Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 12 (20.12.1947)
- Date
- 1947-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 2 Ü)ie Stimme Nr. 12 L nd nun, wo wir vom höchsten herum der Welt als Volk und Nation anerkannt sind, danket! wir allen die zum Zustandekommen dieses großen urd schwierigen Werkes ihr Bestes beigetragen haben. Wenn wir heute die Errichtung unseres freien unabhängigen Judenstaates feiern, so können wir mit Stolz in die V eit rufen : Nicht die Gewalt, nicht die Macht der Waffen, sondern das historische Recht das moralische Recht, das menschliche Recht, das ewige Recht war es, das uns zum Ziele geführt hat. Dieser unser Staat möge den Lnglücklichen zum Wohlc, niemandem zum Trutz und allen Juden zur Ehre gereichen, würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm unvergänglich ist. Wir lieben den Frieden und so wollen wir einziehen in das wiedererstandene Judea, — in unsere uralte Heimat Erez Israel.” Ministerialrat Dr. Sobek, der Vertreter der Österreichischen Bundesregierung überbrachte Grüße der österreichischen Regierung, würdigte das große historische Ereignis in Hinblick auf eine bessere Zukunft des jüdischen Volkes, das nun vor der großen Aufgabe stehe, die Verbindung mit der ganzen Welt durchzuführen. Unter großem Beifall wünschte er im Namen der Regierung sowie auch im Namen der politisch Verfolgten, den Juden und ihrem neuen Staate recht viel Glück. Direktor Haro’d Trabe des American Joint Distribution Commitee in Oesterreich, würdigte das große Ereignis ur.d erklärte, daß die amerikanischen Juden, die bisher schon soviel zum Aufbau Palästinas und der bedrängten Judenheit beigetragen haben, nun erst recht alles daran setzen werden, um unseren jüdischen Staat aufzurichten und groß zu machen. Präsident Brill der isr3el tischen Kultusgemeinde in Wien, führte aus, daß die Juden ein lebender Beweis dafür sind, daß Geist und Gesittung mehr ist als alle Gewalt auf Erden. Wir sind durch eine Hölle geschritten, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Und jetzt, wo wir unseren eigenen Staat haben, möge sich die Welt vor Augen halten, daß keine Gewalt den Geist unterdrücken kann. Direktor Ernst Stiissny begrüßte die festliche Versammlung im Namen des W orld fewish Gongress und führte aus, daß nun auch Platz geschaffen werden müsse für die Vertreter des neuen, freien jüdischen Staates und daß für diesen Staat und seine sichere und glückliche Zukunft, besonders die jüdische Jugend ur.d viele tausende jüdischer Männer ihr Lehen einsetz.cn wollen. Hierauf ergriff der Direktor der Jewish Agency in Oesterreich Dr. Baruch jfoffe das V.ut urd richtete im Namen der zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency for Palestine die folgenden Worte an die Festversammlung : „\\ ir feiern diesen Tag mit dem Gefühl tiefster Dankbarkeit gegenüber den 33 Nationen und ihren Vertretern, die die Notwendigkeit erkannten, ein Unrecht am jüdischen Volk gutzumachen, diesem seit zwei Jahrtausenden heimatlosen Volk durch Wiedererrichtung seines Staates in Palästina, in die Gemeinschaft normaler Völker zurückzuführen. Besonderen Dank empfinden wir gegenüber den großen Nationen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, ohne deren Zusammenarbeit eine positive Lösung unserer Frage nicht hätte gefunden weiden können. Wir alle hoffen, daß die Nationen, die Großen wie die Kleinen sich mit dieser Abstimmung nicht ihrer Aufgabe uns gegenüber als ent- Udigt betrachten, sondern auch weiterhin ihre hilfreiche Hand beim Werk und Aufbau unseres Staates und seiner Verteidigung reichen werden. Wenn wir hier in Wien zusammentreten, um den Beschluß der Vereinten Nationen zur Errichtung des jüdischen Staates festlich zu begehen, gedenken wir vor allem jenes großen Sehers, der vor mehr als fünfzig Jahren von dieser Stadt aus gekündet hat : „Der Judenstaat ist eine politische Notwendigkeit, und deshalb wird er erstehen.” Dr. Theodor Herzl hat nicht nur den „Judenstaat” verfaßt, nicht nur den genialen Gedanken gezeugt und geformt, er tat mehr als das : er schuf den Apparat zur Verwirklichung dieses Gedankens. Er errichtete die Zionistische Organisation, die während dieser fünfzig Jahre „Der Staat unterwegs” war und uns zum heutigen Erfolg führte. In seiner Genialität sah Herzl nicht nur die Notwendigkeit der Errichtung des jüdischen Staates voraus, er verkündete auch mit seinem prophetischen Blick die Bedingungen und den Zeitpunkt der Errichtung des Judcnstaafes. Ehre dem Angedenken dieses großen Künders und Schöpfers Theodor Herzl. In der Geschichte unseres Volkes gab cs wohl noch nie eine Stunde, in der es auf Einsatz aller Kräfte, der körperlichen wie der geistigen, mehr ankam als jetzt. Laßt uns zusammenstehen in einem Lager, im Lager der Bauenden im Haus Israels, in unserem Lande. „In heiterem Gesang laßt uns Schulter an Schulter stehen im Dienste am Volk.” Wir hoffen und beten, daß sich unser Volk dieser großen Stunde der Verwirklichung als würdig erweisen möge, daß es vereint im Geiste und in der Kraft im Stande sein möge, die schwere Last empor zu heben, sich in seiner Gesamtheit für das Aufbauwerk zu mobilisieren und zu siegen. Wir hoffen, daß der Beschluß, desseawegen wir uns heute hier versammelten, es uns jetzt ermöglichen wird, diese Aufgabe bald zu erfüllen. Daß er allen unseren Brüdern und Schwestern, die heute mit uns versammelt sind und die vielen, die heute nicht unter uns weilen, vergönnt sein möge, sich anzuschließen der Gemeinschaft der Bauenden an der Heimat, am Jüdischen Staat, in Erez Israel. Als letzter Redner sprach, von Beifall begrüßt, der Scheliach aus Eres Israel M. Horowitz und bczeichnete angesichts dieses größten historischen Ereignisses seit zweitausend Jahren, als die höchste Aufgabe, die Sicherung und Festigung unseres jüdischen Staates in Zusammenarbeit mit allen Ländern des nahen Ostens. Nach Anzünden der Chanukaliehter durch Oberkantor Morgenstern und herrlichen Darbietungen des jüdischen Kinderchors und erlesener jüdischer Künstler wurde die historische Festversammlung nach Absingung der Hatikwah unter dem Jubel der Anwesenden geschlossen. »•yw1, mm Der Gang zum Grabe Herzls Die Feiern Als Sonntag morgens den 30. November die Errichtung des Judenstaates in Wien bekannt wurde, war der erste Ruf „Auf zum Grabe Herzls 1 Laßt uns dem toten Verkünder und Propheten, dem Wegweiser und Befreier Dank sagen!” Und Sonntag, den 7. Dezember schon zeitig früh konnte man eine Massenwanderung zum Döblinger Friedhof beobachten. Eine unübersehbare Menge hatte sich vor dem Friedhoftore eingefunden und in den Zufahrtstraßen standen noch große Züge mit Zionsfahnen und Transparenten. Ein großes Aufgebot von Polizei und Ordnern mit blau-weißen Binden sorgte für einen geordneten Aufmarsch, an dem nicht nur die zionistischen Organisationen, sondern auch die meisten andern jüdischen Organisationen teilnahmen. Stumm und doch freudigen Herzens zogen die jüdischen Massen an der Ruhestätte Dr. Theodor Herzls vorbei und diese stumme Huldigung dauerte mehr als drei Stunden. Es war der Dank des Galuth für die Erlösung. der Israelitischen Gleich nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses wurde auf dem Gebäude der israelitischen Kultusgemeinde Wien am Schottenring die jüdische Flagge gehißt. Am folgenden Samstag, den 6. Dezember fand im Stadttempel ein Festgottesdienst statt und für Sonntag, den 7. Dezember wurde eine Festsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde einberufen. In dieser Sitzung hielt der Präsident der Kultusgemeinde, David Brill, die Festrede. Nach einem großen historischen Lieberblick und besonderer Würdigung der Persönlichkeit und der großen Tat Theodor Herzls, schloß er mit den Worten : „Die Bibel und in ihr die Verfassung des jüdischen Staates, stellt den ersten Versuch der Welt dar, die soziale Frage zu lösen. Sie bemüht sich mit aller Kraft, den Armen und Elenden zu helfen; sie gebietet, den Sklaven nach sieben Jahren freizulassen; sie befiehlt, daß der Eigentümer des Feldes keine Nachlese halten darf, sondern daß diese dem Besitzlosen gehört; sie ordnet den Nachlaß der Schuld nach einem bestimmten Zeitraum an, sowie die Rückgabe des verkauften Besitzes im Jubeljahr an den früheren Eigentümer oder dessen Erben. Sie wollte auf diese Art Armut und Kultusgemeinde Elend aus dem jüdischen Staate verbannen. Getreu diesen Grundsätzen waren wir in unserer ganzen Geschichte und namentlich in der der beiden letzten Jahrhunderte, Kämpfer für Freiheit und Recht und Streiter gegen Unterdrückung und Reaktion. Hoffen wir, daß auch der neue Staat ein Staat sozialer Gerechtigkeit werden wird, In welchem alle, mögen bei uns Juden oder Araber oder wer immer wohnen, Brüder sein werden. Mögen die besten und gerechtesten Ideen der Menschheit im neuen Staate ihrer Verwirklichung entgegengehen. Möge ein Staat entstehen, in dem es nicht Unterdrücker und Unterdrückte, nicht Glanz auf der einen und Elend auf der anderen Seite gibt, sondern ein Land, in dem Gleiche mit Gleichen wohnen, ein Land, das ein Flort der Freiheit, Gleichheit und des Friedens werde. Dann werden wieder die Flöten, Harfen und Zymbeln die uralte Weise in einer Variation anstimmen : „l ut euch auf ihr Pforten, denn Israel zieht wieder ein und Juda kehrl wieder heim.” Dann wird auch das Wort der Bibel : „Denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes aus Jerusalem” sich abermals erfüllen. Und in diesem Sinne rufe ich aus : Dem neuen Staate Glück und Segen! Es lebe der jüdische Staat!”