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Nationalzeitung · 1906-12-21 · Heft 89 (21.12.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 89 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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MmcheitMz Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. 1 Keirakthm: IX/1. HPafaaalfc 81. j **M**‘« j-i>-N «HO Freitag. «pr,chftund-n^«nW-'ch-n^"Iiob«s i3 Uhr vorm. Slgtiitm tim Esziktat. - Sttgusncöer Ulli» WMttilr: Postadresse: „Nationalzettiing". Wien IX,1. J Beschwerde» wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zu» | - stellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden I Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg. M. Dukes Nachsolger, nicht znrilchgestellt. I Haasenstei» & Bögler, Rudolf Masse, M. Pozsonyi. A. Schalck in Wien. 4,„nn.ar,°Nenko..t° 47037. To« Abonnement kann täalich ffn'" ntIe An..°„cemxprdttl°>,e„ im «isNan&e. beginnen. J Einzelnummer in Wien 15 Heller. 1 Administration: IX/1, Wasagaffe 81. 1 Telephon Rr. 14788. AbonnementSpretSr Preis der Anzrrgenr Kiir Wien n. Oesterreich- Die 5mal gespalt. Nonpareille- Ungarn s. Frankoznstellinig: zeile oder deren Rau« 12 K. Gan »jährlich.... K 18.- - Halbjährlich . . . . „ 6 — „Eingefettdel" die Slpaltig« Vierteljährlich . . „ 8.— Ronparetllezeile 60 h. ftüt d. gesamte SluSlnnd t Bei mehrmaligen Aufträgen Ganzjährltch ... X 15.18 | entsprechender Rabatt. Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entflegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien. I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, I., Jakoberg. 7. Ur. 89. Wien, Freitag den 21. Dezember 1996 (4. Tedeth 5667). VIII. Jahrgang. Infolge der christlichen Feiertage, während welcher die Arbeit in der Druckerei rnht, erscheint die nächste Nummer unseres Blattes Freitag, den 28. d. rn. Die^Zto" und die Emigration. Von L. Paverin—Odessa („Jewreiskii Golos".) Noch nie hat die jüdische Emigrationsfrage eine so erschreckliche Form angenommen, wie gerade im gegenwärtigen Augenblicke. Noch niemals waren mit dieser Frage sämtliche Lebensinteressen des gesamten Judentums so enge verbunden, wie gerade in der geschichtlichen Epoche, welche wir eben durchleben. Und niemals zuvor konzentrierten sich mit blendender Grellheit die verschiedensten Fragen der jüdischen Gesamtheit in dieser einen Frage, wie in einem einzigen Brennpunkte. Nicht nur das Schicksal der russischen Juden hängt davon ab,' ob die Emigrationsfrage in der einen oder anderen Form gelöst wird, sondern auch die Interessen der Juden in den „emanzipierten Ländern" werden durch ihren gegenwärtigen Stand tief berührt und stehen in einem gewissen Abhängigkeitsverhältniffe zu der günstigen oder ungünstigen Lösung dieser Frage. Aber unsere Emigrationsfrage befindet sich noch ganz im Stadium, eines ungelösten Problems. Die kompetenten Faktoren im Judentume haben es noch immer nicht mit genügender Klarheit erfaßtdaß die Emigration nicht eine der vielen Fragen des jüdischen Lebens darstelle, sondern in ihr wie in einem Exponenten die ganze Summe unseres Jammers und Elends zum Ausdrucke gelangt. Und in der Tat, man braucht nur einen Blick zu werfen in die verschiedenen jüdischen Organisationen, welche sich in der einen oder anderen Weise bannt beschäftigen, was man die „Regelung der jüdischen Auswanderung" nennt, um sich zu überzeugen, daß diese Angelegenheit für sie bloß einen der verschiedenen Zweige ihrer Tätigkeit, einen Teil ihres praktischen Programmes bildet. Wir erwähnen das nicht in der Absicht, die Bedeutung der Arbeit dieser Organisationen auf besagtem Gebiete herabzusetzen, sondern um auf den Mangel einer einhettlichen Leitidee, eines politischen Planes und eines bewußten Zieles in diesen Arbeiten hinzuweisen. Weil sie die Emigration nicht als selbständige Frage erfaßten, sahen sie sich veranlaßt, a u ch 'i h r einige Aufmerksamkeit zuzuwenden, und zwar veranlaßt durch den „zudringlichen" jüdischen Emigranten, diesen ewigen Juden, der mit dem Pilgerstabe m der Hand an ihrer Türe erschien . .. Von einem solch losen Verhältnisse zur Hauptsache kann natürlich auch nicht mehr erwartet werden, als was wir in der Tat sehen: dem Emigranten werden gerade die notwendigsten brüderlichen Gefühle bekundet, man kommt ihm mit nützlichen Unterweisungen entgegen und in gewissem Maße werden ihm auch materielle Unterstützungen zuteil. Dies alles ist sicherlich notwendig, gehört sicherlich mit zu einer ehrenhafen Erfüllung der öffentlichen Pflichten, aber die bewußten Vertreter jüdischer Angelegenheiten sollten unseres Erachtens sich nicht ausschließlich diesem einen Teile unseres Auswanderungsproblems widmen. Die Wanderung der. Völker darf, wie eine fünfhundertjührige geschichtliche Erfahrung lehrt, nicht eine bloße Zerstreuung menschlicher Elemente über die Erdkugel sein. Weitblickende Politiker haben schon längst die Auswanderungsbewegung nicht zur Schwächung, sondern im Gegenteile zur Stärkung ihrer Nation benützt. Deshalb bedürfen wir in der Emigration einer lenkenden Hand, bedürfen wir eines Organes, das in dem sich eben abwickelnden elementaren Prozeß das Moment des Zielbewußten hineintrage. Und besonders die jüdische Emigration ist auf dieses Moment angewiesen, weil unser Volk schwach ist und nirgends feste Wurzel besitzt, unsere emigrierenden Massen aber unseren ohnehin schwachen Volksorganismus nur erschüttern. Wem obliegt nun die Aufgabe, von welcher wir oben gesprochen haben, nachdem keine der bestehenden Organisationen hierzu bereit ist: Unsere Antwort ist: die jüdischterritorialistischeOrganisation. Feuilleton. Neue Löcher. Ein sehr gewichtiges Moment ist es, daß uns ein neues, interessantes Buch gebracht. In der Zahl derer, die bei allem Werte, in dieser Zeit der „amerikanisch-literarischen" Produktion, in unseren, Tagen der Wiederbelebung, vergessen wurden, gehört auch Ludwig Börne. Obwohl die Siegesallee in Berlin für Heinrich Heine und Ludwig Börne kaum das geeignete Territorium wäre, würde sich ja sonstwo in Deutschland ein Platz für diese „Würdigen der Nation" finden. Berlin ist seines Ueberkonsums wegen entschuldigt.. . . Also die Tatsache, daß Ludwig Börnes Angedenken nicht mehr so frisch lebt, daß der Lorbeerkranz seines Ruhmes die Staubschichte der Vergessenheit ansetzt, ist die eigentliche Ursache, daß wir heute eine neue Sammlung seiner „Berliner Briefe"*) vor uns haben. Der Herausgeber überschätzt augenscheinlich den Wert dieser Briefe, deren wirkliche Bedeutung, die allzu pathetische Einleitung nur vermindern kann. Der eigentliche Wert dieser Briefe scheint mir viel weniger in der unver- M *) „Ludwig Börnes Berliner Briefe" (1638). Nach den Originalen herausgegeben von Professor Ludwig Geiger. F. Fontane u. Co.. Berlin. hüllten Schaustellung des Verhältnisses zu liegen, in dem Börne zu Jeanette Wohl stand; wir haben uns von Ludwig Börne nun einmal ein anderes Bild gemacht. Das ist der grundgescheite Mensch, der feine, grobe und gründliche Kritiker, der bedeutende Publizist. Die lyrischen Ergüsse des damals schon 42 jährigen können nicht leicht mit seinem sonstigen Wesen in Einklang gebracht werden. Immerhin, sie sind da. .. Doch auch der Mißakkord fehlt nicht. Den letzten dieser Briefe durchzieht seine Sehnsucht nach der Geliebten. . . . Wir wissen eS besser: sie hat als alte Frau den weit jüngeren Salamon Strauß geheiratet. Und wenn das alles, von Börnes Einverständnis, der späteren, unvermindert innigen Feundschaft seine Richtigkeit hat: man kann die Empfindung nicht loswerden, daß es die körperlichen Gebrechen Börnes waren, die Jeanette Wohl vor einer ehelichen Verbindung zurückschreckten. Wenn eine große, innige Liebe mit der Ehe schließt, so ist das schon an sich verstimmend; wenn der Gegenstand der großen, innigen Liebe die Ehe mit einem Anderen schließt, so ist das gewiß traurig . . . Unter Umständen natürlich. Weit wichtiger erscheint mir in diesen Briefen Börnes an Jeanette Wohl das kulturhistorische Moment. Wir lernen die damals führenden Geister der Berliner Gesellschaft kennen; begegnen wir so oft bei Heine, auch hier den schmutzigen Dr. Gans; dann den berüchtigten Saphir. Hegel, Humboldt, Schleiermacher, Felta, Mendelsohn, die Henriette Herz, kurz alles was geistiges Deutschland mar. Wir erfreuen uns seiner scharfen Satyre, mit der er. Personen in ihrer Bedeutung behandelt, und ‘ freuen uns noch mehr, seiner großen Eitelkeit, die sich in den kleinsten Dingen zeigt. . . . Bemerkenswert ist auch eine oft wiederkehrende Frage: „Was macht die Tauferei?" ... So erkundigt sich Börne bei Jeanette Wohl, wer sich in Frankfurt, der alten Judenstadt, wieder taufen ließ. Allerdings meint Herr Prof. Geiger in der Einleitung, es sei nicht sicher, ob' Börne hier die Taufe der Wohl meine, die damals noch Jüdin war, was ihrer ehelichen Verbindung vielleicht im Wege gestanden wäre. Doch glaube ich mit der Vermutung nicht fe hl zugehen, daß Börne einen so heiklen Punkt nicht so oft betonen würde, und hätte demnach die erste Version wohl mehr Richtigkeit. Auch deshalb, weil in diesen Briefen sehr oft von Juden und jüdischen Gewohnheiten die Rede ist; zwar in höchst ungünstiger Weise, doch die richtige Erkenntnis über Börnes Judentum kommt einem bei der Lektüre seiner Frankfurter Briefe. . . . Alles zusammengefaßt, ist die Herausgabe dieser Briefe zu begrüßen, wenngleich die Eliminierung mancher Stellen wünschenswert gewesen wäre. Der Herausgeber beruft sich zwar darauf, daß in einer früheren Edition viele Stellen gestrichen waren, die sich in der vorliegenden Aus- MT Die nächste Nummer erscheint Freitag den 28. Dezember.

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