Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1948
- Issue
- Heft 13 (8.1.1948)
- Date
- 1948-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 1 Schilling fi* (( )/imune V e/lllgemeirL zionistische ft)ochenschvift Monistischer Landesverband Wien ffjT'SSPl rYHn&WlH DER JUDENSTAAT Redaktion und Administration t Wien IX, UnivariHa^sdrafie Nr. 4/4 Telefon A=26.4.73 Postscheckkonto Nr. 134.292 8. Jänner 1948 Erscheint jede Woche Nr. 13 1948 Nach Tagen und Wochen der Aufregung und Spannung, nach dramatischen Schlußrede nund Abstimmungen hat die Vollversammlung der Vereinigten Nationen mit der notwendigen Zweidrittel-Mehrheit beschlossen, die von der Palästina-Spezialkommission vorbereiteten Empfehlungen anzunehmen und damit den Judenstaat im geteilten Palästina ins Leben zu rufen. Die Befürchtungen, die manche hatten, daß Amerika im letzten Augenblick seine eigenen Deklarationen doch nicht ernst nehmen würde, sind erfreulicherweise nicht eingetreten. Die entschiedene Haltung, die es in den letzten Tagen eingenommen hat, haben eine nicht geringe Zahl der schwankenden, unentschiedenen oder gar gegnerischen Staaten bewogen, ihre Meinungen zu ändern und festzulegen und für die eingebrachten Resolutionen zu stimmen. So ist ein Ergebnis zustande gekommen, das dem Schwebezustände des letzten Jahres ein Ende macht ein Ergebnis, das zwangsnotwendig kommen mußte, nachdem an den Räumungsabsichten Englands nicht mehr zu zweifeln war und nachdem ebenso klar wurde, daß die Vereinigten Staaten von Amerika nicht die Absicht hatten, das Erbe Englands und seine Funktionen als Mandatarmacht, als ausgleichender Dritter für kürzere oder längere Zeit anzutreten. So mußten das jüdische und das arabische Volk Palästinas auf eigene Füße im Rahmen staatlicher Selbständigkeit gestellt werden. Ein Traum wird Wirklichkeit Der Beschluß der Vereinigten Nationen hat im Jischuw große Freude ausgelöst. Das Gefühl der Ungewißheit und Spannung wich und ein warmes Gefühl von Freude, Stolz und Selbstvertrauen trat allenthalben an seine Stelle. Der natürliche Volksinstinkt spürte, daß eine für das Leben des jüdischen Volkes erstrangige Entscheidung gefällt, daß ein Traum von Jahrhunderten und eine große Vision Wirklichkeit werden sollen. Fast auf den Tag, im Jahre 1897, also genau vor 50 Jahren, schrieb Herzl anläßlich des ersten Zionistenkongresses in Basel in sein Tagebuch : „In Basel gründete ich den Judenstaat. Wenn ich es heute aussprechen würde, würde man es mit Gelächter aufnehmen, aber von jetzt iin 50 Jahren wird die Wahrheit dieser Behauptung verstanden und allgemein anerkannt werden.” Und in der Tat hat der erste Zionistenkongreß, hat Theodor Herzl die Grundlagen des nationalen Heimes und des zukünftigen Judenstaates gelegt. Nach Herzl kam Balfour, der große englische Staatsmann und Freund des jüdischen Volkes, der die Völker der Welt zum ersten Male bewog, dem Judentum als Volk und Palästina als seiner Heimstätte ihre Anerkennung zu geben, kam Chaim Weizmann, der wahre Führer dieses Volkes durch gute und schlechte Zeiten, der Mahner und Lenker und der Mehrer des Werkes. Die zionistische Idee hat ihren Gang durch die Welt angetreten, um von Jahr zu Jahr sich als richtiger und notwendiger zu erweisen. Die Fundamente des Erneuerungswerkes sind gelegt worden um von Jahr zu Jahr zu wachsen und durch ihre Realität und ihre Stärke nach 50 Jahren die staatliche Anerkennung zu ermöglichen. Die gewaltige Aufgabe Durch die Beschlüsse der Vereinigten Nationen ist der internationale und juristische Rahmen des Judenstaates geschaffen worden, das Werk selbst aber muß noch getan werden. Das jüdische Volk in seiner Gesamtheit, aber insbesondere der Jischuw ist vor eine gewaltige Aufgabe gestellt worden, vor eine Bewährungsprobe von fast gigantischen Ausmaßen. Der Judenstaat ist kein Ziel und Selbstzweck, er ist Leistung und Aufgabe. Sein Sinn und Wert wird nach dem bemessen werden, was wir aus ihm zu machen imstande sind. Das große der zionistischen Bewegung war immer, daß sie eine realistische und idealistische Bewegung in einem war. Realistisch in dem Sinne, daß sie die unabdingbare Notwendigkeit proklamierte, Zion und dadurch das jüdische Volk wieder aufzubauen und idealistisch in dem Sinne, daß sie durch Zion wieder das jüdische Volk seiner inneren Gesundung und Renaissance zuführen wollte. Die Aufgabe bleibt auch in neuer Gestalt unverändert : Sammlung, Bau, Regeneration. Gewaltige Aufgaben nach Innen und außen, innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne. Nach innen : das administrative Gerüst muß geschaffen werden. Wir werden uns dabei an viele und gute Kräfte anlehnen können, die heute bereits in nationalen Institutionen, Munizipalitäten, Gewerkschaften wirksam sind. Jede Kraft, die beitragen kann, sollte willkommen sein. Dieses Gerüst soll das Gesicht der Freiheit tragen. Der Freiheit und des Fortschritts. Diese Freiheit wird heute gestört durch Gruppen, die sich anmaßen, der Gesamtheit das Gesetz ihres Handelns aufzuzwingen. Das erste Gebot der Stunde ist, die Autorität des nationalen Gesamtwillens wieder herzustellen und aus unserer Mitte zu bannen, den Terror, die Lynchjustiz, den Zwang und die Erpressung. Der Jischuw wird gewaltige organisatorische und finanzielle Anstrengungen machen müssen, um das organisatorische Gerüst zu bauen, gleichzeitig aber einer großen Neueinwanderung mit all ihren schweren Problemen neuen Raum zu schaffen. Die öffentlichen Kassen des Jischuw sind heute leer, der Jischuw allein wird sie auch mit größter Opferwilligkeit nicht füllen können. Jetzt wird es sich erweisen müssen, was die stärken und großen Sympathieerklärungen des Weltjudentums wert sind. In der Vergangenheit waren wir oft gewöhnt, das Gute, das geschah, uns zuzurechnen, das Schlechte auf das Konto der Regierung zu verbuchen. Der Sündenbock ist dahin und mit ihm die doppelte Buchführung. Es wird zweifelsohne einen inneren Gesundungsprozeß bedeuten, daß wir beides — das Gute und das Schlechte — nun selbst zu verantworten haben werden. All unsere Arbeit und unsere Bemühungen werden aber in den nächsten Monaten und insbesondere nach Abzug des englischen Militärs begleitet und umschattet sein von den Fragen des Schutzes und der Sicherheit unseres weit verstreuten Siedlungswerkes und überhaupt unserer Grenzen. Und dabei kommen wir zu den /Aufgaben, die nach außen gerichtet sein müssen. Notwendigkeit neuer Orientierung Auf uns selbst gestellt, losgelöst von der traditionellen Bindung der zionistischen „Außenpolitik”, unserer Orientierung auf England und auf das britische Empire, müssen wir unsere internationale Position neu überdenken, Verbindungslinien neu schaffen, Freundschaften und Rückendeckung neu suchen oder alte wieder befestigen. Jedem Staate wird heute aufoktroyiert eine weltpolitische Zuordnung, von jedem wird eine weltpolitische Einordnung in bestehende Fronten und Machtsysteme verlangt. Es ist noch zu früh richtig abzuschätzen, was sich in den letzten Monaten und Wochen für uns weltpolitisch ereignete: wie tragfähig und folgenreich Amerikas pro-zionistische Deklarationen sich im kommenden Jahrauswirken werden - ob sie nur Wahlgesten waren zur Gewinnung des jüdischen Wählers oder ob sie sich jetzt umsetzen werden in ein großzügiges finanzielles, wirtschaftliches u. sicherheitspolitisches Hilfswerk. Wie sich die russisch-amerikanische Zusammenarbeit gestalten wird, nachdem Rußlands Ziel, England aus Palästina zu entfernen, erreicht ist. Wie England seine Abzugstermine und Abzugsformalitäten regeln wird, nachdem die politische Entscheidung gefallen Ist — ob es nicht doch eine hilfreiche Hand geben wird, sei es durch mäßigende Einwirkung auf arabische Staaten, sei es durch eine positive Zusammenarbeit mit der UNO-Kommission. (Die letzte Erklärung des britischen Vertreters in Lake Sucoess deutet darauf hin.) Alles das sind Fragen, die wir mit viel Aufmerksamkeit, Energie und Takt werden zu behandeln haben. Aber die Hauptfrage unserer Außenpolitik wird doch bleiben die Regelung unserer Beziehungen zu den arabischen Staaten. Die Aussichten und Möglichkeiten, mit der arabischen Umwelt in geordnete Beziehungen zu kommen, sind im Augenblick gering. Dennoch darf kein Versuch ungeschehen bleiben,, der auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg verspricht. Rückschläge und Enttäuschungen, und seien sie auch noch so bitter, dürfen uns nicht veranlassen, unsere Bemühungen aufzugeben. Es gilt jahrelang Versäumtes nachzuholen und wieder gut zu machen. Es gilt umzudenken und neu zu denken. Das gilt insbesondere für unsere Beziehungen mit unseren arabischen Mitbürgern im gemeinsamen Staate. Die Art, wie wir das tägliche Zusammenleben mit ihnen gestalten werden — auf der Basis der Gleichschaltung und Gleichberechtigung — wird allmählich von außerordentlichem Einfluß sein auf unsere Beziehungen zur arabischen Welt überhaupt. So stehen vor dem jungen Staate, vor uns allen ungeheure Aufgaben. Unser Weg wird kein einfacher sein. Von Gefahren von innen und außen umgeben, hineingesetzt in eine komplizierte und explosive Weltsituation, treten wir unseren Weg an. Wir sind vor eine große, mächtige und schicksalsschwere Aufgabe gestellt worden. Möge ein gütiges Schicksal uns die Kraft geben, dieser großen historischen Aufgabe, der Errichtung des Judenstaates gerecht zu werden. Laßt uns nun alle zusammenstehen! Unser Jüdenstaat wird entstehen, er wird bestehen und nie mehr untergehen 1 M. K.