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Die Stimme · 1947-11-20 · Heft 10 (20.11.1947) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
1947
Issue
Heft 10 (20.11.1947)
Date
1947-11-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seife 2 Ü)ie Stimme Nr. 1 Unsere '<tvinim e Chaluzim Ueber Initiative der zionistischen Föderation in Wien wurde — wie wir an anderer Stelle erwähnen — der Britb jetzt erst recht der wichtigste Begriff im Irgunim Chaluziim gegründet. Chaluz ist jüdischen Geschehen, Wir wollen gerne annehmen, daß es jetzt keinen Juden mehr gibt, der nicht wüßte, was die chaluzische Bewegung für das Aufbauwerk in Erez Israel geleistet hat. Alles was dort geschaffen wurde und heute ist, haben wir in erster Linie den Chaluzim zu verdanken, die unerschrocken in malariaverseuchte, wüstenartige Gebiete eingedrungen sind, um lebensfähige Jishuwim zu gründen. Es ist das erstemal in der Geschichte, daß ein Staat nicht durch Gewalt, sondern einzig und allein durch Arbeit errichtet wurde. Es ist nicht die Schuld des Chaluz, daß verhältnismäßig wenig Land erworben werden konnte, es ist die Schuld des ganzen jüdischen Volkes. Unser Volk mußte die vermeintliche Verwurzelung in den verschiedenen Heimatländern mit einer mehr als grausamen Entwurzelung eines Drittels dieses unseres Volkes bezahlen. Jüdisch-Palästina würde heute ganz anders ausschauen, wenn das jüdische Volk dem Rufe der zionistischen Bewegung in den Jahren 1918 bis 1938 gefolgt wäre. Es wäre aber auch ein großer Fehler zu glauben, daß mit der Errichtung des Judenstaates, der Chaluz überflüssig würde; ganz im Ge- .genteil, die größten Aufgaben stehen der chaluzischen Bewegung noch bevor. Die Kolonisierung und Fruchtbarmachung des Negew stellen uns noch vor eine grandiose Aufgabe, die nur mit Hilfe von jungen Enthusiasten ausgeführt werden kann. Wichtig ist auch, daß der chaluzische Geist eindringe in die hunderttausende Juden, die jetzt vor den Toren Palästinas warten; ohne diesen Geist würde eine Masseneinwanderimg für den kleinen jüdischen Jishuw in Palästina zu einer Katastrophe werden. Die Aufgabe des jetzt gegründeten Brith Irgun Chaluziim, der ein gemeinsames Instrument aller chalhizischen Organisationen bildet, ist, gemeinsam die großen bevorstehenden Aufgaben zu lösen und zu erfüllen. Es ist die Pflicht der zionistischen Föderation und der ganzen zionistischen Öffentlichkeit, die Bestrebungen djs Brith Irgun im Chaluziim im weitesten Maße zu unterstützen und zu fördern. Leider müssen wir feststellen, daß die Tätigkeit des Brith Irgunim Chaluziim in Wien beschränkt ist auf die durchziehenden Juden in den Lagern und die osteuropäischen Juden, die sich auf dem Wege nach Palästina befinden. Wir sagen leider, weil die jüdische Jugend Wiens bisher nicht die Haltung gezeigt hat, die wir heute von der jüdischen Jugend der ganzen Welt erwarten müssen. Jüdische Jugend Wiens wo bist Du? Palästina ruft zur Arbeit und zum Kampfe 1 Höchste polnische Auszeichnung für Dr. Josef Tennenbaum Die polnische Regierung hat dem Präsidenten des Verbandes polnischer Juden in Amerika, Dr. Josef Tennenbaum, die höchste Auszeichnung, den Orden „Polonia restituta” verliehen. Im Rahmen einer Feierlichkeit, an der auch zahlreiche polnische und amerikanische Persönlichkeiten teilnahmen, überreichte der Gesandte der polnischen Republik Josef Winiewicz dem Präsidenten Dr. Tennenbaum die Auszeichnung. Die Tochter Prof. Leon Kellner's erzählt von ihrer ersten und letzten Begegnung mit Herzl Herzl und ein Kind Von Paula Arnold Ich sah Herzl zum ersten Mal, als ich elf Jahre alt war, und zum letzten mit achtzehn. Während dieser sieben Jahpe war er mein Tdol, und die Bewegung, die er geschmiedet hafte, erfüllte mein ganzes Wesen. Daher sind meine spärlichen Erinnerungen nach fünfzig Jahren noch frisch und grün. Bald wird cs niemanden mehr geben, der ihn kannte, und so mögen diese ganz unbedeutenden Notizen doch ihren bescheidenen Wert haben für die Pcrpetuicrung einer Persönlichkeit, geeignet wie wenige, zur Legende zu werden. Die zwei Doktoren Der Zionismus war in seinen Anfängen als staatsgefährlich verschrien und daher mit einem geheimnisvollen Nimbus umgeben. Meine Eltern waren auswärts, die Mädchen zu Bette gegangen, und ich benützte die Gelegenheit, einen verbotenen Roman zu lesen. Es läutete — um elf Uhr nachts! — und durch das Guckloch erblickte ich zwei Herren in Pelz und Melone, der eine mit Mopsgesicht und hängendem Schnurrbart, der andere groß und unwahrscheinlich schön, mit schwarzem Bart und blitzenden Äugen. Der Stattliche zog vor dem kleinen Mädchen den Hut bis zur Erde und fragte in einem klangvollen Bariton, der sofort mein Herz gewann, nach meinem Vater. Als Ich sagte, er sei nicht zuhause, gab er mir auf, ohne einen Namen zu nennen, ich möge ausrichten, zwei Doctores juris seien dagewesen. Wie geheimnisvoll und romantisch! Von Stund an liebte ich Herzl, und Dr. Kokesch, der zweite „doctor juris”, war ganz und gar vergessen. „Verschwinde V* Herzl kam in den folgenden Jahren oft Zutuns, und ich zappelte im Kinderzimmer, in Hoffnung und Bangen — denn wenn ich auch manchmal gerufen wurde, um meinen Knicks zu machen, mußte ich meist sofort wieder gehen, ohne daß sich irgend etwas weiter ereignet hätte. Wir waren viel zu streng erzogen, als daß ich es gewagt hätte, meinem Abgott im Vorzimmer aufzulauern, wenn erging. Einma laber, ich war im dreizehnten Jahr, kam mein Vater zu mir in’s Zimmer und fragte mich, ob ich mir zutraue, einen ordentlichen Tee zu servieren. Meine Mutter war verreist und die Mädchen in der Waschküche. Mit klopfendem Herzen und zitternden Händen richtete ich den Teewagen — glücklicherweise gab es hausgemachte Gansleberpastete, Herzls Lieblingsspeise! — und nahm meine krauseste weiße Schürze um. Als ich mit dem, wie ich heute noch glaube, sehr nett hergerichteten Tee erschien, sprach mein Vater zwar kein Wort, Spartaner, der er war, aber Herzl warf ihm einen Blick zu, den ich nicht vergesse, und sagte : Kellner, was haben Sie da für ein prächtiges Hausmü(ferchen!” O weh, dies Lob jagte mich aus dem Paradies. Ohne diese gut gemeinten Worte hätte mich mein Vater wohl aufgefordert cinzuschcnkcn, und ich hätte wohl eine Weile bleiben dürfen. Aber da er seine Ansichten darüber hatte, was Lob vor Kindern betraf, erwiderte er bloß : ,Ja, sie geht an. So, jetzt verschwinde!” Und mit höchst unkindlichen Gefühlen für meinen sonst verehrten Vater verschwand ich. Das erste Abendkleid Es war weiß und ich war noch nicht sechzehn. Es war eine besondere Gelegenheit, eine Smolenskyfeier, hei der mein Vater die Festrede hielt. Nachher sang ein Chor der Wiener Hofoper den „Psalm” meines Vaters in der Vertonung von Ignaz Brüll, und schließlich sprach Herzl ganz kurz, improvisiert, zu den „noch nicht zionistischen” Zuhörern, wie er sagte. Es war der Herbst 1900, und er erklärte, wie der Zionismus „mehr terrär” geworden sei — ich sehe noch das leichte Lächeln und die Erdwärtsbewegung der linken Hand - wie er „aus dem Wölkenkuckucksheim auf die feste Erde herabgestiegen sei.” Für mich war es ein großer Abend — ich hatte weder Herzl noch meinen Vater vorher öffentlich sprechen hören. Dann saßen wir an einem Tische mit Herzl beisammen ----- nicht bei Champagner, es war ein einfacher Nußberger! — und ich merkte, daß leise über mich gesprochen wurde. Frau Herzl fand — das einzige, was ich hören konnte, ich sähe aus „wie ein Bonbon”, was ,mhh nicht wenig ärgerte. Aber was Herzl über mich sagte, habe ich nie erfahren. Persönliche Korrespondenz In demselben Jahr war meine jugendliche Ungeduld auf Fieberhitze gestiegen. Ich wollte Verwirklichung — die große Wanderung sollte beginnen — und es gab so manchen älteren und weiseren Kopf, der nicht anders dachte. Greifbare Erfolge um jeden Preis — so tönte es Herzl in die Ohren. Ich hätte ihn so gern selbst gefragt — aber es war undenkbar für meines Vaters Tochter. Da bot sich eine Gelegenheit, als ich für ein paar Wochen zu meiner alten Großmutter nach Bielitz geschickt wurde, einer kleinen Provinzstadt. Ich schrieb einen vier Seiten langen Brief, in dem ich mein grünes Herz vollkommen bloßlegte, und da ich in meiner Naivität keine Ahnung davon hatte, daß man Briefe postlagernd kommen lassen kann, verschleierte ich meine Identität so weit, daß Herzl nicht wissen konnte, wer ihm schrieb, daß aber der Briefträger mir doch die Antwort zustelh-t konnte ich unterschrieb Philipp Kehl ncr und legte eine an P. Kehlner adressierte Postkarte bei. Hier die Antwort die mich ganz glücklich machte (Ich versichere Sie, daß alles gefat wird, was in unseren Kräften steht, un unser Ziel zu erreichen und daß es, meiner innersten Ucberzeugung nach, erreicht werden wird. Soweit hatte kl selbst geschrieben, ganz obe nanfangend damit Herzl in seiner Höflichkeit nicht vielleicht überschrieb, „Sehr geehrter Herr Dann folgt in Herzls eigener Schrift Aus vollster Ueberzeugung unterschrieben Herzl. 30. XI. 1900) Wenn ich das v-crg.lbte Papier an sehe steigt das Kinderherz wieder in mir auf, Hier sitze ich in Palästina, dank seinem Werke, und seine Gebeine liegen in fremder Erde. — Letztes Zusammentreffen Es fand beim Chanukkaball der Studentenschaft im Januar 1904 statt. Herzl war sehr spät gekommen und sah so gelb und erschöpft aus, daß mir bei seinem Anblick das Herz stehen blieb. Fr saß still an der Brüstung seiner Loge, aber die Menge klatschte rasend und rief immer wieder: „Reden! Reden!” Ich bemerkte Kokesch hart neben mir, Arme herabhängend, Lippen hart zusammengepreßt. Ich wußte wohl, daß er (im Gegenteil zu meinem Vater) zu jenen gehört hatte, die das Ugandaprojekt bekämpft hatten. So sagte ich mit jugendlicher Gedankenlosigkeit und Schnippigkeit zu ihm : „Warum applaudieren Sn nicht, Sie Hochverräter?” Ich war sta’r und nicht wenig beschämt, als der alternde Mann sich leiden;'rhaftl Ich zi^mirwendete und dem unbedeutenden Backfisch zurief : „Mich nennst Du Hochverräter 7 Das ist der Dank für harte Arbeit und lange Treue! Ich ein Verräter? Dort sitzt der Verräter, dort!” Und er hob die geballte Faust in einer rasenden Gebärde gegen Herzl. Ich wurde fast ohnmächtig vor Schreck, und als ich den nichtsahnenden Gegenstand dieses Wutausbruches betrachtete, sah ich, daß er pantomimisch iandeutete, er könne nicht sprechen. Als das Klatschen und die Zurufe nicht aufhörten, stand er schließlich auf und sagte mit so schwacher Stimme, daß sie kaum bis zu uns in die Mitte des Saales drang: „Ich danke für den freundlichen Empfang. Ich weiß, was Sie damit sagen wollen. Es tut mir leid, daß ich nicht sprechen kann.” Dies waren die letzten Worte, die ich von ihm hörte, und so viel ich weiß, war es auch sein letztes öffentliches Auftreten. Ich sah ihn auch nie wieder. Jahreskonferenz des Keren Hayessod Mittwoch, den 29. Oktober 1947 fand In Jerusalem die Eröffnung der Jahres- Konferenz des Keren Hajessod statt. An dieser Konferenz nahmen mehrere zionistische Veteranen, sowie führende Persönlichkeiten Palästinas und der nationalen Institutionen teil. Der Habimah-Saal war mit zionistischen Fahnen geschmückt, in deren Mitte ein großes Bild Dr. Theodor Herzl’s hing. L. Jafe, Mitglied des Direktoriums des Keren Hajessod eröffnete die Konferenz und gab einen Ueberblick über die 27 jährige Tätigkeit dieses so überaus wichtigen Fonds. In seiner Rede wies Jafe darauf hin, daß während dieses Zeitraums das jüdische Volk mehr als 22,000.000 Pfunde für das Aufbauwerk Palästinas aufgebracht hat, wozu noch Eingänge aus anderen Aktionen und Spenden in der Höhe von 11,000.000 Pfund kommen. Diese Beträge sind, angesichts der furchtbaren Volkstragödie, der großen Not und der Aufgaben, die wir vor uns haben, und insbesondere in Hinblick auf den gewaltigen Raub den die Nazi an jüdischem Hab und Gut begangen haben, gering. Und dennoch haben die Juden mit den relativ geringen Mitteln die Grundlagen für den Aufbau ihrer Heimat geschaffen. Der Finanzdirektor der Jewiish Agency, Kaplan, wies auf die großen Aufgaben hin, die der Jishuw während der Uebergangszeit und in der Folge zu erfüllen haben wird und forderte größere Anstrengungen als bisher, um tausende Flüchtlinge in der Industrie und im Handwerk einordnen zu können. David Ben-Gurion rief den Jishuw auf, seine Kräfte zu mobilisieren, um die Sicherheit des Landes', die Verstärkung der Einwanderung und Kolonisation, die Befestigung der Siedlungen und der nationalen Institutionen zu gewährleisten,, sowie freundliche Beziehungen zu den Arabern zu unterhalten. Ben Gurion betonte, daß der jüdische Staat nicht nur für die Juden Palästinas sondern für das ganze jüdische Volk gebaut werde. Im weiteren Verlauf seiner Rede, hob Ben Gurion noch die loyale Haltung der arabischen Führer, die sich nicht von der Mufti-Politik leiten lassen und den Frieden propagieren, hervor. Bei dieser Gelegenheit zitierte Ben Gurion eine Deklaration des König Abdullah, welche den wahren Willen der arabischen Bevölkerung zum Ausdruck bringt u. zw. freundliche Beziehungen mit den Juden zu unterhalten. Schließlich wies Ben Gurion darauf hin, daß die Eigenstaatlichkeit natürlich nicht auf einem silbernen Teller präsentiert werde. Wir haben kein n leichten Weil vor uns. Wir müssen wohl für die uns im Verlaufe der UNO-Konferenz bekun dete Sympathie dankbar sein, doch dürfen wir nicht zu große Hoffnungen auf die Hilfe Anderer legen.

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