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Neue Nationalzeitung · 1915-03-05 · Heft 5 (5.3.1915) · p. Seite 39

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 5 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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Nr. ,5 „Neue; NatiojL^»Zeitffjag^ Seite 59 Zum Schutze der judischen Kriegsopfer. Sowohl 'seitens des Polenklubs als auch seitens der polnischen Großgrundbesitzer selbst sind bereits Kommissionen zur Erhebung der dem Lande Galizien und seiner ackerbautreibenden Bevölkerung zugefügten Schäden eingesetzt worden, die für sich auch die Aufgäbe in Anspruch nehmen, die vom Staate anzuweisende Kriegsentchädigung den Betroffenen zuzuführen. Von j üdi s c h e r Seite wurde aber bisher noch gar nichts versucht oder unternommen, um der jüdischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina, die doch gewiß in weitestem Maße an ihrem Vermögen und ihrer Existenz durch die russische Invasion geschädigt, ja sogar zumeist vollständig ruiniert wurde, zur Geltendmachung ihrer Ansprüche zu helfen. Die berufenen Faktoren: die galizischen Handelskammern und Kultusgemeinden haben jede Tätigkeit eingestellt. Es wird überdies auch noch jetzt manche Leute geben, die aus Strebertum oder falsch aufgefaßtem Solidaritätsgefühl mit den Polen gegen eine selbstständige jüdische Aktion auf diesem Gebiete auftreten werden. Es gibt überall, speziell in der „mosaischen" Bevölkerung Leute, die in politischen Dingen alles vergessen und nichts gelernt haben. Daher müssen wir unbedingt einem Ereignis auf diesem Gebiete unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden, weil es uns beweist, was die jüdischen Kriegsopfer von der polnischen Intervention zu erwarten haben. Besondere Aufmerksamkeit verdient das Ereignis deshalb, weil es sich um den polnischen Adel, die Blüte der Nation, handelt, die hier in den Vordergrund tritt. Die Herren polnischen Großgrundbesitzer, von denen die meisten ihre Güter jüdischen Pächtern gegen einen bedeutenden Pachtzins überlassen haben, hätten jetzt nämlich einen anständigen ApDetit, die Entschädigung für den Schaden, der den Gutspächtern durch die Verwüstung und Wegschleppung des Inventars erwachsen ist, in ihre eigenen Taschen zu stecken. Dies nach dem bekannten Grundsatze: „Nicht sehr ehrenhaft, aber gesund". Die Sache muß schon sehr anrüchig sein, wenn selbst das in Wien erscheinende Wochenblatt „Nowiny Wfedenskie", welches von einem allpolnischen Journalisten herausgegeben wird, in sehr scharfer Weise die polnischen Großgrundbesitzer angreift und die Gutspächter in Schutz nimmt. Wir entnehmen der letzten Nummer des genannten polnischen Blattes nachstehende Darstellung: Vorige Woche erschien beim Ackerbauminister Zenker eine Deputation galiziseher Gutspächter (es folgen die Namen). Diese Deputation hatte den Zweck, dem Ackerbauminister die verzweifelte Lage der e-alizisehen Gursuächter darzustellen. Der Minister hörte sehr aufmerksam der Darstellung der Pächter zu. In seiner Frwfderunsr machte rr jedoch darauf aufmerksam, daß Tags zuvor bei ihm eine Deputation der galizisrhen Großgrundbesitzer erewesen 6t, . welche in hefticrer WHse die Gutspächter angegriffen hat. Die Großgrundbesitzer wiesen darauf hin, daß die Gutspächter eine Staatshilfe nicht verdienen, denn sie bestehen zum größten Teile ausSpekulant e'n, die einmal m i t a 11 e m Eisen und Schnittwaren gehandelt haben. Dieselben seien nur in der Erwartung Gutspächter geworden, daß sich ihr Kapital durch Investierung in Grund und Boden besser verzinsen werde, als durch andere Spekulationen. Darauf erwiderten die Gutspächter, indem sie obige Vorwürfe für falsch erklärten, daß die überwiegende Mehrheit der galizischen Gutspächter aus Fachmännern bestehe. Viele von ihnen haben die Hochschule für Ackerbau absolviert, andere sind bereits in der dritten Generation Gutspächter und auch ihre Großeltern waren bereits Pächter bei den Großeltern der jetzigen Großgrundbesitzer. Daß sich unter die Pächter auch eine kleine Anzahl von Spekulanten hineingeschlichen hat, ist darauf zurückzuführen, daß manche Großgrundbesitzer, um einen recht hohen Pachtschilling zu ergattern, ihre Güter an Pächter ohne Rücksicht auf ihr Vorleben und Vorbildung verpachten. Dafür sind eben die galizischen Großgrundbesitzer selbst verantwortlich. Uebrigens gehöre das Inventar nicht den Gutsbesitzern, sondern fast immer den Gutspächtern. Der durch die Feinde angerichtete Schaden trifft also die Gutspächter und nicht die Grundbesitzer. Dazu bemerkt das Blatt selbst: „Die Deputation der galizischen Gutspächter ist sich darüber klar, daß die Deputation der galizischen Großgrundbesitzer bei dem Ackerbauminister nur einzig und allein von der Gier geleitet wurde, die eventuell vom Staate auszubezahlende Entschädigung in die eigenen Hände zu bekommen. Es würde ihnen passen, eine Entschädigung für Verluste, von denen sie gar nicht betroffen wurden, an sich zu reißen. Ein solches Vorgehen ist nicht nur unmoralisch, sondern doppelt anwidernd, weil doch die Gutsherren der ganzen Nation durch ihre Moral voranleuchten sollten. Sie sind sich offenbar darüber gar nicht klar, wie sich ihre materielle Lage gestalten wird, wenn sie nach der Verschwendung der Entschädigung gezwungen sein werden, sich selbst dem AckerbauhandAverk zu widmen, das sie Jahre hindurch — seiesdurch ihre Faulheit, sei es durch ihre Unwissenheit — vernachlässigt haben. Das heutige Vorgehen wird sich an derartigen Gutsherren schwer rächen." Wir haben diesen Ausführungen des polnischen Blattes nichts weiter beizufügen, als ein Memento: Wie werden die allpolnischen Bürgerkomitees in den Städten wirtschaften, wenn selbst die aristokratischen Großgrundbesitzer mit solchen Mitteln an sich allein die Kriegsentschädigung reißen möchten?

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