Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1955
- Issue
- Heft 94 (Juni 1955)
- Date
- 1955-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 2 Schilling V. b. b, timme Ocyan dec Alfyemeinen Ho nisten in ÖstecceioU Zionistischer Landesverband Wien pHIPi..."I,,IF|||^ Redaktion 11. Administration: 1 Wien IX, UniversitMtsstr. 4 4 | Telefon A 26 4 73 1 Postseheck-Konto Nr. 134.292 J Juni-Juli 1955 Nr. 94 Gedenktage im Tamus Theodor Herzl Chaim Nachman Bialik Die „Neuests Zeii' in der Geschichte des jüdischen Volkes beginnt unanzweifelbar mit dem Auftreten The--dor Herzls, also mit dem Jahre 1896, dem Jahre der Veröffentlichung seiner Schrift „Der Judenstaat", oder mit dem Jahre 1897, dem Jahre des Zusammentritts des 1. Zionistenkongresses. Die oer ,,Neuesten Zeit,, in der Geschichte der Juden vorangehende Epoche, die ,,Neuzeit" der jüdischen Geschichte, die mit dem Beginn der bürgerlichen Emanzipation der Juden in den europäischen Staaten anhebt, wird durch zwei historische Fakten charakterisiert: die Juden treten einerseits aus dem Ghetto, aus der zum Teil durch staatliche Gesetzgebung bewirkten, zum Teil selbst gewollten Abschiießung von ihrer nichtjüdischen Umgebung, heraus und sie dringen andererseits, unter gewolltem Verzicht auf die Merkmale ihres Eigenlebens, in stetig zunehmendem Maße in die Zivilsalion und Kultur der Völker, unter denen sie leben, ein. V. a; in der Zeit s; .üdisch n „Mi te 1alters" die zentrale Tendenz des Lebens der Juden unter den Völkern die Erhatung ihrer national-religiösen Eigenart gewesen, so wird die „Neuzeit' in der Geschichte der Juden West- und Mitteleuropas — die Ehtwickiungslinien in Osteuropa verlaufen zeitlich anders — durch das Streben nach Angleichung, nach national-kultureller und national-politischer Assimilation, durch bewußten und unbewußten Verzicht auf die eigene Nationalität bestimmt. Diese Tendenz ist so stark, daß am Ende des 19. Jahrhunderts im Gefolge dieser Assi mi!al ionserscheinungen, deren deutlichste Zeichen Übertritte zur herrschenden Religion und Mischehe sind, die Gefahr der völligen Auflösung der jüdischen Gemeinschaft am Horizonte erscheint, während gleichzeitig der Kampf der Nichtjuden gegen das Eindringen der Juden in das Leben ihrer Umgehung an Stärke immer mehr zuniinmt. Die Juden Wost¬ und Mitteleuropas scheinen in dieser Epoche ihrer geschichtlichen Entwicklung am Ende ihrer Existenz als gesonderte, erkennbare nationale Menschengruppe zu stehen Wenn man von diesen Prozeß noch etwas verzögernden religiösen Beharrungstendenzen absieht, ist offensichtlich, daß sich die Juden in der ihre „Neuzeit" bildende Periode in nationaler Beziehung bewußt zum Untergange verurteilt haben, ohne daß sie sich dafür in einem großen Teile der Staaten West- und Mitteleuropas die völlige bürgerliche Gleichberechtigung erreicht hätten. ln diese für die Juden höchst unbefriedigende psychologische Situation brach der Rückkehr-Ruf der Schrift Theodor Herzls „Der Judenstaat" herein Es hat ziemlich lange gedauert, bis die direkte zionistische Wirkung des Rufes Theodor Herzls, dessen Ziel die territoriale Konzentrierung der Juden in ihrem Ursprungsland Palästina zum Zwecke ihrer nationalen Erhaltung w m, in großen Schichten des jüdischen Volkes spürbar war. Die mittelbare Wirkung aber trat in der west- und mitteleuropäischen Judenheit sofort hervor. Seit der Veröffentlichung der Schrift „Der Judenstaat" und seit dem ersten Zionistenkongreß erfolgte in der geistigen Haltung der Juden West- und Mitteleuropas gegenüber Judenheit und Judentum ein deutlich erkennbarer Wandel. War tn dahin die allgemeine Tendenz dahin gegangen, al.es bewußt und betont Jüdische zu verbergen, zu unterdrücken, abzustreifen, zu beseitigen, so ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich spürbar eine rückläufige Bewegung zu erkennen. Statt Flucht aus dem Judentum, statt Abwendung von seinen spezifischen Elementen, erfolgt nun eine bewußte Rückkehr zu den ais jüdisch erkennbaren Werten,- stati Verleugnung jüdischer Bindungen, eine Rückkehr zu ihnen, ihre besondere Betonung! Insbesondere macht sich in diesem Zusammenhang ein ganz neues Verhältnis zu jüdischen Festen und zu der Sprache des Gottesdienstes, dem Hebräischen bemerkbar. Die Juden West- und Mitteleuropas fliehen nicht mehr in solchem Maße wie bis dahin vor jeder Verdeutlichung ihres Judeseins, sie betonen ihre Bindung an Juden und Judentum. Das Leben der Juden in den Ländern West und Mitteleuropas wird seit den Tagen Theodor Herzls durch die Wiederannäherung an die Tradition des jüdischen Volkes charakterisiert oder, um es mit Herzls eigenen Worten zu sagen: es trat eine „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" ein. Nun könnte man jedoch meinen, daß sich dieser Rückwanderungsprozeß ausschließlich unter den Juden West -und Mitteleuropas vollzog und daß man daher nicht in vollem Sinne von einer „Neuesten Zeit" in der Geschichte der Juden, sondern nur von einer solchen in der Geschichte der west- und mitteleuropäischen Judenheit als der Wirkung des Auftretens Herzl's sprechen könne. Dem ist jedoch nicht so: auch die Tendenzen im Leben der Juden Ost- und Südost- Europas haben sich unter dem Einflüsse des Auftretens Herzls und der vor. ihm organisierten zionistischen Bewegung grundlegend geändert. Hier war der Gedanke der Renaissance der Völker in einem eigenen Staate, die Chibbat,Zion-Idee lebendig in Erscheinung getreten. A.ber hier, unter den Juden Ost- und Südosteuropas war unter der Entwicklung der grausamen Rechts- und Wirtschaftsbeschränkungen, die den Juden von den staatlich Mächten auferiegt worden waren, eine Verkümmerung der politischen Aktivität eingetreten Die Reaktion der Juden auf die Fesseln, die ihnen von der Obrigkeit und Gesellschaft angelegt wurden, war mehr passiv als aktiv. Sogar der in den Jahren nach den manifesten Judenverfolgungen (1882) lebendig gewordene Zionsgedanke führte nicht zu aktiven organisatorischen Bildungen, die etwa Entscheidendes herbeiführen konnten. Der entscheidende Antrieb zur Aktivierung des jüdischen Lebens, zur Überwindung der Passivität, des geduldigen Geschehenlassens und der Übergang zu organisatorischen Bindungen, die auf Änderungen des bestehenden Zustandes gerichtet waren, zog auch im Leben der Juden Ost- und Mitteleuropas seine Kraft so recht aus dem Auftrelen Theodor Herzls. Erst seitdem es eine ins Politische und Organisatorische gewandte zionistische Weltbewegung gab, gerieten auch die Juden des Ostens in Bewegung. Auch hier entstanden jetzt aktive zionistische Organisationen, die eine die Massen ergreifende lebendige auf Massenauswanderung hinzielende politische Bewegung machte. Das Leben der Juden Ostlind Mitteleuropas, kam in Fluß und 'nahm entscheidenden Anteil an der groben Bewegung, die seit Herzls Erscheinen die Judenheit ergriff. Die „Neueste Zeit" war auch für die Judenheit im Osten und Süden Europas angebrochen. Die große Wende im Leben des jüdischen Volkes, die der Ruf Th«-‘0(U>rHerz!s herbeigetührl hatte, die „Neueste Zeit" ihrer Geschichte, war nunmehr in allen Teilen des Volkes deutlich sichtbar. Dr. Georg Herlitz, Jerusalem Am 4. Juli 1934 ist der bedeutendste hebräische Dichter unserer Zeit in Wien einem Herzschlag erlegen. Bialik stand als Dichter auf der höchsten Stufe und war Symbol des Besten, woraus das jüdische Volk Kraft schöpfte. Als Träger des jüdischen Lebensgeistes, genialer Erbe der prophetischen Lehre, genoß Bialik die Liebe seines Volkes, dessen seelische Kraft er stärkte, das Schönste aus den Menschen hervorholte und die jüdische Gemeinschaft mit geistigem, nationalem, ethischem Vermögen neu ausstattete. Er genoß das Glück, in die tiefen Quellen unserer unerschöpflichen Wissenschaft einzudringen, besaß die außerordenlich? Fähigkeit, das Gewissen des Volkes zu wecken, es zu läutern und die moderne jüdische Bewegung mit zu gestalten. Bialik setzte unvergängliche Taten und in harter, einmaliger Arbeit, erzog er eine Generation, welche schließlich die Aufrichtung des Staates Israel bewirkte. Er wußte am besten, daß Heimat und Sprache unbedingt zusammen gehören. Am 20. Tamus gedenken wir des Todestages Theodor Herzls, am 21. Tamus den Chaim' Nachman Bialiks. Wer diese Persönlichkeiten kannte, wer für sie tiefes lnteressse hat, dem bleibt der unauslöschliche Eindruck, daß uraltes jüdisches Erbe wach ist ßiaiik geleitete uns Juden zu nationalem Lehen, Herzl wies uns den Weg zur politischen Selbstständigkeit Bialiks Glaube war gepaart mit Liebe zum heiligen Land und darauf gerichtet, ein Werk des Geistes in Israel zu schaffen. Rabbiner Dr. Leo Baeck, der frühere Oberrabbiner von Berlin, sagte einst über Bialik: „Ihm war das Land der Väter nicht nur ein Boden, sondern eine Liebe, nicht nur eine Erde, sondern ein Himmel". Biaük war ein Man": von bewundernswerter Vitalität und besaß die hervorragende Gabe, geistig zu spenden und seelisch Glück zu verbreiten. Glückwunsch des Vertreters Israels in Österreich aoläßlicti des Staafsverfrases lu seiner Rede am 11. Mai 1955 im Grotten Kon/erthaussaal anlüttlich des 7. Unahhängigkeitstugea des Staates Israel, beglückwünschte Konsul ES II KL Österreich mit folgenden Worten: „Es üemt sich von dieser Stelle dem österreichischen Volke zur Wiederherstellung seiner Freiheit, die es in diesen Tagen erwartet, Glück tu wünschen. Nur wenig hat die Welle des entfesselten Hasses, die über dieses Land fing, von den einstmals so Btolzen österreichischen Judentum zuriiekgelasi-eu- Dennoch bleibt Österreich auf das engste mit der jüdischen Geschichte, besonder» mit der der zionistischen Bewegung verbunden. Möge es Österreich vergönnt sein, nach der Wiederherstellung seiuer Souveränität, sein Leben in Frieden, Freiheit. Glück und Gerechtigkeit weiter zu gestalten!“