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Nationalzeitung · 1907-02-01 · Heft 8 (1.2.1907) · p. Seite 5

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 8 (1.2.1907)
Date
1907-02-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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R. 8 Nationalzeitung Seite 5 derem auch bedenken müssen, daß die Auflösung des Vereines infolge der erforderlichen grundbücherlichen Uebertragung an den neuen Eigentümer schon vom ersten Moment an bedeutende Kosten erfordern würde, von welchen niemand einen Vorteil hat, daß weiters im Falle der Nichtübernahme durch die Kultusgemeinde die Gefahr nicht ausgeschlossen ist, daß der Tempel als herrenloses Gut betrachtet werde. Angesichts dieser Sachlage sei es wohl am zweckmäßigsten zu versuchen, die Auflösling nicht in Rechtskraft erwachsen zu lassen. Ein solcher Beschluß könne weder als ein dilatorischer noch als ein peremptorischer bezeichnet werden. Das Vertreterkollegium hofft, daß es durch diesen Beschluß vielleicht erreicht werden werde, alle jene Fehler, welche durch das etivas unbesonnene Vorgehen des Vereinsvorstandes hervorgerufen wurden, wieder gut zu machen. Nach diesen Aufklärungen des Herrn Vize- Präsidenten Dr. K o h »' ziehen die Herren S. Steiner und Dr. Spitze r die gestellten Anträge zurück. Kaiserlicher Rat Weil führt aus, daß er bisher stets für eine liberale Behandlung der Bethausvereine eingetreten sei; er könne sich aber nicht verhehlen, daß das Vorgehen ^es Tempelvereines im X. Bezirk wohl geeignet sei, ans diese seine Anschanungen nachteilig einzuwirken. Das Verantwortnttgsgefühl, welches jedermann, der durch das Vertrauen seiner Mitbürger zu einer Ehrenstelle berufen wird, besitzen muß, haben jene Herren, welche diesen Tenipelverein so ohneweiters aufgelöst haben, ans eine sehr leichte Achsel genommen. Redner setzte in das Vertreterkollegium das Vertrauen, daß es diese Angelegenheit in einer das Interesse der Gemeinde und der Bewohner des X. Bezirkes gleicherweise wahrenden, aber auch der Würde des Kuliusvorstandes entsprechenden Forin zur Lösung bringen werde. Vertreter Dr. Berger würde den Beschluß des Vertreterkollegin ms für zu zahm halten, wenn demselben nicht der Wunsch, den Frieden herzustellen, zugrunde liegen würde. Das Protokoll über die Generalversammlung sei derart, daß es nach keiner Richtung hin befriedigen könne. Ein plausibler Grund für die Auflösung sei nicht vorhanden und alles, was nach dieser Richtung angeführt wurde, seien nichts als Vorwände. Das geschilderte finanzielle Debacle sei nicht zu befürchten, das Sündenregister, das der Knltusgemeiude vorgehalten wird, sei zum großen Teile unbegründet. Man wollte der Kultusgemeinde einfach einen Tort antun. Jahraus, jahrein geberden sich die Herren so, als ob sie die Herren und wir ihre Diener wären. Niemals wird, wenn es sich um eilte Ausgabe handelt, der Kultusvorstand vorher gefragt; aber nachträglich soll er alles bezahlen. Nicht immer aber handelt es sich um eine Geldfrage. Redner konnte nach dieser Richtung hin den Herren ein ganzes Sündenregister Vorhalten. Nur eines wolle er hervorheben.' Die Herren wollen ein Tempel-Monopol haben. Wenn sie ein solches anstreben, müssen sie aber auch allen im Bezirke vertretenen religiösen Richtungen entsprechen. Das aber haben sie nicht verstanden. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung des X. Bezirkes rekrutiert sich aus kleinen ungarischen Gemeinden und ist nicht gewohnt, Orgel und Damenchor im Tempel zu hören. Durch diese gegen den Willeti des Vorstandes getroffene Einführung wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung des X. Bezirkes brüskiert und eine Spaltung hervorgerufen. Die Herren des Tempelvereines wollten ihren Geschmack den anderen aufzwingen und das gibt es eben nicht. Redner stimme dem Anträge des Vertreterkollegiums zu, müsse aber seine Bedenken darüber äußer«, ob es möglich sein werde, mit dem bisherigen Vorstände einen Frieden zu schließen, der die Würde des Vorstandes genügend wahrt. Nachdem niemand mehr zum Worte gemeldet ist, wird zur Abstimmung geschritten und sohitt der Antrag des Vertreterkollegiums einstimmig angenommen. — Schluß der öffentlichen Sitzung. B e r t r a u l i ch e S i tz u n g. Prinzipielle Bestimmungen betreffend A u fii a h m e i u d i e i s r a e l i t i s ch e V e rs o r g u n g s a n st a l t. Im Sinne des Antrages des Vertreterkollegiums wird beschlossen, die Reihenfolge der Einberufung der Petenten um Aufnahme in das Altersversorgungshaus nach dem Maße der Hilflosigkeit, der Armut und des höheren Lebensalters und erst bei nicht wesentlich verschiedenen Umständen mit Rücksicht auf die früher erfolgte Anmeldung zu bestimmen. Bei diesem Anlasse wird über Antrag des Herrn Vertreters Salo Cohn beschlossen, bei der Behandlung der vorliegenden Gesuche um Aufnahme in das Versvrguugshaus in erster Linie auf solche Personen Rücksicht zu nehmen, welche bereits lange Zeit in Wien sind, einst in besseren Verhältnissen gewesen waren und Knltussteuer entrichtet haben. Ueber das Ansuchen der Proponenten einer Z e n t r a l st e l l e für das j ü d i s ch e A r m e u w e s e n wird beschlossen, dieser Zentralstelle unter der Voraussetzung, daß sich dieser Verband ordnungsgemäß konstituiert, die Aufbringung des gesamten erforderlichen Betrages nach'gewiesen und ein genaues Arbeitsprogramm vorgelegt wird, für ein Jahr eine entsprechende Subvention zu bewilligen, weiters die nötigen Bureaulokalitäten im Ämtsgebäude der Kultusgemeinde zur Verfügung zu' stellen und die Kassagebarung des Vereines durch die Kultusgemeinde besorgen zu lassen. Ueber Antrag der Kommission für Fried- Hof- und Beerdigungsangelegenheiten wird beschlossen, zu den Sitzungen dieser Kommission je ein Vorstandsmitglied der „C h e w r a- Kadis ch a" F ü n 's h a u s, Ottakring und W ä h r i n g mit beratender Stimme zuzuziehen. Ueber den Antrag der Bezirkskvmmission II und XX, die T r i e ii n a l e i n s ch a l t n n g nicht wie bisher nach dem Geschäftsorte, sondern nach dem Wohnorte der einzelnen Steuerträger vorzunehmen, wird beschlossen, daß es bei dem bisherigen Modus zu verbleiben habe. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung nm 2 Uhr nachmittags geschlossen. Moritz Steinschneider. Das Judentum hat einen großen und schweren Verlust zu verzeichne»: Moritz Steinschneider, der Nestor der hebräischen Sprachkunde, den noch vor einem Jahre, als Gelehrten von europäischen Ruf, Huldigungen von überall her erreichten, ist im Alter von 61 Jahren aus diesem Leben, das ihm in Wahrheit Mühe und Arbeit gewesen, geschieden. Steinschneider war eine letzte Gestalt ans-Zeiten, die nicht mehr wiederkehren, aus den Beiten, in denen Wissenschaft und Leben eins waren, und die sich in humanen Denkern wie ihm und Lazarus in ihrer milden Abklärung repräsentieren. Er war ein gütiger, rastlos schaffender Mensch, der seine Weltanschauung einmal in das Nathanwort zusammeugefaß't hat: „Es ist nichts unerquicklicher, als über den Glauben streiten, nichts edler, als seinen eigenen Glauben läutern vom — Aberglauben." Moritz Steinschneider, dessen Leben und Wirken wir aus Anlaß seines 90. Geburtstages geschildert, war geboren am 31. März 1816 zu Proßnitz in Mähren, als Sohn des Rabbiners Jakob Steinschneider, eines gebildeten Mannes. Er besuchte von seinem dreizehnten Lebensjahre ab die Talmudvorträge des jüdischen Gelehrten Nehemia Trebitsch und begleitete ihn 1832 nach Nikolsburg. Er unterrichtete im Französischen und Italienischen. Von 1833 bis 1836 studierte er in Prag Philosophie, Aesthetik, Pädagogik und neuere Sprachen, bis 1839 Geschichte in Wien. Dvlt hat der Literaturhistoriker und Lexikograph Leopold Dukes ihn in die orientalische Literatur und Bibliographie eingeführt. Als Jude wurde er von der orientalischen Akademie nicht zugelasseu, indessen ging er zu den Vorlesungen des Professors Kärle über Hebräisch, Syrisch, Arabisch. Die Wiener Polizei hinderte ihn an der Fortsetzung seines Rabbinerstndiums. Nur unter Gefahren gelangte er nach Leipzig, wo er unter den namhaften Semitisteu Fleischer weiter studierte. Er versuchte, den Koran ins Hebräische zu übersetzen und beteiligte sich an der von Delitzsch unternommeiieu Ausgabe eines jüdischen Denkers. In Berlin horte Steinschneider bei Bopp Sprachkunde und trat zu Leopold Zunz uud Abraham Geiger in Beziehungen. Drei Jahre war er in Prog Lehrer an einer höheren jüdischen Töchterschule; 1845 kehrte er nach Berlin zurück, bestand das Rektoratsexamen und erwarb das preußische Bürgerrecht. Im Jahre 1850 erhielt Steinschneider die philosophische Doktorwürde der Universität Leipzig, seit 1859 hielt er Vorträge an der Veitel-Heine Ephraimstiftuug, von 1869 bis 1890 leitete er die Töchterschule der jüdischen Genieiude; er war Hilfsarbeiter an der Königlichen Bibliothek, und 1894 gab man ihm den Professortitel. Ungewöhnlich groß ist die Zahl seiner Schriften. Er katalogisierte die hebräischen Bücherbestände der „Bodleina" in Oxford, der Bibliotheken zu Leyden, München, Hamburg und Berlin. Er schrieb über die „Fremdsprachlichen Elemente im Neuhebräischen", für^ Ersch und Grubers Encyklopädie über „Jüdische' Literatur" und „Jüdische Typographie", über „Polemische und apologetische Literatur in arabischer Sprache zwilchen Muslimen, Christen und Juden". Der Kulturkritiker Steinschneider bezeugte sich in der von der Pariser „Academie des Jnscriptions" gekrönten Preisschrift „Hebräische Übersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher". Ganze Welten eröffnen die Werke „Die arabische Literatur der Juden" uud „Die Geschichtsliteratur der Juden"; andere haben die jüdische Mathematik, die „Heilmittelwaren der Araber", „die christlichen Hebraiken" zum Gegenstand. Morris Noftnfeld-Aberrd. Der Verein zionistischer Hochschüler „T h e o d o r H e r z l", veranstaltete Sonntag, den 27. ds. im Festsaale des Jngenier- und Architekten-Vereines einen Morris Rosenfeld- Abend. Ranmmangelshalber können wir heute nur kurz verzeichnen, daß dieser Abend in jeder Beziehung außerordentlich gelungen war. Die Couferünce des Herrn Dr. Nathan B i r n b a u m (Mathias Acher), war eine vornehm-sachliche Untersuchung der Schöpfungen Morris R o s e n s e l d, des Vielzitierten und so wenig Gekannten. Der Conferencier fand für seine vollendeten Darlegungen begeisterten Applaus. Stath Ferdinand Gregors, erschien Herr Rezitator K i r s ch. Es kann nicht verschwiegen werden: ein schlechter Ersatz. Immerhin gab sich Herr Kirsch alle Muhe den richtigen Ton zu treffen. Herr Don Fuchs sang einige Lieder Rosenfelds. Das entzückte Pubikum erzwang einige Draufgaben. Nach der Arie aus der Oper „Die Jüdin", wollte der Beifall kein Ende nehmen. Herr cand. jur. G o l d h a m m e r, wies in seiner Begrüßungsansprache auf das Elend des Dichters hin, der jetzt vor dem Erblinden steht. Das Reinertrügnis des Abends ist ein äußerst zufriedenstellendes und wird Morris Rosenfeld übermittelt werden. — Dem Vereine „Theodor Herzl" kann man zu dem Erfolge dieses Abends beglückwünschen. Wir behalten uns vor, demnächst ansführlicher auf diese schöne und humane Veranstaltung zurückzukommen. Vermischte Uachrichte». Wien. (Jto). Die Wiener Territorialisten veranstalten Mittwoch, den 6. Februar 1907, um 8 Uhr abends, im Saale des „österreichischen Eisenbahnklubs" Wien, >., Eschenbachgasse II, eineil Vortragsabend. Herr Schriftsteller Jaques Jäger (Mitglied der Geographischen Gesellschaft, Schriftführer des Österr.-Ungar- KoloniabVereins), spricht über „Auswanderung und Kolonisation." Der V ortrag wird durch Skioptikonbilder lvirksani illustriert werden; insbesondere dürfteil die Aufnahmen von Galvestone-Texas besonderes Interesse finden. — Die noch vorhandenen Eintrittskarten ivolle mall reklamieren bei Herrn Dr. D. Nybaezeivski, ll., Stefaniestrabe 14. — Telephon 18457. Wien. (Jüdisches Bildungsheim Ulld Toynbev. Halle XVI, Herklotzgasse 28.) Samstag den Z. Februar 7V, Uhr abends findet im „Jüdischen Bildungsheiln und Toynbeehalle" ein Bortrag des Herrn Dr. Samuelp über „Jüdische Wanderungen" statt. csa S. UttttrNmch iss Wien, Kolter markt Nr.» tPtllllis Sinn) Zentrum der Stadt Soda-Pastillen. EAUsHW Sodbrennen. Ausstößen re. leiden, unentbehrlich. ' Preis per Schachtel Sv Heller.'

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