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Die Stimme · 1948-04-03 · Heft 19 (3.4.1948) · page 7

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Journal
Die Stimme
Volume
1948
Issue
Heft 19 (3.4.1948)
Date
1948-04-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 19 “Die Stimme Seife 3 Dr. VICTOR E. PORDES Um eine jüdische Kultusgemeinde Rede, gehalten am 20. März 1948 in der Wahlversammlung der „JÜDISCHEN FÖDERATION” fadUcke ScUwestecti und Bcüdet! Tn einigen Wochen werden die Wiener Juden zur Urne schreiten : das zweite Mal seif dem Kriegsende sollen Wahlen in die Wiener Israelitische Kultusgemeinde stattfinden, in die heutige, so reduzierte, so klein und bescheiden gewordene K. G. Unwillkürlich schweift da der Gedanke in eine nicht so ferne Vergangenheit, unwillkürlich denkt man zurück in die Vorkriegszeit, in die gute, die beste, die gewissermaßen klassische Zeit dieser K. G. Damals bildete sie doch ein imposantes und zugleich vielfältiges Bereich jüdischen Lebens mit den vielen ihr unterstehenden Tempeln und Bethäusern, Schulen und Lehranstalten, Alters- und Krankenhäusern, ihren Stiftungen und Fonds, war eine In der Welt rLihmlichst bekannte und angesehene Gemeinde, deren Ruhm ebenso in die ganze Welt ausstrahlte, wie jener der Wiener Judenschaff, die solchen ansehnlichen Anteil hafte an der Kultur und Kutnst, an der Wissenschaft und Wirtschaft dieser Stadt, Hunderte von Namen leuchten aus dieser Zeit zu uns herüber, Namen einzelner, die unsterblich geworden wie Herzl, dessen Ruf tan das jüdische Volk von hier vor 50 Jahren erging, oder Freud, dessen Psychoanalyse Wien zu einem geistigen Weltzenfrum machte, Sterne wie Schnitzler oder Beer-Hofmann, ungezählfe medizinische und andere Kapazitäten, zu denen man aus der ganzen Welt kam, oder auf rein jüdischem Gebiete Namen wie Jellinek, Güdemann, Sulzer oder unser unvergessener Oberrabiner Chajes. Erst wenn man diesen Glanz mit der Armut und dem Verfall unserer Zeit vergleicht, die jenen Männern, jener großen Tradition, nichts, einfach nichts, enfgegenzustellen hat, ermißt man so recht, wie arm wir geworden sind. Auch die Wiener K. G., auch die Wiener Judenheit ist ein Opfer des Krieges. Lin Opfer jener grauenvollen Zeit, die für uns vor 10 Jahren begann und die für uns im bösesten Sinne des Wortes unvergeßlich blieb. Unter den vielen Ruinen, die dieser Krieg hinterließ, ist das Wiener Judentum die größte. Nur ein geringer Bruchteil jener damals fast 180.000 zählenden jüdischen Einwohnerschaft ist geblieben resp. zurückgekehrt. Last alle von ihnen stehen heute vor der Aufgabe, ihre Existenz wieder von vorne aufzubauen und haben noch immer nichts als Zusagen, denen keine Erfüllung folgt, und sehen sich immer noch einer Umgebung gegenüber, die nichts vergessen und nichts zugelernt hat. Einer Bevölkerung, deren Haltung uns gegenüber sich eher verschlechtert als verbessert hat. Wien hat seit jeher eine antisemitische Tradition. Lueger, das war das erste Beispiel, wie man durch das antisemitische Schlagwort hier populär werden und Karriere machen kann. Jener unheimlichste aller Oesterreicher folgte nur seinem Beispiel. Er machte aus dem Antisemitismus, aus einer Gesinnung, ein Gesetz, ein Staatsprinzip, ein erbarmungsloses System der Verfemung, Verfolgung, Beraubung und Vernichtung. Lr hat zuletzt sich und sein Volk in den i Abgrund, in Schande und Ruiin, geführt, j Sein Gesetz ist gefallen. Die Gesinnung ist t geblieben. , Warum sprechen wir davon 7 Weil j doch heute jedem Juden, auch einem, j der es zum Zionisten noch nicht gebracht f bat, eines klar sein muß: wäre in der j Zeit, wo jener Wüterich, jener geisteskranke „Sojne Israel” die Macht antrat, f Palästina für uns offen gewesen, wäre das zionistische Postulat schon damals j verwirklicht gewesen, so hätten hundert- ( tausende Juden nicht in den Gaskammern von Auschwitz, Majdanek oder anderer deutschen Fabriken des Todes sterben müssen. Zehntausende unserer Jugend mehr wären in der jüdischen Legion in den Krieg gegen den neuen Dschingiskan gezogen, statt nutzlos in der Blüte ihrer Jugend zu sterben. Heute sehen wir : die Hilfe hätte viel früher kommen sollen. Leider, erst nach langer, dunkler Nacht kam die Sonne, erst nachdem im Meere des Blutes ein Drittel unseres Volkes unterging wahrhaftig, das jüdische Lied von „strömen blut und tajehen trejren” ist damals Wirklichkeit geworden - kam die Rettung. Dieser zweite Weltkrieg war wie eine Fackel, welche die Tragödie des jüdischen Volkes ebenso beleuchtete, wie schon vorher der erste. Nach dem ersten Weltkrieg kam die Balfourdeklaratkm. Nach dem zweiten Weltkrieg kam der Beschluß der UNO in Lake Success. Die Balfourdeklaration, das war der Anfang, die theoretische und noch unvollkommene Anerkennung unseres Rechtes. Der Beschluß der UNO ist seine Erfüllung und zugleich auch ein Anfang. Jüdische Schwestern und Brüder! Danken wir Gott, daß wir das Glück, die Gnade, den „schys” gehabt haben, diesen Tag des 29. November 1947 zu erleben! Nach bald 2 Jahrtausenden der Galuth, der Zerstreuung und des Leides, bildet er das größte Datum unserer Geschichte, ist ein Ereignis, dessen Größe wir, als Zeitgenossen, nicht einmal annähernd abzuschätzen imstande sind. Klar ist das eine : es erfolgte damit eine grundlegende Äenderung unserer ganzen Situation. Es ist eine Standeserhebung unseres ganzen Volkes. Aus Unterordnung und Zerstreuung, aus Abhängigkeit und Staatslosigkeit ersteht für uns Selbständigkeit und Eigenstaatlichkeit. Auch Israel soll im Rate der Völker Sitz und Stimme haben. Und unter den Staaten der Welt entsteht ein neuer und zugleich tausendjähriger : die ,,medina ivvrith”, das Land Judäa. Für uns alle, für jede kleinste jüdische Einwohnerschaft der Welt, für jeden kleinsten Bruchteil, jede noch so geringe Minorität, ergibt sich damit eine neue Situation. Das jüdische Volk in der Welt bekommt ein neues nationales, religiöses, kulturelles und ideelles Zentrum : „Erez Israel”. Von dort kommen die Strahlen wie von der Sonne, von jenem Lande, in welchem jüdische Arbeit bereits Wunder geschaffen hat, von dem Lande der blühenden Kolonien, dem Lande der jüdischen Universität, jüdischer Regierung, der lebenden hebräischen Sprache, der jüdischen Kultur und der jüdischen Wehrkraft. In dieser historischen Wende, in diesen Tagen, da gleichsam ein völlig neues Kapitel der jüdischen Geschichte, bekommt natürlich jede jüdische Institution und da geht natürlich die Kultusgemeinde allen voran eine neue, bisher unbekannte Bedeutung. Diese K. G. soll ja das Zentrum, der Mittelpunkt dieser jüdischen Renaissance, dieses neuen jüdischen Lebens, jüdischen Lühlens und Wollens werden. Was haben wir Juden in der Galuth denn anderes als Mittelpunkt 7 Und wer soll der Hüter und Bewahrer, der Verwalter und Anreger dieses jüdischen Lebens, Glaubens und Wissens sein, wenn nicht die K. G.7 In sie muß vorerst diese Wandlung jüdischen Lebens einziehen, in ihr zum Ausdruck kommen, in ihr wahr werden. Jiisches nationales und religiöses Leben soll aus ihr strahlen lind so ist nur das nationale und religiöse Judentum sie zu bilden und zu führen berufen. Ein neuer Begriff wird damit für uns lebendig : der Begriff der jüdischen Sfaatstreue. Man kannte bisher nur den Begriff des gesetzestreuen also des orthodoxen Juden. Vom staatstreuen Juden sprach man nur in der Bedeutung, daß er dem Staate gegenüber, in welchem er wohnt, seine Treue bewahrt. Dieser Begriff bleibt weiter, er hat weiter seine volle Richtigkeit. Die Treue des Juden zum Staate, in dem er wohnt, die Treue zu Oesterreich, war stets üher jeden Zweifel erhaben. Diese Treue gebietet uns unsere Religion ebenso wie unsere Ethik. Wir haben nie gegen sie gefehlt. Während es im alten Oesterreich kein Volk gegeben hat, das nicht über die Grenze geschielt hätte, die hiesigen Deutschen ' in eisfer Linie, waren die Juden immer loyale Österreicher, Und nun kommt für den Juden auch der Begriff der Staatstreue, der Ergebenheit und Treue für seinen Staat, für den jüdischen Staat. Es besieht gewiß keine Differenz, kein Dilemma zwischen unserer Treue zu Palästina und zu Oesterreich. Nicht einmal in der Phantasie kann man sich einen Konflikt zwischen diesen beiden Bindungen denken. Wir sind nur ehrlich und aufrichtig, wenn wir offen unsere Liebe zu dem Lande der Väter, dem Lande unserer Herkunft und Hoffnung, bekunden. Das Wiener Judentum hat das Gebot der Stunde verstanden, welches besagt, daß uns mehr als je Einigkeit not tut! Die Einigkeit des Wiener Judentums kommt in der „Jüdischen Föderation” zum Ausdruck. Die zionistischen, also nationalen, ebenso wie die religiösen Richtungen aller Art haben sich zusammengefunden. Sie bilden heute eine Einheit. Das jüdische Volk von Wien, jene, die nicht nur der Abstammung und dem Geburtschein nach, sondern auch nach ihrem Herz und ihrem Glauben sich als Juden fühlen, das ganze Judentum, also jeder von uns, der von sich mit Recht „iwri unojehi sagen kann, steht hinter dieser Liste. Aber nicht nur Einigkeit lehrt uns diese historische Stunde, sondern auch etwas, das ebenso wichtig, bei diesen Wahlen doppelt wichtig, ist, nämlich unser Verhältnis zu jeder außer jüdischen — und das heißt unjüdischen — Politik. Die Abstimmung vom 29. November 1947 ist da für uns von grundlegender Bedeutung. Was geschah" da 7 Was dürfen wir nie vergessen 7 Nun, wir Juden sind historisch und kulturell, geistig und religiös, wohl ein bedeutsames aber numerisch ein kleines Volk. Wir sind ein kleiner David unter den Goliaths dieser Welt. Und nun dürfen wir mit Freude und zugleich mit Stolz feststellen, daß die Mächte der Welt, man kann sagen, die beiden heutigen Pole der Macht, sich in unserer Frage gefunden haben. Sonst geht ein Spalt durch die Welt. Zwei kontrastierende Lager, Kontinente und Ideologien zugleich, stehen sich derzeit noch immer gegenüber, ln einem Punkte herrscht Einigkeit, herrscht Uebereinstimmung : darin, daß den Juden ihr Recht werden soll. Unsere Frage, die Gerechtigkeit der jüdischen Sache, hat sie geeinigt. Welche Lehre für uns, welche Weisung für alle Zukunft! Beiden Lagern der Welt, Ost und West, Amerika wie Rußland, nicht nur ausschließlich dem einen oder dem anderen, nein, ihnen beiden zugleich schulden wir Dank für unsere Freiheit, für die Errichtung unseres Staates, finden Bau unserer Zukunft. Nie dürfen wir uns also einseitig entscheiden, uns nur dem einen oder anderen Lager verschreiben, immer wollen wir ein Volk der Mitte, der Versöhnung, ein Mittler des Friedens und des Verstehens, sein. Jude sein, das heißt weder nach links noch nach rechts blicken, unserem Gott und unserem Volk dienen, auf jener hohen Warte stehen, die zugleich abseits und oberhalb der Alltagspolitik steht. Wir können es daher nur aufrichtig bedauern, daß unsere K. G. nicht seit heute in die politische Debatte gezogen wurde, daß sieh Zeitungen in Wien und im Ausland mit ihr befassen. Und umsomehr bedauern wir, daß zu diesen Wahlen Listen aufgestellf wurden, deren politischer Uharakter unverkennbar ist. Da ist zuerst die . Sozialistische Liste”, die kein Hehl daraus macht, daß sic eine „Sozialist! sch g e lii h rf e K n 1 tu sg o m e i n de ” will. Sie verspricht ihr Programm mit Hilfe der Sozialistischen Partei Oesterreichs zu verwirklichen. Also sozialistisch das Endziel, sozialistisch die Mittel und nur von einer Kleinigkeit ist keine Rede, vom Judentum als solchen, vom jüdischen Glauben, und jüdischen Volk, von jüdischer Erziehung und jüdischem Staat, denn so etwas kann ja Juden dieses Schlages nur wenig Interessieren. Dazu gesellt sich eine zweite Liste poi fisch er Natur, die sich zwar auch jüdisch nennt, aber gleichfalls politisch anderswo tendiert. Wir kennen zwar die sog. Brill-Liste noch nicht, aber man braucht kein Prophet zu sein, um mit Sicherheit vorauszusagen, daß alle ihre prominenten Kandidaten der K. P angehören. Zwei politische Richtungen ziehen a,so auf, um sich die K. G. "streitig zu machen. Ihr, die eine eminent konfessionelle, religiöse und rituelle Einrichtung darstellt, droht das Schicksal zum Zankapfel zweier feindlichen politischen Brüder zu werden. Das ist vom jüdischen Standpunkt so grotesk und absurd zugleich, daß man tlChn a"> len. Kopf Was soll das heißen. Zeigt plötzlich der Marxismus der einen und anderen Observart religiöses Interesse 7 Oder kann man bezugiieh der Kaschruth, der Mikwe und des Rabbiners, des Schocket und der Chewra Kadischa vom Standpunkte der beiden Parteien entscheiden 7 Sind sie und der Schulchan Äruch irgendwie in Beziehung zu bringen 7 Bestimmt nicht. Es handelt sich da um etwas ganz anderes. Jüdische Werte und jüdische Strebungen sind den beiden Parteien ganz egal. Es handelt sich um rein politische Schachzuge. Glaubt eine Partei, daß die andere in der K. G. bereits Fuß gefaßt hat, so will sie dasselbe tun. Sind"K. P. Juden drin, so soll es dort auch S. P. Oe. Juden geben. Und während sich beide Teile Juden neunen, besorgen sie das politische Geschäft ihrer Parteien. Man wird mir einwenden : dürfen denn Juden keine politischen Ueberzeugungen haben, dürfen sie keiner außerjüdischen politischen Partei angehören 7 O ja, es ist gewiß ihr gutes Recht. Jeder Jude mag es, wenn er will. Er kann einfacher So.dat oder höherer Offizier einer äußerjüdischen Partei sein, er mag sich politisch betätigen und politische Kämpfe fuhren, . aber in rein jüdischen Institutionen ist er damit fehl am Ort. Man kann eben nicht zwei Herren dienen. Die Zugehörigkeit zu einer Partei das ist mehr als ein Parteibuch, das ist Bindung und Unterwerfung, das ist Disziplin und zugleich eine bestimmte Marschroute. Und das hat weder mit einer konressionellen Institution etwas zu tun, noch ist es mit ihr vereinbar. Ich will nicht mißverstanden werden ich spreche damit nicht gegen Parteien und Parteiprogramme als solche. Ich spreche auch nicht gegen irgend eine Einzelperson. Auf beiden Listen, die ich ms Jude ab' Tine, gibt es hochachtbare Menschen, die ich schätze und ehre. Ich achte alle ihre Dualitäten, aber ich spreche ihnen aus obigen Gründen nur eines ab : die Eignung heute im national-reigiosen Leben unseres Volkes irgend eine yu sPic!en. Sie haben ein anderes atigkeitsf e!d, das sie erwählt haben. Ihre und unsere Interessen und Absichten kreuzen sich. Denn wir wollen, daß die K- G. ihrem eigentlichen Zweck dient dein jüdischen Volke, dem jüdischen Glauben, der jüdischen Zukunft. Für sie kommt dagegen mir eines in Befracht: die K. G. zum Stützpunkt ihrer Partei zu machen. Fis ist leicht zu verstehen, welche Gefahr für uns darin besteht, daß die K. G. diese, oder jene politische Farbe bekommt. Denn gehört sie der Partei A an, dann hat sie gegen sich die Partei B, (bortsetzumj auf Seite 4)

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