln den letzten beiden Jahren kamen 90.000 Einwanderer nach Israel. Seit Begründung des Staates wanderten 835.000 Menschen nach Israel ein Zwei Drittel der Bevölkerung ist außerhalb Israels geboren, ein Drittel in Israel. 50.000 Residenten in Israel sind ausländische Staatsbürger gumente gegen die Ankläger prallen ab, wenn der Wille sich weigert, sie anzuhören. Man haßt nicht weil der andere 'Fehler hat, sondern man sieht bei dem anderen Fehler, weil man haßt- Und ebenso liebt man einen anderen nicht, weil man Vorzüge an ihm gewahrt, sondern man gewahrt Vorzüge, weil man ihm mit liebendem Auge betrachtet Nur Ehrfurcht vor der Menschenwürde und Ehrfurcht vor der Wahrheit, also sittliche Motive, können den Verstand bewegen, sich von Vorurteilen zu befreien und nach Gerechtigkeit in der Aussage und in der Tat zu streben. Der Fortschritt des Gewissens hat nicht Schritt gehalten mit dem Fortschritt des Wissens. Ja, es scheint mitunter geradezu das Gegenteil der'FaTl zu sein. Wir müssen heute noch, und glerade heute wieder, für unser Recht und gegen die Enstellungen und Verfälschungen unserer Religion streiten, wenigstens das Judentum außerhalb Israels! Das Wesentliche des Judentums ist nicht die Abwehr falscher Beschuldigungen, sondern die Bemühung um unsere religiösen und sozialen Gesetze, um Begriffe wie Ehrfurcht, Nächstenliebe, Umkehr, Messias usf. Die Erziehung zu diesem positiven Begriffen hin und die Versenkung in unsere Geschichte — dies sind Ziele, denein unsere Arbeit gewidmet sein muß, auch wenn alle Hamans bloß Erinnerungen an entschwundene böse Zeiten geworden sind.