Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 3 (5.9.1947)
- Date
- 1947-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 ZDie Stimme Nr. 3 pillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll!lllllllllllllllllllllllllll;llllli!lllll!l!ll!lll!lllllllllllllllllllllllllllllllll!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHJ. | Neues aus Palästina § (Digesf.) Ueber 500 demobilisierte tschechische Soldaten und ihre Familien sind am 28. Juni d. 1 in Haifa an Bord des Schiffes „Providence“ angekommen, um sich in Palästina niederzulassen. Der Hochkommissar für Palästina erklärte, dab 70° o aller Einkünfte der palästinensischen Regierung von jüdischen Steuerzahlern stammen, während 69 "o der Ausgaben dieser den Arabern zugute kommen. In der Nähe von Rechovot wurde ein Ferienheim für 70 Arbeiter eingeweiht. Ein grober Teil des Negev, der dem jüdischen Nationalfond (KKL) gehört, wurde anläblich der 50. Wiederkehr des von Doktor Theodor Herzl einberufenen ersten Zionistenkongresses nach Theodor Herzl benannt. Es handelt sich um das südlichste Gebiet Palästinas, das von Juden besiedelt ist. Das Wirtschaftsdepartement der Jewish Agency hat ein Handelsabkommen mit der Tschechoslowakischen Republik getroffen, dem- Tschechoslowakischen Republik geschlossen, demzufolge 75 Tonnen konzentrierte Fruchtsäfte geliefert werden sollen. Für 50 Tonnen Säfte verpflichtete sich die CSR. im Kompensationswege Papier und Holz für die Verpackung von Cytrusfrüchten und Porzellan zu liefern. Im Laufe des vergangenen Jahres wurden 750.000 Bäume auf einem Raum von 3850 Dunam (über 900 Ar) gepflanzt. Die Pflanzungen sind über das ganze Land verteilt, von Ober-Galiläa bis zum Negew, in welchem speziell ausgedehnte Aufforstungsexperimente gemacht werden. Bei dem im vorigen Monat in Prag stattgefundenen Musikfestival waren auch palästinensische Musiker vertreten. Georg Singer leitete ein Symphoniekonzert. Auf dem Programm stand, unter anderem auch Mark Lavry’s ,,Emek". Der Pianist Frank Pollak spielte ein Konzert von Mozart. Der 18-jährige Sigi Weisenberg aus Jerusalem erhielt, auf dem vom Philadelphia-Orchester veranstalteten Wettbewerb — vor 67 anderen Teilnehmern — den ersten Preis. Der Preis besteht in dem Privilegium, in der nächsten Saison mit dem Philadelphiaorchester als Solist auftreten zu dürfen. Mit Bronislaw Hubermann verlor die jüdische Welt nicht nur einen ihrer bedeutensten Geiger, sondern auch den Begründer und Förderer des palästinensischen Symphonieorchesters. Mit der Machtergreifung Hitlers wurden viele bedeutende jüdische Musiker Deutschlands brotlos. In aufopfernder Arbeit gelang es Hubermann diesen aus ihren Heimen gerissenen Menschen ihr Selbstvertrauen und eine neue Heimat zu geben, indem er das grobe palästinensische Orchester schuf. Er tat es, um der Liebe des jüdischen Volkes zur Musik gerecht zu werden, aber auch um der Welt zu zeigen, dab ein Volk, das neben der Schaufel das Gewehr immer bereit haben mub, das Verständnis für Musik, das es im Wohlstand Europas und Amerikas zeigte, nicht verloren hat. Der gröbte Dirigent unserer Zeit, Arturo Toskanini, zollte den Bemühungen Hubermanns die gröbte Anerkennung, dab er das erste öffentliche Konzert leitete, ohne ein Honorar anzunehmen. Das palästinensische Judentum bedauert zutiefst das Ableben Hubermanns. (Digest.) Zum erstenmal seit ihrem Bestehen hat die hebräische Universität in Jerusalem Ehrendoktorate verliehen. Sie lieb diese hohe Auszeichnung zwei Männern zuteil werden, deren Würdigkeit unbestritten ist: Dr. Chaim Weizmann und Dr. I. L. Magnes. Als Dr. Weizmann und Dr. Magnes, begleitet von den Dekanen aller Fakultäten, zum Podium an der Ostwand der Aula schritten, erhoben sich die Festgäste und bereiteten den beiden groben Männern herzliche Ovationen. Dr. Weizmann trug die Insignien eines Professors der Universität Manchester, die ihm seinerzeit verliehen wurden. Er erschien in dieser Ehrenrobe zum erstenmal bei der Einweihung der hebräischen Universität im Jahre 1925. (Digest.) Am 9. Juli d. J. wurden in der Bezalal-Schule für Kunst und Gewerbe in Jerusalem 12 Schülern ihre Diplome überreicht. Es ist dies die 12. Promotion an dieser Schule. 7 von ihnen hatten ihre Studien im Kunstgewerbe, 2 in Metallbearbeitung und 3 in Handweberei beendet. Nach der Feier wurde eine Ausstellung von Schülerarbeiten eröffnet. Die Organisation der Allgemeinen Zionisten in Wien entfaltet im Kreise der rumänischen Flüchtlinge eine rege kulturelle Tätigkeit. Mehr als 1000 dieser Flüchtlinge haben ihre Mitgliedschaft bei der Partei der Allgemeinen Zionisten angemeldet. In kurzer Zeit wurden 3 Hachschara-Kibbuzim von Haoved Hazioni und 3 Jugendkibbuzim von Hanoar Hazioni organisiert. An den Hebräisch- Kursen der Chawera Rosenstock nehmen mehr als 200 Chawerim teil und sind dabei ganz überraschende und hervorragende Erfolge zu verzeichnen. Täglich gibt es auch Vorträge und Diskussionen über allgemein jüdische und zionistische Probleme. Die gröbte Sorge aber ist und bleibt diese prächtigen Kibbuzim und Chawerim so rasch als möglich auf den Weg nach Erez Israel zu bringen, damit sie dort ein neues Leben der Arbeit und der Freude beginnen können. Die „ORT“ in Belgien. Wie die jüdische Presseagentur aus Brüsse berichtet, wurde für die jüdische Jugend, die die Schulen der ORT in Belgien besucht, eine besondere Aktion durchgeführt. Diese Aktion stand unter dem Protektorate der Gemahlin des belgischen Ministerpräsidenten Spaak und der Witwe des früheren belgischen Aubenminister Hyman und hatte durchaus einen groben moralischen und materiellen Erfolg. Die Königin Elisabeth zeigte für die Tätigkeit der ORT grobe Sympathie und grobes Interesse und übermittelte der Vorsitzenden des Komitees in Belgien, Frau Goldschmied-Brodsky, ein wunderbares Geschenk. Aus der Tätigkeit der Palästina-Kommission der UNO. Wie der Korrespodent des „Observer" berichtet, wird sich die Mehrheit der Mitglieder der Palästina-Kommission, die wieder in Genf zusammen getreten ist, für die Unabhängigkeit Palästinas aussprechen. Sie stimmen in folgenden Punkten überein: 1. Palästina mub seine Unabhängigkeit bekommen, 2. die britische Zivil- und Militärverwaltung in Palästina ist auch im Uebergangsstadium unerwünscht und kann man annehmen dab die Kommission die Zurück-1 Ziehung der englischen Truppen beantragen wird, 3. die Kommission zieht die Schaffung einer internationalen Verwaltung, die über ein entsprechendes Kontingent Polizei und Militär verfügen soll, in Erwägung. Diese Verwaltung soll unmittelbar dem Generalsekretär der UNO verantwortlich sein. Von Heimkehrer-Ehepaar wird ein möbliertes Zimmer mit Küchenbenützung dringendst gesucht Unter H. H. an die Administration des Blattes oder Telephon fl 26-4-73 Chassidische Erzählung Und der Nemirower pflegte zur Zeit der „Slichoth“ (Bubgebete) jeden Morgen früh in Heimlichkeit zu verschwinden. Nirgends war er dann zu sehen: nicht im Bethaus, in beiden Lehrhäusern nicht, in keiner Betergemeinschaft und daheim erst recht nicht. Das Haus stand offen. Wer da wollte, ging ein und aus; gestohlen wurde schon nichts beim Rebben, aber kein lebendiges Wesen war im Hause drin. Wo kann der Rebbe sein? Wo soll er sein? Im Himmel natürlich! Ists denn wenig, was einem Rebben vor den Furchtbaren Tagen zu tun obliegt? Unsre Juden, unberufen, brauchen Unterhalt, Frieden, Gesundheit, gute Heiraten, wollen gut und fromm sein, und die Sünden sind doch grob, und der Satan mit seinen tausend Augen späht von einem Ende der Welf bis zum andern, und er sieht und verklagt und gibt an.. . und — wer soll helfen, wenn nicht der Rebbe? So dachten die Menschen. Einmal aber ist ein Litwak hergekommen, der lacht! Ihr kennt doch die Litwaken: von Sittenbüchern halten sie wenig, dafür stopfen sie sich mit den sechs ^Talmudordnungen voll und mit Bibelversen. Zeigt dieser Litwak ein ausdrückliches Gemarawort auf — den Kopf verdreht er einem —: sogar unser Meister Moses, zeigt er auf, konnte bei Lebzeiten nicht in den Himmel hinein, vielmehr hielt er zehn Handbreiten unter dem Himmel! Nun geh und streife dich mit einem Litwak! „Wohin kommt denn also der Rebbe?' „Meine Sorge!“ antwortet er und zuckt die Aachsei, und er hat das Wort noch nicht ausgeredet, da nimmt er sich schon vor (was doch ein Litwak so kann!), die Sache zu ergründen. Noch am selben Abend, gleich nach dem Gebet, stiehlt sich der Litwak zum Rebben ins Zimmer ein, legt sich unter des Rebben Bett und bleibt liegen. Er mub die Nacht durchwachen und sehn, wo der Rebbe hinkommt und was er tut zur Zeit der Bubgebefe. Ein anderer wäre vielleicht eingeschlummert und hätte die Zeit verschlafen, ein Litwak weib sich zu helfen.- er lernt aus dem Kopf ein ganzes Kapitel vom Talmud! Ich entsinne mich nicht mehr, ob „Schlachtungen“ oder „Gelübde". Frühmorgens hört er, wie zum Bubgebet geklopft wird. Der Rebbe hat schon eine ganze Weile nicht mehr geschlafen, vielleicht eine Stunde schon hört er ihn ächzen . Wer den Nemirower hat ächzen hören, der weib, wieviel Gram um All-Israel, wieviel Leiden in jedem seiner Aechzer steckfefn . . . Die Sinne schwinden einem, wenn man dies Aechzen hört! Ein Litwak aber hat doch ein eisernes Herz, er hört zu und bleibt liegen! Auch der Rebbe liegt: Der Rebbe, er soll leben, auf dem Bett, der Litwak unterm Bett. Dann hört der Litwak, wie die Betten im Haus zu knarren beginnen . . . wie die Hausleufe sich aus den Betten aufraffen, wie man ein jüdisches Wort murmelt, Wasser auf die Nägel giebf, wie die Türen auf- und zugehen . .. Dann sind die Menschen aus dem Hause, es wird wieder still und finster, durch den Laden scheint kaum ein klein wenig Mondlicht herein .... Er hat es selber eingesfanden, der Litwak, dab ihn, als er ganz allein mit dem Rebben blieb, ein Schrecken befiel. Er bekam gleich eine Gänsehaut vor Angst, die Wurzeln seiner Seifen locken stachen ihm in die Schläfen wie die Nadeln. Kleinigkeit: mit dem Rebben, zur Zeit der Bubgebete, bei Morgengrauen in einem Hause allein! Fin Liiwak ist aber doch hartnäckig, iu zittert er wie ein Fisch im Wasser und bleibt liegen. Endlich steht der Rebbe, er soll leben, auf.... Erst tut er, was ein Jude zu tun hat... Dann geht er zum Kleiderschrank und holt ein Bündel heraus .... Bauernkleider kommen zum Vorschein: leinene Pluderhosen, grobe Stieefl, ein grober Kittel, und ein breiter, langer, lederner Gürtel, beschlagen mit Messingnägeln. Der Rebbe legt es an ... . Aus der Tasche des Kittels steht das Ende eines dicken Strickes heraus . . . eines Bauemsfricks! Der Rebe geht hinaus; der Litwak — nach! Weifergehend tritt der Rebbe in die Küche ein, bückt sich, holt unter einem Bett eine Axt hervor, macht sie sich unterm Gürtel fest und geht aus dem Hause. Der Litwak zittert, aber er läbf nicht ab. Das stille Grauen der Furchtbaren Tage bebt über die dunklen Gassen hin. Oftmals ein Schreien vom Bubgebet irgend aus einer Befergemeinschaft oder ein krankes Aechzen irgend aus einem Fenster.. . Der Rebbe hält sich immer an den Rändern der Gassen, in den Schatten der Häuser... Von einem Haus zum andern schwimmt er hinaus und der Litwak ihm nach .. . Und der Litwak hört, wie sein eigener Herzschlag sich vermischt mit dem Hall von den schweren Schritten des Rebben; aber er geht den Gang weiter, und zusammen mit dem Rebben kommt er vor die Stadt hinaus. Vor der Stadt liegt ein Wäldchen. Der Rebbe, er soll leben, begibt sich ins Wäldchen hinein. Er macht dreibig, vierzig Schritt und bleibt bei einem Bäumchen stehn; und der Litwak erschrickt und erstaunt, wie er den Rebben die Axt aus dem Gürtel ziehen sieht und auf das Bäumchen einschlagen. Er sieht, wie der Rebbe hackt und hackt. Er hört wie das Bäumchen ächzt und knackt. Und das Bäumchen fällt, und der Rebbe zerspellt es in Klötze . . . die Klötze — in dünne Scheiter. Und er macht sich ein Bündel Holz, bindet es mit dem Strick aus der Tasche zusammen, er wirft das Bündel Holz über die Schultern, steckt die Hacke wieder in den Gürtel, macht sich aus dem Wald und geht in die Stadt zurück. In einem Seifengäbchen bleibt er bei einem armen, halbeingefallenen Häuschen stehn und klopft am rensferchen an. „Wer ist da?“ fragt es erschrocken aus dem Hause. Der Litwak erkennt die Stimme als die einer Jüdin, einer kranken Jüdin. „Ich!“ antwortet der Rebbe in der Sprache der Bauern. „Wer: ich?“ fragt es zurück aus dem Haus. Und der Rebbe erwidert in kleinrussischer Sprache: „Wassil!“ „Was für ein Wassil und was willst du, Wassil?“ „Holz“, sagt der falsche Wassil, „hab ich zu verkaufen. Sehr billiges Holz, halb umsonst!“ Und ohne die Antwort abzuwarten, begibt er sich ins Haus. Auch der Litwak stiehlt sich hinein und beim grauen Licht des Frühmorgens sieht er eine arme Stube, zerbrochenes, armes Hausgerät... Im Bett liegt eine kranke Frau, in Lumpen gehüllt, und sie sagt in bitterem Ton: „Kaufen? Womit soll ich etwas kaufen? Wo hab ich arme Witwe Geld?“ „Ich will dir borgen!' antwortet der falsche Wassil, „sechs Groschen im ganzen!“ „Woher werd ichs dir bezahlen?“ ächzt die arme Frau. „Närrin du!“ weist sie der Rebbe zurecht, „sieh, du bist eine arme, kranke Frau, und ich vertraue dir das bibchen Holz an, ich hab das Zutraun, dab du bezahlen wirst; und du hast solch einen starken, groben Gott und vertraust ihm nicht. .. und hast zu ihm nicht für die närrischen sechs Groschen um das Bündel Holz Zutraun!‘ „Und wer wird mir einheizen?“ ächzt die Witwe. „Ich, kann ich etwa aufstehn? Mein Sohn ist bei der Arbeit drauben geblieben.“ „Einheizen werd ich dir auch“, sagt der Rebbe. Und während er das Holz in den Ofen hineinlegte, sagte der Rebbe mit Aechzen der Bubgebefe ersten Teil. Und als er angezündet hatte und das Holz fröhlich brannte, sagte er, schon ein wenig heiterer, der Bubgebete zweiten Teil. Den dritten Teil sagte er, als es ganz in Brand war und er die Ofentür schlob. Der Litwak, der das alles gesehen hatte, war von Stund an Nemirower Chassid. Und später, wenn einmal ein Chassid erzählte, dab der Nemirower emporschwebt in der Zeit der Bubgebete jeden Frühmorgen und auffliegt in den Himmel, pflegte der Litwak nicht mehr zu lachen, sondern leise hinzuzufügen: „Wenn nicht noch höher!“