Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1956
- Issue
- Heft 100 (November 1956)
- Date
- 1956-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite Ü n i f: s r i m m r: Nr. 100 Juden Wiens! Fis ist ein" nnste und historische Stunde, in der wir uns an Euch wenden. Israel st "ht in einem schweren Kampf um seine Existenz. Viele junge Menschen sind in den letzten Tagen für Israels Freiheit und Sicherheit gefallen viele haben Verletzungen davongetragen, viele Kinder sind 711 Waisen geworden. Die Kämpfer und Verteidiger Israels hollm und erwarten, daß die Juden in aller Welt, also auch wir in Österreich, sich der Verpflichtung der jetzigen historischen Stunde bewußt sein werden, dieser Stunde, die von s'hirksalshafter Bedeutung ist für den Siaat Israel und für die Juden der ganzen Welt. Die Tragik des Schicksals will es, daß zur gleichen Zeit jüdische Flüchtlinge aus Ungarn, entblößt aller Mittel und ungenügend bekleidet, in immer mehr steigendder Zahl nach Österreich, nach Wien kommen. Auch ihnen muß unsere volle brüderliche Hilfe zuteil werden. Erweisen wir uns dieses historischen Zeitgeschehens würdig, als Juden, als Menschen! Vergessen wir nicht, daß so viele von uns vor nicht allzulanger Zeit selbst Emigranten oder im KZ waren. Wir müssen dahier doppelt verstehen, was jüdische Not ist. Wir rufen Euch und fordern, wir beschwören Euch, daß jeder seine Pflicht erfüllt. überweiset sofort mittels Erlagscheines auf Konto Isr. Kultusgiemeinde — Vtagbith 86.805 einen Betrag, der ein effektives Opfer darsteilt, für Israel und die jüdischen Flüchtlinge aus Ungarn! Unter Führung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und des Magbith Meuchedeth haben sich alle jüdischen Organisationen zur Durchführung dieser Sammlung vereinigt. Spendet sofort, bringt Euer Opfer! Es ist keine Zeit zu verlieren! Israelitische Kultusgemeinde Wien Magbith Meuchedeth Minister Shmuel Bentsur Dr, Emil Maurer Gesandter des Staates Präsident der Israelitischen Israel in Österreich Kultusgemeinde Wien Dr. Ernst Feldsberg, Salomon Fried, Wilhelm Krell, Gustav Leitner, Elias Schapira Dr. A. Syngalowsky Per Präsident des Exekuti v-C"ommittees der Amid ÖRT Union ist am 8. Oktober 1 TW m Paris itn Alter von bbJnh'on nach Jnem Her/- anfall vor sch; *d Mi Dr. Syngalowsky stammte aus Rußland und waein prominent o- Vertreter der russisch - jüdischen Intelligenz. Schon in seiner Jugend widmete er sich jüdischen sozialen Angelegenheiten, der Erneuerung der jüdischen Wirtschaftsstruktur durch Entwicklung von Handwerk, industrieller und landwirtschaftlicher Arbeit, Dr. Syngalowsky war der dynamisch'- Organisator und gleichzeitig feuriger Propagandist für die Sache ORTs Für das ganze Judentum bedeutet sein Tod einen großen Verlust aber auch bei allen Organisationen, die sich mit Sozialarbeit beschäftigten, wird sein Ableben schmerzlich empfunden werden Leo Baeck Die Nachricht vom Ableben des früheren Oberrabbiners Deutschlands Dr. Leo Baeck hat sowohl in allen jüdischen als auch in weitesten nichtjüdischen Kreisen tiefe Trauer ausgelöst. Ein Gelehrter von gediegenster Bildung, ein Europäer, doch vor allem Jude, erfüllt von lebendiger Religiosität hat uns verlassen. Leo Baeck entstammte einer alten Rabbinerfamilie in Lissa, er ergriff den Beruf seines Vaters und wurde im Jahre 1897 zum Rabbiner in Oppeln gewählt, 1907 erfolgte seine Berufung nach Düsseldorf und 1912 wählte ihn die jüdische Gemeinde in Berlin zum Gemeinderabbiner. Neben seinem Wirken in der Gemeinde lehrte er an der „Hoch- Vor 25 Jahren, am 21. Oktober 1931 hat einer der größten Dichter und ausgeprägtesten Romantiker aus der Glanzzeit der österreichischen Literatur, Arthur Schnitzler, seine Augen für immer geschlossen. Zwei Jahre später hat das Dritte Reich seine Werke auf dem Scheiterhaufen verbrannt und seinen Namen in Acht und Bann getan, aber eigentlich war der Verfasser von ,,Anatol", ..Reigen", ..Liebelei", ,,Professor Bernhardi", ,,Der Weg ins Freie", ,,Leutnant Gustl", „Fräulein Else" und vieler anderer Buhnenwerke, Romane, Novellen und Erzählungen schon viel früher halb in Vergessenheit geraten und wie sein Zeitgenosse Jakob Wassermann einst schrieb, hat er sich an seinem Lebensabend völlig vergessen, verkannt und vereinsamt gefühlt. Er hat. schließlich eine Welt verlassen, die ihn nicht kannte und ihm selbst, völlig fremd geworden war. Schnitzlers Sonne erstrahlte am hellsten im Glanze der alten österreichisch-ungarischen Monarchie. Ihrem besonderen Charakter entnahm er den Stoff für seine kleinen Skizzen, aus ihren Menschen formte er die Figuren für seine Bühnenwerke und Romane, ihre aus Snobismus und Gemütlichkeit gemischte Gesinnung diente ihm als Atmosphäre für seine Novellen und Erzählungen. Er war keineswegs ein unbedingter Beschule für die Wissenschaften des Judentums". Obzwar es ihm -in leichtes gewesen wäre, während der Nazizeit auswärtige Berufungen anzimehmen. tat er dies nicht, ver blieb auf s;unnm Posten und wurde nach Theresienstadt deportiert, wo er für sein" (InglücksgepossenaFes tat, was in sein -n Kräften stand Ein weiser, großer und gütiger Mann ist nicht mehr und wer immer sich mit der jüdischen Ge.istesgeschichte unseres Jahrhundertes befassen wird, wird sieh in Ehrfurcht neigen vor dem Namen Leo Baeck, dem Lehrer, dem Gelehrten, vor allem aber vor Bern Menschen. Michael Kohn Das langjährige und verdienstvolle Kultusvorstandsmitglied Michael Kohn ist am 18. Oktober im 72. Lebensiahr einem Herzschlag erlegen. Der Verstorbene w^r Gründer und Obmann des Verbandes „Jüdischer Einigkeit" Religionsunterricht in Salzburg Einem langgehegten Wunsche der Eltern entsprechend, wird in Salzburg der Religionsunterricht für alle schulpflichtigen jüdischen Kinder eingeführt. Im Zusammenwirken mit dem Landes- und Stadtschulrat erfaßte die Israelitische Kultusgemeinde Salzburg die in Betracht kommenden Schüler und Schülerinnen. Der Unterricht wird in drei Gruppen durchgeführt und soll dazu beitragen, die Kenntnisse der jüdischen Geschichte, Tradition und Gebräuche zu vertiefen. Die neugeschaffene Institution wurde von der Salzburger Judenschaft mit großer Befriedigung aufgenommen. jäher der herrschenden Zustände und alles eher als ein Freund jener bürgerlich - feudalen Gesellschaftsklasse, auf der das Gebäude der regierende Hierarchie ruhte. Die feine Ironie zwischen den Zeilen sowie die Skepsis am Rande seiner Werke riefen den Unmut und Unwillen der Kreise des Patriziertums, des Beamtentums und des Adels hervor, die in ihm einen Liberalen, ja sogar — wenn auch nicht in dem Maße wie Karl Kraus — einen Ketzer sahen. Trotzdem waren seine Bücher Bestseller und seine Theaterstücke große Erfolge, denn ihr Stil und ihre Handlung repräsentierten nicht nur kultiviertestes Wienertum, sondern versinnbildlichten die Abenddämmerung jener „guten alten Zeit", die schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges abzubröckeln begann. Der Zusammenbruch der alten Monarchie raubte Schnitzler die Kulisse für seine fefinziselierten, zeit- und ortgebundeneb Sch/icksalsskizzen und entwand seiner bland die Palette mit den herrlichen Farben, die seline .Sdhöpf'unge.n schmückten. Die Epoche des Bubikopfs und des Gigolo, die der Kaiserzeit folgte, bol. ihm nicht nur keine Inspiralion für Neues, sondern verwischte auch seine bereits geschaffenen Werke, die der neuen lebensgierigen, von Einm/ipalionsgelüsten besessenen Generation nichts Aufregendes zu bieten hatten, zu Schattenbildern. Was Schnitzler geschaffen hatte, waren tiefgehende Seelensezierungen — wie Egon Friedell es nannte: dramatisierte Psychoanalyse — was jedoch die Jugend nach 1918 suchte, war dämonischer Zynismus, rauschhafter Expressionismus und den Anforderungen dieser hektischen Zeit wollte und konnte Schnitzler wohl auch nicht Rechnung tragen. Selbst als in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre so etwas wie eine neue Schnitzler - Renaissance anbrach und unter einer neuen, den „Reigen'1 sowie „Liebelei" und „Professor Bernhardi" Erfordernissen Rechnung tragenden Regie, auf den Wiener Bühnen Triumphe feierten, konnte sich der enttäuschte und desillusionierte Dichter weder des Erfolges freuen, noch aus ihm frische Kraft zu neuem Wirken schöpfen. Der einstmals so Fruchtbare und Vielseitige blieb nahezu völlig untätig und fand bis zu seinem Tode keinen Kontakt mehr zum Leben. Arthur Schnitzler, ursprünglich wie sein Bruder für den Arztberuf bestimmt, entstammte einer völlig assimilierten, durch viele Mischehen dem Judentum falil völlig entfremdeten Wiener Patrizicrlamilie. Auch dar Verkehr mit der Litoratengilde der damaligen Zeit, Peter Altenberg, Franz Werfel, Jakob Wassermann, Karl Kraus, Egon Friedell, durchwegs Juden, denen ihr Judentum fast nichts oder das Gegenteil dessen, was es sein sollte, besagte, trug nicht dazu bei, ihn sein :m Volke* näherzubringeu. Trotzdem bildete er gerade in diesem Kreise der freigeistigen Revolutionäre eine rühmliche Ausnahme und es war kein geringerer als Theodor Herzl, der dieses Gefühl in ihm erweckte. Schnitzler sah in Herzl nicht nur den Propheten und vollendeten Kavalier, sondern schaute zu dem nur um zwei Jahre Älteren voll Bewunderung auf, weil er in ihm ein Vorbild für die schriftstellerische Note und den vergeistigten Stil erblickte, dem er sich selbst mit Haut und Haar verschrieben hat. Und er gesteht offen, daß er, als ihm Herzl bei einem abendlichen Spaziergang vor dem gerade in Bau befindlichen Burgtheater auf der Wiener Ringstraße stolz erklärte: „Hier komme ich einmal hinein" nicht nur viel Verehrung, sondern auch ein wenig Neid empfunden hat. Schnitzler hat Herzl weit über dessen Grab hinaus die Treue eines wirklichen Freundes bewahrt und wurde mit der Zeit zu einem Bejaher seiner Ideen, obwohl er bis z.u seinem Lebensende zur nationaljüdischen Bewegung nur lose Beziehungen hatte. Schnitzlers Werke wurden nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgelegt. Seine Theaterstücke „Liebelei" und „Komtesse Mizzi" gestalteten sich bei einer Neuaul - führung des Burgtheaters mit den besten Schauspielern sowölil in Wien als auch im Ausland z.u triumphalen Erfolgen und viele Bühnen setzten neuerdings seine Stücke auf das Programm. Aber objektiv kritisch betrachtet, gehören sowohl Schnitzler als auch sein* Werke einer Zeit an, die endgültig der Vergangenheit anuehört. DR. I. AVIEL In memoriam Arthur Schnitzler