Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 89 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 89 Indem diese Organisation als Endziel die Schaffung eines jüdischen Grundstockes aufstellt, der den wichtigsten nationalpolitischen Bedürfnissen entsprechen soll, stellt sie gleichzeitig die Emigrationsfrage auf eine Grundlage, welche ihr die jüdische Wirklichkeit gibt. Der bewußte Territorialist findet sich nicht mit der Emigrationssrage, als einem elementaren, ziellosen Prozesse, der unter demselben Gesichts« punkte fällt, wie die übrigen vorhandenen, ferner liegenden Interessen des jüdischen Volkes, ab. Im Gegenteile erblickt er in der Auswanderungsbewegung einen Gährungsprozeß, welcher berufen ist, das' jüdische Leben in das normale Geleise zu führen. Die Aufgabe des Territorialismus besteht auch in der Vorzeichnung dieses zielbewußten Planes, auf Grund dessen der planlose Emigrationsprozeß zugunsten höherer Ziele der Nation ausgenutzt werden soll. An diesem Plane wird jetzt gearbeitet und wir sind überzeugt, daß er früher oder später auch ausgearbeitet sein wird. Dann aber, und nur dann wird die Emigration aus einem großen Uebel ein großer Segen werden, weil sie zur Verwirklichung unserer historischen Bedürfnisse auf unserem Boden dienen wird. Aber auch bis dahin wird sich die „Jto" zur Sache der Emigration ' nicht gleichgültig verhalten. Es ist wohl wahr, die Tätigkeit wird für sie nichts mehr als eine Gegenwartsarbeit bedeuten, aber sie wird in diese Arbeit das Licht ihrer Wahrheit hineintragen, wird ihr die Kraft ihrer unwandelbaren Prinzipien aufprägen. Es ist klar, daß die Realisierung des einen oder anderen minimalen Programmpunktes den Stempel jener Maximalforderungeu tragen müssen, welche die betreffende Organisation aufstellt. Die „Jto" wird in die Emigrationstätigkeit ein Moment hineintragen, das andere Organisationen ihr gar nicht geben können, weil in ihren Programmen die Emigrationsfrage nicht in dem Maße den Mittelpunkt der Gesamttätigkeit bildet, wie dies bei der „Jto" der Fall ist. Die „Jto" verleiht der Emigrationsbewegung eine politische Bedeutung, welche ihr bis nun abgeht, weil sie in Händen von Institutionen liegt, welche der Emigration bloß helfend beistehen, sie aber nicht in dem oben angedenteten Sinne beeinflussen. In welchem Sinne die „Jto" die gegenwärtig vor sich gehende Emigrationsbewegung zu beeinflussen vermöchte, dies wollen wir ein andermal auseinandersetzen. Hier sei nur angedeutet, welche Bedeutung eine Regelung der Emigration unter dem Gesichtspunkte der „Jto" haben würde. Die Konstituierung eines nationalgabe unverändert finden. Das wird in unserem Zeitalter der Indiskretionen wohl Anklang finden, sei aber hier nicht unumwunden gebilligt. Während wir in diesem Buche Ludwig Börne über sich sprechen hören, plaudert Siegbert Satter, der talentvolle Berliner Schriftsteller, in zwei kleinen Bändchen über zwei Große ihrer Zeit. Er hat seiner bereits erschienenen „Anekdotensammlung aus dem Leben berühmter Männer" (Heinrich Heine, M. G. Saphir, Bismarck, Napoleon) nun auch zwei Bände über „Die Rothschilds" und über Ferdinand L a s s a l l e hinzugefügt. Professor Ehrenberg sagt in der Einleitung zu seinem Werke „Große Vermögen": „Die Art, wie ein Volk oder ein Zeitalter über den Reichtum urteilt, ist ein wichtiges Kennzeichen für den Zustand des Volks- und Zeitgeistes". Es ist also gewiß interessant, zu erfahren, wie die Zeitgenossen über die Rothschilds dachten; war doch dieser Name seit einem Jahrhundert mit dem Begriff des Reichtums verbunden, und Heinrich Heine schrieb in seinen „Pariser Memoiren" die Worte, die dem Büchlein als Motto voransteheu: ... „Denn das Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet. . ." Mit seinem Instinkt hat Siegbert Salter in allen seinen Besprechungen berühmter Männer die Form der Anekdote gewählt, denn wie er sagt: „Und selbst wenn sie erfunden ist, erfunden werden konnte, gießt sie schon allein dadurch, daß sie erfunden wurde, häufig ein überraschend hellts Licht über ihren Gegenstand aus . . Und dafür erbringt Salter in diesen zwei Büchlein wieder den Beweis. Durch eine ganze Serie von Anetdoten macht er uns mit den Eigenheiten der verschiedenen Rothschilds vertraut und zeigt gleichzeitig auf die weitbedeuteude Stellung des Hauses Rotschild. Auch das Verhältnis Heines zu den Pariser Rothschilds erfährt eine genauere jüdischen Gemeinwesens vollzieht sich nicht mit einem Male: sie stellt sich vielmehr als ein Vereinigungs- und Verbrüderungsprozeß einzelner lebendiger Teile des Judentumes dar, welche, in normaler Umgebung sich entwickelnd, im Verlaufe der Zeit ein gesundes Gemeinwesen bilden. Der Erfolg dieser ganzen Arbeit erscheint jedoch bedroht, wenn die elementare Emigration in unaufhaltsamem Strome nach jenem Orte gelenkt wird, welchen die „Jto" behufs Realisierung ihres Endzieles angeben wird. Man darf nicht vergessen, daß bei weitem nicht alle emigrierenden Elemente sich zu Pionieren, das heißt dazu eignen, um jene ersten Partikel zu bilden, aus denen sich ein gesunder Volksorganismus entwickeln soll. Aber eine Emigration gibt es und wird es geben. Gleich einer Lava drängen ihre Wogen nach allen Richtungen, stets die Linie des geringsten Widerstandes suchend. Aber auch dieser Strom muß in ein bestimmtes Bett geleitet und gleichzeitig eine Auswahl ‘ jener Teile vorgenommen werden, welche sich für unsere höheren Ziele eignen. Dies ist umso wichtiger, als die Emigranten auf immer größere Hindernisse stoßen und in ihrer panikartigen Flucht überhaupt nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. Wir haben nun auf die wichtigsten Erwägungen himrewiesen, welche dafür sprechen, daß die jüdisch-territorrialistische Organisation verpflichtet i st. die Emigrationsangelegenheit in die Hand zu nehmen. Ihr kommen zu diesem Zwecke nicht nur das ideale Verständnis für die Emigration, sondern auch ihre politischen und finanziellen Verbindungen zustatten. Sie allein erscheint geeignet, der Emigrationsarbeit jene Form zu geben, welche die Interessen der Gegenwart mit denjenigen der Zukunft in sich vereinigt. Auswandermigsangelegeuheilen. Amerikanische Kolonisations- Gesellschaft. Chicago. Die am 22. Mai 1906 mit einem Kapital von 20 Millionen Dollars gegründete „America» Colonization Company" in Chicago, 88 East Washington Street, hat sich zur Aufgabe gesetzt, die europäische Auswanderung von den großen Städten des Ostens — wo der Allswanderer mancherlei Gefahren ausgesetzt ist und wirtschaftlich weniger vorwärts kömmt — abzulenken und nach den westlichen Staaten, besonders nach Wisconsin zu leiten. Vorläufig sind eine Million Acres gutes Farm- und Holzland reserviert. Es wird nicht unter 40 Acres pro Familie abgegeben. Der Acre kostet 7 bis 12 Vs Dollar; die erste Anzahlung muß mindestens V4 in baar betragen, der Rest ist in 5 bis 10 gleichmäßigen Jahreszahlungen bei 6 prozentiger Verzinsung abzuzahlen. Schon beim Kaufe von nur 40 Acres verpflichtet sich die Company, ein Freihaus auf dem Lande des Käufers zu bauen. Das Haus ans Brettern gut und warm gebaut, ist 16 zu 24 Fuß groß und 12 Fuß hoch. Es hat ein gutes Dach, guten Fußboden, gute Fenster und Türen. Für einen russischen Auswanderer, der sich mit einer Familie von 5 Personen in Wisconsin mit Erfolg ansiedeln will, werden zirka 500 Rubel genügen nach Abzug der Land- und Seepassage. Leute, die indessen bei der Ankunft in Wisconsin kein Vermögen haben, aber sonst kräftig und arbeitswillig sind, werden von der Company als Waldarbeiter angestellt und verdienen als solche pro Tag I V, —2 Dollar (Mk. 6 50—850) während einer Familie eine andere Beschäftigung in Fabriken rc. nachgewiesen wird. Die beste Zeit zur Auswanderung ist die jetzige. Die Leute werden von der „American Colonization Company" mit Empfehlungsschreiben nach New-Jork und Chicago versehen und an letzterem Platz von den Beamten der Company in Empfang genommen, die sich in jeder Beziehung der Leute annehinen und für ihr weiteres Fortkommen sorgen. In der letzten Sitzung des Direktoriums der „American Colonization Company" ist der Beschluß gefaßt worden, auch jüdische Kolonisten versuchsweise auf den Territorien der Gesellschaft anzusiedeln. Hierzu wird uns von der „Jewish Agricultural and Industrial Aid Society" in New-Iork geschrieben: „Die Ländereien, über die die „American Kolonization Company" verfügt, sind in Sawyer County, ungefähr 40 Meilen nördlich von Barron County, wo einige Farmer unserer Gesellschaft angesiedelt sind, gelegen. Wenn die Qualität des Landes in Sawyer County gleich der des Barron County ist. so würde das Besitztum für die beabsichttgten Zwecke gut sein. Durch Informationen, die wir gegenwärtig an Hand haben, wissen wir, daß die betreffende Gesellschaft vollkommen vertrauenswürdig ist. Wir glauben, daß Kontrakte, die mit dieser Gesellschaft eingegangen werden, auch erfüllt werden". Eine neue jüdische Kolonie in den Bereinigten Staaten. New-Aork, 19. November 1906. Nahe an 1000 Inden aus allen Teilen New'Jorks Illustrierung und es ist erkennbar, daß Grillparzer nicht ganz Unrecht hatte, wenn er in den „Memoiren" sagt, daß die Rothschilds Heines boshafte Ironie fürchteten.-Der Band „Ferdinand Lassalle" (beides bei Arnold Heyne, Berlin) ist nichts mehr, als eine Schilderung der Persönlichkeit. Dieses wenige ist eben mitunter sehr viel. Wir erfahren nichts von Lassalles Theorien, nur von ihm, von einem Leben. Seine Erfolge in der Gesellschaft, sein oft diskutiertes „Dandytum" sind der Hauptinhalt. Siegbert Salters prächtige Darstellung, sein ausg.sprochenes Canseurtalent, zeigt sich auch in diesem jüngsten Produkt. Mit einer Eleganz der Sprache plaudert er uns eine Stunde weg, für die man ihm umsomehr Dank weiß, als sein liebevolles Eingehen in die Charaktere seiner Helden ein getreues Bild ihres Geistes gibt. Und deshalb sind solche kleine Bücher mehr wie bloße Unterhaltungslektüre, und bedürfen keiner weiteren Empfehlung. „Ein namenloses Kind"*), betitelt sich ein Trauerspiel in drei Aufzügen von I. R a b i n 0 w i c z. Es spielt in Kiew, und unterscheidet sich durch nichts von den jüngsten literarischen Produkten der russischen Literatur. Ein Pogrom ist der dramatische Effekt des Ganzen. Auf diesem grellen Hintergründe zeigt sich ein Tag aus dem Leben einer armen Judenfamilie, ein Tag aus dem Leben des Jsak M e l a m e d. Wie zumeist in russischen Dramen wird solange philosophiert, bis die Hooligans vor der Tür stehen. Daun kommt das bekannte „Ahnen". Dann fällt, — ganz wie bei Tschirikow, — etwas zu Boden; alle erschrecken. Dann dringen die Hooligans ein, mordend, raubend, sengend. Alle sind tot, nur das neugeborene *)..Ein namenloses Kind." Trauersvlel in drei Aufzügen von E. Rabbinowicz; bei E. Pierson. Dresden. Kind ist am Leben geblieben: ein namenloses Kind. Der Verfasser hat sich ganz ersichtlich ein Programm zurechtgelegt. Das ist gewiß eine lobenswerte Sache. Aber die Wirkung durch den gegenwärtig beliebten Effekt eines Pogroms allein Hervorrufen zu wollen, heißt doch wirklich die künstlerischen Formen völlig verkennen. Eigentlich ist es ja die Handlung, sind es doch die Konflikte, die unser Interesse erregen, auf uns wirken. Hier cwer sind mehr oder minder interessante Debatten in losen Szenen aneinandergereiht. Auch von Theodor H e r z l und dein Ugandaprojekt ist die Rede. Jsak Melamed macht sich bittere Borwürfe, daß er, wie so viele, in thörichter Verblendung, ohne die Vernunft sprechen zu lassen, das Projekt verwarf, nur an Palästina dachte, und an Theodor Herzl zweifelte .... Herr Rabinowicz bemüht sich also auch mit einigen Strichen Aktualität in die Sache zu bringen. Alles zusammen reicht aber noch immer nicht hin, um dieses Trauerspiel akzeptabel zu finden. Unleugbar steht es unter dem sehr gesteigerten Eindrücke von Eugen Tschirikows, „Die Juden", was die Form, die künstliche Stimmung, deutlich zeigen. Nur fehlt dem Trauerspiele „Ein namenloses Kind", die meisterhafte Technik eines Tschirikow, die „Die Judeil" trotz vieler Mängel, zu einem bemerkenswerten Stücke machen. — Immerhin zeigt sich in diesem neuen Buche ein Fortschritt in dem Schaffen des I. R ab b 1 n 0 w i cz, was besonders hervorgeboben sei, denk» für das Erscheinen seines jüngsten RomaneS „Fall und Erhebung" (bei Pierson), war nur die Entschuldigung zu finden, daß die Hälfte des Reingewinnezum besten der russischen Juden bestimmt war. Max Schacher!.