Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 14 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 120 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sfeite 120 »Neifc ffetiöha^Zeltmig" Kr. 14 eine Aufforderung:, die nicht ohne Erfolg blieb und denselben eine Menge von Abonnenten und hauptsächlich schwerer wiegende Inserenten abspenstig machte. Aiich die Austräger hatten unter diesem Boykott zu leiden, indem sie verprügelt, ihre Blätter zerrissen und mit Füßen getreten wurden. Der Versuch, die Bureaus des „Independant" zu stürmen, wurde durch die Polizei verhindert Der eigentliche Ursprung dieses leidenschaftlichen Kampfes ist nicht allein in den Wahlen zu suchen, sondern er liegt ebensosehr in dem allgemeinen Konflikte, der gegenwärtig in so bedauerlicher Weise fast ganz Europa in zwei feindliche Lager scheidet. Schon lange hatte der „Independant" durch seine Parteinahme gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn sich diejenigen Elemente entfremdet, welche, wie der Max Nordau-Klub, die Juiigtürkeii; zahlreiche Sozialisten und noch andere Vereinigungen in Saloniki deutschfreundlich gesinnt sind. In diesem Punkte stehen'die meisten hiesigen liberalen griechischen Blätter den beiden jüdischen übrigens nicht nach, weshalb sie jetzt auch hitzig für sie Partei nehmen. Natürlich werden als Hauptgrund des Streites die Wahlen genannt. Ein Blatt unter ihnen — um nur dieses hervorzuheben — gratuliert den zwei jüdischen Blättern in begeisterten Worten zu der in dieser Wahlkampagne bewiesenen Tapferkeit, mit der sie sich gegen ihre andersgesinnten Glaubensgenossen erhoben hätten und gegen den „Feind des Hellenismus" kämpften, obwohl man zuerst annehmen konnte, dieser, das heißt die Regierungspartei, würde den Sieg davontragen. Nun habe man die Ueberzeugung gewonnen, daß die Saloniker Juden wahrhaftige und loyale hellenische Untertanen seien. Es bleibe nur mehr zu hoffen übrig, daß die verirrten Schafe bald auch ihren Weg zurückfänden. Inzwischen haben diese verirrten Schafe, um nicht fortwährend über die Vorgänge auf den Kriegsschauplätzen irregeführt zu werden, ihr eigenes Organ in französischer Sprache gegründet. Der Spektakel und die Beschimpfungen zwischen den beiden Rivalen dauern natürlich fort, und ohne die Polizei würden die Hauptopfer dabei die Austräger sein, meist arme kleine Flüchtlinge, die bei diesem undankbaren Geschäft mehr Prügel als Rappen einheimsen würden. /WS ALLZU WELTTEILEN Emil Rathenau — gestorben. Emil Rathenau, der berühmte Elektrotechniker, Geheimer Baurat und Generaldirektor, ist in Berlin, 76 Jahre alt, gestorben. Er nahm auch an dem jüdischen Leben Anteil. Kaiser Wilhelm telegraphiertea.: „Was der Verewigte in seinem arbeits- und erfolgreichen Leben auf dem Gebiete der elektrischen Industrie schuf, sicherte ihm ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Industrie und Technik. Ich werde seiner charaktervollen Persönlichkeit stets gern gedenken." Wunderbar ist der Nachruf, der dein Verstorbenen am jüdischen Friedhofe von seinem eigenen Sohne, Dr. Walter Rathen au gewidmet wurde. Dieser Mut des öffentlichen Bekenntnisses zum Judentum ist unter den den Rathenau's sozial gleichen Schichten in Oesterreich etwas seltenes. Und noch dazu dieser rührende, im biblischen Stil gehaltene Abschied des Sohnes an den Vater! . . . „Und nun, Vater, grüße ich Dich, in tiefster Ehrfurcht, mit dem Segensgruß Deiner und meiner Väter, mit dem Segen Mosis, der zum Segen geworden ist aller Menschcuvölker und aller Geschlechter. Der Herr segne Dich und behüte Dich, Der Herr lasse sein Antlitz Dir leuchten und sei Dir gnädig. Der Herr erhebe sein Antlitz über Dich Und gebe Dir Frieden. Amen." * Die Koscher-Bill des Staates New-York. Die gesetzgebenden Körperschaften des Staates New- York haben eine interessante Gesetzesvorlage angenommen und in Rechtskraft treten lassen. Hiernach ist der Mißbrauch der Bezeichnung „Kosche r" bei sonstiger strenger Bestrafung von nun ab verboten. Für den Verkauf von Fleisch mit der Bezeichnung „Koscher", trotzdem es nicht im Sinne der rabbinischen Entscheidung als rituell genießbar angesehen werden kann, sind erhebliche Strafen festgesetzt. Die Wiener Kultusgemeinde, in deren Bereiche bekanntlich nicht koscheres Wurstzeug als „koscher" verkauft wird, könnte daraus was lernen. Die holländischen Juden und die jüdische^nj^ation. Wie uns berichtet wird, fand neulich im Haag eine vertrauliche Konferenz prominenter Persönlichkeiten des holländischen Judentums verschiedener Richtunge statt, die der Frage der jüdischen Emigration nach dem Kriege gewidmet war. Anlaß zur Einberufung dieser Konferenz gab die auch in Holland vorherrschende Ansicht, daß die durch den Krieg jäh unterbrochene jüdische Massenauswanderung aus Osteuropa nach der Einstellung der Feindseligkeiten nicht nur ebenso jäh wieder einsetzen werde, sondern daß sie einen nie geahnten, geradezu bedrohlichen Umfang annehmen muß, da die Juden Russisch-Polens und eines großen Teiles von Lithauen ebenso wie Galiziens, die durch den Krieg und den russischen Militärantisemitismus aufs empfindlichste betroffen worden sind, zum großen Teil außerstande sein werden, in den durch die Kriegsfurie ruinierten Gebieten wieder Beschäftigung und Brot zu finden. Um den bevorstehenden Ereignissen nicht wieder, wie so oft, ungerüstet gegenüber zu stehen, wird seitens der an der Frage interessierten Juden Hollands die rechtzeitige Einleitung einer großen Aktion zur Regelung der jüdischen Massenwanderung für dringend notwendig erachtet. Die Konferenz setzte ein Komitee ein, das beauftragt wurde, sich mit leitenden jüdischen Persönlichkeiten in verschiedenen Ländern behufs Verständigung über eine gemeinsame Aktion in Verbindung zu setzen. Der Vorsitzende des Komitees, das den Namen „Interationales Jüdisches Emigrationskomitee" trägt, und seinen Sitz im Haag hat, ist Hc;r Staatsrat Professor Dr. Oppenheim. * Jüdische Erzieherinnen in der holländischen Königsfamilie. Zur Erzieherin der sechsjährigen Kronprinzessin wurde Fräulein Bertha Cohen-Stuart bestellt. Auch die Königin Wilhelmine selbst hatte jahrelang eine jüdische Erzieherin, Frau Win t er. Verantwortlicher Redakteur Dr. S. R. Landau. — Druck von lgnaz Spitz fc Söhna, Wien II, Kobertgasse 2.